Sonntag, 21. Juni 2009

Tag 114: Ausbeutung geistiger Kräfte.

Gestern ging es nicht zu lange, wir waren auch nicht mehr schwimmen, unser heutiges Spiel beginnt erst um sechs Uhr abends, jetzt muss ich nur noch am Tag gut ausruhen, mich gesund ernähren und schon dürfte ich perfekt vorbereitet sein für ein gutes Fußballspiel.

Leider habe ich die Rechnung ohne Jie gemacht, der mittags, wie gestern mit mir abgemacht (aber von mir ebenso verdrängt), mit Essen ankommt und mich so aus dem Bett holt. Es gibt Ente und zwar eine ganze. Frittiert nehme ich an. Schmeckt sehr gut, ist gut fettig und macht gleich so träge, dass man eigentlich wieder ins Bett möchte. Das geht aber nicht, weil es darum geht, seine Bachelor-Thesis zu übersetzen, zumindest teilweise. Zwei Kapitel, acht Seiten, davon viele Bilder.. ich gebe uns eine Stunde, vielleicht zwei.

Das hätte auch geklappt, hätte ich mich mit Backpropagation-neuronalen Netzen, Matlab und der chinesischen Sprache sehr gut ausgekannt. Das tu ich aber nicht und so zieht sich das lange hin, weil ich neben den Wörtern auch noch die Bedeutung begreifen muss.

Mein Kopf ist gegen Abend dann ziemlich matt und mein Bauch meldet auch wieder Hunger an. Aber viel Zeit ist nicht mehr, es reicht nur noch für ein Croissant und dann geht's zum Fußball. Dass wir so verlieren, kann sich wohl jeder ausmalen.

Und heute Abend, man höre und staune, machen wir außer einem Spaziergang zum Pool, um zu schauen, wie er wohl bewacht ist, nicht viel.

Tag 113: Ich sagte radikaler!

Es hat die Nacht geregnet und da wir keine Lust haben, dass uns der ganze Straßendreck via Hinterrad am Körper hochspritzt, genehmigen wir uns ein Taxi. Die Idee hatten aber mehrere, sodass wir auf der ganzen Strecke über 12 Minuten komplett stehen (am Taximeter wird eine derartige Statistik aufgeführt). Dabei kann man dann aber beobachten, wie freie Helfer in FlipFlops versuchen, aus dem sich angestauten Fluss wieder eine Straße zu erschaffen, indem sie Gullideckel anheben und mit gekonnten Fußbewegungen das Wasser in diese Richtung zu befördern versuchen. Oder Verkehrspolizisten, die kurz ihre Stiefel ausziehen, um einen gigantischen Schwall kühlen Nass' hinauszuschütten. Diese verfluchte Bodenversiegelung.

Bei der Arbeit nennt man mich heute einen Simulanten. Unerhört. Dennoch bin ich nicht sehr nachtragend und bring etwas Freude in den Laden, als ich ihnen Heimatbilder zeige. Und Euro-Münzen. Mit etwas Verwunderung höre ich mir Fragen an, ob das mit den Münzen nicht sehr schwer sei, wenn man zum Beispiel mal 100 Euro zahlen muss. Und, wie viel ich denn überhaupt davon für das ganze Jahr mitgenommen hätte und wo man sie umtauschen kann.

Nach der Arbeit gehen Lukas und ich noch zum Frisör. Wie so häufig mal. Und heute denk ich mir, dass es ruhig mal etwas radikaler zugehen könnte und was passt da besser als ein blondgefärbter Irokesenschnitt? Aber wie Philipp vor kurzem beschrieben hat, bekommt man oft nicht das, was man will. Ich will einfach nur den Kamm gefärbt und den Rest recht kurz geschnitten. Es wird schon problematisch bei der Wahl der Färbung. Es gibt zwei koreanische (mittelgut und gut) und eine chinesische (sehr schlecht) und es bedarf harter Verhandlungen, dass ich wirklich nur die mittelgute haben will. Dann zeig ich an den Haaren, was blonder sein darf und was nicht, male es sogar am iPod auf und man versichert mir fünfmal, dass sie wüssten, was ich meine. Man fängt dann aber doch an, den halben Kopf mit dem Wasserstoffperoxid zu bedecken, das dürfen sie dann gleich aber wieder auswaschen, als ich mich beschwere. Der Kamm bleibt zwar zu breit, aber meine Hoffnungen liegen noch auf dem Schnitt. Dieser wird vom Meister persönlich vorgenommen und ich habe noch nie jemanden so lange für einen Maschinenschnitt brauchen sehen. Und das Ergebnis ist, dass oben alles lang bleibt. Radikaler, sagte ich doch, aber das krieg ich heute nicht mehr in den Kopf rein und so darf Lukas zuhause nochmal nach dem Langhaarschneider greifen.

Anschließend geht es in die Stadt. Aus Mangel an guter Alternativen geht es abermals in den Nono-Club. Ich habe mir zwar neben der Frisur noch eine Brille mit neutralen Gläsern und dominantem Rahmen (hat man uns mal im 1+1 geschenkt, passt zu mir nicht wirklich) aufgesetzt, dennoch erkennt Theresa mich sofort und kommt hysterisch "You are handsome, you are handsome!" schreiend auf mich zugerannt.

Das muss wahre Liebe sein.

Tag 112: Kranke Hühner.

Heute ist ein ganz und gar unschöner Tag. Beim Aufstehen geben Lukas und ich uns gegenseitig die Klinke der Klotüre in die Hand, das ganze Fleisch von gestern hat zwar gut geschmeckt, aber ist anscheinend nicht das, was der Körper gerade so brauchte. An Arbeit ist so zumindest erstmal nicht zu denken, was Ersatzpapa aber auch gleich versteht. Zum Arzt sollen wir und uns ausruhen. Aber wir haben ja noch Medikamente hier, die für Beruhigung sorgen, aber eigentlich auch nur die Taktzahl der Gänge herabsetzt.

Der Tag wird dann wider Erwarten langweilig. Ich dachte, man könnte so viel an einem freien Tag machen, so viel interessantes, aber das ist heute definitiv nicht der Fall. Regen ankündigendes Wetter trübt die Stimmung weiter, sodass es heute ein eher verlorener Tag war. Aber glücklicherweise bleiben uns noch so einige, an denen ich das heute verpasste aufholen kann.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Tag 111: Enzyme. Fehlende.

Da die Wettervorhersage Gewitter ankündigt, nutzen wir mal die öffentlichen Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen. Der Morgen vergeht aufgrund vielen Smalltalks ziemlich schnell und mittags schwenkt das Wetter tatsächlich in Regen um, kurzfristig, bevor es wieder drückend wird. Aber irgendwas liegt da in der Luft, das sich ermüdend auf mich auswirkt. Und dann mache ich es einfach mal einer Kollegin gleich und teste die Oberflächenbeschaffenheit des Tisches mit meiner Stirn. Es ist mir unangenehm, als man mich nach ich weiß nicht wie viel Zeit aus der Traumwelt rausholt (aus der ich nur schwer zu wecken bin), um sich wieder mit mir zu unterhalten, aber da es hier zur Mentalität dazugehört, dass man schläft, wenn einem danach ist (Kunden nutzen oft die Couch in der Firma), schwindet das schlechte Gewissen baldigst.

Sofern ich nicht gute Gespräche führe, nutze ich die Pausen, um Theresas SMS-Anfragen zu beantworten. Sie hat mich schließlich Samstag zuletzt gesehen und es wird mal wieder Zeit. Also will ich eigentlich nach der Arbeit mal kurz auf ein Feierabendbierchen vorbei, um zu gucken, wie mein zukünftiger Club unter der Woche so läuft, aber dann kommt noch ein Kollege dazwischen, der Lukas und mich zum Essen einlädt. Und das kann man ja nicht ausschlagen, also geht es erst mit ihm in eine Fressgasse, es gibt gegrilltes Fleisch. Ausschließlich Fleisch (man möge mir verzeihen, dass ich Magen und Knorpel dazuzähle). Des Kollegen Freundin kommt noch hinzu und es ist recht lustig, zumal wir so gut wie alles verstehen, was sie sagen. Zwar erklärt er uns am Anfang noch, dass er keinen Alkohol trinken kann, weil er ihn nicht verträgt, dennoch lässt er gerne Nachschub an Bier kommen und hält sich selber nur gering zurück. Die Quittung für die fehlenden Enzyme zum Alkoholabbau bekommt er dann prompt, als wir an die frische Luft treten (es ist bereits gegen zehn) und sämtliches verschlungenes Fleisch sich am Fuße eines Baumes wiederfindet.

Anschließend geht es mit einem Taxifahrer, der nicht von der schnellsten Sorte ist (was seine Auffassungsgabe betrifft) für mich in den Nono-Club (während des Essens gab es neun Anrufe, ich sollte mich beeilen) und für Lukas nach Hause. Der Laden ist nicht schlecht besucht, mir werden sechs Bier hingestellt (für einen Preis, für den ich nicht mal drei bekäme, aber wir sind ja Freunde) und einen Obstteller gibt's auch noch geschenkt. Ich bin großzügig und teile alles. Zwischendrin werde ich von anderen Gästen an deren Tische gezogen, um eine Runde Trink-Würfel-Spiel zu spielen. Da ich aber ein Talent dafür habe, wird meine Kehle aber eher selten von ihren Getränken geflutet, auch deshalb, weil ich schon nach kurzer Zeit von einem Kellner gebeten werde, wieder an den anderen Tisch zu gehen, die Theresa erwartet mich. Sehnlichst. Und ein bisschen sauer.

Für einen Mittwoch besteige ich dann ziemlich spät das Taxi, dessen Fahrer erstmal in die andere Richtung fährt und mich sehr verwundert anschaut, als ich ihn frage, wo er denn hin will. Ich geleite ihn dann sicher zum Campus und zum Dank kann er mein Geld nicht wechseln, sodass ich erst hoch in den vierten Stock sprinten muss, um kleinere Scheine zu besorgen.

Dann wird aber geschlafen.

Tag 110: Positives Auffallen?

Lukas und ich kommen heute zu der Erkenntnis, dass wir diese Woche bei der Arbeit wohl nicht am positivsten auffallen, sofern wir überhaupt noch auffallen. In erster Linie gibt es momentan keine Aufträge, oder zu viele auf einmal, sodass morgens kaum jemand in meiner Abteilung anzutreffen ist und nachmittags hingegen alle, jeweils mit einem Kunden auf dem Schoß, der Extrawünsche bei der Produktgestaltung hat. Also nutze ich morgens die Computer, die frei sind (sofern sie nicht gerade mal wieder ausgeschlachtet und ihrer Hardware beraubt wurden) und bearbeite meine China-Bilder. Nachmittags, aus Mangel an Platz in der kleinen Vorstufenabteilung, gehe ich gerne mal Lukas beim Druck besuchen, weise ihn und seine Kollegen auf die Puderschicht auf den Maschinen hin, fachsimpel vor mich hin und bewege Lukas zu einer Raucherpause, die wir dann draußen oder im kühlen Eingangsbereich auf den Ledersesseln verbringen, wo wir der Empfangsdame, die auch eine ganz große im Zeittotschlagen ist, Gesellschaft leisten. Da wir uns aber auch nicht mehr so viel zu sagen haben (nach über drei Monaten aufeinanderhocken gehen auch mal die Themen aus), kann es auch passieren, dass wir jeweils mit unseren iPods da sitzen und Tetris-Rekorde jagen. Bisher bin ich noch der beste!

Man sollte meinen, dass wir nach so einem Tag gut ausgeruht sind, aber abends liegen wir auch nur noch auf der Couch. Im stillen Einvernehmen geloben wir Besserung für die nächsten Tage!

Tag 109: Xi'an nights.

Da Xi'an nicht an einem Meer liegt und auch nicht einer Sandwüste gleicht, besteht kaum die Möglichkeit, dass es nach sehr hohen Temperaturen am Tage in der Nacht auf ein erträgliches Schlafklima abkühlt. Und so kommen wir langsam in die Phase, in der guter Schlaf kostbar und rar wird.

Neben der nicht angenehmen Temperaturen kommen nämlich noch Störeinflüsse wie nächtliche Baustellenarbeiten (ich kann mir vorstellen, dass es angenehmer ist, nachts zu arbeiten und nicht in der prallen Sonne) inklusive Sprengungen und lauten LKW und Parasitenbesuche von Mücken und anderem Getier.

So schläft man immer etappenweise und sorgt in den Pausen immer für ein Stoßlüften durch die Klimaanlage, geht mit der Fliegenklatsche auf die Pirsch (weil Lukas bei sich vergessen hat, das Fliegengitter am geöffneten Fenster zu schließen) und trinkt was, bevor man sich wieder eine kühle Stelle auf dem Bett sucht.

Und dabei plag ich hier auf ganz hohem Niveau. Denn bei mir funktioniert die Klimaanlage und ich kann das Fenster schließen und ich habe Strom, sodass ich einen elektrischen Raumbedufter, der Insekten verscheucht, in Betrieb nehmen kann.

Wenn ich da an die armen Studenten denke, die zu sechst in einem Zimmer schlafen, ohne Klimaanlage, ohne Strom und das alles in ihrer Prüfungsphase.

Gute Nacht.

Tag 108: Bullenhitze

Nachdem ich immer wieder samstags am Stock gehe, muss der Sonntag in erster Linie für Entspannung herhalten. Diese beschränkt sich zunehmend auf Tätigkeiten in den eigenen vier Wänden, da es hier noch einigermaßen erträglich ist, was nicht zuletzt an zwei funktionierenden Klimaanlagen liegt.

Draußen haben wir nämlich mal wieder 37 °C, trocken und stickig, schon kurze Wege stimulieren die Schweißdrüsen auf's Äußerste und die diffus streuenden Lichtstrahlen der senkrecht über uns stehenden Sonne reizen die Augen so sehr, dass sie die Klischee-Form der Inländer annehmen, zwangsweise.

Und dann les ich auf der Homepage der allseits beliebten BILD-Zeitung, dass Mallorca-Urlauber gewarnt werden, da auch bei ihnen bis zu 37 °C erreicht werden kann. Sie sollen sich nicht zu viel draußen aufhalten und viel trinken. Wurden wir gewarnt? Wurde uns das Fußballspielen untersagt? Wurde uns gesagt, dass Flüssigkeitsaufnahme gut ist, aber nicht unbedingt die von Bier?

Nein, uns vergisst man hier draußen ganz einfach. Und die Vögel von Mallorca haben wenigstens überall ein Meer zum Abkühlen, wir nur einen Swimmingpool, der eingezäunt ist und nur desnachts, wenn dieser Zaun abgekühlt ist, überstiegen werden kann.

Stinkwütend ob dieser Nachrichten will ich das Netz verlassen und da kommt LiuRongs, also Bierchens Bitte, sie für zehn Minuten zum Arzt zu begleiten, weil sie Angst vor Spritzen hat, genau richtig. Dieser befindet sich 30 Meter neben dem Wohnheim und das ganze soll doch eigentlich kein Problem sein, aber es entwickelt sich dann doch zu einer Odyssee.

Zuerst muss ich bemängeln, dass dieser Arzt nicht gerade krankengerecht ist, zumal die meisten wahrscheinlich Sportunfälle als Grund für ein Erscheinen haben. Denn um zu den zwei Doktorinnen zu gelangen, geht es erstmal eine lange Treppe hinauf und dann steht man vor einer Tür, die nur mit sehr viel Kraft zu öffnen ist und durch die ich gerade so passe. Einige kleine Damen können froh sein, dass ich also über eine Stunde da sitze und ihnen die Türen öffne, während Bierchen und die Ärzte auf der Suche nach ihrer Krankenakte ist (hier haben schließlich so viele den gleichen Namen und dann kommt noch hinzu, dass eine Freundin die Spritzenmedizin von der Apotheke mitgebracht hat, natürlich auf ihren Namen und selbst hier ist das dann wohl kompliziert, als Arzt sowas anzuerkennen).

Irgendwann ist das dann auch zu Ende und ich darf mich zu unseren guten Seelen des Austauschs, den Damen nach oben begeben, da sie Lasagne gemacht haben. Und hier funktionieren beide Klimaanlagen recht bescheiden, weshalb das Essen sich zur anstrengendsten und schweißtreibendsten Aktion des Tages entwickelt.

Sonntag, 14. Juni 2009

Tag 107: Immer wieder samstags.

Wie kommt es eigentlich, dass man mindestens einmal die Woche vollkommen gerädert aufwacht, vorzugsweise samstags, obwohl man am Abend zuvor doch noch vor Energie nur so sprühte. Und warum kommt einem die Erkenntnis viel zu spät, dass das ganze für ein mittagliches Fußballspiel in der prallen Sonne bei 37 °C nicht das förderlichste sein kann?

Ich weiß es nicht. Aber heute ist wieder so ein Samstag. Verkatert, da die Hitze und Kindergeschrei einen durchgängigen Schlaf nicht ermöglichen, müde, leerer Magen, da es zeitlich nur für ein kleines Frühstück reicht und dann das Spiel im Stadtstadion, in dem die Luft steht, genauso wie die Sonne, senkrecht überm Feld, sodass selbst an den Tribünen Schatten Mangelware ist. Und, na klar, eingecrèmet ist man natürlich nicht. Stattdessen nagen noch die Chlorreste aus dem Schwimmbadwasser an der gereizten Haut.

Ich mach zum Leidwesen des Captains keinen guten Eindruck und handel schonmal aus, dass es wahrscheinlich nicht für's ganze Spiel reichen wird, schon gar nicht, wenn man mich als linken Flügelflitzer einsetzt, aber ich rufe zumindest die erste Halbzeit eine ordentliche Leistung ab und wir gewinnen sogar, trotz meiner Auswechslung.

Nichtsdestotrotz versprechen wir, dass wir den nächsten Freitag anders angehen werden, denn das Spiel heute ist nur der Anfang von einem siebenwöchigen Turnier, bei dem jedes Spiel wichtig ist.

Anschließend freu ich mich auf's Bett, aber dann kommt die nächste Erkenntnis: Das Spiel ist gegen halb fünf zuende und zu dieser Zeit, so hat es sich irgendwann mal jemand ausgedacht, dürfen alle Taxifahrer Pause machen. Das einzige Gefährt, dessen Fahrer gewillt ist, uns noch zu fahren, überlassen wir den Damen, die dann schätzungsweise zwanzig Minuten später, fit, den Campus erreichen, während wir uns müde auf der vierzigminütigen Busfahrt abquälen.

Und dann reicht es für eine ganze halbe Stunde Schlafnachholung, da es ab sieben in der Mensa nichts mehr zu essen gibt. Bis zu diesem Essen hat sich Theresa bereits dreimal gemeldet und fragt, wann wir heute kämen. Sie versteht das mit der Müdigkeit nicht so ganz und sieht keinen Grund, warum wir dem Nono fernbleiben sollten. Thomas und ich letztendlich um elf auch nicht mehr und so gönnen wir uns noch einen zweistündigen Aufenthalt, locker, ohne Tanzen, nur im Sitzen, die Tänzerinnen beobachtend. Und ab und zu gesellt sich Theresa dazu. Jene empfängt mich zuvor übrigens mit einer hysterischen Umarmung und den Worten, dass sie uns sehr vermisst hat. Für jede Minute, die sie an diesem Abend nicht da sein kann (da sie ja arbeitet) entschuldigt sie sich fünfmal und letztendlich wirkt sie leicht enttäuscht, dass wir heute nicht für so viel Furore sorgen.

Bei unserer Ankunft auf dem Campus sehen wir, dass sich der Polizei-Golfwagen, der ab und zu rumfährt um nach dem Rechten zu sehen, vor dem Schwimmbad positioniert hat. Ich stempel das mal als Zufall ab.

Tag 106: Des Nono-Clubs Managerin.

Es ist endlich wieder Freitag, es kann endlich wieder abends auf die Pirsch gehen. Und da wir das 1+1 mittlerweile kennen und mal anderen Clubs die Chance geben wollen, lassen wir uns von der Werbeschaltung im Grooves-Magazin (englisches Magazin, hauptsächlich für Austauschstudenten mit Erlebnisdrang gedacht) leiten und planen für heute mal den Nono-Club in der großen Südstraße aufzusuchen. Zuvor muss aber natürlich gearbeitet werden. Dennoch wollen Lukas und ich uns eigentlich schon in der Mittagspause etwas auf das Wochenende einstimmen und gucken, wie viel Bier man in einer Stunde so schafft. Leider haben wir die Rechnung ohne den Chef gemacht, denn, so groß die Auswahl an Restaurants in Firmenumgebung auch ist, Chef und Abteilungsleiter müssen sich natürlich das aussuchen, in dem wir sitzen. Unsere Schnapsidee ist also im Nu zunichte gemacht.

Egal, abends ist die Stimmung dennoch da und wir betreten den Laden. Er ist deutlich kleiner als die altbekannten Discos, dafür ist die Musik besser und man wird herzlicher empfangen. Es kümmern sich gleich mehrere Bedienstete um unser Wohl und auch die englischsprechende Managerin wird herangezogen um festzustellen, ob alles in Ordnung und nach unseren Wünschen ist.

Und diese scheint entweder einen guten Geschäftssinn zu haben oder sie hat sich nur spontan in mich verliebert. Denn Theresa, 21, verlangt umgehend meine Nummer und fordert mich zum Tanz auf der Bühne auf, die eigentlich nur von den Attraktionen des Abends, singenden und tanzenden, angestellten Damen und Herren, genutzt wird. Auf dieser Bühne wird sich unsere deutsche Delegation den ganzen Abend aufhalten und eine Tanzshow par Excellence hinlegen. Und das ganze bis lange nach drei Uhr, obwohl der Club eigentlich ab zwei geschlossen hat und wir das ein oder andere mal auch auf diese Zeit hingewiesen werden. Zwischendurch werden wir noch Theresas Freunden vorgestellt, die sich bei der Getränkebestellung etwas übernommen haben und nun Hilfe von uns brauchen. Dann heißt es aber irgendwann tatsächlich, dass wir gehen müssen und so muss mal wieder der Pool für den Ausklang des Abends hinhalten.

Ich hoffe, dieser wird in Zukunft nicht doller bewacht, denn durch das Hinterlassen von Lukas Boxer-Short dürfte nicht so schwer ausfindig zu machen sein, wer hier Hausfriedensbruch begangen hat.

Vorm Einschlafen erhalte ich noch eine Gute-Nacht-SMS von Theresa, die mich in zuckersüße Träume geleitet.

Tag 105: Die lieben Fremdsprachen

Heute erleide ich auf meinem Weg zur Arbeit einen herben Rückschlag. Ich habe bisher immer gedacht, dass ich wohl der Verkehrsteilnehmer mit der größten Rück-, Vor- und Nachsicht bin und das geringste Hindernis darstellen würde: Ich sehe Bushaltestellen voraus und wechsle auf die mittlere Spur, um den Bussen Platz zu machen. Ich bin der einzige, der den Schulterblick dabei vollzieht. Ich suche mir rechtzeitig die Spur zum Abbiegen. Und nach einer roten Ampelphase bin ich der erste, der die Kreuzung überquert hat und keiner kann sich ob meines zu langsamen Anfahrens beschweren.

Und dann kommt heute das: Ich bin kurz vorm Ziel, muss von der zweispurigen Straße nach der Kreuzung mit der 100 Sekunden-Ampelschaltung nur noch links in die Seitenstraße der Firma einbiegen und fahre also gleich ganz links, bis von rechts ein Auto neben mir fährt und zwei entgeisterte Insassen mir klarmachen wollen, dass das eine Autospur wäre und ich sollte gefälligst ganz rechts fahren. Da ich es natürlich besser weiß, setze ich ein Lächeln auf, fluche auf Deutsch 'Yak, halt die Klappe, bitte' und füge ein '谢谢', 'Danke' in der hiesigen Sprache an, um gleich darauf links einzubiegen. Dennoch bin ich erbittert.

Bei der Arbeit ist die Chefin der zur Firma gehörenden Werbeargentur anwesend und registriert als einzige, dass ich das meiste doch wirklich schon kann und ich werde mal gut gefordert, auch, was die Sprache angeht, denn sie redet ununterbrochen mit mir. So geht die Zeit gut rum.

Lukas wird heute von einem Kollegen zum Essen nach Hause eingeladen und ich werde von Jojo in die Kalligraphie-Straße zitiert, da er gerade Besuch von einem Franzosen hat. Ich erfreue mich an der Herausforderung, mal wieder eine andere Fremdsprache zu probieren, muss aber feststellen, dass in meinem Kopf momentan nur noch Platz für Chinesisch ist. Die Kommunikation hakt zum Teil schon an leichten Vokabeln wie dem Wort 'ich'. Zwar verstehe ich alles, was er mir sagt, aber ich kriege keine Antwort raus, die nicht irgendwann automatisch fließend von Französisch auf Chinesisch wechselt. Mein, man möge mir dieses Selbstlob verzeihen, eigentlich ziemlich gutes Französisch weicht also einem noch immer recht erbärmlichen Chinesisch. Ein Jammer. Ein Tag voller Rückschläge.

Tag 104: Praktikantinnen

Bei der Arbeit bin ich seit dieser Woche in der Vorstufe gelandet, in der vorzüglich Bild- und Textgestaltung am Computer durchgeführt wird. Die Computer sind allerdings so abgezählt, dass für die normale Besatzung schon einer zu wenig vorhanden ist und wenn dann noch ich dabei bin plus zwei Praktikantinnen von einer Schule aus einer anderen Stadt, so herrscht zumeist für vier Leute Beschäftigungslosigkeit, hauptsächlich für uns unbezahltes Personal, was aber natürlich nur allzu verständlich ist.

Wie verbringt man also diese Zeit? In erster Linie mit dem Vortäuschen von Interesse, was die Arbeit der anderen angeht. Dann wird viel Blödsinn geredet und etwas Deutsch beigebracht.Eine große Belustigung für die zwei patenten, jungen Damen ist mein deutscher Name, dessen Aussprache ihnen schwer fällt, bis ich ihnen mithilfe von chinesischen Schriftzeichen eine Art Lautumschrift vorlege. So heiße ich jetzt 米二口, was wortwörtlich 'Reis Zwei Mund' bedeutet. Sie bringen mir im Gegenzug bei, wie man unbemerkt von den anderen im Raum Musik hören kann und erzählen mir, dass sie die sieben Wochen Praktikum nicht nach Hause zurückkehren können und stattdessen in einer der Garagen auf dem Firmengelände nächtigen. Ich möchte ihnen am liebsten liebevoll den Kopf tätscheln und mein Beileid aussprechen.

Das Kopftätscheln ist nämlich zur Zeit etwas wie unser neues Hobby geworden und auf unserem abendlichen Streifzug über den Campus sind nicht viele Köpfe kleiner Kommilitoninnen davor sicher. Die anfängliche Scheu wandelt sich schnell in ein Lächeln und einer stolzen Dame, die vor Glück fast zu platzen droht, sodass es einem ans Herz geht.

Ja, wir befinden uns weiter auf unserem Weg zur wunderbaren Völkerverständigung.

Tag 103: Abschied zum Zweiten.

Heute darf Lukas endlich wieder schuften. Mit dem Rad zur Arbeit fahren allerdings nicht, da es kaputt ist (trotz Warnung des Verkäufers ist er damit gehüpft, jetzt ist das Material im Pedal im Eimer und wackelt). Also fahr ich alleine, mal wieder, und habe prompt meinen ersten Unfall. Auf einer eigentlich voll von schlechten Autofahrern blockierten Straße, an der ich gerade mit dem Rad durch die Lücken komme, kommt kurz bevor ich sie übergehrt habe und aus der letzten Lücke presche ein Wagen herangebraust, von links, auf der Spur, auf der eigentlich nur Autos von rechts kommen könnten. Nun gut, er geht in die Eisen, ich springe ab und dennoch küsst mein Knie seine Stoßstange. Also gut, küssen ist relativ, denn prüde, wie die Chinesen sind, ist es nur eine leichte, zärtliche Berührung, mehr kommt, zumindest in der Öffentlichkeit, nicht vor.

Bei der Arbeit fragt Chefe, also der Ersatzvater, warum nur ich mit Rad komme. Nach Aufklärung der Geschichte wird darauf bestanden, dass Lukas zum Reparieren fährt. Aber nicht erst abends, sondern ruhig schon am Nachmittag. Er darf wieder früher gehen. Zum Glück bilde ich mir dann aber pünktlich um vier ein, dass auch mein Fahrrad nicht ganz in Ordnung ist und für meine Abteilungsleiterin ist es letztendlich auch kein Problem, da wegen großen Kundenaufkommens kein Computerplatz für mich frei ist und somit auch keine Arbeit.

Natürlich fahre ich nicht zum Fahrradladen. Bin ich denn bescheuert? Der ist viel zu weit weg. Und überhaupt; ich bin ja nie mit dem Rad gehüpft.

Dann wird es nochmal emotional: (wie unten beschrieben) verlassen uns heute Denis und Philipp gen Shanghai, um dort ihr Praktikumsglück zu versuchen. Bei Denis sehe ich die ein oder andere Träne im Augenwinkel aufblitzen, sodass ich mich dazu entschließe, ihm den Abschied etwas leichter zu machen und zerstöre beim nötigen Abwasch 'aus Versehen' die Kaffeekanne. Wenigstens den morgendlichen Kaffee muss er nicht missen. Im Gegensatz zu Lukas.

Dem erzähl ich das dann lieber auch nicht, denn seine Laune ist schon schlecht genug, als er ohne ausgetauschtem Pedal zurückkommt. Bis Freitag wird irgendeine Welle gewechselt, anschließend, so ist der Plan, wird das Rad an einen gutgläubigen Menschen teuer vertickt und es gibt ein neues.

Ein Fuchs, das ist der Lukas.

Tag 101: Stille.

Heute steht endlich mal nichts auf dem Programm, was heißt, dass man zu all dem kommen kann, was sonst zu kurz kommt: Lesen, Film schauen und vor allem Schlafen.

Und da hätten Cathrin und Lukas keine bessere Idee haben können, als auswärts im SIT-Café frühstücken zu gehen. So sind die Banausen schonmal weg und der Größtteil der anderen schließt sich an, was bedeutet, dass ich tatsächlich über einen großen Zeitraum hinweg alleine in der Bude bin.

Dazu regnet es draußen noch, was bedeutet, dass aus dem Hof kein Kinderschrei ertönt.

Und so kehrt etwas sehr seltenes in einer chinesischen Großstadt ein: Stille.

Sonntag, 7. Juni 2009

Tag 100: 100 Tage China!

Wir haben es tatsächlich geschafft, ungefähr das erste Drittel unseres Aufenthalts in Fernost liegt hinter uns. Ich persönlich blicke auf eine sehr lustige, nicht zu harte, ereignisreiche, den Studenten formende, beeindruckende, zumeist mit Höhen versehene Zeit zurück. Aber gut, warum in die Vergangenheit blicken, wenn die Zukunft vor uns liegt und wir uns im Jetzt befinden?!

Heute ist Samstag und der ist öfter mal etwas verkatert. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir ein Fußballspiel haben, endlich mal wieder auf dem Campus. Einem experimentellem Frühstück folgt also der Gang in die Hölle, zumindest könnte es von der Hitze her einer solchen gleichen. Zum Glück ist der Kopf noch nicht wieder ganz so da, sodass wir gar nicht erst auf die Idee kommen, das Spiel abzusagen. Und es ist wie immer: Wir dürfen in der ersten Halbzeit ran, führen, dann heißt es in der Pause dass nur noch einer spielen kann, egal wo und dann werden noch ein paar ausgetauscht und keiner weiß, wo er spielen darf, und wir gehen wieder unter. Also halbwegs. Unser Captain hat zum Glück auch endlich eingesehen, dass das nicht so viel bringt, aber wir wollen uns heute mal nicht unnötig ärgern.

Dann kommen wir zum eigentlichen Plan von heute: Den ganzen Tag grillen. Dafür haben wir zwei Rinderlenden à 1,5 kg für 190 Yuan ergattert (also die anderen, die der Arbeit fernblieben). Leider besitzen wir noch die sehr hartnäckigen Grillbricketts, die nur äußerst ungern brennen wollen. Um schneller für eine gute Glut zu sorgen, muss ein 5-Liter Paulaner-Fass als Ofen dienen, dass ich schnell präparieren möchte. Dass dieses Unterfangen doch seine Zeit mit sich bringt, hätte ich nicht erwartet; mehr als eine Stunde, einem kaputten Hammer, einem verbogenen Schraubenzieher und einer aufgeschnittenen Hand später halte ich dann endlich das gewünschte Rohr in der Hand und tatsächlich, es klappt. Aber die Zeit für die Vorbereitung hole ich nicht mehr raus.

Letztendlich sitzen wir zur Feier des heutigen Jubiläumstages von bis nach Mitternacht draußen und verzehren Fleisch. Nur Fleisch. Und etwas Brot. Ohne Salat. Der Grilltraum eines jeden Mannes!

Tag 99: Der Arbeitsweg. Ein Eindruck.

Ich erwache, trotz nächtlicher Störung, fit und ausgelassen und freue mich, die Musik (momentan sehr preferiert: 'Guten Morgen' von Alexander Marcus) richtig aufzudrehen, da Lukas mir gestern noch angedeutet hat, dass er wohl lieber liegen bleiben würde, da die Dame ja bald geht.

Somit ermögliche ich ihm also, diese Zeit länger mit ihr bewusst zu erleben. Dann geht mein Streichzug durch das Haus und mit einem Klopfen, dass mir danach die Hände schmerzen, trommel ich alle raus, um ihnen einen schönen Tag zu wünschen.

Dann wird gefrühstückt und nicht zu leise das Haus verlassen, was ich auch nicht muss, weil man mich sowieso nicht hört, da die Musik natürlich laut weiterläuft und man mein Entschwinden somit nicht mitbekommt. Zwei Stunden später fällt anscheinend auf, dass ich nicht mehr da bin.

Der Weg zur Arbeit ist abermals einer der schönsten. Es ist erst nach acht, dennoch lässt es sich die Sonne nicht nehmen, besonders stark zu knallen. Die Hitze des Vortags ist noch immer gespeichert, sodass schon beim Aufsteigen auf das Rad sich der erste Schweißtropfen abzeichnet. Dann geht es auf die Hauptstraße und man bahnt sich den Weg vorbei an langsamen Radfahrern, zumeist nicht viel schnelleren Bussen und ständig die Bahn wechselnden Taxis. Es ist laut, staubig und stickig. Da kommt der Anblick der auf den Bus wartenden Mäuschen sehr entgegen, gerade recht, ebenso das kleine süße Babykätzchen, nicht viel größer als meine Hände mit so einem süßen platten Stupsnäschen. Leider überfahren.

Im Betrieb angekommen, ist das erste Ziel, den Flüssigkeitshaushalt intakt zu halten, denn das erste T-Shirt ist schon durchnässt und der Tag verspricht mit seinen 38 °C nicht gerade kühler zu werden.

So ist es dann auch zum Feierabend, als ich wieder auf das Rad steige. Die Idylle ist abermals himmlisch, genauso wie der Verkehr steht auch die Luft in den Straßen. Aus vierspurigen Straßen werden sechsspurige, aus sechs- werden achtspurige, um sämtlichen Autos genügend Platz zu gewehren. Leider stehen die dann so dicht, dass ich mit dem Rad kaum durchkomme und somit viele Auspuffgase inhalieren darf. Zum Glück sind die Ampelphasen mit zweimal 100 Sekunden rot so lange, dass ich am Ende doch ganz vorne steh und mit dem besten Antritt vorpreschen kann und eine recht freie Straße vor mir sehe. Ich trete schnell in die Pedale, um möglichst viel kühlen Fahrtwind zu erhaschen, werde aber sogleich enttäuscht, da dieser ungefähr so kalt ist, als wenn man einen gut vorgeheizten Umluft-Backofen öffnet.

Trockene Kehle und ein nasser Rücken treiben mich zu einer letzten Verzweiflungstat, da ich mir denke, dass es doch noch irgendwie eine Abkürzung geben muss. Also biege ich ab und folge der Straße, die leider nur bergauf geht. Zum Glück habe ich dann einen guten Ausblick und kann die Uni sehen, leider viel weiter weg, als erhofft und auch ohne dahinführende Straße. Es gilt also, die halbe Abkürzung zurückzufahren, in eine andere Straße einzubiegen und dann steh ich vor ihm: Dem Dorf! In jenes habe ich mich bisher nur einmal mit Lukas getraut, heute muss ich es alleine wagen. Mit teuer aussehendem Fahrrad, Mobilfunktelefon, iPod und Geld. Krampfhaft wird der Lenker umklammert, durch verwinkelte Gassen finde ich letztendlich in Panik verfallen doch noch den Weg nach draußen und dann bin ich endlich fast da. Ich falle Lukas aus Erleichterung um die Arme und bitte ihn, mich nie wieder alleine fahren zu lassen.

Mein T-Shirt ist ungefähr genauso durchnässt, wie nach einer Stunde wandern auf dem 华山 (Huashan) und so darf ich duschen und schlafen, während Spätzle für uns kocht. Es schmeckt sehr gut und ich danke ihm herzlich dafür.

Wir sind mit dem Essen sogar so pünktlich fertig, dass Thomas, Andy und ich unseren Plan, mal früher ins 1+1 zu gehen (Zitat Thomas: "Ich will endlich mal nüchterne Chinesen sehen!"), in die Tat umsetzen können und um kurz nach neun im Taxi sitzen. In der Disco spacken wir dann so richtig ab und dürfen erleben, dass die dortigen Sicherheitsbeamten einen wahnsinnigen Respekt vor uns Ausländern haben. So kommt es vor, dass einer unsere Frage, ob wir in den kleinen flachen Pool springen dürfen, zwar verneint, bei der Gegenfrage, warum nicht, dann aber die Flucht ergreift. Und dann wird uns das Trinken auf der Tanzfläche erst indirekt untersagt, als Spätzle die Flasche zum Trinken ansetzt. Diese wird ihm dann aus der Hand genommen und ihm wird angedeutet, dass er den Laden verlassen soll. Das muss er dann letztendlich nicht, als ich zum Sicherheitsmann gehe, ihm die Flasche wiederum entwende, sage, dass sei meine und daraus trinke. Spätzle ist also wieder frei.

Auf dem Heimweg erfreuen wir uns an einem Sprung zunächst über den Zaun und dann in den Campus-Pool. Zwei Bahnen werden geschwommen, dann geht es halb nackt ins Wohnheim. Wir wissen nicht, wer mehr erschrocken ist: Die Männer in Uniform, die gleich neben dem Schwimmbad unter den Stadiontribünen ihr Lager aufgeschlagen haben, oder wir. Da sie uns aber nichts sagen, sehen wir es als Erlaubnis an, auch in nächster Zeit dem nächtlichen Schwimmen nachzukommen.

Tag 98: Immer Halligalli.

Nach zwei Tagen mit wenig Beschäftigung hat man sich in der Firma dann doch mal entschieden, mir etwas mehr Arbeit zu beschaffen und als ich den Laden betrete, treffe ich auf keinen Maschinenführer oder Druckergehilfen. Mein Abteilungsleiter deutet mir an, dass das dann mein Job ist und so geht die Arbeitszeit erstaunlich schnell rum. Ich fühle auf dem Heimweg endlich mal sowas wie Müdigkeit vom Schaffen, nicht Müdigkeit von ermüdender Langeweile.

Und so hoffe ich auf etwas Ruhe abends, aber da Cathrin in der Wohnung wartet und die anderen schon früher Feierabend und sich fit gemacht haben, ist die Bude wie so oft voll mit Menschen. Menschen, die ihre Ruhephase hatten und somit jetzt bereit sind, Halligalli zu machen.

Ich füge mich also meinem Schicksal. Und da Cathrins Tage in Xi'an vorerst gezählt sind, ist es ein unbeschriebenes Gesetz, dass wir schon am Donnerstag losziehen müssen. Es geht in die Moonkey-Bar in der Nähe der Barstraße, da uns die Live-Musik anlockt. Diese ist leider nur am Anfang schnell, danach langsam und ermüdend, sodass ich artigerweise um elf, ungeachtet der Ausdrücke 'Weichei', 'Schlappschwanz' und dergleichen, das Taxi besteige.

Und wie es so kommen muss, darf ich dann um halb zwei schon wieder aufwachen, weil es ein Pöbel angetrunkener Studenten es sich nicht nehmen lässt, möglichst viel Krach zu machen. Ich nehme es gelassen, prophezeihe ihnen, dass sich morgen einige bestimmt nicht in der Lage dazu fühlen, zur Arbeit zu gehen, ich aber gerne meine Rache wahrnehmen möchte.

Wenn man mir schon nach Feierabend keine Ruhe gönnen will, warum sollte ich morgens gütig sein?

Tag 97: Klogeschichten

Lieber Leserinnen und Leser, dieser Tagesbeitrag tanzt mal wieder etwas aus der Reihe, da es sich nicht direkt auf den heutigen unspektakulären Tag bezieht, sondern auf die Erfahrungen bisher bezüglich eines leidigen Themas: die chinesische Toilette.

Zartbesaiteten Menschen und solchen, die vorhaben, vielleicht mal das Land zu besuchen, insbesondere Frauen, möchte ich nahelegen, diesen Beitrag zu überspringen, da ich es mir natürlich nicht nehmen lasse, scheinbar alltägliche Situationen schriftlich auszuschmücken, des Entertainments wegen.

Anders als in Europa ist der Toilettengang kein Tabu-Thema, man spricht es gerne offen an, da auch Verdauungsprobleme Krankheitsfall Nummer 1 sein müsste, was ab und zu bei der Lagerung von Nahrungsprodukten verbunden mit der Hitze und dem Insektenaufkommen nicht verwunderlich ist. So wird, sofern man krank ist oder es einem nicht gut geht, von Dritten stets darauf geschlossen, dass man 拉肚子, Durchfall, hat.

Diesen Fakt will Lukas sich heute zunutze machen, um der Arbeit fern zu bleiben. Ich spüre eigentlich schon beim Aufwachen, als er bereits emsig in der Küche am Frühstück zubereiten ist (normalerweise bin ich früher wach), dass es sich bei Lukas heute um einen Simulanten wird (außerdem hat es sich in den letzten Tagen etwas angedeutet), aber ich spiel einfach mal mit, als er mit leiser aber ernster Stimme berichtet, dass etwas nicht in Ordnung sei mit Darm- und Speisetrakt.

Um bei mir auch gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, geht er sogar zum campusansässigen Arzt, um Medikamente zu bekommen. Armer Lukas. Er hat außer Acht gelassen, dass nicht nur schlechtes Essen, sondern auch Viren eine Ursache sein könnten, und so wird auf eine Stuhlprobe bestanden. Furchtbar. Sowas könnte ich nicht. Das ist also der Preis für einen freien Tag.

Aber wenigstens darf er das dafür nötige Geschäft alleine und in aller Ruhe verrichten, was sonst nicht der Fall ist. In der Firma beispielsweise gibt es nur eine Sorte Toilette, und zwar das östliche Plumpsklo, der sind es gleich zwei. Was nicht schlimm wär, wären sie nicht zum einen nebeneinander und zum zweiten nicht nicht von Trennwänden geschweige denn abschließbaren Türen getrennt. Es kann also sein, dass man nur schnell seinen getrunkenen Tee wegbringen möchte, und dann hocken da schon zwei, sich unterhaltend, dich aber freundlich grüßend. Es fehlt nur noch die Zeitung in der Hand zum vollkommenen Glück.

Ein weiterer Makel ist, dass eventuell nötige Hygieneartikel selber mitzubringen sind. Allerdings sehe ich nie jemanden damit rumlaufen und Handtaschen, in der sie versteckt sein könnten, sehe ich auch nirgendwo. Sofern benutzt sind diese Produkte dann nicht im Entledigungsbecken zu platzieren, sondern im Mülleimer, da die Abflussrohre nicht europäischem Standard entsprechen und es leichter mal zu Verstopfungen kommen kann, was schnell zur Flutung des ganzen Raums kommen kann. Das ist nicht gerade feierlich.

Wahrscheinlich auch aus Angst, Schuld an einer solchen Sintflut zu tragen, halten es viele nicht nötig, zu spülen, sondern hinterlassen dem Nachfolger ein nettes Präsent, scheinbar um zu sagen: "Seht her, ich habe einen Haufen gemacht!"

Diese Tatsache plus die vollen Mülleimer lassen die Toilette schon aus einiger Entfernung riechen, weshalb es in Restaurants von Vorteil ist, sich etwas weiter davon wegzusetzen. Oder man lebt einfach schon seit drei Monaten hier, dann gewöhnt man sich an vieles.

Wie schon erwähnt, macht es hier niemanden etwas aus, die Privatsphäre des anderen zu verletzen, denn auch in moderner eingerichteten Gebäuden ist es in Einzelkabinen auch zu zweit oft am schönsten, sodass man in der Disco gerne mal auch von Wildfremden begleitet wird, egal, welchen Geschlecht sie angehörig sind. Aber als Gast in diesem Land, wird einem gerne der Vortritt gewehrt.

Da dieser unkomplizierte Umgang aber von Kleinauf gelernt wird, kann ich niemandem einen Vorwurf machen. Denn, an Windeln und Stoff sparend, tragen Kinder bis zum stubenreinen Alter ausschließlich Hosen mit Schlitz, der den Bobelles beim Hocken freilegt, was eine schnelle Entledigung an welchem Ort auch immer, und sei es der Eingang des Supermarktes auf dem Campus, ermöglicht. Allerdings sorgen aufmerksame Mütter und Großmütter schnell für die Entfernung jeglicher Spuren.

Wie man also liest, haben wir hier nicht nur Spaß (wie ich oftmals zu hören bekomme). Jeder Tag will zwecks Toilettengänge wohl geplant sein und bei jedem Bissen Nahrung isst die Angst mit, etwas schlechtes zu sich zu nehmen, was einen dringlichen Stuhlgang bedingen könnte. Denn alleine schon das Hocken halte ich als Kreuzbandgeschädigter nicht gerade lange aus. Was aber wohl das kleinste Übel ist.

Tag 96: Selbstlosigkeit in Person

Heute ist wieder so ein schöner Tag, an dem die Zeit überhaupt nicht vergeht. Das liegt vor allem daran, dass zwei der drei Maschinen nicht laufen und somit die anderen Praktikanten (von der Schule) an unsere Maschine geschickt werden. Wir sind also sieben Leute, zuständig für vier Farben.

Da ich recht selbstlos bin, überlasse ich auch allein einfach mal die einzige Beschäftigungsmaßnahme, die man ergreifen kann, nämlich arbeiten. Die letzte Aussicht sind die Minispiele auf dem iPod, aber da Denis' Rekord beim Bomben-Antipp-Spiel unschlagbar ist, verlieren auch die schnell den Reiz. Es herrscht also viel Langeweile, weil's beim Druck auch keine Probleme gibt und irgendwann gibt es Smalltalk auf nicht wirklich hohem Niveau.

Ich höre mir also einen Monolog darüber an, dass es doch unfair sei, dass Chinesen für die gleiche, bzw. viel mehr Arbeit weniger Geld als Deutsche erhalten. Ich stimme zu. Dann erfahre ich, dass ich nicht wirklich deutsch aussehe, weil das Bild des Arias doch deutlich anders aussieht. Und wo wir gerade schon bei der Epoche sind, erfahre ich, dass Mao natürlich viel besser als Hitler ist. Ich hülle mich lieber in Schweigen, bevor die Firma abgehört wird. Und bei dem Gedanken mit dem Abhören kommt mir das Thema Kontrollstaat in den Sinn. Ich verbreite also mal schnell das Gerücht, dass die Kreuzbandnarbe am Knie daher ziert, dass mir der Staat einen Microchip eingesetzt hat, um stets zu wissen, wo ich mich aufhalte. Da Lukas eine ebensolche Narbe besitzt, kann mir auch niemand widerlegen, dass nicht jeder Deutsche kontrolliert wird. Abschließend soll ich noch alle meine Kleidungsprodukte auf ihr Herstellungsland kontrollieren und mich fragen, warum ich sie nicht gleich hier gekauft habe.

Das klingt alles ein wenig nach merkwürdigen Themen, insgesamt ist aber doch vieles Spaß und es hilft mir über den Tag hinweg.

Mittwoch, 3. Juni 2009

zwischendurch: Zensur

Seit einiger Zeit kann ich auf meinen eigenen Blog (blogspot von google) nicht mehr zugreifen, vielleicht habe ich jetzt den Grund dafür gefunden:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,628159,00.html

Noch zweimal schlafen, dann geht es vielleicht wieder.

Tag 95: Trendsport Zeitrumschlagen

Nach vier Tagen erholungslosem Urlaub geht's also wieder mit dem Malochen los. Und wie! Eigentlich so gut wie gar nicht. Denn am ersten jeden Monats werden die Maschinen, zumindest die japanischen (die deutsche hält ja viel aus), generalüberholt und so werden auch für heute keine Aufträge angenommen.

Diese Überholung dauert aber nur bis zur Mittagpause, anschließend wird festgestellt, dass etwas nicht stimmt und dann stehen die beiden Komori für den Rest des Tages. Nur an meiner kleinen wird ab und zu ein Auftrag gefahren, viel ist das aber nicht und so liegt es an der Gemeinschaft, die Zeit anders rumzukriegen. Dies gelingt bedingt mit etwas Putzen, Smalltalk und Handyspielen. Doch dann passiert etwas, was ich eigentlich nicht für möglich gehalten hätte: Der Hauptteil der Beschäftigungslosen bekommt einfach verfrüht Feierabend. Ob das vom Gehalt abgezogen wird, weiß ich natürlich nicht, aber ich meine, in den Augen des ein oder anderen ein Tränlein aufblitzen zu sehen.

Lukas und ich werden glücklicherweise auch nach Hause geschickt, wissen mit der neugewonnen Zeit aber auch nicht so viel anzufangen außer den nicht der Rede werten typischen Abendgestaltungen.

Tag 94: Gehma baden

Es zeichnet sich schon beim Verlassen des Zugs ab, dass Xi'an noch heißer ist, als Shanghai in den letzten Tagen und so fällt der Entschluss schnell, dass wir baden gehen. Und nicht irgendwie, sondern in unserern Deutschlandtrikots. Symbolgemäß gehen wir wie die Fußballmannschaft baden.

Das ganze soll im Campus-Schwimmbad stattfinden, aber um dort reinzukommen, ist eine schwere Geburt von Nöten. Da hier nämlich viele nicht schwimmen können, sind die Sicherheitsvorschriften viel höher als sonstwo und ohne Lehrer darf man eigentlich nicht ins Becken. Mit viel Überredungskunst und einem Thomas'schen Kniefall wird uns letztendlich doch Einlass gewehrt, für fünf Minuten, damit es keiner mitbekommt. Reicht auch zum Abkühlen.

Danach wird das Schlafdefizit ausgeglichen, während Lukas und Co zur Metro fahren. Eigentlich will er kochen, aber sie kommen dann doch auf die Idee, Grillsachen zu besorgen. Leider sind die Grillbriketts viel hartnäckiger, als gedacht und so brennen sie erst um zehn Uhr abends richtig gut, und dann so, dass das Fleisch nicht viel Zeit benötigt, um fertig zu werden. Es mundet sehr, dennoch schlage ich für das nächste Mal vor, etwas mehr Zeit einzuplanen. Beispielsweise den ganzen nächsten Samstag. Da wir nämlich Praktikum haben und insofern keine richtigen Studenten sind, müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir am Wochenende nicht arbeiten. Ha!

Dienstag, 2. Juni 2009

Tag 93: Shanghai Tag 3

Auch heute wackelt mein Bett wieder bedenklich stark und so kommen wir auch relativ früh aus den Federn. Das erste Ziel für heute ist die Transrapid-Station, bei der Denis und ich den Großteil der anderen treffen. Und dieses Projekt ist wahrlich gigantisch. Wenn Sie vom U-Bahnhof in Shanghai ... mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen ... am ... am U-Bahnhof in Shanghai starten Sie Ihren Flug. Zehn Minuten. Schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an, wenn Sie in Heathrow in London oder sonst wo, meine sehr ... äh, Charles de Gaulle in Frankreich oder in ... in ... in Rom. Wenn Sie sich mal die Entfernungen anschauen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen, dann werden Sie feststellen, dass zehn Minuten Sie jederzeit locker in Frankfurt brauchen, um ihr Gate zu finden. Wenn Sie vom Flug ... vom ... vom U-Bahnhof starten - Sie steigen in den U-Bahnhof ein, Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in ... an den Internationalen Flughafen Franz Pudong. Dann starten Sie praktisch hier am U-Bahnhof in Shanghai. Das bedeutet natürlich, dass der U-Bahnhof im Grunde genommen näher an China ... an die chinesischen Städte heranwächst, weil das ja klar ist, weil auf dem U-Bahnhof viele Linien aus Shanghai zusammenlaufen.

Und das ganze kostete damals nur schlappe 1,2 Milliarden. Man hätte das Geld nicht besser anlegen können, wie zum Beispiel die Bekämpfung der Armut. Denn wo sonst hat man den Luxus, ganze sieben Minuten, von denen ganze 50 Sekunden mit Höchstgeschwindigkeiten von 430 km/h in der ersten Klasse zu sitzen? Und das für nur den doppelten Fahrpreis des zweite Klasse-Tickets (Hin- und Rückfahrt 70 Yuan)?

Die Erfahrung ist es also allemal wert, aber die Strecke hätte man besser woanders hinlegen können.

Anschließend geht's mit der verhältnismäßig langsamen U-Bahn an eine Station, von der wir meinen, dass sie in der Nähe der empfohlenen Französischen Konzession liegt (genau können wir es nicht sagen, weil der Reiseführer im Hotel ist). Ob wir zu dieser gelangen, können auch später nicht wirklich sagen, aber wir kommen an einem netten Viertel mit kleinen Gassen und kleinen Häusern an, deren Abschluss die prunkvolle Villa eines Herrn Moller bildet. Bevor in dieser eine Hochzeit stattfindet, dürfen wir im gartenansässigen Café noch einen verdammt teuren Latte Macchiato (im Espresso-Glas) bei halbwegs aufgetautem Käsekuchen verzehren. Zumindest ist das Ambiente traumhaft und alles andere als Chinesisch.

Wir liegen gut in der Zeit und dürften locker pünktlich zum Treffpunkt am Hotel erscheinen und dann kommt Philipps fataler Ausruf: 'Ohh, guck mal, da gibt es Eis.' Und das ist leider auch noch so gut, dass wir uns zum Verzehr hinsetzen.

Fazit: Wir kommen zu spät. Wie gestern schon. Ich schäme mich.

Dann geht's, der Erfahrung wegen, viel zu früh zum Bahnhof und nach einer guten Pizza locker und geschmeidig in die richtige, nicht zu überfüllte, Bahn. Zum Glück haben wir auf den iPods Filme und einen vollen Akkumulator, sodass wir uns an die vom Staat geregelten Schlafenszeiten von 22 Uhr bis 07 Uhr nicht halten müssen, zumindest was die Einschlafzeit betrifft. Denn, da die Lautsprecher sich nicht in unserer Nähe befinden, scheinen die Essensverkäuferinnen dazu angehalten zu sein, mit einer möglichst lauten und schrillen Stimme ihre Angebote pausenlos hinauszuposaunen.

Für die nächste Fahrt sind Ohrenstöpsel von Vorteil!

Tag 92: Shanghai Tag 2

Ich scheine das Glück gepachtet zu haben, in jeder fremden Stadt krank zu werden. Nach schlechtem Magen in Peking geht es mir dieses Mal an und in den Kopf, aber da muss man irgendwie durch. Ich verdränge auch schnell den Gedanken, eine Apotheke zu suchen und wir besteigen gleich den Fernsehturm. In diesem kann man sich je nach Besucheransturm fast einen ganzen Tag aufhalten, die meiste Zeit steht man allerdings an verschiedenen Fahrstühlen an. Um hoch zu gelangen, muss man zwei verscheidene nehmen, für den Weg runter gar drei. Dafür lohnt sich die Aussicht von den einzelnen Etagen und das Highlight ist die Außenstelle mit dem Boden aus Glas. Trotz eigentlicher Höhenangst wage ich mich rauf, der Schmerz im Kopf ist noch immer größer als der notwendige Schutzimpuls namens Angst.

Da wir heute in kleinen Gruppen losgehen (weil zu große einfach ätzend sind; dauernd muss man auf jemanden warten), ziehe ich heute mit der Fraktion 'die Chiller' um Lukas, Cathrin und Denis umher und wir wollen uns um halb sechs mit den anderen am Stadion treffen. Wir liegen gut in der Zeit, machen uns auf den Weg zur S-Bahn und dann kommt der fatale Ausruf Cathrins: 'Ohh, guck mal, da gibt es Sushi!'. Und na klar, da wir so gut in der Zeit liegen, gehen wir noch kurz in das japanische Restaurant. Und da jetzt bestimmt keine Apotheke mehr kommt, vertraue ich auf das familiär geheime Allheilmittel namens Bier (zumindest wird es in der Generation nach mir als Allheilmittel gelten). Es hilft. Mit jedem Schluck ein Bisschen. Und auch das Sushi ist gut. Jetzt haben wir noch zehn Minuten und ein paar Stationen U-Bahn. Und Lukas hat ja einen ach so tollen Plan, mit welchen Bahnen wir am schnellsten ankommen. Nämlich anscheinend der Route, die zweimal Umsteigen umfasst, von denen das eine Mal alleine elf Minuten Wartezeit benötigt.

Fazit ist, dass wir 75 Minuten zu spät kommen. Ein neuer Rekord!

Am Stadion geht es munter weiter mit Büchsenbier und Stimmung. Ich trage die große Schrubberstab-Fahne schon den ganzen Tag mit mir rum und habe Blasen am Daumen, aber was tut man nicht alles für sein Vaterland und für Poldi. Die anderen haben die Zeit auch schon gut genutzt und wurden vom chinesischen Fernsehen interviewt und der Hauptteil der heute an mich gehenden SMS' hat die Gratulation zur Ausstrahlung der beiden Damen, die sich auch gerne Mütter der Gruppe schimpfen, in der Vorberichterstattung. Somit haben sie es binnen drei Monaten schon in die Printmeiden und ins TV geschafft.

Ich dagegen nur in viele private Fotoalben, was auch heute nicht anders ist: Man scheint uns mit der Mannschaft zu verwechseln, denn zu Stoßzeiten sind mindestens 20 Kameras auf einmal auf uns gerichtet und wir müssen mit diesen und jenen Personen noch einmal Modell stehen. Und ich würde lügen, wenn ich behauptete, es nicht immer noch zu genießen.

Leider ist das mit der Stimmung im Stadion dann eher Mau. Denn bei Preisen von 180 bis 1200 Yuan (und die im Verhältnis dazu stehenden Monatsgehälter, die ich in den letzten Tagen erwähnt habe) ist es verständlich, dass das Stadion nur mit 25.000 anstatt möglicher 80.000 Zuschauern gefüllt ist. Dazu kommt ein schlechtes Spiel und die blöden Ordner, die uns das ein um das andere Mal ermahnen, als wir die als Dach dienenden, verdammt verstaubten Plexiglasscheiben als Trommeln benutzen. Individuelle Stimmung hat man nicht so gern und so sind die Schlachtrufe der Chinesen, wie ich beim Sportfest schon befürchtet habe, auf das zweisilbige '加油' (JiaYou - füge Öl hinzu) beschränkt. Lediglich die Welle können sie ganz gut machen. Und um den letzten Funken Stimmung zu rauben, wird im ganzen Stadion kein Bier ausgeschenkt. Dass zu einer gelungenen Fußballatmosphäre Bier gehört, scheint sich hier noch nicht rumgesprochen zu haben. Aber gut, von Fußball im Allgemeinen hat man ja nicht so viel Ahnung, so wird zum Beispiel auch auf der Anzeigetafel hinter die Teams geschrieben, in welcher Farbe sie spielen. Was wiederum aber wieder verständlich ist, da im deutschen Fanblock beim Führungstor mindestens ein Drittel der weißgekleideten aufspringt und jubelt. Zwiegespaltene Erfolgsfans!

Nach dem Spiel wird meine Befürchtung, dass, wenn wir jetzt erst zum Hotel zurückkehren, es garantiert nichts mehr mit einem Amüsierabend wird, nicht ernstgenommen, aber hoffentlich doch in Zukunft, da ich Recht habe.

Aber gut, dem Kopfe zuliebe lass ich das heute durchgehen.

Tag 91: Shanghai Tag 1

Unser erster Weg in der Großstadt führt uns zum McDonald's in unmittelbarer Nähe des Hotels, da es im Zug zum Ende hin an allem mangelte: fließendem Wasser, Getränken, Lebensmitteln. Und (die Maslows'sche Bedürfnispyramide bestätigend) muss das Bedürfnis Hunger vor dem Bedürfnis Hygiene zuerst befriedigt werden. Das Hotel der Kette 'Home Inn' ist günstiger als die letzten in Peking, erfüllt aber einen guten Standard. Es wird mir in den folgenden Nächten jedoch stets etwas Angst bereiten, dass das Bett im sechsten Geschoss spürbar wackelt, was nicht an meinem Schlafstil liegt, sondern vielmehr an der Instabilität des Gebäudes, das entweder durch leichte Erdbeben, große LKW oder die U-Bahn ins Schwanken gerät.

Nach der Bedürfnisbefriedigung (mit Ausnahme des Schlafbedürfnisses) geht's zum Stadion, weil wir noch Tickets für das Länderspiel kaufen wollen und gerade öffentliches Training stattfindet. Die Shanghaier sind leider ein paar Spitzbuben und versuchen, aus allem Profit zu schlagen: Ein Schwarzmarkthändler belügt uns (unmittelbar vor dem Kartenstand) indem er behauptet, die Gästeblock-Tickets wären zehnmal so teuer, wie wir behaupteten und nur er hätte günstige Karten. Jie und Frank, die ein wenig vorgelaufen sind, wären fast drauf reingefallen. Gutgläubige Xi'anesen sind das. Und das öffentliche Training soll auch nur 100 Yuan kosten.

Das schenken wir uns also, gucken lieber ein wenig die Stadt an, derer bekannter Sehenswürdigkeiten sehr wenige sind, was aber durch das Gesamtbild der City wettgemacht wird. Shanghai ist tatsächlich trotz zahlreicher Hochbauten sehr schön, deutlich schöner als Beijing.

Zum Essen geht es abends in eine der Haupteinkaufsstraße parallel verlaufenden Gasse. Es ist erstaunlich, wie die Modernität nur Fassade ist, denn diese Gasse hat von der Entwicklung nicht sonderlich viel mitbekommen. Besonders tut es mir das Klo an, zudem ich nur gelange, wenn ich erst die Küche (deren Fußboden stark verfettet ist), eine weitere Gasse und schließlich ein großes Metalltor durchquere. Hinter diesem befindet sich eine kleine Baracke und darin gibt es tatsächlich eine Toilette. Wahnsinn.

Anschließend suchen wir die von sämtlichen Reiseführern angepriesene Captain's Bar auf, die mit der Dachterrasse eine guten Blick über die Skyline Shanghais bietet. Diesen Geheimtipp haben sich auch andere deutsche Touristen sowie Abgeordnete des DFB und der deutsche Botschafter zunutze gemacht, sodass die Terrasse fast in deutscher Hand ist und wir noch zwei Deutschland-Schals abstauben können.

Trotz sich seit dem Nachmittag entwickelnde Kopfschmerzen sage ich zu und gehe mit Denis und Philipp noch auf die Pirsch. Das Babyface bietet lieder nicht, was es verspricht und es geht schnell zurück. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich schlafe sowohl im Taxi, im Mc Donald's, in der Hotellobby und in voller Montur auf dem Bett ein.