Freitag, 10. September 2010

Rattenfänger

Wenn ich in der letzten Woche nicht gerade unterwegs war zu irgendwelchen Firmen, habe ich an meiner Thesis gefeilt. Und das zumeist im Hostel, allerdings nicht in der Bar, weil ich da bestimmt was verzehren müsste und in Zeiten des Taifuns ist es da oben auch nicht so toll. Ich hab mich lieber unten, im Momicafé niedergelassen. Da ist es ruhig und die Kellnerin, die sich den ganzen Tag langweilt, kommt auch nicht dauernd mit der Getränkekarte, sondern ist froh, wenn ich alle paar Tage mal eine Kanne Tee bestelle und die dann immer wieder mit Wasser auffüllen lasse. Und mittags ist die Bude dann mal voll, weil sich dort noch eine Küche befindet, die Personal aus Geschäften der Nachbarschaft bewirtet. Und meistens dann auch mich.
Viel passierte da also nicht, bis Freitag. Da war helle Aufregung angesagt. Ein Mob aufgebrachter Männer, drei an der Zahl, bewaffnet mit Brettern, an deren Enden sich Nägel befanden, lief schreiend hin und her. Der Grund dafür war eine Ratte, die sich in die Küche geschlichen hatte und die der dicke Koch nicht fangen konnte. Der Mob donnerte also mit voller Gewalt die Prügel auf den Boden, verfehlte oft das Ziel, nur manchmal quiekte das arme Geschöpf auf, was mir den Hinweis gab, dass ein Treffer erzielt wurde. Dennoch gelang es der Ratte zunächst, sich unter die Klimaanlage zu verkriechen. Nun wurde auf diese eingehämmert, um mit dem entstehenden Krach das Vieh wieder rauszutreiben. Die Ratte unternahm einen letzten Versuch zur Flucht, wurde aber durch einen Schlag, der das Brett zum Bersten brachte, getroffen und konnte nur noch benommen weiterkriechen. Seines Prügels beraubt nutzte der Rattenfänger nun seinen Fuß. Mit einem gezielten Tritt ins Genick, dem ein einzelnes entsetzliches Quieken folgte, machte er der Ratte endgültig den Gar aus. Anschließend nutzte man das Endstück des zerbrochenen Schlägers, um mithilfe der Nägel den Rattenleichnam, der leicht deformiert aussah und dessen Körperhaltung selbst für eine Ratte nicht mehr gesund aussah, stolz an den Gästen vorbei in einen Raum zu transportieren, hinter dem sich für gutgläubige Menschen ein Mülleimer befindet. Ich sollte nicht erfahren, was wirklich darin passierte.
In Shanghai passierte also nicht mehr viel Spektakuläres. Ich wurde noch aufgeklärt, was es mit den ominösen Club-Freunden auf sich hat, die einem das Geld aus der Tasche ziehen; und zwar ist es jetzt Gang und Gebe, dass sich Leute dadurch ihr Geld verdienen, dass sie Kontakte zu Leuten aus einem Club haben und somit günstiger an die ziemlich teuren Getränke kommen. Diese organisieren dann alle paar Tage einen Abend, zu dem sie Leute aus der Party-Szene einladen, die dann einen festen Betrag zahlen, für den sie alleine kein Getränk bekämen. Sie kaufen dann jedoch nur von einem kleinen Teil des Gesamtbetrags Getränke, der Rest geht in die eigene Tasche und dient als Haupt- oder Nebeneinnahmequelle. Zahlen müssen nur die Männer, die Frauen kommen umsonst durch, sind dafür hübsch anzuschauen und ggf. zu mehr bereit. Emanzipation ist also noch nicht so.
Samstag und Sonntag waren wir in Hangzhou, da war ich letztes Jahr schon. Da gab’s dann auch mal wieder eine Bar nach meinem Geschmack: Kauf sechs Bier zu je zwei Euro und krieg sechs Bier geschenkt. Endlich wieder Bier und nicht nur viel grünem Eistee mit wenig Whisky, wenngleich das Bier seines Namens auch nicht so würdig war. Kopf machte es allemal.
Montag wollten wir nach Chongqing fliegen und zwar um 21h05 Ortszeit. Also eine Zeit, zu der man es eigentlich locker schaffen sollte. Zwar fuhr die U-Bahn über eine Stunde dahin, dennoch war noch über eine Stunde Zeit bis Abflug, also mindestens eine halbe, um vom Terminal 2-Eingang zum Schalter zu kommen. Dieser befand sich zwar am Ende des Terminals, aber in fünf Minuten wäre auch dieser erreicht. Auf dem Weg dorthin passierten wir die große Anzeige mit den Abflugzeiten. Ich kontrollierte kurz: 21h05 Uhr, China Southern Airlines nach Chongqing… passt, bis auf die Anzeige, dass Check-In in T1 sei. Flugnummer wirkte zwar etwas komisch, aber da es der einzige China Southern Flug um diese Zeit nach Chongqing war sollte das wohl passen. Aber jetzt könnte es schon kritischer werden mit der Zeit, also schnappte ich einen Gepäckwagen, verlagerte darauf beide Koffer plus die vier Handgepäckstücke plus Mini und rüber ging es im Eiltempo zu Terminal 1. Dort mussten wir auch wieder bis zum anderen Ende, am Schalter C, wie uns die elektrische Anzeige versicherte, sollten China Southern Kunden bedient werden. Aber an Schalter C wusste man nichts von China Southern. Erst nach Telefonaten merkte man, dass die Airline sich tatsächlich in den Flug mit eingekauft hatte, das aber nicht unser Flug sei, wir sollten bitte wieder rübergehen. Wir nahmen lieber den Bus, der auf unseren Wunsch auch sofort losfuhr. Am Schalter L in T2 angekommen wurde uns gesagt, dass das Boarding schon fast abgeschlossen sei, für uns gäbe es also keine Möglichkeit mehr. Ich kontrollierte nochmal die große Anzeige und da war tatsächlich kein anderer Flug angezeigt, als der von T1. Ich hätte ja mal fragen können, war die Antwort. Ja, hätte ich. Aber ich gebe mir trotzdem nur halb die Schuld.
Wir nahmen dann ein Hotel und hatten Glück, dass wir nach Mitternacht ein zweites Mal ins Internet gingen, denn plötzlich waren die Flüge für den Dienstag deutlich günstiger als zuvor und so mussten wir nicht wieder mit all unserem Gepäck in die Stadt fahren, um ein Zugticket zu kaufen, mit dem wir dann 40 Stunden unterwegs wären.
Am Dienstag waren wir dann noch pünktlicher am Flughafen und auch dieses Mal fehlte unsere Flugnummer auf der großen Anzeige. Nun gebe ich mir sogar noch weniger die Schuld für das gestrige Verpassen des Flugs, stattdessen setzte ich im Flugzeug sogleich eine Beschwerdemail an die Airline sowie den Flughafen auf. Mal schauen, was dabei rausspringt.
Die ollen Holzköpfe!

1 Kommentar:

  1. da frag sich unser eins ja schon, wo denn die ganzen berichte von deinem aufenthalt bei der familie deiner freundin bleiben....

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