Donnerstag, 23. September 2010

China #2.14 In jedem Flieger sitzt ein weinendes Baby.

Eine Aussage, an der es augenscheinlich nichts zu rütteln gibt. Und auch für Busfahrten trifft das zu. Ja, es ist ein Baby. Babys weinen. Aber das müssen sie doch nicht die ganze Zeit und aus lächerlichen Gründen wie Druckverlust, Luftlöcher, Schlaglöcher oder Vollbremsungen… Schlimmer als ein weinendes Baby ist dann aber noch die Mutter eines weinenden Babys. Denn die ist mit der Situation total überfordert und tut dann das, was man vielleicht nicht unbedingt tun sollte: Zurückschreien. Naja, iPod hilft da.
So geschehen ist es zum Beispiel auf dem Flug nach Chongqing. Chongqing ist geht so. Industriestadt mit steigender Bevölkerungszahl, in den Bergen am Yangze-Fluss gelegen und somit von der Fläche eingegrenzt, drum wird überall was dazwischen oder noch drauf gebaut, Luft ist schlecht und außerdem soll es ne Terroristenhochburg sein. Trotzdem gab’s ein paar schöne Ecken, wenn auch nicht so sauber. In einem Restaurant war das Klo besetzt. Von ner Ratte. Später begegnete mir das Vieh auch noch im Speisesaal. Ohne sich die Hände gewaschen zu haben…
Zwei Tage Chongqing reichten, dann ging’s mit dem Bus nach Langzhong, Minis Heimat. Langzhong hingegen ist sehr schön. An drei Seiten vom Fluss begrenzt, an der letzten von Bergen, wenige Hochbauten, gute Luft, kühleres Klima, Berge, Parks und so weiter. Die Mutter kümmerte sich vorbildlich um mich, Sorgen hatte ich absolut keine. Vormittags wurde man stets geweckt, da einige „Tanten“ (also Mitarbeiterinnen der Mutter) den „Mitarbeiter“ der Tochter (ich, offiziell) treffen wollten. Luden somit zum Essen ein. Meistens Feuertopf mit frischen Fischen aus dem Fluss. Sehr gut. Und nie bekam ich Magenprobleme, obwohl das bei Feuertopf eigentlich Tradition ist. Wenn neben den „Tanten“ auch noch „Onkel“ mit am Tisch saßen, wurde gebechert. Klar, der Deutsche trinkt ja gerne Bier. Und wenn es direkt nach dem Aufstehen ist. So gingen gerne mal innerhalb einer Stunde Essens 14 halbe Liter Humpen Bier weg, für 2,5 bis maximal 3 Trinker. Während die Onkel dann wieder mit dem Moped zur Arbeit fuhren, gab’s Sightseeing, abends luden abermals irgendwelche Tanten zu Speis und Trank. Es war eine sehr angenehme, unkomplizierte Woche, da die Thesis auch auf der Fahrt dorthin fertig geworden war, kam mit freiem Kopf endlich Urlaubsstimmung auf. Langzhong ist übrigens bekannt für seine Seide und für das tolle Trockenfleisch. Kein Wunder, dass anschließend mein Koffer mit Geschenken vollgepackt war.
Die Fahrt anschließend von Langzhong nach Chengdu, Hauptstadt Sichuans, war besonders toll. Das Busterminal stank schön stark nach Urin, nur der Mercedes-Bus, Geschenk von Kässbohrer an China, versprach von Außen, des Images wegen, viel. Aber Kässbohrer hatte noch ein paar Ersatzsitze mitgeliefert und die wurden artig zwischen die normalen Reihen geschustert, sodass der längste und dickste Mensch im Bus, ich, letztendlich in der engsten Reihe saß. Hinzu kam, dass der Sitz vor mir kaputt war und bei jedem Schlagloch die Lehne nach hinten sprang (also ein wenig, denn eigentlich wurde sie von meinem Knie gehalten) und hinter mir ein o.b. Baby saß. Das schrie nicht so sehr, hätte es aber mal. Denn die Mutter fühlte sich so darin bestärkt, dass ihre kläglichen Pfeifversuche das Kind beruhigten und ununterbrochen mit jedem Atemzug ein Zischen hervorbrachte. Nervtötend. Aber egal, iPod hilft und manchmal habe ich mich ihr angeschlossen. Weiterer Höhepunkt war natürlich die Lederimitation auf den Sitzen, die das Gesäß nur geringfügig atmen ließ und ich später in einer angenehm warmen Schweißbrühe saß. Die dreihundert Kilometer, runtergerissen in nur fünf Stunden, waren somit sehr wertvoll für das frisch aufgebaute Urlaubsfeeling.
Chengdu war wiederum geht so. Eigentlich toll, aber man hat alle Baustellenwerkzeuge aus Shanghai vom letzten Jahr importiert, so scheint es, denn einfach überall wurde gebaut; Straßen, Häuser, Parks, selbst unser Hostel. Dadurch sah man nicht nur deshalb so wenig, weil alles hinter Bauzäunen steckte, sondern auch, weil man kaum irgendwo hinkam. Mit dem Taxi haben wir eines nachmittags für drei Kilometer eine Stunde gebraucht, und das lange vor der Feierabendzeit.
Hätten wir es früher nach Chengdu geschafft, hätten wir bestimmt ein Angebot des Hostels, nach Tibet zu fahren, angenommen, aber so wurde die meiste Zeit mit Shopping und Ruhen verbracht.
Jetzt sitze ich in Dubai. Gerade gelandet, gleich geht’s weiter. Der Flug hierher war fantastisch, irgendwie wurde ich in die Business-Klasse versetzt. Hab mich zunächst wie ein Anfänger verhalten, als ich fragte, ob es noch eine zweite Reihe 10 gäbe. Hab dann auch gemerkt, dass jeder mich als Anfänger identifizieren konnte, weil bei meinem Sitz der weiße Kopf-Überzug plus die Flasche Wasser fehlten. Hab das Schamgefühl schnell mit ein paar Gläsern Schampus runtergespült, gefolgt von feinstem Wein. Roter. Gaumenschmaus. Blöd war nur die Italienerin neben mir, die die absolut bescheuerte Liebesromanze „Letters for Juliet“ gucken musste. Dreimal! Weil sie immer wieder eingeschlafen ist. Musste mir den Film einmal antun und selbst Mini als Frau fand ihn widerlich und übertrieben. Aber der Rotwein verhalf mir auch hier, aufkeimende Aggressionen ob dieser Bilder, zu denen ich jeden Dialog aufsagen könnte, zu unterdrücken. Das Essen war übrigens auch allererster Sahne!
Ein Baby hörte ich übrigens erst bei der Landung weinen. Irgendwo weiter hinten, in der Pöbelklasse.
So, Aufruf, ich soll zum Gate.
Macht’s gut, ihr Pappnasen!

Freitag, 10. September 2010

Rattenfänger

Wenn ich in der letzten Woche nicht gerade unterwegs war zu irgendwelchen Firmen, habe ich an meiner Thesis gefeilt. Und das zumeist im Hostel, allerdings nicht in der Bar, weil ich da bestimmt was verzehren müsste und in Zeiten des Taifuns ist es da oben auch nicht so toll. Ich hab mich lieber unten, im Momicafé niedergelassen. Da ist es ruhig und die Kellnerin, die sich den ganzen Tag langweilt, kommt auch nicht dauernd mit der Getränkekarte, sondern ist froh, wenn ich alle paar Tage mal eine Kanne Tee bestelle und die dann immer wieder mit Wasser auffüllen lasse. Und mittags ist die Bude dann mal voll, weil sich dort noch eine Küche befindet, die Personal aus Geschäften der Nachbarschaft bewirtet. Und meistens dann auch mich.
Viel passierte da also nicht, bis Freitag. Da war helle Aufregung angesagt. Ein Mob aufgebrachter Männer, drei an der Zahl, bewaffnet mit Brettern, an deren Enden sich Nägel befanden, lief schreiend hin und her. Der Grund dafür war eine Ratte, die sich in die Küche geschlichen hatte und die der dicke Koch nicht fangen konnte. Der Mob donnerte also mit voller Gewalt die Prügel auf den Boden, verfehlte oft das Ziel, nur manchmal quiekte das arme Geschöpf auf, was mir den Hinweis gab, dass ein Treffer erzielt wurde. Dennoch gelang es der Ratte zunächst, sich unter die Klimaanlage zu verkriechen. Nun wurde auf diese eingehämmert, um mit dem entstehenden Krach das Vieh wieder rauszutreiben. Die Ratte unternahm einen letzten Versuch zur Flucht, wurde aber durch einen Schlag, der das Brett zum Bersten brachte, getroffen und konnte nur noch benommen weiterkriechen. Seines Prügels beraubt nutzte der Rattenfänger nun seinen Fuß. Mit einem gezielten Tritt ins Genick, dem ein einzelnes entsetzliches Quieken folgte, machte er der Ratte endgültig den Gar aus. Anschließend nutzte man das Endstück des zerbrochenen Schlägers, um mithilfe der Nägel den Rattenleichnam, der leicht deformiert aussah und dessen Körperhaltung selbst für eine Ratte nicht mehr gesund aussah, stolz an den Gästen vorbei in einen Raum zu transportieren, hinter dem sich für gutgläubige Menschen ein Mülleimer befindet. Ich sollte nicht erfahren, was wirklich darin passierte.
In Shanghai passierte also nicht mehr viel Spektakuläres. Ich wurde noch aufgeklärt, was es mit den ominösen Club-Freunden auf sich hat, die einem das Geld aus der Tasche ziehen; und zwar ist es jetzt Gang und Gebe, dass sich Leute dadurch ihr Geld verdienen, dass sie Kontakte zu Leuten aus einem Club haben und somit günstiger an die ziemlich teuren Getränke kommen. Diese organisieren dann alle paar Tage einen Abend, zu dem sie Leute aus der Party-Szene einladen, die dann einen festen Betrag zahlen, für den sie alleine kein Getränk bekämen. Sie kaufen dann jedoch nur von einem kleinen Teil des Gesamtbetrags Getränke, der Rest geht in die eigene Tasche und dient als Haupt- oder Nebeneinnahmequelle. Zahlen müssen nur die Männer, die Frauen kommen umsonst durch, sind dafür hübsch anzuschauen und ggf. zu mehr bereit. Emanzipation ist also noch nicht so.
Samstag und Sonntag waren wir in Hangzhou, da war ich letztes Jahr schon. Da gab’s dann auch mal wieder eine Bar nach meinem Geschmack: Kauf sechs Bier zu je zwei Euro und krieg sechs Bier geschenkt. Endlich wieder Bier und nicht nur viel grünem Eistee mit wenig Whisky, wenngleich das Bier seines Namens auch nicht so würdig war. Kopf machte es allemal.
Montag wollten wir nach Chongqing fliegen und zwar um 21h05 Ortszeit. Also eine Zeit, zu der man es eigentlich locker schaffen sollte. Zwar fuhr die U-Bahn über eine Stunde dahin, dennoch war noch über eine Stunde Zeit bis Abflug, also mindestens eine halbe, um vom Terminal 2-Eingang zum Schalter zu kommen. Dieser befand sich zwar am Ende des Terminals, aber in fünf Minuten wäre auch dieser erreicht. Auf dem Weg dorthin passierten wir die große Anzeige mit den Abflugzeiten. Ich kontrollierte kurz: 21h05 Uhr, China Southern Airlines nach Chongqing… passt, bis auf die Anzeige, dass Check-In in T1 sei. Flugnummer wirkte zwar etwas komisch, aber da es der einzige China Southern Flug um diese Zeit nach Chongqing war sollte das wohl passen. Aber jetzt könnte es schon kritischer werden mit der Zeit, also schnappte ich einen Gepäckwagen, verlagerte darauf beide Koffer plus die vier Handgepäckstücke plus Mini und rüber ging es im Eiltempo zu Terminal 1. Dort mussten wir auch wieder bis zum anderen Ende, am Schalter C, wie uns die elektrische Anzeige versicherte, sollten China Southern Kunden bedient werden. Aber an Schalter C wusste man nichts von China Southern. Erst nach Telefonaten merkte man, dass die Airline sich tatsächlich in den Flug mit eingekauft hatte, das aber nicht unser Flug sei, wir sollten bitte wieder rübergehen. Wir nahmen lieber den Bus, der auf unseren Wunsch auch sofort losfuhr. Am Schalter L in T2 angekommen wurde uns gesagt, dass das Boarding schon fast abgeschlossen sei, für uns gäbe es also keine Möglichkeit mehr. Ich kontrollierte nochmal die große Anzeige und da war tatsächlich kein anderer Flug angezeigt, als der von T1. Ich hätte ja mal fragen können, war die Antwort. Ja, hätte ich. Aber ich gebe mir trotzdem nur halb die Schuld.
Wir nahmen dann ein Hotel und hatten Glück, dass wir nach Mitternacht ein zweites Mal ins Internet gingen, denn plötzlich waren die Flüge für den Dienstag deutlich günstiger als zuvor und so mussten wir nicht wieder mit all unserem Gepäck in die Stadt fahren, um ein Zugticket zu kaufen, mit dem wir dann 40 Stunden unterwegs wären.
Am Dienstag waren wir dann noch pünktlicher am Flughafen und auch dieses Mal fehlte unsere Flugnummer auf der großen Anzeige. Nun gebe ich mir sogar noch weniger die Schuld für das gestrige Verpassen des Flugs, stattdessen setzte ich im Flugzeug sogleich eine Beschwerdemail an die Airline sowie den Flughafen auf. Mal schauen, was dabei rausspringt.
Die ollen Holzköpfe!

Mittwoch, 8. September 2010

China #2.12 Expo

Liebes Deutschland,
Eine schöne Balancity habt ihr dahin gestellt auf der Expo in Shanghai. Ich durfte sie auch von außen bewundern. Mit einer Freunde besuchte ich letzte Woche eben diese Expo, kauften ein Abend-Ticket, das von 17 bis 24 Uhr Gültigkeit besitzt und klapperten erst einige kleine Pavillons ab, bevor es in die schöne Balancity gehen sollte. Mit meinem deutschen Reisepass sollten die Schlangen an Menschen davor ja kein Hindernis darstellen. Als wir am Abend gegen halb neun ankamen, wurden wir leider bitter enttäuscht, aus einem kleinen, schlechtbeleuchteten Büro am VIP-Eingang (kaum zu glauben, dass ich einmal mit großen Erwartungen an einem solchen anklopfen würde) wurde mir nur gesagt, dass man schon geschlossen hätte, seit eineinhalb Stunden. Weil man dann auch die Schlange abschließt und so. Blöde Erklärung. Warum hat dann bitte die Expo so lange geöffnet, wenn die beliebten Pavillons schon früher schließen?
Aber gut, das akzeptierten wir also einfach mal und fanden das Restaurant nebenan. Deutsche Spezialität wurden angepriesen, die Kellnerschaft war Deutsch, also wollte ich meiner Freundin doch mal zeigen, wie das in Deutschland zugeht, was wir essen, wie die Service-Kräfte mit dem Kunden umgehen (nämlich sehr gut und zuvorkommend, wenn auch oft nur in der Theorie) und so weiter. Ich habe regelrecht davon geschwärmt, wie gegenseitiger Respekt zwischen Gast und Personal herrscht, nicht wie in China, wo man die Kellnerin herbeischreit und diese dann ehrfurchtsvoll, wenngleich mit einiger Gleichgültigkeit, das Essen auf den Tisch knallt.
Ich wurde bitter enttäuscht und war beschämt. Es fing damit an, dass ich nicht viel Zeit hatte, die Speisen auszuwählen, ich sollte Platz nehmen und bitte schnell bestellen, wär ja auch irgendwann Feierabend. Die angebotenen Gerichte hörten sich alle gut und typisch Deutsch an, die Preise waren es ebenso (also für Chinesen und auch Studenten wie mich recht hoch). Ich bestellte eine Spezialitäten-Platte, vier Fleischsorten waren drauf, sollte reichen für zwei, die nicht viel Energie in der Balancity verschwendet haben konnten und unter denen sich eine zierliche Chinesin befand, die mit unter 1,65 m und weniger als 48 kg nicht zu den größten Esserinnen zählt. Folglich fragte ich nach einem kleinen Zusatzteller. „Nein, kann ich leider nicht anbieten, unsere Chefin sieht das nicht so gerne“, erwiderte der Kellner. Ich war auch gewillt, ihm abzukaufen, dass ihm die Hände gebunden waren. Fünf Minuten später bekam ich meine Mahlzeit. Wurde bestimmt frisch zubereitet.
Bestimmt nicht. Ich glaube nicht mal, dass es frisch für mich auf dem Teller zusammengestellt wurde. Dazu fehlte es eindeutig an Hitze in Fleisch und Sauerkraut und auch die Bratwurst hatte ihre besten Zeiten, in denen sie noch knackig frisch war, hinter sich, nun war sie leicht verschrumpelt und recht trocken. Wenn ich eh nur Reste bekommen sollte, hätte man mir auch den Gefallen des gewünschten Tellers erfüllen können.
Mitten im Essen, dem ich zugestehen muss, dass es lecker gewesen sein muss, sofern heiß und frisch, wurde ich dann jäh unterbrochen. Von der anderen Seite wurde mir die Rechnung auf einem kleinen Tablett überreicht. Über den Preis müssen wir ja nicht reden, mir war ja schon vorher klar gewesen, dass es sich um eine Summe handeln würde, von der mir in China ein Zehntel locker reichen würde, um satt zu werden von einer heißen Speise. Ich guckte kurz auf das Blatt und aß weiter, bemerkte aber aus dem Augenwinkel, dass die Kellnerin nicht wich. Ich hob kurz den Kopf und fragte ironisch: „Jetzt? Während des Essens?“ Ihr Nicken beschwur in mir weitere Wut und Scham herauf. Sollte ich das Essen also noch kälter werden lassen? Und dann auch noch währenddessen die dreckigen Yuan-Scheine aus der Hose kramen? Der gute alte Knigge verlangt doch auch von mir, während die Mahlzeit auf dem Tisch steht, nicht auf die Toilette zu verschwinden. Und auch in China zahlt man entweder vor dem Essen oder anschließend, aber nicht währenddessen.
Also pulte ich das Geld aus den Taschen und knallte es ihr aufs Tablett, schien ja wichtig zu sein. Dann wurde aufgegessen. Und dann wurde gewartet. Zehn Minuten. Ich befürchtete schon, weder Rechnung, noch Wechselgeld zu bekommen. Denn Trinkgeld wollte ich eigentlich keines dalassen nach dieser Leistung, zudem konnte ich jetzt nicht entscheiden, welcher der drei verschiedenen Kellner und Kellnerinnen sich letztendlich am wenigsten schlecht verhalten hatte. Aber es kam dann doch noch, wenngleich weniger gerne, wie die Rechnung zuvor.
Wir konnten also den Platz der Schande verlassen, nicht aber, ohne einen weiteren Tritt ins Fettnäpfchen mitzubekommen. Diesen beging dann die Chefin, zumindest nehme ich an, dass sie es war, trug sie doch als einzige ein rotes Oberteil, als sie mitten im Raum eine Kellnerin im Raum zur Sau machte, weil diese lieber zunächst einen Tisch einrichtete, als Rechnungen zu verteilen. Meine Freundin fragte mich, ob sie das nun richtig verstanden hatte. Denn in China geht so was nicht, das hat etwas mit Gesicht verlieren und bewahren zu tun. Wenn ein Chef unzufrieden ist, wird das hinter verschlossenen Türen besprochen und nicht lautstark vor Kundschaft.
Liebes Deutschland, auch ich bin es, der indirekt von den Einnahmen aus der Touristenbranche profitiert. Und ich bin auch gewillt, im Ausland einen guten Eindruck zu hinterlassen, damit potenzielle Touristen sich für Deutschland interessieren und auch entscheiden. Mit einem solchen Auftritt in einem Land, das über so viele potenzielle Neureiche verfügt, werden meine Bemühungen jedoch bedeutungslos gemacht.
Das finde ich sehr schade und ich bin sehr verärgert darüber. Vielleicht denkt man in Zukunft etwas darüber nach und schickt Service-Kräfte auf solche Veranstaltungen, die sich als solche bezeichnen dürfen und sich ihrer Rolle als Botschafter bewusst sind.
Viel Erfolg dabei!

Dienstag, 31. August 2010

China #2.11 Meine letzte Fahrt?

Sehr geehrte Leserschaft,
man wünsche mir Glück, denn sonst überlebe ich die nächsten Stunden vielleicht nicht. Grund zur Panikmache: Ich befinde mich in einem sogenannten Private Taxi. Das ist ein großer weißer Lieferwagen, in dem die Sitze und Spiegel noch eingeschweißt sind und somit blutabweisend sind. Zudem verfügt die Ladefläche rein theoretisch über genügend Platz für ein paar Leichen. Zu den Gründen, warum ich in diesem Private Taxi sitze, komme ich später.
Samstag bin ich trotz dem harten Geschäftsleben mit dem ausklingenden Abend fit. Nach etwas Thesis fühle ich mich fit für einen Gang vor die Tür und lande zufällig nach viel Fußmarsch in meinem bereits am zweiten Tag angestrebten Fälschermarkt wieder. Es steht nicht viel auf der Liste; ein gelenkiges Kamera-Stativ bekomme ich zu einem Fünftel des zunächst gewollten Preises, iPod-Kopfhörer mit Mikrofon, originale Kopie, gibt es mit drei Euro auch für einen Bruchteil des verlangten Preises. Und da ich sehe, dass man bei ein paar Shorts die Markennamen einfach entfernen kann, gönne ich mir auch sie. Gibt zumindest keinen Stress am Zoll und für einige Waschgänge sind sie gut.
+++ Ich unterbreche kurz: die Mitfahrerin ganz links im Private Taxi bricht gerade aus dem Fenster heraus. Es riecht nach Hundefutter. Die Scheibe ist voll mit vorherigem Mageninhalt. Ihre halbherzigen Versuche, mit einem benutzten Taschentuch die Außenscheibe wieder zu säubern, missraten kläglich. Zum Glück sind die Polster noch eingeschweißt. +++
Auf dem Rückweg durch die Stadt werde ich unverhofft von einigen Damen angemacht. Und zwar nicht nur von einigen in der Gruppe, sondern von einzelnen. Ein „Hello“ rufen sie mir jeweils zu. Und da drei von ihnen auch recht gut anzuschauen sind, erwidere ich es. Wir kommen ins Gespräch. Ganz einfach. Wo ich herkomme, was ich hier mache, warum ich Chinesisch spreche und wo es hingeht. Es kotzt mich mittlerweile an, meine Geschichte zu erzählen, also erfinde ich immer irgendwas. Meistens ist meine Mama Chinesin (Mama muss jetzt aber nicht böse auf mich sein, bitte). Und ich gehe offiziell auch zum Hotel zurück. Schade, gerne hätte man mit mir einem Kaffee getrunken, wird mir unter treuem Hundeblick verklickert. „Nö. Kaffee mag ich nicht, Tschüss!“ sag ich. Schon lange hab ich keinen Korb mehr verteilt. Und heute gleich drei am Stück. Ich fühle mich toll und gleichzeitig schlecht.
+++ Kotze ist an der Scheibe getrocknet. Dauernd brüllt der Freund der Brecherin, der Fahrer möge bitte nicht so schnell fahren. Manchmal brüllt er auch die Freundin an, was sie denn jetzt wolle und wie es ihr geht. Nerviger Banause, wenn sie kotzt, ist sie doch artig und ruhig und Entertainment ist es auch neben der Schnulzen-CD, die der Fahrer auflegt. +++
Abends lande ich mit Mini im Angelinas. Das ist mal ein Club. Irgendwo im Nobelviertel siebter Stock. Man sitzt auf Renaissance-Flair-Sofas, die Lichtanlage ist in Kronleuchter verpackt. Ist wieder so ne Freundes-Freunde-Freunde-Party, in der Feier-Menschen aus Shanghai über Beziehungen sich im Internet zur gemeinsamen Party verabreden. Als Mann muss man natürlich blechen, die Emanzipation ist noch nicht so weit fortgeschritten. Für mich als Exil-Schwabe ist die heutige Summe schon sehr grenzwertig, weiß nicht, wie Chinesen in meinem Alter das scheinbar oft stemmen können. Aber es lohnt sich, Getränke gehen nicht aus, Stimmung ist da, Shows werden geboten und das beste ist das Klo: Die Kabinen befinden sich hinter Spiegeltüren, die man kaum wahrnimmt und am Ende des Ganges geht’s in den Pissoir-Raum. Dieser ist ebenfalls mit Spiegeln ausgestattet, so dass jeder jeden sehen kann. Männer wissen, wie schwer es dann manchmal fällt, das kleine Geschäft zu erledigen, wenn man sich beobachtet fühlt. Es dauert aber noch viel länger, wenn kurz nach Öffnung des Hosenstalls ein Herr kommt, um dich zu massieren. Es dauert eine Weile, bis ich kann und dann kann ich sehr lange, da ich ja eine Männer-Pferde-Blase besitze. Die Massage ist sehr gut. Am Waschbecken angekommen stammelt eben gekonnter Masseur dann aber unterwürfig was von „Danke! Danke!“ und zeigt auf das Tablett. Auf diesem sind eine 100 und eine 50 RMB-Banknote aufgeklebt. Die zwei höchsten Banknoten in China. Ein Zeichen dafür, dass der Klomann sich mit keinem kleineren Trinkgeld zufrieden gibt.
+++ Der Typ neben mir schreit schon wieder. Ob wir nicht langsamer über das Schlagloch sausen könnten, das auch meinen PC in die Luft katapultierte. Konnten wir gerade nicht. Wir mussten nämlich dem plötzlich wendenden Tuk-Tuk-Fahrer genauso ausweichen, wie dem suizidgefährdeten Hundewelpen. Ich hoffe, diese Aktion treibt den Magen seiner Freundin nochmals zu Höchstleistungen an. Ich lebe noch. +++
Ich vertröste ihn mit den Worten, dass meine Freunde mein Geld gerade schon anderweitig investiert haben, aber ich komme wieder, verspreche ich. Ich komme nicht wieder. Meine Notdurft wird jetzt gefälligst in der Einzelkabine hinter verspiegelten Türen stattfinden. Im Angelinas bleiben wir noch recht lange, auch, weil es zu jedem neu gelieferten Getränk Hüte als Geschenk gibt. Und ich liebe Hüte.
Sonntag wird verpennt. Nach Thesis geht’s in die Nanjing East Road. Wie die letzten Tage auch schon. Aus Langeweile und weil man hier viel Spaß haben kann. „WatchBagDivi….“rufen die einen mir zu, „diShoesLakoschtiPhoneCrackMartihuanaHaschLadymassageLadysex…“ führe ich fort und man ist von mir begeistert. Dennoch ignoriere ich die Herren fortan, wenn ich nicht sage, dass ich letztes bereits gerade hatte. Auf einmal ertönt eine liebliche Stimme mit den gleichen Worten und aus den Augenwinkeln entdecke ich die wohlgeformte Schönheit. Sie ist die erste, bei der ich einwillige, zumindest zu gucken.
+++ Chinas neue Straßen sind nicht alle von Profis gebaut. Gerade haben wir auf hundert Metern acht Gullideckel mitgenommen. Wär in Deutschland nicht das Problem, aber hier sind sie erhaben. Ca. 10 cm über Normalstraße. Gibt Mordsgeruckel. Brecherin ist gerade irgendwo ausgestiegen, ihr nervtötender Freund ebenso. Mit einem weinenden und einem lächelnden Auge veranlasse ich, weiterzufahren. +++
Nur gucken, nicht kaufen. Auch sie scheint von meinem Antlitz und meiner Statur angetan zu sein, denn ihr ist es scheinbar egal. Nun geht es mit ihr in Seitenstraßen der Nanjing Road, Shanghais großer Einkaufsstraße und hinter scheinbar kleinen Läden befinden sich mit dem richtigen Klopfzeichen richtige Designerkessel. Ich kaufe nichts, obwohl das iPhone mittlerweile Fortschritte macht und nicht mehr mit analoger Antenne zum Ausfahren verkauft wird. Nachdem sie mir WatchBagDVDsShoesLakoschtiPhone und so weiter gezeigt hat, hoffe ich, dass sie die Drogen überspringt und zur Ladymassage kommt. Ist mir nämlich glatt entfallen, dass ich hier noch gar keine Massage hatte, bis auf die aufm Kopf beim Frisör. Und die gestrige aufm Klo. Es kommt aber nicht mehr dazu. Stattdessen bekomm ich ihre Karte und soll mich melden, wenn ich was brauche. Ich verspreche es ihr.
Im Hostel will ich früh schlafen. Morgen geht die Arbeiterwelt wieder los. Um sieben Uhr in der Früh ist Abfahrt nach Changzhou. Leider ab dem anderen Ende der Stadt. Mein Wecker ist auf halb sechs gestellt. Um halb zwei des Nachts liege ich dann auch endlich. Den Blick auf die Uhr gerichtet. Aber die Zeit zum Schlafen wird nicht länger. Ich frage mich, ob jeder normale Mensch noch fröhlich leben kann, wenn er fünfmal die Woche so früh raus müsste. Ich verdrücke Tränen. Vier Stunden Schlaf. Nur. So viel braucht mindestens mein dicker Hintern, um sich von den Strapazen des Tages zu erholen und neue Energie zu schöpfen.
Dennoch packe ich es. Es dauert zwar etwas, zu einer Zeit, in der es in Deutschland noch vor Mitternacht ist, sich auf den neuen Tag vorzubereiten und die Sachen zu packen, dennoch komm ich nur zwei Minuten zu spät, was natürlich an der Bahn liegt. Der Tag im Büro verläuft gut, bis uns um halb vier der Strom genommen wird. Feierabend. Und das bedeutet Bierchen. Und vielleicht noch eins. Und weil es ja so früh ist, könnte ich dann noch nach Shanghai zurückfahren, ist ja noch früh.
+++ Wir halten in der Pampa, um noch eine mitzunehmen. Der Fahrer wird zur Sau gemacht, weil er die Brecherin für zu wenig Geld rausgelassen hat. Wird jetzt gestreikt? +++
Ich lasse mir in der Bar ein Taxi zum Bahnhof rufen. Vorbei kommt ein Freund der Kellnerin. Ich willige widerwillig ein (kann man das?). Angekommen wird mir zunächst gesagt, es gäbe keine Bahnen mehr. Kann nicht sein. Sowohl Kellnerin als auch Freund sagen mir, es würden halbstündig Bahnen fahren. Die Frau am Ticketschalter ist auch müde und nicht gewillt, mir mehr Auskunft zu geben, bis mich ein Passant darauf hinweist, dass ich auch zum Nordterminal gehen könnte. Da stehe ich Schlange und dann heißt es, um zwei Uhr fünfzehn sei noch was frei. Noch viereinhalb Stunden. Ich will warten, mir ein Bier gönnen, da werde ich angesprochen, ob ich nicht mit nach Shanghai wolle. Na gut. Für den kleinen Aufpreis könnte ich mir jetzt genügend Bier für die Wartezeit auf den Zug gönnen, um mich volllaufen zu lassen. Ich willige ein. Nun sitze ich hier. Hinten rechts in der Reihe. Neben mir mittlerweile zwei neue Deerns. Sie werden wohl nicht mehr brechen. Aber wer weiß…
Trinken ist auf dieser Fahrt ein Abenteuer. Ich setze gerade zum Schlucken an, als es durch ein Schlagloch geht. Runter rauf zack zack. Der ganze Schluck landet in der Luftröhre. Schmerzt sehr. Ich breche fast.
Nach einer Stunde Schlaf wache ich dann mal auf. Noch immer 48 km. Will der mich verarschen? Als ich die Augen zugemacht hab, waren es doch nur noch 120 km. Dann kurz Seitenstraße. Anhalten. Aussteigen, lautet die Devise für mich und die anderen zwei Männer. Und einmal bitte die Straße zu Fuß lang laufen, wir würden am anderen Ende wieder eingesammelt werden. Weiß nicht, was überwiegt. Die Freude, mal endlich von der Stretchfolie der Sitze wegzukommen und den Schweiß ums Gesäß kühlen zu lassen oder die Angst, mitten in einem unbekannten Dorf ausgesetzt zu werden?
Am Ende der Straße ist Polizeikontrolle. Hätte ich jetzt auch keinen Bock drauf. War also gut, dass wir rausgelassen wurden. Zwanzig Meter hinter der Kontrolle steigen wir wieder zu. Der Motor startet erst beim fünften Mal anlassen. Lieber nochmal Öl nachfüllen und für 20 Yuan tanken. Dann geht’s weiter.
Geht dieser Post online, ist es ein Zeichen meiner Lebendigkeit. Mama, die du keine Chinesin bist, du musst dich nicht mehr sorgen!

Samstag, 28. August 2010

China #2.10 Von J, Spaniern, einer Klugscheißerin und anderen Wesen.

Nach meinen Magenproblemen bis Sonntag hatte ich genau zwei Tage nichts. In der Zeit widmete ich mich dann intensiv meiner Thesis, muss ja Zeit aufholen. Mittwoch dann erwache ich schon mit so einem leichten Kratzen im Hals. Ist ja normal, im Sommer. Dennoch traf ich mich abends mit J, oder auch Jisol, wie ich erfuhr, der Koreanerin, die das letzte halbe Jahr mit uns in China an der Uni gelebt hatte. Machte hier Praktikum und so. Bisschen essen, bisschen trinken, dann noch Club mit weiteren koreanischen Freunden, schöner Abend, aber ich musste früher los, für Donnerstag stand ne Reise nach Hangzhou zu einer Firma auf dem Programm.
Wurde nix draus. Ich erwache zwar pünktlich, aber absolut nicht frisch. Das Kratzen hat sich in Halsschmerzen gewandelt, dazu ist die Nase dicht. Kommt davon, wenn die Mitbewohner die Klimaanlage auf 16 Grad runterdrehen und ich zu faul bin, die Fernbedienung zu suchen und mich lieber mit kalten Füßen abgebe. Dennoch ging’s vorerst in Schale geschmissen runter zur Rezeption, ich wollte für die letzten beiden Tage bezahlen. Geld wurde auch angenommen, allerdings forderte man zudem mein Handtuch, das als Decke gilt und meine Schlüssel ein. Ich wollte schließlich heute auschecken. Wollte ich aber nicht. Zwar war die erste Reservierung bis heute begrenzt, da man im Internet nur 10 Tage buchen kann, aber ich hatte extra zweimal nachgefragt, wie es ist, wenn ich länger bleiben will. Da hieß es stets, einfach bleiben, es sei registriert. Nun war der Salat groß. Dann müsste ich bitte warten, man würde es irgendwie regeln, wenn ich aber viel zu packen hätte, sollte ich das tun, bitte. Hab ich nicht gemacht. Hab mich lieber in die Lobby gesetzt und das Internet durchforstet und versucht, meinen Schnupfen wegzutrinken.
Es dauerte knapp zwei Stunden, bis man mir sagte, dass ich wohl bleiben könnte. Das war mir auch vorher klar, eigentlich. Dann rief ich in der Firma in Hangzhou an. Schließlich würde es knapp drei weitere Stunden dauern, bis ich da wär. Würde sich nicht lohnen, wurde mir gesagt. Sollte lieber nächste Woche für zwei Tage kommen.
Stattdessen war ich dann bei Minie, hab ein Bad genommen, soll bei Erkältungen ja helfen. Und abends traf ich die beste Entscheidung, seit ich hier bin: Ich legte mich früh, genau gesagt um neun Uhr abends ins Bettchen.
Freitag stand ich wieder früh auf. Es sollte nach Changzhou gehen, nur ne halbe Stunde von hier mit Zug entfernt. Gehe wieder im feinsten Zwirn nach unten und checkte zum Glück nochmals meine Mails. Treffen wird leider nichts. Chef hatte Unfall. Heute viel Polizei-Kram zu erledigen und so. Stand da. Na super, abemals ein Tag ohne neue Informationen für die Thesis, dachte ich. Ich blieb noch etwas. Hatte keinen Bock, mich wieder umzuziehen. Da kam dann ne neue Mail rein: Vielen Dank für Ihre Anfrage, würde natürlich gerne mit Ihnen über das Thema fachsimpeln. Sagen Sie mir, wann Sie Zeit haben und ich hole Sie ab. Stand da. Ich antwortete: Jetzt. Kein Problem, aber so kurzfristig sollte ich vielleicht doch ein Taxi nehmen. Kurz auf die Karte geguckt. Bin ich denn bekloppt? So weit? Das würde mich doch ein Vermögen kosten! Ich fuhr mit der U-Bahn. Von da wurde ich dann aber abgeholt.
Die Firma ist ein Druckmaschinenhersteller für Kleidungsetiketten. Stellt auch Maschinen her, die bequem in jede größere Handtasche passen und somit ideal für den Fälschermarkt sind. Die Druckqualität ist eingeschränkt, aber man erwartet ja auch nicht viel bei Kleidungsetiketten. Demnach läuft die Firma wohl sehr gut, exportiert viele Maschinen.
Ich sah trotzdem schnell ein, dass ich hier eigentlich nicht so viel lernen würde, hab trotzdem das Beste draus gemacht. Saß mit fünf Damen und Herren am Tisch bei 15 Grad, Klimaanlagenwindstärke 12 oder so und sprach über den Markt, die Probleme, von denen ich dachte, es gäbe sie nicht mehr und trank feinsten Tee und Import-Instant-Kaffee aus Vietnam. Gesprächsthemen gab es viele und beim kurzen Blick auf die Uhr viel uns auf: So, Feierabend. Bierchen? Jo. Und Essen. Ich liebe chinesische Geschäftsessen. Wenn ich mal groß bin, will ich das so oft wie möglich machen. Da wird ein Tisch aufgefahren, sondergleichen. Dazu darf man sich als Gast vorher den Tintenfisch aussuchen, der anschließend tot und kleingehackt wird, dazu gibt es Bier und die Kellnerinnen werden angemacht und ausgefragt, wie sie mich, den Ausländer denn wohl fänden. Also durchaus amüsant und lecker.
Anschließend werden wir im Luxusschlitten, also dem einer einheimischen Marke, in die Stadt gefahren. Chef hatte an derselben Uni Abschluss gemacht, an der wir letztes Jahr waren. So was verbindet. Er war durchaus gewillt, noch den einen oder anderen Humpen Bier mit mir zu heben. Aber da es zu früh war, ging’s erst mal zu ihm heim. An der Tür erwartete mich schon eine Tafel mit der Aufschrift „Herzlich Willkommen in meinem Heim!“. Die zehnjährige Tochter hat das mal schnell im Google Translater nachgeschaut und abgeschrieben. Das mag nach keiner großen Leistung klingen, ist es aber, wenn man bedenkt, dass man in China nicht mal englische Wörter richtig abschreiben kann, da man ‚i‘ und ‚l‘ nicht auseinander halten kann.
Aber die Tochter ist wohl ein sehr begabtes Kind. Oder sagen wir mal, ein erzogenes, gedrilltes Kind. Ihr Englisch ist absolut akzent- und fehlerfrei und das bei recht anspruchsvollen Gesprächsthemen. Seit sie fünf ist würde sie Englisch lernen. Selbst für fünf Jahre ist das verdammt gut, der Vater erzählt mir aber, dass sie doch erst mit sieben angefangen hätte. Umso beeindruckender. Sie hätte auch nur drei Tage Ferien. Im Jahr. Und jetzt jede Woche einen Englisch-Test. Zwischendurch stopfte sie mich immer mit Essen voll. Dann setzte sie sich ans Klavier und spielte irgendwas. Ich bin jetzt kein Musikkenner, aber ich würde sagen, der junge Beethoven hätte sich da bestimmt ne Scheibe abschneiden können.
Nun, erst als sie mir dann irgendeine total wirre Konstruktion aus Stühlen und Bällen zeigte, auf die sie sehr stolz war und was ein Auto darstellen sollte, war ich beruhigt, dass sie doch nur ein zehnjähriges Kind ist. Ein Kind ohne große Kindheit. Fiel ihr auch auf. Sie müsse jetzt kurz konzentriert mit ihren Puppen spielen, sagte sie mir, denn sie hätte ja nicht viel Zeit dafür. Armes, kluges Mädchen.
Dann ging’s durch die Bars. Chef und ich. Und ich hatte gar keine Wahl. Ich musste mich dem Gesetz fügen. Dem ungeschriebenen Gesetz, das da besagt, wenn Arbeiter auf Student trifft, zahlt stets der Geldverdienende. Und natürlich sollte ich trinken, was will. Aber mir reicht ja Bier. Nur Bier. Aber das kostet in Shanghai jetzt auch mal schnell seine 65 Yuan. Dass Chef die hat, machte er mir klar, als er sein Glas nach drei Schlucken fast voll zurückließ, weil ich etwas schneller mit trinken war und er in einen anderen Laden gehen wollte.
Um halb vier kam ich dann wieder im Hostel an. Allerdings ohne meine Magnetkarte, die als Schlüssel dient. Verloren oder geklaut. War mir egal. Mir wurde auch so das Zimmer geöffnet. Da schliefen schon alle Spanier. Alle halb nackt und ob der Hitze stöhnend. Bei geöffneten Fenstern und ausgeschalteter Klimaanlage kein Wunder. Dazu stank es nicht gerade angenehm. Den Grund dafür fand ich in einem Flies-Handtuch, das wohl irgendeiner der Kumpanen mal verschwitzt und nass in seinem Gepäck hinterlassen haben musste und nun die irrwitzige Idee hatte, es auszulüften, was aber überhaupt nichts brachte, da der Geruch eher Zellteilung beging, anstatt abzuziehen. Die Fernbedienung für die Klimaanlage fand ich auch nicht mehr. Hat bestimmt einer drauf gepennt.
Na herrlich. So ein heißer, stickiger Raum ist natürlich genau das richtige für einen Biergetränkten Körper. Ich gratulierte mir noch kurz zu dieser Selbstzerstörung und schlief ein.
Jetzt sitze ich hier auf dem Bett und weiß mit mir nicht mehr viel anzufangen. Die Spanier sind ausgezogen und haben zum Glück das Handtuch mitgenommen und die Fernbedienung für die Klima zurück auf den Tisch gelegt. Davor haben sie aber so lange zum Packen gebraucht, als würden sie ihren Hausrat auflösen. Und gelabert haben sie dabei ohne Unterlass. Und das mit ihren quakenden Spanierstimmen.
Naja, immerhin habe ich über die Nacht meine Erkältung fast gänzlich ausgeschwitzt.

Montag, 23. August 2010

China #2.9 Hostel Nights.

Hostels mit Mehrbettzimmern haben einige Vor-, bieten aber auch einige Nachteile.
Zu den Vorteilen zählen mit Sicherheit der Preis, der ganz unten anzusiedeln ist, und die Tatsache, dass immer irgendjemand da ist, der potenziell was mit einem unternimmt, wenn man denn will.
Auf der anderen Seite lernen einen aber auch verdammt viele Leute kennen. Oder wollen das. Und immer und immer wieder muss man seine gleiche Story erzählen: Woher komme ich, was mache ich hier, wie lange bleibe ich und warum kann ich Chinesisch. Kotzt mich langsam an, immer die gleiche Leier runterzurattern, aber ich selber bin ja auch nicht besser. Dennoch werde ich mir beizeiten wohl eine neue Identität zulegen. Eine spannendere. Die ich noch mit Leidenschaft erzähle.
Ein weiterer Nachteil ist, dass man nur selten zur Ruhe findet. So wie gestern. Hier das Protokoll. (Zeiten sind nicht ganz exakt, aber +/- 10 Minuten)

00h30: Ich lege mich hin.

01h00: Da ich nicht müde bin, schlaf ich wohl jetzt erst ein.

01h17: Jemand stupst mich an. Flüstert. Kichert. Frauen. Ob ich noch mit will in nen Club, werde ich gefragt. Mein Zimmergenosse wär auch mit von der Partie. Nein.

01h33: Ich schlafe wieder ein.

02h17: Ein anderer Zimmergenosse kommt von seinen Aktivitäten wieder. Macht das Licht ganz an. Braucht etwas, bis er sein Bett gemacht hat. Ich wache abermals auf.

02h28: Ich schlafe wieder ein.

03h18: Die Damen und mein Zimmergenosse hatten wohl nicht so viel Spaß. Wollen sie jetzt nachholen. Kichernd.

03h27: Ich schlafe wieder ein.

04h45: Der erste Wecker klingelt. Der Chinese, der tagsüber meistens pennt und auf den jeder Rücksicht nimmt, hält selber nichts von solcher Rücksicht. Muss noch seinen Koffer packen, bevor er abhaut. Licht an. Koffer laut polternd aus den Schrank ziehend. Schrank liegt direkt an meinem Bett. Ich nehme alle Vibrationen wahr. Schaukeln mich nicht in den Schlaf.

05h20: Der Chinese ist fertig. Oder nicht? Er kommt noch ein paar mal rein. Türgriffe sind ein Fremdwort. Sie knallt bei jedem Mal. Darüberhinaus ist das Schloss für die Magnetkarte laut und das Piepen schrill.

05h23: Ich schlafe wieder ein.

05h50: Der Franzose muss auch raus. Der Franzose mit der sanften Stimme. Kann mit jedem und redet gerne des Redens wegen. Und wegen seiner Stimme. Zog nämlich durch China, um als Musikstar rauszukommen. Nicht geklappt. Jetzt redet er vorm ersten Hahnenschrei mit einem anderen Kumpanen, der auch raus muss. Wie wohl das Wetter heute in Beijing ist, fragen sie sich. Ist eigentlich egal, denn der eine muss nach Paris und der andere nach Thailand. Innige Verabschiedung der beiden. Natürlich bliebe man im Kontakt. Die Emailadressen hat man ja. Wer's glaubt.

06h20: Der Franzose ist weg. Ich schlafe wieder ein.

07h30: Tonne betritt das Zimmer. Tonne ist neu. Tonnes Hobbies sind Schwitzen und Schnauben. Ich schlage die Augen erst nur halb auf und dann ganz. Ich sehe nicht verschwommen. Tonne dürfte wirklich über 150 kg verfügen, verteilt auf genauso viele Zentimeter an Körpergröße. Ich mache die Augen anschließend noch ein paar mal auf. Aber nur, um mich zu vergewissern, dass er im Stockbett unten schläft. Tonne bemerkt, dass sein Bett noch nicht gemacht ist. Er schmeißt seinen Rucksack in die Ecke, flucht irgendwas in seine Pausbäckchen und macht sich stampfend vom Acker.

07h35: Ich schlafe wieder ein.

08h15: Der Neuseeländer verschwindet auch. Der frühe Wurm fängt den Vogel ganz vorne in der Schlange vorm Expo-Pavillion oder so.

08h25: Ich schlafe wieder ein.

09h05: Die Tanten von der Putzkolonne kommen rein. Hocken zwar den ganzen Tag aufeinander, dennoch geht ihr Gesprächsbedarf nie aus. Zimmerputzen ist Akkordarbeit. Geht schnell, ist aber auch laut.

09h28: Bevor ich ein letztes Mal einschlafe, blicke ich auf die Uhr. Noch zwei Minuten. Dann klingelt auch mein Wecker.

09h30: Ich setze mich ungewollt auf die Hassliste des letzten schlafenden Zimmerkumpanens. Der soll sich mal nicht so anstellen.

_____


Diese Nacht ging meinem ersten "Geschäftstermin" voraus. Zwecks Thesis treffe ich mich hier mit einer Organisation. Und eben die Managerin dieser Organisation treffe ich.
Sie ist zum Glück nur geringfügig älter als ich, hatte gestern eine Party bis vier und wir können uns beide nur zu gut verstehen. Zudem ist sie nicht minder schön als ich. Mein lieber Scholli!

Beeindrucken kann ich sie übrigens nicht nur mit meinem Wissen, sondern auch mit einem Magen, der sich gewaschen hat. Gewaschen mit Waschbeton. Da zuckt nichts mehr. Da kommt auch nichts mehr durch. Ganz fabelhaft. Kabine 3 ist beinahe vergessen.

Sonntag, 22. August 2010

China #2.8 The Bund is open! Und Frisör! Und Kabine 1!

Gestern fühlte ich mich erstmals wieder etwas in der Lage, das Hotel auch tagsüber zu verlassen. Die sengende Sonne konnte meinem Magen nur leicht etwas anhaben, da dieser durch eine gute Pizza gesättigt war und erst mal wieder was zu tun hatte. Das soll aber nicht heißen, dass es ihm besser ging. In Kabine 3 fühlte er sich noch am wohlsten.
Dennoch ging ich vor die Tür um endlich einen Frisör aufzusuchen. War eigentlich mein Ziel für den ersten Tag, aber ich hab's dann immer wieder verschoben. Ich musste lange suchen, denn hier in der Nähe von Bund und Haupteinkaufsstraße sollten die Mieten höher sein, ggf zu hoch für einen Frisör. Aber ich fand ihn. Ein Blick durchs Fenster bereitete mir zunächst einen Schrecken: Fast alle Stühle waren besetzt, aber nur eine Person wurd gerade bedient. Schien ein In-Frisör zu sein mit nur einem Meister. Und den obligatorischen Empfangs- und Kassendamen natürlich. Ich ging auch nur kurz rein um zu fragen, wie viele Stunden ich wohl warten müsste, was auf Unverständnis stieß. Sofort wurde mir ein Platz zugewiesen und irgendwas durch den Lautsprecher ausgerufen. Alle Gäste standen dann auf und erwiesen sich dank einheitlichen Namensschilds als Frisöre. Aus 11 Kunden wurden somit 11 Arbeitnehmer. Aus den In-Frisör einer ohne Beschäftigung. Mir sollte es egal sein.
Endlich wieder Kopf-Massage, Ohrenspühlung, Spa für die Augen und 45 Minuten Zeit für mich und meinen Meister, der mit einer Liebe und Hingabe Millimeter für Millimeter meiner Haare bearbeitete. Nach einer Stunde ging ich um drei Euro leichter wieder auf die Straße.

Abends ging's dann mal zum Bund. Das ist die Uferprommenade mit Blick auf die berühmte Skyline Shanghais. Letztes jahr war's noch eine reine dreckige, lärmende Baustelle, abgegrenzt durch eine enge, dichtbefahrene Straße, nur erreichbar durch eine Unterführung. Und hinter der Unterführung war maximal ein Terrain von 5x5 Metern frei, was natürlich die Massen nicht wussten oder nicht wissen wollten, trotzdem dauernd Postkarten-Verkäufer darauf hinwiesen. Kurz: Der Bund war letztes Jahr noch ein Ort des Grauens.
Nun nicht mehr. Nun ist es da ganz und gar edel. Selbst die Straße davor ist großzügig und glänzt. Und Postkartenverkäufer gibt es auch keine mehr, da ja jeder selber sein Foto schießen kann. Man wird also nicht mehr vollgelabert. Allerdings sind eie Massen noch fast die gleichen, sodass jeder, der ein wenig Gefühl für Fotographie hat, sich hier nicht ablichten würde. Aber das haben die Chinesen größtenteils nicht. Die fotographieren alles. Und ein paar Menschen mehr auf dem Bild, die eigentlich alles wichtige verdecken, machen da auch nichts.

Heute erwache ich mit dem gleichen Druck der letzten Tage. Ich will zu Kabine 3. Ich betrete sie auch, drehe aber schleunigst wieder um. Die hat ja jemand anders benutzt. Und beschmutzt. Pfui! 30 Mal hat sie mich ausgehalten und war stets tadellos und jetzt kommt irgendein Schmutzfink daher und nimmt sie mir. Kabine 1 ist frei. Aber Kabine 1 ist nunmal nicht Kabine 3. Sie ist ganz außen und grenzt rechts an die Außenwand. Dadurch kommt es zu einem Drittel weniger Belüftung was bei den Klos, auf denen eh schon Außentemperatur herrscht, tödlich ist. Es muss also etwas passieren! Ich habe keine Lust mehr auf den Unfug und diese unsichtbaren Fußfesseln.
Der Franzose im Hostel gibt mir dann mal Tabletten. Brecher sind das, denn bis zum Aben bin ich kabinenfrei. Mehr noch: Das erste Mal seit fünf Tagen drück wieder die Blase! Ein unglaublich normales Gefühl.
Morgen kann ich dann höchstwahrscheinlich in ein neues Leben starten.

Samstag, 21. August 2010

China #2.7 Beton anrühren.

Die erste Packung Tabletten ist irgendwo in den unendlichen Weiten meines Körpers oder letztendlich doch in Kabine 3 verschwunden. Was neues muss her. Was stärkeres. Denn so ist das ja kein Leben. Heute ist der dritte Tag in Folge, an dem ich schwach und matt ans Klo gefesselt bin. Man möge sich mal ausmalen, ich bliebe nur eine oder zwei Wochen und nicht sechs. Das wäre wahrlich Gift.
Den Weg zur Apotheke schaffe ich ohne Zwischenfälle. Ich krieg es sogar auf die Reihe, Bananen zu kaufen. Und es scheint auch zu klappen. Mein Darm verschließt vorerst, im Magen wird Beton angerührt. Prima.
Dann meldet sich der gute alte Jie Hu, den ich vor einem Jahr schon mal in Hangzhou besucht habe. Er ist bei Kunden in Shanghai. Kunden, die ich auch nächste Woche besuchen werde. Und heute Abend hat er frei. Es wäre Zeit, einer gewissen Tradition zu frönen, nämlich der des Bieres. Ich erkläre ihm meinen jämmerlichen Zustand. Dann erstmal frische Luft. Spaziergang. Sagt er. Machen wir dann auch. Ich kriege etwas Essen, dann weiter Spaziergang. Und irgendwann sind wir dann so weit gelaufen, dass wir auch eigentlich gleich irgendwo einkehren könnten. Aber ich will nicht.
Wir sitzen kurz darauf in der Windows Sportsbar-Disko. Mein ehrenwerter Bruder und Toni G. werden sich wohl noch an diese Lokalität erinnern, habe ich sie doch damals an unserem zweiten gemeinsamen Abend einfach dort alleine zurückgelassen, ohne dass sie genau wussten, wie sie unser Hotel finden sollten.
Aber ich trinke nichts.
Kurz darauf stehen zwei Einbecker Dunkel vor uns. Kalt. Und mit Kohlensäure. Wie sich das ein geschundener Magen so wünscht. Dieser geschundene Magen ist aber kein Magen mehr sondern mutiert immer mehr zum Betonmischer. So sehr rotiert er und wirbelt sein Inneres hin und her. Luft ist eingeschlossen und findet keinen Ausweg. Es sind wahre Qualen, die ich durchlebe.
Aber nur am Anfang des Bieres. Es wird besser und mit dem letzten Tropfen ist es dann ganz gut. Aber noch eins trink ich nicht.
Trink ich doch. Und das Dilemma nimmt wieder Fahrt auf. Das ändert sich auch nicht beim letzten Absacker-Cocktail. Früh geht es heim. Mit Taxi. Denn Schritte kann ich kaum noch tun ohne mich zu krümmen.
In Kabine 3 stell ich mit Erleichterung und Verzweiflung fest, dass ich tatsächlich Beton angerüht zu haben schein. Da hilft jetzt nur noch Beten, dass die Nacht was bringt.

Donnerstag, 19. August 2010

China #2.6 Einmal bitte Kabine 3 freihalten.

Heute ist Mittwoch, ich bin schon drei Tage hier, ich sollte mal mit dem Anfangen, weshalb ich gekommen bin, nämlich an meiner Thesis arbeiten. Den Tag habe ich auch schon freigehalten, den Arbeitsablauf im Kopfe festgemacht. Als Büro soll die Bar auf der Dachterrasse dienen, in der man neben Internet auch eine wunderbare Sicht über den Bund aufs Pudong-Viertel vorfindet.
Wird nix draus. Der heutige Tag steht genauso wie der morgige im Zeichen des Laduzi. Als Laduzi bezeichnet man die Fehlfunktion des Körpers, wenn der Darm denkt, er spiele heute mal Blase. Und zwar eine Frauenblase, was Häufigkeit und Geschwindigkeit der Verdauung angeht. Nix bleibt drin. Und somit fülle ich auch erst mal bis zum Abend nichts nach. Das liegt daran, dass ich taktisch vorgehen muss: Ich darf mich nicht zu weit von einem westlichen Klo wegbewegen, denn aufgrund meines Knieschadens oder motorischer Unfähigkeit kommt ein östliches Hockloch nicht in Frage. Und ich darf mich möglichst keinen Klimaumschwüngen aussetzen, was aber nicht möglich ist, da ich ja dauerhaft in meiner kühlen Koje hocke und kaum raus kann, um Nahrung zu beschaffen. So soll für die nächsten zwei Tage das Bett oder aber Kabine 3, die bei jedem meiner 17 Besuche frei ist, Ort des bevorzugten Aufenthalts bleiben.
Am Donnerstagabend geht es dann endlich besser. Nahrung ist verzehrt und für die Thesis ist auch schon was geschafft. Mit etwas Glück lässt sich morgen auch wieder mit Genuss etwas essen und trinken und endlich auch das Büro nach Feierabend auf ein Bierchen aufsuchen.

Ps.: Kurz vor Fertigstellung dieses Beitrags wird Kabine 3 ein 18. Mal beehrt.

China #2.5 Fälscherbasar.

Heute schaffen wir es dann auch auf den Fälscherbasar. Pünktlich. Trotz plötzlichen Platzregens und Gewitters, der den Weg zur U-Bahn unmöglich macht. Bei jedem Donner erschreckt sich dabei ein Moped so sehr, dass der Alarm ausgelöst wird. Der jeweilige Besitzer ist natürlich nicht vor Ort und so ist jede Straße voll mit Regenmassen, Blitzen, Donnern und Alarmgeheule.
Der Fälscherbasar ist recht leergefegt, weshalb ich zunächst hoffe, dass man hier noch verzweifelter und zum Verkaufen gezwungen ist, als ich von den Basaren in Beijing gewohnt bin. Ist man aber nicht. Mit meinen Drohungen, weiter zu laufen und woanders zu kaufen, wenn der Preis nicht niedriger wird, komme ich nicht weit. Dann soll ich halt gehen. Letztendlich ist meine Ausbeute nicht so hoch. Aber das nötigste habe ich. Und recht günstig, also eigentlich spottbillig ist es auch. Weiß nicht, warum ich immer auf noch tiefere Preise bestehe. Ist eher Sport als Shoppen für mich.
Anschließend gibt’s zum Abend Fisch in scharfer Soße. Geht, bis ich einschlafe, auch fast gut!

China #2.4 Club-Abzocke.

Die Nacht im 4-Sterne-Zimmer ist vorbei, heute gilt es den Tatsachen ins Auge zu blicken und ins 8-Bett-Zimmer des Captain’s Hostel umzuziehen. Das hab ich zumindest vorher schon buchen können. Hier bleib ich vier Nächte, darf dann umziehen, weil Freitag alles ausgebucht ist und dann am Samstag wieder einziehen.
Meinem Vorsatz, möglichst nicht zu viel Geld zu verschwenden, setze ich erstmalig in die Tat um und fahre mit der U-Bahn dahin. Blöder Vorsatz. Ich bin schon wieder nassgeschwitzt, bis die U-Bahn erreicht ist, dann wird es zunächst kühl. Dann passt der Koffer nicht wirklich durch die Schranke beim Einlass. Dann müssen wir dreimal umsteigen, was mit viel Wandern verbunden ist. Dann geht’s raus und der Weg von der U-Bahn zum Hostel ist noch länger. Taxi wär um einiges unkomplizierter und nicht einmal fünfmal so teuer!
Anschließend will ich zum Fälscherbasar und um Kleidung handeln. Hab ja extra nur das nötigste mitgenommen, um dann hier so viel wie möglich günstig zu erwerben. Trotz Beschränkung auf vier T-Shirts und dem nötigsten an Hosen hatte mein Koffer allerdings schon bei der Gepäckaufgabe 20,5 kg auf der Waage. 9,5 kg stehen noch bereit. Eigentlich weiß ich auch, wo der Basar ist. Aber nur eigentlich. In Wahrheit finde ich ihn nicht. Oder er ist verschwunden, wegen der Expo oder so. In einem Jahr passiert hier ja viel. Nach einer langen Odyssee schlägt Mini vor, zu einem anderen Markt zu fahren. Der hat dann schon geschlossen. Verschenkter Nachmittag.
Zumindest bekomme ich eine Telefon-Karte. Funktioniert zunächst aber mitnichten. Ich verfluche Vodafone. Ziehen mir auf Dauer das Geld aus der Tasche und lassen mich jetzt scheinbar in China nicht mal ne einheimische Karte benutzen. Ich schiebe Hasstiraden und laber Mini damit voll. Es stellt sich später heraus, dass ich die Karte falsch eingelegt habe. Dabei ist das mit der abgeknickten Kante doch scheinbar so einfach. Wer dennoch mal was über Vodafone hören will, der darf sich gerne bei mir melden!
Unterdessen liefen schon die Abendplanungen und irgendwelche Freunde Minis meinen, im Muse 2 ginge es ab. Sie warnt mich vor, dass es dann immer so abläuft, dass die männlichen Teilnehmer eine gewisse Summe Geldes in einen Topf schmeißen würden, davon gäbe es dann Getränke und Plätze für den ganzen Abend. Klappt vielleicht in der Theorie. Aber nicht, wenn der, dem ich das Geld gebe, schon sehr dubios wirkt und das Geld lieber in die schmutzige Kleidung stecken sollte, mit der er woanders wohl eher nicht einen solchen eher gehobenen Club kommt. Letztendlich bekomme ich zwei Gläser Mischungen. Und die auch nur während eines Würfelspiels in dem der Verlierer trinken muss. Anschließend heißt es, wir würden noch ins KTV gehen. Dafür müsste man aber nochmal was in den Pott schmeißen. Mini und ich lehnen das Angebot dankend ab. Ihr ist das alles etwas peinlich. Aber ich winke ab. Schwamm drüber.
Für so was spar ich ja extra beim Bahnfahren.

China #2.3 Schimmeln.

Nach drei Stunden ist meine Frist im Netz abgelaufen. Ich könnte verlängern. Hat mich aber immerhin schon fast nen Euro gekostet und ich will doch duschen. Und schlafen. Also gehen wir raus auf die Straße. Es ist hell und nach dem ersten Eindruck her weniger heiß und stickig als in der Nacht zuvor.
Wir klappern weitere fünf Hotels ab und kommen dem ganzen schon näher. Immerhin gibt es jetzt schon welche, die mich aufnehmen würden, wenn sie ein Zimmer frei hätten. Dann endlich finden wir eins. Zwar ist noch kein Raum frei, aber bis halb neun sollte sich das erledigt haben. Wir bekommen auch irgendwie einen Rabatt von 25 %. Wahrscheinlich wegen Schönheit. Oder wegen Mitleid, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass ich noch ansehnlich aussehe. Trotz erstgenannter natürlicher Schönheit. Wir sitzen bis halb neun auf der braunen Lederimitat-Couch im Foyer und auch noch bis halb zehn. Dann werden wir endlich herbeigewinkt zur Schlüsselübergabe. Das Aufstehen erweist sich als schwierig. Denn durch verschiedene Lüfte und Klimata muss sich mein Schweiß und was sonst noch so auf meiner Haut vorhanden war in eine Säure gewandelt haben. Zumindest bleibe ich zunächst kleben und ziehe dann einen großen Teil der obersten Schicht des Lederimitats ab. Die Couch steht im Schatten, da sieht man das nicht. Aber mein Shirt ist dahin. Macht aber nichts. War ja sowieso ein günstiges China-Produkt und kann nun, wie geplant, durch ein neues ersetzt werden.
Die Dusche ist eine Wohltat, das Bett anschließend auch. Zunächst bis zum Abend, als der Hunger ruft. Endlich wieder verschiedene Speisen zu Reis und dazu eine leckere Erbsen-Limonade. Dann wird ein wenig am People’s Square geschimmelt bevor es wieder ins Hotel geht.

Dienstag, 17. August 2010

China #2.2 Willkommen im Schweiß!

Mein Aufenthalt unter bösen Dubairanern, bei denen ich letztendlich kein Bier mehr bekam, hatte dann auch ein Ende. Den nächsten Flug sollte ich erstmal noch genießen, was angenehme Kühle betrifft. Wurde leider etwas übertrieben, ich saß die ganze Zeit in einer Decke eingehüllt. Da hatte Frank recht, als er fragte, ob mir eine kurze Hose und ein T-Shirt reichte. Egal, die Kälte bewahrte meine Blutgefäße vorm Ausdehnen und so drohte zumindest keine Thrombose.
Ich hätte mir denken können, dass das Entertainment-Programm von Emirates in jedem Flieger gleich ist und mir dann vielleicht nicht die besten Filme beim ersten Flug reinziehen sollen. So gab es trotz der großen Auswahl keinen Film, der mich spontan ansprach oder den ich nicht schon gesehen hätte. An Schlaf dachte ich dennoch nicht.
Warum auch? Wollte ich ja anschließend am Flughafen machen. Ankunftzeit war nämlich 2:30 Uhr in der Früh. Und da bin ich langsam Schwabe genug, um zu erkennen, dass sich 15 bis 20 Euronen und der volle Preis für ein Hotel-Zimmer nicht unbedingt für ein paar Stündlein Schlaf lohnen. Hab ja auch schon Erfahrung mit dem Schlaf an Flughäfen.
Entgegen vorheriger Ankündigungen treffe ich am Flughafen Mini. Sie ist mit der letzten Bahn gekommen. Das war um 21:00 Uhr am Vortag. Sechs Stunden hat sie also auf mich gewartet. Blöde Zeit für sie. Für mich aber ein kleiner Glückstreffer. Vorerst. Denn sie hat Türken getroffen, die auf der Expo arbeiten und ebenfalls auf meinen Flieger warten. Und sie verfügen über ein Auto, das zufällig noch zwei unbesetzte Plätze bereit hält. Und sie müssen zufällig in das Viertel, in dem Mini schon ein paar günstige Buden kontaktiert hat und freie Zimmer ausfindig machte.
Die Luft im Parkhaus deutet schon darauf hin, dass sich zu dem nicht so tollen Gefühl, über 24 Stunden in derselben Kleidung bei verschiedenen Klimata und Orten und ständig umgeben von Menschen zu stecken, auch noch eine ordentliche Portion Schweiß gesellen würde. Und so kam es dann auch, als wir an irgendeiner Straßenkreuzung rausgelassen werden. In jeder fremden Stadt hätte ich wohl einen Hauch von Panik verspürt, desnachts irgendwo rausgelassen zu werden, aber diesmal nicht. Ist eher ein Gefühl von Vertrautheit mit der Umgebung und so. So ein Gefühl von Heimat. Ach Quatsch, ich werde sentimental, aber ungefähr so ist es.
Schon Sekunden nach dem Aussteigen mache ich einen Tropfen kühlen Schweißes aus, der sich aus einer Drüse meines Rückens zwängt und schnell seinen Weg gen Erdmittelpunkt sucht, dahin, wo der Hintern sich spaltet. Ich will eine Dusche, jetzt. Hotel ist auch gleich erreicht. Wird mir gesagt. Gut, ein bisschen Gesuche ist noch dabei, Frauen und Koordinationen sind so ein Fall für sich, also erst etwas Taxi und dann nochmal laufen und dann endlich in den kühlen Vorraum des besagten Hotels. Klar, Zimmer gibt es noch. Auch trotz der Expo nicht so teuer. Aber wegen irgendeiner Versicherung sind Ausländer leider nicht Willkommen. Zu Zeiten der Expo, einer Weltausstellung, ist das natürlich ein toller Schritt. Auch die nächsten Hotels wollen mich nicht.
Den Rest der Nacht und den Anfang vom Morgen verbringe ich also in einer schäbigen Internet-Bar. Cola-Flecken auf dem Bildschirm und abgegriffene Tastaturen, viele schwitzende Buben ohne T-Shirt und ein dezenter Klo-Duft lassen mich dann endlich voll und ganz in China ankommen und alles noch vertrauter erscheinen. Einen Ekel empfinde ich nicht, schließlich passe ich in meinem Zustand gerade genau hier her.
Ob ich noch ein Hotel finde und wenn ja, wie viele, erfahrt ihr morgen, wenn mein Laptop wieder über genügend Akkumulator verfügt.
Gute Nacht!

Samstag, 14. August 2010

China #2.1 Diese Dubairaner

Der Papa ist wieder unterwegs nach ganz weit östlich. Gestern ging's los. Ab Frankfurt. Nicht so'n toller Flughafen. Was man da hauptsächlich machen kann, ist Schlange stehen, weil sämtliche Schalter unterbesetzt sind.
Flug war auch nicht so prickelnd. Viel zu viele Filme zur Auswahl und eigentlich wollte ich doch schlafen, ging ja über Nacht nach Dubai. Keine Beinfreiheit in den Maschinen der Emirates. Penn auch nur ne halbe Stunde, da der Herr hinter mir am Fenster Blasenschwäche hat und deshalb immer raus muss. Seine Blase scheint so schwer zu sein, dass er sich mit aller Kraft an unseren Sitzlehnen hochziehen muss.
Mir schlafen zweimal die Beine ein und einmal der Hals. Hab Glück, dass ich in Etappen fliege. Sonst hätte ich jetzt Thrombose. Und das wäre Gift! Passte bei Ankunft kaum wieder in meine Schuhe.
In Dubai lande ich um halb fünf morgens deutscher Zeit. Und darf hier sieben Stunden hocken. Ohne rauszugehen. Menschen überall. Und ich hasse Menschen! Gehen und stehen nur im Weg.
Der Flughafen ist jetzt auch nicht so toll. Liegt vor allem an den Shops. Finde einfach kein Bier.
Hebe trotzdem mal Geld ab. Kann ich ja. Umsonst. Hab aber keine Ahnung, was so eine Dubai-Geldeinheit wert ist. Ich darf minimal 100 Einheiten abheben. Mach ich. Dann geht's zum Tosi-Café. Eine Chai Tea Latte und ein Shrimp-Sandwich. Chai Tea Latte ist alle. Gut, dann nur eine normale. Macht 53 Dubai-Geldeinheiten. Ich reich ihm den abgegriffenen 100 Dinger-Schein. Sollte also 47 Geldeinheiten zurückbekommen. Ich bekomme drei gleichaussehende Scheine und zwei Münzen zurück. Auf den Scheinen steht '10'. Auf den Münzen nix. Kommt mir Spanisch vor. Oder Dubairanisch. Will nachfragen, was eine Münze für eine Wertigkeit besitzt. 7,50 Dubai-Dollar? Glaube ich nicht. Der Herr hinter der Kasse auch nicht. Ihm steigt die Schamesröte ins gebräunte Gesicht. Fühlt sich wohl ertappt, zieht auch sogleich nen vierten Schein aus der Tasche. Sagt, ich solle jetzt mit ihm und er Quittung zum nächsten Schalter gehen, wo ich meine Nahrung empfangen soll. Die 'garstige Bratkartoffel', wie die gute Julia S. aus F. ihn passend nennt, wollte mich also bescheißen. 15 Dinger wollte der für sich behalten. Und war bestimmt nicht das erste Mal. Ich glaube, das ist hier Masche. Deshalb sind die auch so reich, die Dubairaner, weil die allen gutgläubigen Touristen, die sich mit der Währung nicht auskennen, das Geld aus der Tasche ziehen. Nach nem halben Jahr können sie sich dann einen Porsche leisten, nach einem Jahr ein eigenes Schloss. Und das als normaler Verkäufer.
Aber nicht mit mir. Ich muss mich rächen. Für ihre veralterten Methoden. Ich halte der nächsten Tante hinterm Schalter meine Rechnung hin. Bekomm meine Latte. Aber mein Sandwich nicht. Kann mir vorstellen, dass es das ist, das da hinten noch steht. Aber sie sagen, das sei für Nummer 59. Ich bin 55. Ich warte also etwas. Halte aber weiterhin meine Quittung hin. Und dann ist kurz Positionswechsel im Rotationsprinzip im Café. Am Kaffee-Automaten steht die nächste Tante, guckt auf meine Quittung, und reicht mir die nächste Latte. Hat nen Wert von 18 Kröten. Die garstige Bratkartoffel und sein Laden haben also statt 15 Einheiten Gewinn gerade 18 Einheiten Verlust gemacht.
Zufrieden grinse ich in mich hinein. Eine halbe Stunde meiner Wartezeit ist somit schon fantastisch verbracht. Dürfte trotzdem noch langatmig werden. Brauche zum Öffnen einer Internetseite über fünf Minuten. Und dann sind die meisten auch noch gesperrt. Zum Beispiel Bild.de. Wie kann man bitte die Internet-Präsenz der BILD-Zeitung sperren? Das ist Entertainment pur! Drum meine Frage an alle da draußen: Gibt es Neuigkeiten von Lothar und Liliana?

Sonntag, 18. Juli 2010

Flip Flop-Bein und Maus-Finger

Sehr verehrte Welt der Medizin,

Nachdem Sie in vielen Studien das Phänomen des Tennis-Arms aufgeklärt haben, möchte ich nun auf eine weitere, neue Volkskrankheit hinweisen.

Zunächst haben wir den Maus-Finger!
Dieses Phänomen bezieht sich, zumindest bei mir, auf den Mittelfinger der rechten Hand. Der Mittelfinger der linken ist gerade und stolz, überragt alle anderen Finger. Der Mittelfinger meiner rechten Hand allerdings ist krumm und schief, gen Ringfinger gebeugt. Dieses Phänomen ist der häufigen Benutzung eines Computers in der Entwicklungsphase zuzuschreiben, da eben dieser Finger immer auf der rechten Maustaste lastete und vom Mausrad nach außen gedrängt wurde.
Sollte nun irgendjemand dazu geneigt sein, das ganze medizinisch weiter zu erforschen, so möge er dies tun. Als Dankeschön könnte man diese Volkskrankheit ja oeRque'scher Maus-Finger nennen.

Das Flip Flop-Bein!
Diese Krankheit zeichnet sich durch einen nervenden Schmerz am unteren Schienbein knapp über dem Sprunggelenk aus. Dieser Schmerz ruht daher, dass Flip Flops sich mit der Zeit ausweiten und man, zunächst unbewusst, aus Angst, die Schuhe zu verlieren, die Zehen spreizt um den Fuß künstklich dicker zu halten. Das geht einige Zeit gut, verleiht allerdings zunehmend einen Schmerz, der einem Muskelkater oder einer gereizten Sehne gleichkommt. Ich leide bereits seit 1,5 Wochen unter dem Flip Flop-Bein und bekomme meistens beim Fußball besondere Probleme. Ob diese Krankheit reversibel ist, bleibt zu erforschen.
Sollte nun irgendjemand dazu geneigt sein, das ganze medizinisch weiter zu erforschen, so möge er dies tun. Als Dankeschön könnte man diese Volkskrankheit ja oeRque'sches Flip Flop-Bein nennen.

Sonntag, 4. Juli 2010

Deutschland bumst euch weg, Alta!




Und wer hat's erfunden? Der oeRque.
Und damit gelangt er jetzt zu Weltruhm! Flensburg, Freiburg und Mexiko sind schon kontaminiert! Siehe diesen Link!

Freitag, 21. Mai 2010

Arbeitsunfall!




So sah ich vorgestern während und noch nach meinem Hiwi-Job aus.
Und das ist passiert: Ich bin unachtsam. Denn es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Arbeit ausführe, und so ist es nur all zu verständlich, dass sich ab und an mal der Schlendrian einschleicht, erst recht, wenn man schon um 8 Uhr auf den Beinen ist.
Ich besteige also mit diesem schweren Kübel die Trittbrettleiter, habe einen sicheren Stand, hole aus, übersehe jedoch den Metallstreben. Der Kübel schleudert dagegen, und ein großer Teil seines Inhalts spritzt heraus, auf mich, und nicht, wie gewollt, in den großen Container mit Restfarbe.
Ich habe Glück im Unglück, denn es ist nur wasserbasierende Farbe.
Die Dusche sieht anschließend aus, als hätte ich in ihr ein Schwein geschlachtet.

Donnerstag, 29. April 2010

Chinarestaurants in Deutschland.

Furchtbar!
Wir waren letztens in einem solchen, von dem man sagt, es würde noch am nahsten an die Originale aus Fernost rankommen, aber da muss jemand einen ganz schlechten Geschmackssinn haben.
Es fängt schon damit an, dass die Karte Deutsch ist und wir damit nicht viel anfangen können. Die chinesische gibt uns der sehr unfreundliche chinesische Kellner nur widerwillig. Beim Vergleichen stellen wir fest, dass die Gerichte mit dem chinesischen Namen viel teurer sind, als jene mit der deutschen Umschreibung. "Das ist, weil das richtige chinesische Gerichte sind." Aber dafür ist ein China-Restaurant doch da, um "richtige chinesische Gerichte" herzustellen, oder irre ich mich da?
Wir greifen auf die Gerichte mit der deutschen Umschreibung zurück, da wir es nicht einsehen, zehnmal so viel zu bezahlen, wie wir in China hätten hinblättern müssen. Wegen Mittagskarte zahlen wir nur ein Fünffaches. Und das ist ein Fehler. Es schmeckt sehr bescheiden, die schlechte Fertigsoße, die scharf sein soll, aber kein Stück scharf ist, sorgt dafür, dass ich nur widerwillig anstandshalber den halben Teller esse und sonst nur beim Reis bleibe.
Auch der entschädigende ausgegebene Schnaps hat nichts mit dem Teufelszeug aus Fernost zu tun.
Und so bleiben mir wohl lediglich die Erinnerungen an gutes chinesisches Essen!

Chinesische Austauschstudenten in Deutschland.

Die Chinesen auf unserem Campus sind blöd. Vielleicht nicht alle, aber auch nicht wenige. Ich gebe mir echt Mühe, Kontakte aufzubauen, damit ich sprachlich am Ball bleibe und vor allem, damit sie mir beibrigen, chinesisch zu kochen, was sie mir auch versprechen, aber nur, um sich danach nie mehr bei mir zu melden.
Und dann gibt es noch die Sport treibenden Chinesen, die gerne zu zwölft zum kleinen Fußballplatz kommen, zwei Mannschaften bilden und dann nur gegeneinander spielen wollen. Kommt man selber nur zu fünft an, darf man nicht spielen. "Das ist der Regel. Wir müssen auf der Regel hören." heißt es dann. Auch ist "der Regel", dass die gewinnende Mannschaft auf dem Platz bleiben muss, auch wenn sich draußen sieben andere Teams tummeln, die, sollten beide Teams ausgetauscht werden, nicht eine Stunde warten müssten.
Und so ist es für mich jetzt nur allzu verständlich, dass ich oft schräg angeguckt werde, wenn ich sage, dass es in China sehr schön war und man auch mit den Menschen da was anfangen kann.

Schäbiges Studentenpack!

Freunde, wir bewegen uns hier auf ganz dünnem Eis!
Bei der vom Studentenwerk beauftragten Küchen-Sauberkeits-Kontrolleuren haben wir schon lange verschissen, spätestens, als wir vor eineinhalb Jahren, sie sich uns nahen sehend, den beachtlichen Stapel ungespülten Geschirrs (30 x 120 x 50 cm) panisch mit Geschirrhandtüchern bedeckten und dafür den Kommentar "Verarschen kann ich mich auch alleine" ernteten.
Seitdem hagelt es Woche für Woche Reklamationen, was die Sauberkeit der Kochplatten, des Herds und der Arbeitsflächen betrifft. Und sollte wider Erwartens doch mal alles sauber sein, so gibt es bestimmt etwas an den Kühlschränken auszusetzen oder an den Eisfächern, die man abtauen kann, aber nicht muss, da es ein Kampf gegen Windmühlen ist, zwei Tage später ist wieder alles vereist.
Trotz intensivster Bemühungen, die nach einer Abmahnung vor ein paar Wochen dringend notwendig waren, kriegen wir das mit der Sauberkeit noch nicht so richtig auf die Reihe.
Zwar wird abends stets geputzt, jedoch gibt es immer noch einen, der anschließend noch einmal kocht (jedoch will es nie einer gewesen sein).
Nun, wie man sieht, bewegen wir uns auf ganz dünnem Eis.
Das Eis wird noch dünner, wenn auf unbekannte Weise am Haus noch zwei Scheiben kaputt gehen (nun gut, dafür hat man ja Doppelverglasung, damit eine Scheibe kaputt gehen kann, ohne dass man sofort friert). Und wenn dann noch in einem Wohnheim weit entfernt eine Austauschstudenten-Party über drei Etagen geht, die nach dreifachem Einschreiten der Polizei zerschlagen wird, sodass die Gesellschaft denkt, noch in unser Wohnheim einzukehren, binnen einer halben Stunde auf einen Tetra-Pack Rote Bete-Saft zu springen (was unsere Küche schön rot färbt), auf dem Tisch zu tanzen bis dieser zusammenbricht, die Bewohner von unten, sich im Praxissemester und damit nachts um drei im tiefsten Schlaf befindend, ruckartig zu wecken und somit gegen uns aufzubringen (trotz Abwesenheit unsererseits sind wir schuld) und letztendlich, alles gute und brauchbare plündernd das Schlachtfeld zu räumen, sodass Umut noch in selbiger Nacht drei Stunden Arbeit davon hat, dann wird es langsam kritisch.
Nun gut, der Tisch ist repariert und mit elf Winkeln verstärkt und da wir mit steigenden Temperaturen des öfteren grillen und somit die Küche sauberbleibt, schinden wir momentan hoffentlich genug Zeit um die Gemüter zu beruhigen, damit auch wir uns irgendwann wieder mal so richtig daneben benehmen können.

Dienstag, 13. April 2010

Ein Dilemma bahnt sich an!

Unsere Bürgerwache hat versagt. Der Kammerjäger spürte unser Revier zu einem Zeitpunkt auf, an dem man nicht erwarten kann, dass wir da wach sind; am Morgen.
Unsere kleinen Rattenfreunde haben schon schwere Verluste hinnehmen müssen, viele von ihnen schaffen es noch mit letzter Kraft an die Oberfläche. Das Sterben hat begonnen.
Doch gerade da sie den Tod an der Öffentlichkeit anstatt im Sterbebett in einem ihrer vielen Gänge bevorzugen, wird es zwangsläufig zum Dilemma kommen.
Denn, wie ich heute permanent aus meinem Zimmer beobachten kann, wird der Friedhof mit den verseuchten Kadavern von Wandalen aus der Lüfte geschändet. Die Elstern kommen im Sturzflug, landen direkt neben einer unserer toten Freunde und picken große Stücke Fleisch aus den leblosen Körpern, schlingen diese runter und sobald die Ratte leicht genug ist, wird sie im Schnabel wegtransportiert.
Die dämlichen Elstern wissen natürlich nicht, dass die Ratten verseucht sind, sie denken nur; Cool, Ratte zum Nulltarif, die fress ich. Nun sehe ich sie allerdings dauernd auf den Bäumen sitzen, sich dämlich benehmend. Ich glaube, das langsam wirkende Gift schlägt schon an. Die Elstern werden bald von den Bäumen fallen. Tot. Mausetot wie die Ratten. Und wer kommt dann? Richtig, die Katzen.
Die dämlichen Katzen wissen natürlich nicht, dass die Elstern verseucht sind, sie denken nur; Cool, Elster zum Nulltarif, die fress ich. Anschließend sehe ich sie wahrscheinlich dauernd auf den Mauern sitzen, sich dämlich benehmend. Das langsam wirkende Gift wird bald anschlagen. Die Katzen werden später von den Mauern fallen. Tot. Mausetot wie die Ratten. Und wer kommt dann? Richtig, die Hunde.
Die dämlichen Hunde wissen natürlich nicht, dass die Katzen verseucht sind, sie denken nur; Cool, Katze zum Nulltarif, die fress ich. Danach sehe ich sie wahrscheinlich dauernd auf dem Bäumen sitzen, sich dämlich benehmend. Das langsam wirkende Gift wird in Kürze anschlagen. Die Hunde werden bald einfach umfallen. Tot. Mausetot wie die Ratten. Und wer kommt dann? Richtig, die Chinesen.
Die dämlichen Chinesen wissen natürlich nicht, dass die Hunde verseucht sind, sie denken nur; Cool, Hund zum Nulltarif, den fress ich. Aber natürlich nicht alleine, das wird ein großes Festmahl. Nach diesem Festmahl sehe ich sie wahrscheinlich überall laufen, sich dämlich benehmend. Das langsam wirkende Gift schlägt schnell an (fehlt wahrscheinlich ein Enzym, wie das zum Alkoholabbau). Die Chinesen werden bald einfach umfallen. Tot. Mausetot wie die Ratten. Und wer kommt dann? Richtig, abermals Ratten.

Und wer ist Schuld an allem?
Nun, ich wage es nicht auszumalen. Sind es die Kammerjäger, die das Gift streuten? Sind es die Hausmeister, die den Kammerjäger riefen? Sind es die Studenten, die sich an den Ratten störten und zum Hausmeister gingen? Sind es wir, die wir in eine Kohabitation mit den Ratten eingetreten sind? Und sind es nochmal wir, weil unsere Bürgerwehr versagt hat?
Ich weiß es nicht. Ich kann auch gar nicht mehr klar denken in Bevorstehen dieses Teufelskreises.

Montag, 12. April 2010

Worauf die Chinesen so abfahren.

Fantastisch, was ich bei Youtube gefunden habe. Zu sehen ist eine Vorführung während der Feierlichkeiten zum Frühlingsfest im staatlichen Fernsehen.

我喜欢!


Montag, 5. April 2010

"Haste dir die Haare selber geschnitten, oder!?"

... war die provokative Frage meines Mitbewohners heute. Nein, ich hätte es vermutlich besser hinbekommen.
Ich war beim Billig-Frisör. Nun, billig ist nur die Qualität, denn 12 Euro für das Programm "Waschen, Schneiden, Fertig" finde ich jetzt nicht so wenig. Zumal ich auch gleich in den Stuhl gebeten werde und nicht erst zum Waschbecken. Aber vielleicht ist ja die Reihenfolge des Programms auch nicht so wichtig, das Waschen kommt später, denke ich mir, eigentlich eher, weil ich keinen Bock habe, nachzufragen, ob das ausbleibt.
"Alles mit Maschine?"
"Ja, also nein, an den Seiten geht, aber oben nicht, da bitte Schere."
"Also alles mit Maschine."
Zum Glück fragt sie noch, welche Länge mir an den Seiten denn beliebt, denn sonst sind ihr meine Wünsche recht egal, sie schwingt die Maschine erstmal wie eine Sense über meine Haarpracht, bis ich einen Topfschnitt habe, dann greift sie zur Schere. Aber auch die macht das ganze nicht besser, überall sind Beulen, auf dem Kopf mittig ist es kürzer als auf dem Kopf seitlich, hie und da spähen noch einzelne Haare aus der frisch rasierten Fläche, hinter den Ohren bleibt gar ne Menge stehen.
"Das nächste Mal lassen sie die Haare vorher gut durchwaschen, bei der Steifigkeit sieht man ja jedes Haar," ist ihre Entschuldigung.
"Das hatte ich ja auch eigentlich vor..."
"Ja, ist nämlich auch im Preis mit drin," sagt sie, während sie mit einer Ausdünnschere versucht, einen Längenunterschied auszugleichen, dabei aber die Stelle eher kahler, jedoch nicht kürzer erscheinen lässt.
Ich frag noch, ob ich vielleicht weniger zahlen müsste, weil ich ja keine Haarwäsche hatte. Nö, ginge nicht.
"Na gut, dann bekommen Sie auch kein Trinkgeld."

Hach, was wünsche ich mir doch die Frisöre aus China herbei, zu denen man ohne Erwartungen geht, aber stets zufrieden rauskommt und das fast ohne Vermögensverlust.

Sonntag, 21. März 2010

Alle Jahre wieder.

"Ich bin stinksauer. Der ganze Campus weiß bescheid. Alle Professoren. Ne Gummipuppe benutzen die Deutschen. Das finde ich erbärmlich," so unser Studiengangsleiter am Donnerstag. Und weiter: "Und dann verdrecken Sie die Wohnung, bevor sie abhauen. Ein riesiger Müllberg mitten im Raum und in jeder Ecke liegen Bierdosen. Dazu noch gebrauchte Taschentücher in den Betten, geht es denn noch?"
Zumindest war der Wortlaut so ähnlich. Ein wenig perplex waren wir zunächst, zum einen ob der Pingeligkeit der Nachfolger und zum anderen ob der anscheinend verwüstet hinterlassenen Wohnungen. Denn weiß Gott, und weiß Jojo und weiß Mini, die Wohnungen haben wir alle aufgeräumt und gereinigt hinterlassen. Und zu einem Weihnachtsbaum zusammengeklebte Bierdosen sehe ich nicht als Müllhaufen an, sondern als Kunst.
Bilder von unserer Wohnung, wie sie anscheinend eine Woche nach meiner Abreise bei der Ankunft der Neuen ausgesehen haben soll, gaben dann aber Aufschluss und den Grund für die bösen Worte des Professors. Denn wie sollen die ahnen, dass sich scheinbar jemand in dieser Woche in die Wohnungen eingenistet hat (zumindest in Philipps und Arnes sowie Lukas' und meine) und nicht nur Dreck gemacht haben, sondern auch Mobilar sowohl ausgeräumt als auch verkauft haben müssen. Denn in unserer Wohnung stand nichts mehr an Ort und Stelle; mein kompletter Zimmer-Inhalt wurde ins Wohnzimmer geräumt, ein Schrank und ein Tisch aus diesem fehlen jedoch, stattdessen steht Lukas' Schreibtisch nun dort.
Das gleiche Problem, nur nicht so ausgeprägt, hatten wir auch damals bei unserer Ankunft. Es war verdreckt, hinter meinem Bett lagen Kondome, gebraucht, aber anscheinend, laut chinesischer Meinung, sei es ausgeschlossen, dass jemand nach unseren Vorgängern drin war.
Ich tippe stark darauf, dass das Sicherheitspersonal mal etwas Urlaub machen wollte, denn diese hockten dauerhaft in ihrem kalten Bunker am Tor und nur sie wussten, wann wir alle abhauten, allein vom Beobachten und durch die Tatsache, dass ich einmal gefragt wurde, als ich aus Peking wiederkam, was ich denn noch hier täte.
Zwar sind die Wohnungen der Damen und von Denis sauber geblieben, was aber höchstwahrscheinlich daran lag, dass hier das Schloss in der Zwischenzeit ausgetauscht wurde, bei Philipp und uns nicht.
Verständlich ist jetzt auch, warum die Nachfolger unsere Fragen, wie es denn so sei, einfach ignorierten und konsequent nicht antworteten.
Hätten sie vielleicht lieber tun sollen, so schoben sie nun drei Wochen umsonst Hass auf uns, denn ich kann mein gutes Gewissen, die Wohnung sauber hinterlassen zu haben, nur bekräftigen!
Jawohl!

Montag, 15. März 2010

Unsere Küche soll dreckig sein?!

Das ist also das Resultat jahrelanger Küchenvernachlässigung. Wir haben hart dafür gekämpft, Woche für Woche Reklamationen eingesammelt, alles nur für diesen einen Augenblick, unsere letzte Mahnung.
Was die Damen Kontrolleure aber nicht wissen: Die Küche wird oft geputzt, vielleicht öfter als andere. Leider immer unmittelbar vor der Nahrungszubereitung, der Hygiene wegen. Dann wird groß aufgefahren, viele bunte Speisen angerichtet und die Küche ist voll. Und sie wird voller, da wir verdammt polarisierend sind und Freunde und Freundesfreunde sich bei uns wohlfühlen.
Nichtsdestotrotz haben wir dieses Wochenende genutzt und alles auf Hochglanz gebracht. Dank Max' Dampfreiniger ist alles hygienisch rein und sämtliche Flecken und Tomaten an den Wänden sind nun Thema der Vergangenheit.
Jetzt warten wir nur noch auf einen großen Moment: Die Endabnahme.



Freitag, 5. März 2010

Was gibt's neues in der Partyküche?

Ich war ihr ein Jahr fern, der guten alten Partyküche, die mich zuvor zwei Jahre lang durch's Studium begleitet hat. Ich fühlte mich auf Anhieb wieder wohl in ihr, auch wenn sich einiges getan hat.

Versüfftheit: Im vorletzten Jahr wurde die Küche einmal gestrichen. Halb weiß, halb orange. Sah nicht schlecht aus. Jetzt hat das Orange allerdings an Leuchtkraft verloren und das Weiß ist besprenkelt mit vielen undefinierbaren Flecken. Laut mehrerer Aussagen ist eine Kaffee-Maschine explodiert.

Gemütlichkeit: Es steht ein Ledersofa in der Küche. Vor der Küche liegt ausgerollt mein alter Teppich. An der Wand hängen alte Bilderrahmen, in einem hängt eine Sportler-Urkunde aus dem Jahre 1939. Im Flur bei Max ist Teppich ausgerollt. Und die Lampe wurde abmontiert und durch einen altmodischen Leuchter ausgetauscht. Gab Ärger vom Hausmeister. Besonders, da der Teppich festgeklebt ist.

Kommunismus: Es herrscht mittlerweile Kommunismus in der Küche. Jedem gehört alles. Besonders Tobias' Schrank gehört jedem. Ist vorteilhaft. Man muss nicht mehr blöd fragen und betteln, wenn man ein Bier haben möchte.

Tobias: Hat im letzten Jahr sein Sprachzentrum stark ausgeweitet. Ich dachte, das würde er nie mehr schaffen.

Kühlschränke: Einer ist kaputt gegangen. Jetzt haben wir mittlerweile drei in der Küche stehen, da beim kaputten zumindest das Eisfach noch funktioniert. Wird ganz schön eng mit dem Sofa und so.

Haustiere: Haben wir nicht direkt. Allerdings ein Hoftier. Draußen tollt Ole, unsere Hofratte, rum. Von Monogamie hält der Bengel nicht viel, hat sich schon die zweite Frau gesucht und erfreut sich des anonym ausgestreuten Futters. Hausmeister war schon da, mitm Kammerjäger. Aber wenn der wiederkommt, steht hier eine Bürgerwehr bereit.

Bewohner: Viele Austauschstudenten sind eingezogen. Die sind traditionell Feierfreundlich. Ich bin begeistert.

Putzfrauen: Sind neue, sehr nette. Verdrehen zwar immer die Augen, wenn sie den mit Flaschen gefüllten Tisch sehen und die Bierflecken auf dem Linolium-Boden. Erfreuen sich dann aber unserer Einsatzbereitschaft, zu fegen, Stühle zusammenzustellen und Flaschen wieder in die Kästen zu stellen. Würden auch gerne einen Kaffee mittrinken, haben aber keine Zeit. Sind zudem davon begeistert, dass so viel Teppich liegt. Das sind ein paar Quadratmeter weniger Wischfläche.

Kultgetränke: Um Klischees zu erfüllen, haben wir ein neues Nationalgetränk entworfen. Korn mit Sauerkrautsaft. Ist echt deutsch. Passt zu den Krauts. Bringt die Darmflora in Wallungen.

Trinkspiele: Umut hat ein tolles Trinkspiel erfunden. Man entnimmt einem vollen Eierkarton ein paar Eier. Anschließend gibt man ihm rum und jeder sticht in den geschlossenen Karton von oben mit einem Messer. Trifft er kein Ei, hat er Glück. Er darf die Eier neu durchmischen und es weitergeben. Trifft er ein Ei, muss er dieses in ein Glas kippen und mit Zucker und Wodka mischen. Dass das ganze getrunken werden muss, ist selbstredend.

Ach, schon die ersten fünf Tage lassen mich von einem schönen Semester träumen.

Sonntag, 28. Februar 2010

Tag 365: Abschließende Worte des Autors.

Vor genau einem Jahr sind wir nun also aufgebrochen, in die Fremde, ins Ungewisse, ins Reich der Mitte. In diesem Jahr haben wir viel erlebt, viel gesehen und viele Leute kennengelernt. Das alles sind Erfahrungen, die ich nicht missen möchte.
Auch wenn es manchmal belastend war, der selbstauferlegten Pflicht nachzukommen, so habe ich doch letztendlich stets gerne geschrieben und Tag für Tag berichtet, auch wenn es mal nicht so interessant oder lustig oder spannend zuging.
Ich hoffe, ich konnte das ein oder andere Elternteil schreibfauler Kommilitonen mit Informationen und Lebenszeichen des Sprösslings zufriedenstellen und einiges über das geheimnisvolle Land China berichten, richtigstellen oder aufklären. Vielleicht konnte ich auch bei dem ein oder anderen Interesse wecken, das Land zu besuchen.
Ich bedanke mich bei allen Lesern, jenen, die tägich mitfieberten und jenen, die ab und zu ein paar Minuten ihrer kostbaren Zeit geopfert haben, für das Interesse, die Kommentare und Anregungen. Auch danke ich meiner Familie, die mir es erst möglich gemacht haben, dieses Jahr in dieser Form zu gestalten.
Von mir wird es auch in Zukunft noch etwas zu lesen geben, allerdings wahrscheinlich nicht mehr in dieser Regelmäßigkeit.

Danke für 365 spannende, aufregende, lustige, feuchtfröhliche Tage und Nächte!

Mirko

Tag 364: Jahresückblick N° 2.

Und weiter geht's im Takt.

September: Unsere Betreuerin ruft mich oft früh an. Fragt, warum wir nicht bei der Vorlesung waren. Die Professoren haben also wieder gepetzt. Und ich darf dafür büßen. Der Rest schläft unbehelligt nach der langen Nacht weiter. Philipp lässt seinen Plan Wirklichkeit werden. Er mietet den schäbigsten Bus der Stadt und zwecks seines Ehrentages fahren wir damit durch Xi'an. Trinkend. Und feiernd. Ansonsten wird gelernt. Philipp feiert Geburtstag. Cathrin feiert Geburtstag.

Oktober: Eine Woche Ferien. China wird 60. Große Feiern. Lukas und ich sind beim Arbeitskollegen eingeladen. Anschließend zieht er mit Cathrin, Nadine und Hanna mit Jaks durch die Berge im Westen. Ich fahre nach Tianjin zur Hochzeit von Kou Shushen. Zuvor mache ich beim Kollegen schon eine Hochzeit mit. Wir preparieren uns hervorragend für Halloween. Feiern sogar zwei Tage. Kriegen das Geld für die Kostüme locker wieder raus. Im AiShang kriegen wir fast 100 Flaschen Freibier. In der Hostelbar belegen wir die ersten drei Plätze für unsere Kostüme. Verzehrgutscheine von beachtlichem Betrag sind die Preise. Andreas feiert seinen Geburtstag. Er glänzt durch Abwesenheit und Schnaps-Verzicht.

November: Schlagartig wird es kalt. Wintereinbruch. Jahrhundert-Schneefall. 15 cm Neuschnee. Komplettes Straßenchaos. Die Autos bleiben an der kleinsten Steigung hängen, Bäume knicken um wie Streichhölzer. Wir sollten lernen, da die ersten Prüfungen anstehen. Sind aber zu oft bei Bambi in der Hostel Bar. Ist nämlich viel spannender als lernen. Und wir sind schlaue Köpfe.

Dezember: Die letzten Prüfungen stehen an. Wir bestehen alle. Klar, haben uns ja auch das ganze Jahr gut ins Zeug gelegt und viel getan. In Peking verliere ich mein Handy und damit den kompletten Überblick über meinen SMS-Stand. Und damit auch die Nummer und die Adresse vom dort lebenden Thomas. Eine Odyssee sondergleichen durch die Hauptstadt beginnt. Meiner Schlauheit ist es zu verdanken, dass ich mich nicht ganz verliere. Unser Weihnachtsbaum wird fertiggestellt und Weihnachten wird schön gefeiert. Hanna zerstört meine selber gebastelte Krippe. Sie ist der Teufel. Lukas und Cathrin brechen zur großen Reise nach Thailand und Indien auf. Denis und ich fliegen Silvester nach Hong Kong. Der Rest treibt sich in Kunming rum. Hanna feiert Geburtstag.

Januar: Denis und ich begutachten zunächst den Bangkoker Sextourismus, anschließend das Korallenriff rund um Ko Tao. Schnorcheln zusammen mit Haien. Die ersten brechen die Heimreise an. Ich hingegen erwarte noch Besuch aus der Heimat. Mit Vater, Bruder und Kumpel landen wir ein paar Mal im 1+1. Fliegen jeweils am Ende raus. Die Garderobenhexe hat nicht gut lachen. Ich feier Geburtstag.

Februar: Ich begleite den Besuch mit nach Qingdao und Beijing. Lande letztendlich doch noch auf der Mauer. Ist aber schweinekalt da. Anschließend führe ich eine Woche lang ein Lotterleben in Xi'an. Bin zunächst alleine auf dem Campus, da sich der Rest verpisst hat. Dann kommt Mini, mit dem Lotterleben ist es aber nicht vorbei. Beuge dem Jetlag vor, indem nachts nicht geschlafen wird. Mein Bart wächst seit Weihnachten. Beim Rückflug ist viel Glück dabei. Zeitlich. Und von der Gepäckmenge. In München werde ich auseinandergenommen. Gehe mit dem Bart vielleicht schon als Terrorist durch. Muss mich in Deutschland an die Preise gewöhnen und an das Trinkgeld. Und, dass ich Kellner nicht einfach anschreien kann. Lukas feiert Geburtstag, aber nicht viele kriegen es mit. Ich blicke auf ein Spitzen-Jahr mit vielen Ereignissen zurück und möchte keinen Moment missen.

Samstag, 27. Februar 2010

Tag 363: Jahresückblick N° 1.

In jedem normalen Jahr neigen Fernsehsender und Zeitungen zum großen Jahresrückblick. Wir haben nun ein nicht so normales Jahr verlebt, also ist ein Jahresrückblick mehr als angebracht. Hier Teil 1, von März bis August.

März: Vor ein paar Tagen sind wir gelandet. Wir richten unsere Wohnungen her und leben uns ein. Der Intesivsprachkurs endet meistens früher, als geplant, da uns anscheinend noch ein Jetlag anzumerken ist. Wir knüpfen erste Kontakte, werden Mitglied in einem Fußballverein, fangen an, SMS zu schreiben. Wir müssen einsehen, dass Studenten in China nichts mit Studenten in Deutschland gemein haben. Sie trinken nichts und werden gezwungen, früh zu schlafen, kommen somit nicht mit in Discos, Partys verlassen sie um halb zwölf. Mit Rongo wird erster SMS-Kontakt aufgenommen. Denis feiert Geburtstag.

April: Wir fahren mit dem Auslandsamt nach Guilin. Dort beleidigt Denis ungewollt die voluminöse Neuseeländerin, die den Berg kaum hochkommt, in dem er sagt, sie bräuchte einen Carrier. Er meint Träger, sie legt es wohl als Flugzeugträger aus. Wem der Schuh passt... Unser Intensivsprachkurs endet, nun stehen vier Wochen Projektpraktikum an. Dieses läuft schleppend an, wird mit großen Plänen unsererseits fortgeführt. Am Ende versagen die Maschinen der Universität. Spätzle tritt in unser Leben. Er wird zunächst noch Zuhälter genannt. Wegen der Frauen, die er anschleppt. Unter ihnen Michelle. Sie verliebt sich spontan in mich und vergießt viele Tränen. Zu viele. Ich kann sie nicht zur Frau nehmen. Thomas feiert Gebutstag.

Mai: Es ist Sportfest. Wir landen im Medaillenspiegel auf Platz zwei, vor Großmächten wie den USA oder Frankreich. Gewinnen zumindest einen Spiegel durch Lukas. Die deutsche Delegation rückt an und die Uni feiert 60jähriges Jubiläum. Wir schließen unser Projektprakikum ab. Anschließend besteigen wir den Berg Hua. Einer der heilige Berge Chinas. Wir überwinden zwischen zehn Uhr abends und vier Uhr morgens 1700 Höhenmeter (nur über Stufen) und einige Klima-Extrema: im Tal ist die Kleidung bereits nach einer halben Stunde durchgeschwitzt, dann wird es immer kälter, besonders in den kalten Klamotten. Am Ende stoppt uns der Wind und die Warnungen der Kiosk-Besitzer, die sagen, weiterzuwandern sei zu gefährlich. Wär uns eigentlich egal, schließlich hat Arne zuvor für fünf Cent eine Lebensversicherung abgeschlossen. Zum Sonnenaufgang ziehen Regenwolken auf. Wir fahren nach Peking zur China-Print-Druckmesse. Ich esse Seidenspinnerraupen-Cocons und kotze die Nacht. Dem Darm geht es auch nicht gut. Unser Praktikum in der Firma beginnt. Am zweiten Tag der Praktikumszeit finden wir auch eine Firma. Chefe kümmert sich rührend ums Lukas und mich. Er sei von nun an unser chinesischer Papa. Sagt er.

Juni: Dieser Monat steht im Zeichen des Praktikums. Cathrin besucht uns ein erstes Mal. Wir fahren nach Shanghai zum Länder Spiel China - Deutschland. Werden mehr gefeiert, als die deutsche Elf. Stimmung und Spiel sind scheiße, es gibt kein Bier. Nachts begehen wir oft Hausfriedensbruch und landen im Campus-Pool. Ließen wir dort nicht einige Klamotten, würde die Campus-Polizei bestimmt auch nicht so oft hier rumfahren. Wir grillen das ein oder das andere Mal. Theresa fängt an, mich jeden Tag zu bitten, ihren Nono-Club aufzusuchen.

Juli: Ich lasse mir einen Irokesen schneiden und ihn blond färben. Theresa ist auch davon nicht abgeschreckt. Sie will mehr. Zum Beispiel Essen gehen. Sie lässt mich eineinhalb Stunden warten. Das Essen findet romantisch im Kentucky Fried Chicken statt. Das Praktikum endet. Viele von uns verreisen. Also alle. Ich bin erst in Japan und dann in Shanghai. Die Mama kommt. Nadine feiert Geburtstag. Arne auch. Aber keiner feiert mit ihm. Alle sind im Urlaub.

August: Mama verlässt mich und ich reise an der Ostküste entlang gen Süden. In Hangzhou spricht man mich an: "Excuse me, can I ask you a question? Are you gay?" Ich verneine und entschuldige mich sogar dafür. In Ningbo diene ich als Model. In Xiamen treffe ich Yiva, oder auch Ouwen genannt. Sie führ mich durch die Stadt und verliebt sich auch in mich. Ich habe Mühe, ihre Tränen zu trocknen. Ihren Kummer ertränkt sie selber in Schnaps. Ich kann sie nicht zur Frau nehmen und lasse sie zurück. Tut mir ehrlich leid. Ein bisschen. In Shenzhen, Hong Kong und Guangzhou kommuniziere ich nicht mit vielen anderen. In Qingdao wiederum lerne ich Kou Shenshu kennen. Er ist da für lästige Hochzeitsbilder. Ich werde spontan zur Hochzeit eingeladen. Und zum Essen in der Bierstraße. Es gibt Seafood und Rohbier. Das ist nicht gut. Ich erbreche am Tisch. Das darf man aber. Vor Mitternacht liege ich im Bett. Und bleibe da bis zum nächsten Abend. Der Kopf drönt. Aber Kous auch. Nie wieder Rohbier, sage ich mir. Am Abend trinke ich aber das nächste. Torben und Toni treffe ich in Shanghai. Es ist eine lustige letzte Woche Urlaub. Dann beginnt der Ernst des Lebens. Vorlesungen. Aber auch während der Vorlesungen kann man Spaß haben. Wir sind bei Sofitel zum Oktoberfest geladen. Nadine kann schließlich ganz gut mit dem Vertriebschef in China. Wir lassen richtig die Sau raus. Thomas und ich tragen Hemden, mit denen man sich in Deutschland nicht gerade blicken lassen kann. Ich lerne so Mini kennen, er seine Jing. Mini ist cool. Sie kann ich zur Frau nehmen.

Das zweite Halbjahr gibt es morgen zu lesen.

Tag 362: Was ich vermisse.

Ich vermisse China bereits. Irgendwie sehr sogar. Zum Beispiel vermisse ich...

... die dort gelebte Spontanität: Will ich irgendwo hin, gehe ich an die Straße, nehme kostengünstigst einen Bus oder ein Taxi und fahre hin, wo ich will, an jedem Tag, zu fast jeder Zeit. In Deutschland muss ich mich an eingeschränkte Öffnungszeiten gewöhnen, daran, dass ich zuhause nicht einfach in ein öffentliches Verkehrsmittel steigen kann und natürlich an die Preise. Womit wir auch beim nächsten Thema wären:
... das Preisniveau: Gelte ich in Deutschland als Student nicht gerade als Reich, lebe ich wie ein Krösus mit den gleichen Mitteln in China. Dort zahle ich keine Miete, kann günstig Essen gehen, eine Taxifahrt ist günstiger als in Deutschland die Anfahrt, Bus kostet 5 Cent, man gönnt sich gerne irgendwelchen Schnickschnack, kann gut reisen, viele Dinge besichtigen, alle paar Wochen zum Frisör gehen und dort viel mehr Luxus genießen, als in Deutschland, wo man das zehnfache loswerden kann, pro Woche einmal den Massage-Salon aufsuchen und von dem Ersparten oft auf den Putz hauen und raus gehen, in Discos, in denen das Preisniveau dem Deutschen ähnelt.
... das chinesische Essen: Ich habe im letzten Jahr nur zweimal selber gekocht. Die anderen zwar öfter mal und ich profitierte davon (allerdings wurde mir auch unterstellt, ich könnte nicht kochen und so hatte ich eine Ausrede), aber man kann einfach rausgehen, sehr günstig essen und hat dabei eine riesige Auswahl und fast alles schmeckt. Spontan könnte ich nur sagen, dass mir Stinke-Tofu nicht schmeckt und Seidenspinnerraupen-Cocons in Peking. Ansonsten hat mir Mini attestiert, dass ich ein sehr pflegeleichter Ausländer bin, der alles ist, was man ihm vorsetzt. Ich vermisse die Vielfalt pro Mahlzeit, da man ja viele verschiedene, kleine Dinge bestellt und von jedem ein wenig isst (hier gibt es ein großes Stück Fleisch, Kartoffeln und vielleicht eine Sorte Gemüse). Und ich vermisse, dass man viel essen kann, ohne groß zuzunehmen. Ich gucke heute einmal an mir herunter und frage mich ernsthaft, ob ich schwanger bin.
... im Mittelpunkt zu stehen: Eigentlich habe ich es geliebt, ein Exot zu sein. Ich habe es oft herausgefordert, indem ich mir die Haare beispielsweise die Haare extra blond gefärbt oder sehr farbenfrohe Kleidung getragen habe. Ich habe es genossen, viele Kontakte zu knüpfen, unkompliziert und ohne Verpflichtungen, im Urlaub alleine in eine Bar gehen zu können und kaum was bezahlen zu müssen, da Geschäftsmänner gerne meine Wenigkeit an ihrem Tisch hätten, gleichzeitig Damen klarzumachen, die mir am nächsten Tag die Stadt zeigen würden und auch so begehrt zu werden, wo man in Deutschland als Einheimischer schnell untergeht. Auch fand ich es schön, spontan auf Hochzeiten eingeladen worden zu sein, sogar das Angebot als Trauzeuge zu dienen bekommen habe, bei der Familie von Arbeitskollegen am Nationalfeiertag wohnen zu dürfen und in meinem Praktikumschef einen chinesischen Papa gefunden zu haben.
... meine Dusche: Es mag sich blöd anhören, aber ich weiß momentan unser Wohnheimsbadezimmer zu schätzen. Dort war es einfach. Man konnte zeitgleich duschen, Zähne putzen und den Klogang vollrichten, zudem wurde durch die Platzierung gleichzeitig die Waschmaschine mit etwas Spritzwasser gefüllt, sodass anschließend gewaschen werden konnte und, was viel wichtiger ist, das Klo geputzt. Anschließend wurde mit drei Handzügen (in den Händen befindet sich ein Wischer) der Boden trocken gezogen und die Lüftung angeschaltet, das wars dann. Jetzt wohne ich momentan zuhause in einem großen Bad, die Dusche ist von Glas umzogen, der Duschkopf ist riesig, sieht edel aus. Aber duschen ist kein großes Vergnügen mehr, denn jetzt muss man anschließen die gläsernen Wände trocken ziehen, damit keine Kalkspuren hinterbleiben, das gleiche auch mit den Kacheln. Und dann ist die Dusche nicht einmal dankbar, ca. drei Minuten nach Abschalten des Wassers folgt ein Schwall. Dieser fliegt von oben auf den Rücken und benässt diesen genauso wie die Wand.
... den Wasserspender: Ich bin im letzten Jahr zum Tee-Trinker geworden und habe es genossen, wann immer ich wollte, mir heißes Wasser nachzugießen. Das Leitungswasser war zwar ungenießbar, aber der Wasserspender, mit einem 19 Liter-Tank bestückt (kostet einen halben Euro), bot kaltes wie kochendes Wasser. Tee und Nudelsuppen waren also immer drin. Jetzt muss ich immer in die Küche und lange warten, bis der Wasserkocher mal was macht.
... Mini.

Und natürlich vermisse ich noch viel mehr Kleinigkeiten, die mir aber momentan noch nicht bewusst sind. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass die Dinge, die ich vermisse, die, die ich jetzt wieder wertschätze, überwiegen. Aber das legt sich bestimmt, geht etwas Zeit ins Land.

Tag 361: Was ich wieder zu schätzen weiß.

Nach einem Jahr Abwesenheit weiß ich mittlerweile einige, damals selbstverständliche Dinge, wertzuschätzen.
Das wär zum Beispiel...
... architektonische Beständigkeit: Was in Deutschland das Recht bekommt, gebaut zu werden, ist verpflichtet, für die nächsten hundert Jahre oder so auch stehen zu bleiben. So ist nicht jedes halbe Jahr ein Rebuild vonnöten und Baustellen sind verhältnismäßig wenige vorhanden. Außerdem blicke ich beim Aufwachen in unserem 25 Jahre alten Haus nicht auf einen von vielen Risse in der Decke, wie beispielsweise in China. Die Umgebung verändert sich also nicht und so habe ich keinerlei Probleme, irgendwelche Wege zu finden.
... deutsches Essen: Endlich gibt es zum Frühstück wieder krosse, nahrhafte Brötchen, belegt mit leckerer, nicht nach Chemie schmeckender Wurst, guten Käse und frischem Hack mit Zwiebeln. Später gibt es Braunkohl mit viel Fleisch. Am Stadion gibt es Bratwurst mit Senf. Alles Sachen, die zwar dick machen, aber auch lange den Hunger vertreiben.
... deutsches Bier: Klar. Besseres gibt es fast nirgends. Belgisches kann es vielleicht damit aufnehmen, aber das ist wie der Vergleich von Äpfeln und Birnen. Schließlich handelt es sich bei belgischem um, wie Ersttrinker sagen, Sekt-Bier.
... geordneter Verkehr: Hier bin ich etwas zwiegespalten. Wenn man fährt, ist es deutlich angenehmer, alles fließt beständig und schnell und Staus gibt es nur zu bestimmten Zeiten, nicht fast den ganzen Tag lang. Wenn ich aber zu Fuß laufe, wünsche ich mir manchmal das chinesische Chaos, dem man sich auch als Fußgänger einfach fügen kann und so locker eine Straße überqueren kann.
... nicht immer in der Öffentlichkeit stehen: Es war zwar schön, meistens, als etwas besonderes durchzugehen, wenn man in China in der Öffentlichkeit auftritt. Man kommt schnell in Kontakt, die Leute sind interessiert und spendieren gerne Getränke, allerdings oft aus Eigennutz und ziemlich oberflächlich. Chinesen selber ist nämlich ihr Gesicht sehr wichtig, und dieses kann man gewinnen (wahrscheinlich ist der Ausdruck nicht richtig, aber es ist nunmal das Gegenteil von verlieren und das Gesicht verlieren will keiner), scheinbar, indem man einer Langnase ein Getränk spendiert. Dann denken alle; Boah, der ist cool und reich, der spendiert ner Langnase ein Getränk. Oft sind es auch die Betrunkensten, die einen ansprechen. Ansprechen und anspucken gehen da dann aber meistens Hand in Hand, das Gesicht ist feucht und der Gegenüber unterschätzt seine eigene Lautstärke, sodass das Trommelfell schmerzt. Hier ist das nicht so in der Disco. Hier ist man 0815. Es sei denn, man trägt eine Häschenmütze. Oder man heißt Jürgen Drews. Den treffe ich heute nämlich in der Disco. Das heißt, vielleicht. Er sieht auf jeden Fall so aus. Und ich nenne ihn auch so. Dauernd. Ich stelle heute den Chinesen dar. Ich laber ihn voll, liebkose ihn, spucke ihm bestimmt auch unabsichtlich ins Gesicht, ein Bier bekommt er von mir auch und ich sage ihm, dass wir jetzt beste Freunde sind. Beste Freunde habe ich schon viele in China. Offiziell musste ich oft versprechen, dass wir beste Freunde sind. Und unter besten Freunden in China ist es meistens so, dass man ab dem Folgetag keinen Kontakt mehr hält.

Unbewusst weiß ich bestimmt noch viel mehr zu schätzen, aber das sind die Dinge, dir mir spontan einfallen.