Sonntag, 28. Februar 2010

Tag 365: Abschließende Worte des Autors.

Vor genau einem Jahr sind wir nun also aufgebrochen, in die Fremde, ins Ungewisse, ins Reich der Mitte. In diesem Jahr haben wir viel erlebt, viel gesehen und viele Leute kennengelernt. Das alles sind Erfahrungen, die ich nicht missen möchte.
Auch wenn es manchmal belastend war, der selbstauferlegten Pflicht nachzukommen, so habe ich doch letztendlich stets gerne geschrieben und Tag für Tag berichtet, auch wenn es mal nicht so interessant oder lustig oder spannend zuging.
Ich hoffe, ich konnte das ein oder andere Elternteil schreibfauler Kommilitonen mit Informationen und Lebenszeichen des Sprösslings zufriedenstellen und einiges über das geheimnisvolle Land China berichten, richtigstellen oder aufklären. Vielleicht konnte ich auch bei dem ein oder anderen Interesse wecken, das Land zu besuchen.
Ich bedanke mich bei allen Lesern, jenen, die tägich mitfieberten und jenen, die ab und zu ein paar Minuten ihrer kostbaren Zeit geopfert haben, für das Interesse, die Kommentare und Anregungen. Auch danke ich meiner Familie, die mir es erst möglich gemacht haben, dieses Jahr in dieser Form zu gestalten.
Von mir wird es auch in Zukunft noch etwas zu lesen geben, allerdings wahrscheinlich nicht mehr in dieser Regelmäßigkeit.

Danke für 365 spannende, aufregende, lustige, feuchtfröhliche Tage und Nächte!

Mirko

Tag 364: Jahresückblick N° 2.

Und weiter geht's im Takt.

September: Unsere Betreuerin ruft mich oft früh an. Fragt, warum wir nicht bei der Vorlesung waren. Die Professoren haben also wieder gepetzt. Und ich darf dafür büßen. Der Rest schläft unbehelligt nach der langen Nacht weiter. Philipp lässt seinen Plan Wirklichkeit werden. Er mietet den schäbigsten Bus der Stadt und zwecks seines Ehrentages fahren wir damit durch Xi'an. Trinkend. Und feiernd. Ansonsten wird gelernt. Philipp feiert Geburtstag. Cathrin feiert Geburtstag.

Oktober: Eine Woche Ferien. China wird 60. Große Feiern. Lukas und ich sind beim Arbeitskollegen eingeladen. Anschließend zieht er mit Cathrin, Nadine und Hanna mit Jaks durch die Berge im Westen. Ich fahre nach Tianjin zur Hochzeit von Kou Shushen. Zuvor mache ich beim Kollegen schon eine Hochzeit mit. Wir preparieren uns hervorragend für Halloween. Feiern sogar zwei Tage. Kriegen das Geld für die Kostüme locker wieder raus. Im AiShang kriegen wir fast 100 Flaschen Freibier. In der Hostelbar belegen wir die ersten drei Plätze für unsere Kostüme. Verzehrgutscheine von beachtlichem Betrag sind die Preise. Andreas feiert seinen Geburtstag. Er glänzt durch Abwesenheit und Schnaps-Verzicht.

November: Schlagartig wird es kalt. Wintereinbruch. Jahrhundert-Schneefall. 15 cm Neuschnee. Komplettes Straßenchaos. Die Autos bleiben an der kleinsten Steigung hängen, Bäume knicken um wie Streichhölzer. Wir sollten lernen, da die ersten Prüfungen anstehen. Sind aber zu oft bei Bambi in der Hostel Bar. Ist nämlich viel spannender als lernen. Und wir sind schlaue Köpfe.

Dezember: Die letzten Prüfungen stehen an. Wir bestehen alle. Klar, haben uns ja auch das ganze Jahr gut ins Zeug gelegt und viel getan. In Peking verliere ich mein Handy und damit den kompletten Überblick über meinen SMS-Stand. Und damit auch die Nummer und die Adresse vom dort lebenden Thomas. Eine Odyssee sondergleichen durch die Hauptstadt beginnt. Meiner Schlauheit ist es zu verdanken, dass ich mich nicht ganz verliere. Unser Weihnachtsbaum wird fertiggestellt und Weihnachten wird schön gefeiert. Hanna zerstört meine selber gebastelte Krippe. Sie ist der Teufel. Lukas und Cathrin brechen zur großen Reise nach Thailand und Indien auf. Denis und ich fliegen Silvester nach Hong Kong. Der Rest treibt sich in Kunming rum. Hanna feiert Geburtstag.

Januar: Denis und ich begutachten zunächst den Bangkoker Sextourismus, anschließend das Korallenriff rund um Ko Tao. Schnorcheln zusammen mit Haien. Die ersten brechen die Heimreise an. Ich hingegen erwarte noch Besuch aus der Heimat. Mit Vater, Bruder und Kumpel landen wir ein paar Mal im 1+1. Fliegen jeweils am Ende raus. Die Garderobenhexe hat nicht gut lachen. Ich feier Geburtstag.

Februar: Ich begleite den Besuch mit nach Qingdao und Beijing. Lande letztendlich doch noch auf der Mauer. Ist aber schweinekalt da. Anschließend führe ich eine Woche lang ein Lotterleben in Xi'an. Bin zunächst alleine auf dem Campus, da sich der Rest verpisst hat. Dann kommt Mini, mit dem Lotterleben ist es aber nicht vorbei. Beuge dem Jetlag vor, indem nachts nicht geschlafen wird. Mein Bart wächst seit Weihnachten. Beim Rückflug ist viel Glück dabei. Zeitlich. Und von der Gepäckmenge. In München werde ich auseinandergenommen. Gehe mit dem Bart vielleicht schon als Terrorist durch. Muss mich in Deutschland an die Preise gewöhnen und an das Trinkgeld. Und, dass ich Kellner nicht einfach anschreien kann. Lukas feiert Geburtstag, aber nicht viele kriegen es mit. Ich blicke auf ein Spitzen-Jahr mit vielen Ereignissen zurück und möchte keinen Moment missen.

Samstag, 27. Februar 2010

Tag 363: Jahresückblick N° 1.

In jedem normalen Jahr neigen Fernsehsender und Zeitungen zum großen Jahresrückblick. Wir haben nun ein nicht so normales Jahr verlebt, also ist ein Jahresrückblick mehr als angebracht. Hier Teil 1, von März bis August.

März: Vor ein paar Tagen sind wir gelandet. Wir richten unsere Wohnungen her und leben uns ein. Der Intesivsprachkurs endet meistens früher, als geplant, da uns anscheinend noch ein Jetlag anzumerken ist. Wir knüpfen erste Kontakte, werden Mitglied in einem Fußballverein, fangen an, SMS zu schreiben. Wir müssen einsehen, dass Studenten in China nichts mit Studenten in Deutschland gemein haben. Sie trinken nichts und werden gezwungen, früh zu schlafen, kommen somit nicht mit in Discos, Partys verlassen sie um halb zwölf. Mit Rongo wird erster SMS-Kontakt aufgenommen. Denis feiert Geburtstag.

April: Wir fahren mit dem Auslandsamt nach Guilin. Dort beleidigt Denis ungewollt die voluminöse Neuseeländerin, die den Berg kaum hochkommt, in dem er sagt, sie bräuchte einen Carrier. Er meint Träger, sie legt es wohl als Flugzeugträger aus. Wem der Schuh passt... Unser Intensivsprachkurs endet, nun stehen vier Wochen Projektpraktikum an. Dieses läuft schleppend an, wird mit großen Plänen unsererseits fortgeführt. Am Ende versagen die Maschinen der Universität. Spätzle tritt in unser Leben. Er wird zunächst noch Zuhälter genannt. Wegen der Frauen, die er anschleppt. Unter ihnen Michelle. Sie verliebt sich spontan in mich und vergießt viele Tränen. Zu viele. Ich kann sie nicht zur Frau nehmen. Thomas feiert Gebutstag.

Mai: Es ist Sportfest. Wir landen im Medaillenspiegel auf Platz zwei, vor Großmächten wie den USA oder Frankreich. Gewinnen zumindest einen Spiegel durch Lukas. Die deutsche Delegation rückt an und die Uni feiert 60jähriges Jubiläum. Wir schließen unser Projektprakikum ab. Anschließend besteigen wir den Berg Hua. Einer der heilige Berge Chinas. Wir überwinden zwischen zehn Uhr abends und vier Uhr morgens 1700 Höhenmeter (nur über Stufen) und einige Klima-Extrema: im Tal ist die Kleidung bereits nach einer halben Stunde durchgeschwitzt, dann wird es immer kälter, besonders in den kalten Klamotten. Am Ende stoppt uns der Wind und die Warnungen der Kiosk-Besitzer, die sagen, weiterzuwandern sei zu gefährlich. Wär uns eigentlich egal, schließlich hat Arne zuvor für fünf Cent eine Lebensversicherung abgeschlossen. Zum Sonnenaufgang ziehen Regenwolken auf. Wir fahren nach Peking zur China-Print-Druckmesse. Ich esse Seidenspinnerraupen-Cocons und kotze die Nacht. Dem Darm geht es auch nicht gut. Unser Praktikum in der Firma beginnt. Am zweiten Tag der Praktikumszeit finden wir auch eine Firma. Chefe kümmert sich rührend ums Lukas und mich. Er sei von nun an unser chinesischer Papa. Sagt er.

Juni: Dieser Monat steht im Zeichen des Praktikums. Cathrin besucht uns ein erstes Mal. Wir fahren nach Shanghai zum Länder Spiel China - Deutschland. Werden mehr gefeiert, als die deutsche Elf. Stimmung und Spiel sind scheiße, es gibt kein Bier. Nachts begehen wir oft Hausfriedensbruch und landen im Campus-Pool. Ließen wir dort nicht einige Klamotten, würde die Campus-Polizei bestimmt auch nicht so oft hier rumfahren. Wir grillen das ein oder das andere Mal. Theresa fängt an, mich jeden Tag zu bitten, ihren Nono-Club aufzusuchen.

Juli: Ich lasse mir einen Irokesen schneiden und ihn blond färben. Theresa ist auch davon nicht abgeschreckt. Sie will mehr. Zum Beispiel Essen gehen. Sie lässt mich eineinhalb Stunden warten. Das Essen findet romantisch im Kentucky Fried Chicken statt. Das Praktikum endet. Viele von uns verreisen. Also alle. Ich bin erst in Japan und dann in Shanghai. Die Mama kommt. Nadine feiert Geburtstag. Arne auch. Aber keiner feiert mit ihm. Alle sind im Urlaub.

August: Mama verlässt mich und ich reise an der Ostküste entlang gen Süden. In Hangzhou spricht man mich an: "Excuse me, can I ask you a question? Are you gay?" Ich verneine und entschuldige mich sogar dafür. In Ningbo diene ich als Model. In Xiamen treffe ich Yiva, oder auch Ouwen genannt. Sie führ mich durch die Stadt und verliebt sich auch in mich. Ich habe Mühe, ihre Tränen zu trocknen. Ihren Kummer ertränkt sie selber in Schnaps. Ich kann sie nicht zur Frau nehmen und lasse sie zurück. Tut mir ehrlich leid. Ein bisschen. In Shenzhen, Hong Kong und Guangzhou kommuniziere ich nicht mit vielen anderen. In Qingdao wiederum lerne ich Kou Shenshu kennen. Er ist da für lästige Hochzeitsbilder. Ich werde spontan zur Hochzeit eingeladen. Und zum Essen in der Bierstraße. Es gibt Seafood und Rohbier. Das ist nicht gut. Ich erbreche am Tisch. Das darf man aber. Vor Mitternacht liege ich im Bett. Und bleibe da bis zum nächsten Abend. Der Kopf drönt. Aber Kous auch. Nie wieder Rohbier, sage ich mir. Am Abend trinke ich aber das nächste. Torben und Toni treffe ich in Shanghai. Es ist eine lustige letzte Woche Urlaub. Dann beginnt der Ernst des Lebens. Vorlesungen. Aber auch während der Vorlesungen kann man Spaß haben. Wir sind bei Sofitel zum Oktoberfest geladen. Nadine kann schließlich ganz gut mit dem Vertriebschef in China. Wir lassen richtig die Sau raus. Thomas und ich tragen Hemden, mit denen man sich in Deutschland nicht gerade blicken lassen kann. Ich lerne so Mini kennen, er seine Jing. Mini ist cool. Sie kann ich zur Frau nehmen.

Das zweite Halbjahr gibt es morgen zu lesen.

Tag 362: Was ich vermisse.

Ich vermisse China bereits. Irgendwie sehr sogar. Zum Beispiel vermisse ich...

... die dort gelebte Spontanität: Will ich irgendwo hin, gehe ich an die Straße, nehme kostengünstigst einen Bus oder ein Taxi und fahre hin, wo ich will, an jedem Tag, zu fast jeder Zeit. In Deutschland muss ich mich an eingeschränkte Öffnungszeiten gewöhnen, daran, dass ich zuhause nicht einfach in ein öffentliches Verkehrsmittel steigen kann und natürlich an die Preise. Womit wir auch beim nächsten Thema wären:
... das Preisniveau: Gelte ich in Deutschland als Student nicht gerade als Reich, lebe ich wie ein Krösus mit den gleichen Mitteln in China. Dort zahle ich keine Miete, kann günstig Essen gehen, eine Taxifahrt ist günstiger als in Deutschland die Anfahrt, Bus kostet 5 Cent, man gönnt sich gerne irgendwelchen Schnickschnack, kann gut reisen, viele Dinge besichtigen, alle paar Wochen zum Frisör gehen und dort viel mehr Luxus genießen, als in Deutschland, wo man das zehnfache loswerden kann, pro Woche einmal den Massage-Salon aufsuchen und von dem Ersparten oft auf den Putz hauen und raus gehen, in Discos, in denen das Preisniveau dem Deutschen ähnelt.
... das chinesische Essen: Ich habe im letzten Jahr nur zweimal selber gekocht. Die anderen zwar öfter mal und ich profitierte davon (allerdings wurde mir auch unterstellt, ich könnte nicht kochen und so hatte ich eine Ausrede), aber man kann einfach rausgehen, sehr günstig essen und hat dabei eine riesige Auswahl und fast alles schmeckt. Spontan könnte ich nur sagen, dass mir Stinke-Tofu nicht schmeckt und Seidenspinnerraupen-Cocons in Peking. Ansonsten hat mir Mini attestiert, dass ich ein sehr pflegeleichter Ausländer bin, der alles ist, was man ihm vorsetzt. Ich vermisse die Vielfalt pro Mahlzeit, da man ja viele verschiedene, kleine Dinge bestellt und von jedem ein wenig isst (hier gibt es ein großes Stück Fleisch, Kartoffeln und vielleicht eine Sorte Gemüse). Und ich vermisse, dass man viel essen kann, ohne groß zuzunehmen. Ich gucke heute einmal an mir herunter und frage mich ernsthaft, ob ich schwanger bin.
... im Mittelpunkt zu stehen: Eigentlich habe ich es geliebt, ein Exot zu sein. Ich habe es oft herausgefordert, indem ich mir die Haare beispielsweise die Haare extra blond gefärbt oder sehr farbenfrohe Kleidung getragen habe. Ich habe es genossen, viele Kontakte zu knüpfen, unkompliziert und ohne Verpflichtungen, im Urlaub alleine in eine Bar gehen zu können und kaum was bezahlen zu müssen, da Geschäftsmänner gerne meine Wenigkeit an ihrem Tisch hätten, gleichzeitig Damen klarzumachen, die mir am nächsten Tag die Stadt zeigen würden und auch so begehrt zu werden, wo man in Deutschland als Einheimischer schnell untergeht. Auch fand ich es schön, spontan auf Hochzeiten eingeladen worden zu sein, sogar das Angebot als Trauzeuge zu dienen bekommen habe, bei der Familie von Arbeitskollegen am Nationalfeiertag wohnen zu dürfen und in meinem Praktikumschef einen chinesischen Papa gefunden zu haben.
... meine Dusche: Es mag sich blöd anhören, aber ich weiß momentan unser Wohnheimsbadezimmer zu schätzen. Dort war es einfach. Man konnte zeitgleich duschen, Zähne putzen und den Klogang vollrichten, zudem wurde durch die Platzierung gleichzeitig die Waschmaschine mit etwas Spritzwasser gefüllt, sodass anschließend gewaschen werden konnte und, was viel wichtiger ist, das Klo geputzt. Anschließend wurde mit drei Handzügen (in den Händen befindet sich ein Wischer) der Boden trocken gezogen und die Lüftung angeschaltet, das wars dann. Jetzt wohne ich momentan zuhause in einem großen Bad, die Dusche ist von Glas umzogen, der Duschkopf ist riesig, sieht edel aus. Aber duschen ist kein großes Vergnügen mehr, denn jetzt muss man anschließen die gläsernen Wände trocken ziehen, damit keine Kalkspuren hinterbleiben, das gleiche auch mit den Kacheln. Und dann ist die Dusche nicht einmal dankbar, ca. drei Minuten nach Abschalten des Wassers folgt ein Schwall. Dieser fliegt von oben auf den Rücken und benässt diesen genauso wie die Wand.
... den Wasserspender: Ich bin im letzten Jahr zum Tee-Trinker geworden und habe es genossen, wann immer ich wollte, mir heißes Wasser nachzugießen. Das Leitungswasser war zwar ungenießbar, aber der Wasserspender, mit einem 19 Liter-Tank bestückt (kostet einen halben Euro), bot kaltes wie kochendes Wasser. Tee und Nudelsuppen waren also immer drin. Jetzt muss ich immer in die Küche und lange warten, bis der Wasserkocher mal was macht.
... Mini.

Und natürlich vermisse ich noch viel mehr Kleinigkeiten, die mir aber momentan noch nicht bewusst sind. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass die Dinge, die ich vermisse, die, die ich jetzt wieder wertschätze, überwiegen. Aber das legt sich bestimmt, geht etwas Zeit ins Land.

Tag 361: Was ich wieder zu schätzen weiß.

Nach einem Jahr Abwesenheit weiß ich mittlerweile einige, damals selbstverständliche Dinge, wertzuschätzen.
Das wär zum Beispiel...
... architektonische Beständigkeit: Was in Deutschland das Recht bekommt, gebaut zu werden, ist verpflichtet, für die nächsten hundert Jahre oder so auch stehen zu bleiben. So ist nicht jedes halbe Jahr ein Rebuild vonnöten und Baustellen sind verhältnismäßig wenige vorhanden. Außerdem blicke ich beim Aufwachen in unserem 25 Jahre alten Haus nicht auf einen von vielen Risse in der Decke, wie beispielsweise in China. Die Umgebung verändert sich also nicht und so habe ich keinerlei Probleme, irgendwelche Wege zu finden.
... deutsches Essen: Endlich gibt es zum Frühstück wieder krosse, nahrhafte Brötchen, belegt mit leckerer, nicht nach Chemie schmeckender Wurst, guten Käse und frischem Hack mit Zwiebeln. Später gibt es Braunkohl mit viel Fleisch. Am Stadion gibt es Bratwurst mit Senf. Alles Sachen, die zwar dick machen, aber auch lange den Hunger vertreiben.
... deutsches Bier: Klar. Besseres gibt es fast nirgends. Belgisches kann es vielleicht damit aufnehmen, aber das ist wie der Vergleich von Äpfeln und Birnen. Schließlich handelt es sich bei belgischem um, wie Ersttrinker sagen, Sekt-Bier.
... geordneter Verkehr: Hier bin ich etwas zwiegespalten. Wenn man fährt, ist es deutlich angenehmer, alles fließt beständig und schnell und Staus gibt es nur zu bestimmten Zeiten, nicht fast den ganzen Tag lang. Wenn ich aber zu Fuß laufe, wünsche ich mir manchmal das chinesische Chaos, dem man sich auch als Fußgänger einfach fügen kann und so locker eine Straße überqueren kann.
... nicht immer in der Öffentlichkeit stehen: Es war zwar schön, meistens, als etwas besonderes durchzugehen, wenn man in China in der Öffentlichkeit auftritt. Man kommt schnell in Kontakt, die Leute sind interessiert und spendieren gerne Getränke, allerdings oft aus Eigennutz und ziemlich oberflächlich. Chinesen selber ist nämlich ihr Gesicht sehr wichtig, und dieses kann man gewinnen (wahrscheinlich ist der Ausdruck nicht richtig, aber es ist nunmal das Gegenteil von verlieren und das Gesicht verlieren will keiner), scheinbar, indem man einer Langnase ein Getränk spendiert. Dann denken alle; Boah, der ist cool und reich, der spendiert ner Langnase ein Getränk. Oft sind es auch die Betrunkensten, die einen ansprechen. Ansprechen und anspucken gehen da dann aber meistens Hand in Hand, das Gesicht ist feucht und der Gegenüber unterschätzt seine eigene Lautstärke, sodass das Trommelfell schmerzt. Hier ist das nicht so in der Disco. Hier ist man 0815. Es sei denn, man trägt eine Häschenmütze. Oder man heißt Jürgen Drews. Den treffe ich heute nämlich in der Disco. Das heißt, vielleicht. Er sieht auf jeden Fall so aus. Und ich nenne ihn auch so. Dauernd. Ich stelle heute den Chinesen dar. Ich laber ihn voll, liebkose ihn, spucke ihm bestimmt auch unabsichtlich ins Gesicht, ein Bier bekommt er von mir auch und ich sage ihm, dass wir jetzt beste Freunde sind. Beste Freunde habe ich schon viele in China. Offiziell musste ich oft versprechen, dass wir beste Freunde sind. Und unter besten Freunden in China ist es meistens so, dass man ab dem Folgetag keinen Kontakt mehr hält.

Unbewusst weiß ich bestimmt noch viel mehr zu schätzen, aber das sind die Dinge, dir mir spontan einfallen.

Montag, 22. Februar 2010

Tag 360: Bremen ist ein Dorf.

Bremen. Das ist so ne Sache. In China sagte ich immer, Bremen ist im Vergleich zu chinesischen Städten winzig, in Deutschland aber ordentlich dabei. Heute muss ich das revidieren, Bremen gleicht einem Dorf.
Dieser Meinung bin nicht nur ich, sondern auch Anna, die vor meinem China-Aufenthalt zwei Jahre in Hong Kong gelebt hat. Mit ihr war ich gestern das erste Mal in der Stadt. Die Straßen sind nicht gerade voll, kaum Verkehr und es gibt viele freie Parkplätze. Nach dem Besuch in einer teuren Cocktail-Bar (also normale Preise, aber für meine Erfahrungen natürlich teuer) fuhren wir ins Modernes. Da war ich früher nicht soo oft. Kam ja auch nicht oft raus, des Fahrproblems wegen. Dennoch kannte ich scheinbar die Hälfte der Besucher. Mindestens vom Sehen her. Das Publikum hat sich also kaum verändert.
Für heute, Sonntag, habe ich mir eine Karte für das Weserstadion ergattern können. Ich lasse mich zum Roland Center fahren und steige da in die Bahn. In meinen Erfahrungen war diese zu Werder-Spielen immer ziemlich voll. Aber ich habe freie Sitzwahl. In China muss nicht einmal ein Event stattfinden, da ist zu fast jeder Zeit jeder Bus voll.
In der Innenstadt steige ich aus. In der Fußgängerzone. Gut, es ist Sonntag. Da ist hier ja nichts los. Ist kein normaler Wochentag. Aber dass diese Straße, Dreh- und Angelpunkt der Stadt, so leer ist, dass, wenn ich etwas rufe, ich mein Echo hören kann, das habe ich verdrängt.
Und auch die anschließende Pilgerung zum Stadion hatte ich belebter in Erinnerung. Normalerweise war da doch kein Durchkommen. Zumindest ist dieses Bild in meinem Kopf verankert. Dagegen ist das nichts im Vergleich zu Xi'an oder anderen Städten. Allerdings sind ja auch nur 35.000 Leute unterwegs. Ein Zwanzigstel der Bevölkerung. Gleicher Anteil an Leuten in Xi'an hätte 400.000 Menschen bedeutet.
Zudem werde ich sehr komisch angeschaut. Wie auf einem Dorf kennt man nichts neues, also auch nicht, dass Mann mit einer rosa Häschenmütze rumläuft. Fast werde ich deswegen gehänselt. Aber as ist mir alles egal. Die Mütze erfüllt ihren Zweck. Und sie hat Stil. Und überhaupt sind das hier doch alles Dorftrampel.
Auf dem Rückweg nehme ich dann das erste Mal ein Taxi. Erfahrungsgemäß und auch, weil ich mich schließlich mittags nicht um einen Fahrer gekümmert habe. Während mir schon anders wird, als ich sehe, dass die Anfahrtskosten schon 1,5 mal höher sind, als die gesamte, gleichweite Fahrt in China, versuche ich den Fahrer von chinesischen Preisen zu überzeugen. Kann er nicht machen. Ich schaue lieber aus dem Fenster, um das Taximeter nicht zu beachten, das hektisch sekündlich in die Höhe schnellt.
Am Ende ziehe ich die Notbremse und lass mich ein paar hundert Meter rausschmeißen. Für diesen Preis wär ich von Xi'an bestimmt halb bis Beijing gekommen.
Aber auf dem Dorf genießt man als Taxifahrer scheinbar noch die Vorzüge der Exklusivität.

Tag 359: Besser nicht länger nach China telefonieren.

Ich benutze jetzt seit drei Tagen wieder mein deutsches Mobilfunktelefon, aus Gewohnheit in China sehr rege und telefoniere auch ab und an ins Reich der Mitte. Wird vielleicht ein bisschen was kosten, eins, zwei Euro mehr, denke ich. Heute schalte ich mal ins Internet und bemerke, dass ich mich um ein paar Euro versehen habe, denn die Rechnung steht bereits auf 75 Euro. Binnen drei Tagen. Wenn ich so weiter mache, habe ich im Monat eine Rechnung vorliegen, mit dessen Betrag ich auch zweimal nach China hin- und zurückfliegen könnte. Zudem stellt sich mein Handy an. Und zwar entsprechen Telefon und Akkumulator nicht dem gleichen Hersteller. Das war bisweilen nicht schlimm, da ich den Akku mangels Ladekabel sowieso immer mit einem chinesischen Aufladegerät aufgeladen habe. Das klappt hier nicht mehr, da es nicht in die Steckdosen passt. Und jetzt ist mein Akku alle und ich kann ihn nicht mehr aufladen.
Da fällt mir ein, dass ich meinen Mobilfunkvertrat kurz vor meiner Abreise vor einem Jahr noch verlängert habe. Wollte ich nicht, habe zuvor zweimal ein Kündigungsschreiben aufgesetzt, war letztendlich aber doch eine Hure, da ich mich kaufen ließ. Ich solle den Vertrag verlängern, auf Sparflamme laufen lassen, als Treuerabatt würde man mir auch noch eine Gutschrift zukommen lassen, damit ich das Jahr über kostenlos bleibe und wenn ich dann wieder aus China zurück bin, könnte ich den Vertrag wieder modifizieren und mir stünde wegen der Verlängerung noch ein vergünstigtes Mobilfunktelefon zu.
Also fahr ich, da ich durch die ganzen verschiedenen Tarife auf der Homepage nicht durchsteige, ausnahmsweise mal in ein Kundencenter eines großen deutschen Mobilfunkanbieters. Vielleicht können die mir ja auch noch was raussuchen, womit ich günstig nach China telefonieren kann.
Wir kommen auch sehr weit mit der Auswahl, lediglich nach China könnte ich nicht günstiger telefonieren. Und auf meinem Profil in deren Programm leuchtet dauernd eine rote Hand auf. Diese besagt, dass ich scheinbar schon ein vergünstigtes Telefon bezogen hätte. Hab ich aber ja nicht. Ein Anruf bei der Hotline hilft da weiter, denn der erklärt, dass ich dafür ja eine Gutschrift bekommen hätte. Hab ich auch. Einmal als Treuerabatt und einmal, weil mir mitten im China-Jahr aufgefallen ist, dass mein Vertrag mitnichten ganz runtergesetzt wurde und ich so Monat für Monat zu viel zollte. Eine Beschwerdemail mit Drohung auf Anbieterwechsel sorgte für die zweite Gutschrift.
Aber letztendlich wurde ich verarscht. Das sieht auch der gute Mann im Shop. Machen könnte er so aber auch nichts, also schlägt er vor, einfach diesen Vertrag kostenlos zu kündigen. Meine Nummer verlier ich zwar, dafür habe ich aber auch noch mehrere Auswahlmöglichkeiten für einen neuen Vertrag. Ich zöger zunächst, letztendlich komm ich aber mit besserem Netz so günstig weg, wie mein Bruder beim anderen Anbieter.
Ich bin also schon wieder käuflich. Aber so habe ich ein neues Mobilfunktelefon, einen recht günstigen Vertrag und hoffentlich weniger Ärger. Zudem stellt sich abends raus, dass ich auch Skype zum günstigen Telefonieren wieder benutzen kann.
Dennoch werde ich wahrscheinlich noch ein Beschwerdeschreiben aufsetzen. Schließlich haben viele Leute jetzt meine Nummer nicht mehr. Und das alles nur wegen derer Versäumnisse. Vielleicht setzt es dann noch eine Gutschrift, die meine Gesprächskosten nach China tilgt. Und vielleicht erzähle ich auch noch von den dortigen Gesprächskosten und sie nehmen sich daran ein Beispiel.
Schön wär's.

Tag 358: Wie viel sich in einem Jahr nicht verändern kann.

Morgens habe ich einen Zahnarzt-Termin. Hab ich alle halbe Jahre. Den Weg dahin kenn ich noch, hat sich ja nichts getan. In China hätte man in der Zeit bestimmt ein paar Straßen versetzt oder dicht gemacht.
Beim Zahnarzt hat sich nichts getan: Personal gleich, Einrichtung gleich, Untersuchungsergebnis gleich (tadellos), lediglich die Zeitschriften im Wartezimmer sind erneuert worden.
Nach meiner Rückkehr schnapp ich meinen Bruder, da ich ja neue Schuhe brauche, nachdem ich bis auf meine Wanderstiefel alles in China gelassen habe. Bei den Outlet-Stores ist die Auswahl weiterhin bescheiden, bzw. hässlich. Ich finde zum Glück ein Paar, das gefällt. Währenddessen beklage ich mich bei Torben, dass sich ja rein nichts verändert hat und dass ich davon enttäuscht bin.
Aber da fällt ihm was ein. Wir machen eine Fahrt zu meiner ehemaligen Schule: Tatsächlich, da wurde umgebaut. Aber vorher schon. Die Lehrer, die gerade Busaufsicht haben, sind mir hingegen aber alle bekannt. Dann fahren wir zu Schlachter Guder. Wahnsinn, die haben sich einen Glasvorbau geleistet. Ist jetzt ein High-Tech-Schlachter. Ich bin begeistert. Aber das ist nicht alles, was sich getan hat, wird mir versprochen. Wir fahren zu Bäcker Badberg. Noch ein Glasvorbau. Ich fall fast vom Glauben ab. Auf dem Weg liegt noch der Klosterhof, der aber abgefackelt ist und die Klosterscheune. Die macht aber dicht. Genau wie Bugsis Bahnhof. Schade. Begeisternd ist wiederum unsere Feuerwehr. Auch die haben sich einen Glasvorbau gegönnt.
Torben hat mich also überzeugt. Für ein Dorf ist das ne ganze Menge. Und man sollte auch stolz auf das deutsche Bauwesen sein, das dafür sorgt, dass nur seltenst ein Rebuild erforderlich ist, im Gegensatz zu China.

Tag 357: Erstmal ankommen.

Nach knapp einem Jahr, so dachte ich, sollte sich doch einiges verändert haben und ich müsste mich erstmal wieder einleben. Das hat sich nach zwei Minuten eigentlich erledigt. Es hat sich scheinbar nichts getan, die Pflanzen sehen nicht größer aus, der Kater ist weiterhin fett, an Möbeln wurde nichts in keinster Weise verrückt und ich meine auch, dass das Weizenbierglas neben der Spühle da steht seitdem ich das Land verlassen habe.
Auch in meinem Zimmer hat sich nichts getan, außer, dass auf dem Schreibtisch ein Stapel belangloser Post lagert.
Aber schön ist, dass sich so einiges nicht geändert hat. So bekomm ich zum Frühstück guten Latte Macchiato, frische Brötchen, guten Käse, Mett... und im Radio läuft auch wesentlich bessere Mainstream-Musik als im chinesischen.
So vergeht der Tag wenig spektakulär. Auch an den Zeitunterschied muss ich mich nach guter Vorbereitung nicht gewöhnen, ich schlafe gesunde sieben Stunden durch und bin zu normalen Zeiten wach. Abends bin ich auch nicht zu müde.
Jetzt könnte man also eigentlich was unternehmen. Und jetzt bemerke ich, dass ich mich doch wieder an etwas gewöhnen muss: Ich lebe hier aufm Dorf, habe keine Busanbindung in die Stadt und als ich mich nach draußen an die Straße stelle und auf ein Taxi warte, das mich für zwei Euro in die Stadt bringt, erfriere ich fast. Nein, die Spontanität, mit der ich in China gelebt habe, ist hier nicht mehr von Vorteil. Ab jetzt heißt es wieder: Mittags bereits überlegen, ob man abends raus will, dann Freunde anrufen (zu teuren Preisen) und einen Fahrer auserkehren.
Und eigentlich geht mir das schon auf den Geist.

Freitag, 19. Februar 2010

Tag 356: Rückreise - einfach mal drauf ankommen lassen.

Nach 15 Minuten klingelt der Wecker. Das war eine kurze Nacht und geschlafen habe ich am Ende nicht mal in dieser Viertel Stunde. Ich gehe in Denis' ehemalige Wohnung und genehmige mir eine letzte Dusche. Anschließend verstaue ich die letzte gebrauchte Wäsche im großen und meinen Laptop im Handgepäck-Koffer. Dann steht Jojo auch schon vor der Tür, um meine alten, nicht in den Koffer passenden Kleidungsstücke entgegenzunehmen. Er wird sie bedürftigteren überliefern. Ganz in meinem Sinne.
Und dann ist es auch schon 7:20 Uhr. Vor zwanzig Minuten wollten wir eigentlich schon im Taxi von Jojos Onkel sitzen, der uns günstig zum Flughafen bringt. Ich soll mich nicht sorgen, auf den Straßen ist wegen der Feiertage nichts los.
Gegen 7:55 Uhr sind wir dann auch da. Jetzt habe ich noch 15 Minuten, um meinen Koffer abzugeben. Aber die Schlange macht nicht den Anschein, als hätte sie sich in dieser Zeit abgebaut. Ein wenig Schweiß steht mir auf der Stirn. Dann kommt ein Aufruf. Man könne auch an einen anderen Schalter gehen. Der ist dann aber auch schnell voll. Der Schweißpegel steigt. Ich gehe einfach zum 1. Klasse-Schalter. Und ich werde abgefertigt. Einfach so. Nicht mal die 4 kg Übergepäck werden moniert (den schweren Handgepäck-Koffer habe ich lieber vorher bei Mini gelassen). Der Schweiß trocknet wieder.
Nun heißt es Abschied nehmen. Fällt mir schwerer, als gedacht. Nach einem Jahr hängt man doch sehr an der Stadt, an den Umständen, den Freunden und der Freundin. Leicht ist es nicht. Und so fällt der Abschied etwas länger aus. Kann ich mir aber leisten, habe nämlich schon einen Security-Check-Schalter für zu-spät-Kommer ausfindig gemacht.
Dennoch ist so ein Security-Check nervig, erst recht, wenn man aus einer der zwei Taschen noch einen Laptop friemeln muss, der gerade so in die Mitte, unter dem komprimierten Wäschestapel, über den Büchern. Und dann muss man das ganze wieder ordentlich einräumen.
Der Weg danach zum Gate ist länger, als er auf den Schildern erscheint. Am Gate steht dann auch kein Passagier mehr, ich bin der letzte. Aber im Flieger stehen sie bestimmt wieder und räumen erst mal ihr Handgepäck gemächlich ein, bevor sie Platz für weiter hinten sitzende machen. Das wird also passen. Würde passen. Wenn ich nicht irgendwo auf dem Weg meine Boarding-Karte verloren hätte. Nun brauchen die Herrschaften aber mein Ticket, sonst komme ich nicht rein. Ich frage, ob ich zurückgehen und es suchen soll. Aber sie sehen selber ein, dass der Weg bis zum Security-Check und zurück zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Der Schweiß auf der Stirn steigt. Und unter den Achseln auch. Unschön. Ich drücke noch etwas auf die Tränendrüse, sag, dass ich nach Hause muss und schon kann man mir ein neues Ticket ausdrucken. Und dann, anstatt mich zu bestrafen, lässt man mich nicht auf einem der mittleren Plätze sitzen, sondern bittet mich in die letzte Reihe, die komplett frei ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich dort Frühstück und Trinken als erster serviert bekomme. Trotzdem ich jetzt sitze und nicht mehr viel schief gehen kann, schwitze ich weiter und frage mich, warum ich überhaupt geduscht habe. Ich ziehe meinen Pullover aus und bemerke, dass es vielleicht nicht so von Vorteil ist, wenn auf meinem T-Shirt "Mr. Jihad" steht und ich zudem einen zwei-Monats-Bart trage.
In Beijing lande ich ausgeruht und der Schweiß ist getrocknet, die Drüsen nehmen allerdings wieder Fahrt auf, als ich in der Schlange zum erneuten Check-In stehe. Denn ich habe, streng genommen, über 20 kg Übergepäck. Wenn die Lufthansa heute auf Geld aus ist, können sie an mir 600 Euro verdienen. Also könnten sie. Wenn ich das zuließe. Aber dann würde ich eher sämtliche Bücher rausschmeißen, denn die sind insgesamt lange nicht so viel wert, wie ein Kilo Übergepäck ausmacht (30 Euro).
In der Schlange am Check-In komme ich immer weiter voran, was daran liegt, dass sich viele davon überzeugen lassen, dass es verdammt wichtig ist, seinen Koffer gegen plötzliches Aufspringen zu versichern und einen Gürtel drum bindet. Dieser Gürtel ist dann aber vier Meter lang und nur mit einer bestimmten Technik, die erst langsam von den Massen verstanden wird, kriegt man das ganze dann auch fest und dicht.
Wie der Zufall es will, werde ich dann wieder an den 1. Klasse-Schalter gewinkt (ja, es heißt gewinkt!). Und der Dame sind meine 4 kg Übergepäck und meine Handgepäckstücke ebenfalls komplett egal. Der Lufthansa geht es also anscheinend sehr gut, sind auf meine weitere Kohle nicht angewiesen. Gut so.
Auf dem Flug sollte ich eigentlich schlafen. Habe ich in den letzten 24 Stunden nicht. Aber da ist leider das zu gute Service-Angebot (hat sich im Vergleich zum Hinflug stark verbessert); es gibt wirklich gutes Essen, feines, herbes Wahrsteiner, derer ich gerne einige bestelle, bis es irgendwann heißt, sie seien alle und ich auf Wein umstelle und man hat einen eigenen Bildschirm und eine Auswahl an Filmen. Ich schlafe während der zehn Stunden maximal zwei, und zwar immer, als ich den neuen Matt Damon-Film (der Informant) sehe (ich fang ihn drei Mal an). Aber das ist kein Wunder, die Kritiken und die Vorschau des Films sind eher vernichtend.
In München darf dann nochmal die Schweißproduktion angetrieben werden, aber letztendlich ist die Zollkontrolle ungefährlich, zumal vor mir auch ein paar Chinesen nicht wussten, wie viele Zigaretten sie wohl mitnehmen dürften und sie hier erfahren, dass vier Stangen zu viel sind.
Allerdings muss ich abermals durch einen Security-Check. Vor mir legt eine vierköpfige chinesische Familie 17 Handgepäckstücke auf das Band, da darf ich mit drei Teilen (in Beijing habe ich noch mein letztes Geld für guten Tee verprasst) jawohl keine Probleme bekommen. Lästig ist nur der Laptop, der wieder ausgepackt werden will. Aber da habe ich die Rechnung ohne die deutsche Sorgfalt gemacht. Zwar sieht man nicht mein T-Shirt, aber der Bart und die tief ins Gesicht gezogene Mütze lassen mich wohl musulman erscheinen, zumindest werde ich hart kontrolliert. In Beijing war alles egal, Gürtel, Wanderschuhe, Geldklammer, aber hier muss ich alles ablegen. Und dann wird mir der Handscanner, nachdem ich zuvor schon überall abgetestet werde, und zwar an jedem Quadratzentimeter meines Körpers, fast, einfach, die Hose anlupfend, von oben in den Genitalbereich geschoben, als könnte es sich auch um eine Stange Dynamit handeln und nicht um ein Organ. Anschließend gibt es in meiner Tasche noch Batterien. Jo. Vom Handy. Und von der Kamera. Jeweils zwei. Jeweils eine im Gerät und eine als Ersatz. Und der Laptop-Ersatz-Akku. Und im anderen Koffer ist ganz unten noch so eine Schachtel, die direkt zwischen die Schiene des Haltegriffs passt. Da sind Steine oder so drin. Jo. Steinstempel. Geschenke für die Familie. Können Sie sich ja mal anschauen. Ach, und Shakespeare lesen sie also auf Chinesisch? Werde ich verachtend gefragt. Jo. Sie nicht? Es braucht eine ganze Zeit, bis man mir dann doch das Einverständnis erteilt, weiterfliegen zu dürfen. Und dann braucht es noch eine ganze Zeit, bis ich alles wieder eingeräumt habe.
Dann bin ich ausgepowert und brauche Stärkung. Ich finde sie in zwei Weißwürsten und einem Weizen. Für 8,40 Euro. Ich danke dem Flughafen München sehr, dass man mir mit dieser Sorgfältigkeit und den horrenden Preisen ganz klar deutlich macht, dass ich wieder in Deutschland bin. Für den Preis hätte ich in China fünf Leute satt bekommen. Aber da bin ich jetzt nicht mehr.
Von München nach Bremen setzt es dann noch ein Wahrsteiner, die Zollbeamten dort sind auch nicht mehr wirklich interessiert, was bei der späten Ankunftszeit auch kein Wunder ist und hinter den Toren wartet dann ein Teil meiner Familie mit ein paar Flaschen Haake Beck.
Dieses Bier steht dann auch zuhause auf dem Tisch samt Zutaten für Matjes- und Mett-Brötchen. Ein Gaumenschmaus. Ich sitze bis vier Uhr desnachts. In China wär es 11 Uhr morgens. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, dann komm ich in den letzten 48 Stunden auf 2 Stunden und 15 Minuten Schlaf.

Tag 355: Packen.

Eigentlich habe ich schon 20 kg an Klamotten nach Hause geschickt. Wobei, 20 kg hat der Koffer insgesamt gewogen und der Koffer selber hat ja auch noch ein paar kg an Gewicht. Aber dennoch eigentlich eine gute Menge. Und das Gewicht meiner restlichen Kleidung, die in meinen Handgepäckkoffer locker passt und die ich dennoch heute in einen Vakuumbeutel stopfe und dann ihrer Luft beraube, beläuft sich auf lediglich 7 kg. Der Stapel Bücher, den ich mir rausgesucht habe, wiegt genauso viel. Das ganze habe ich schon vor fünf Tagen gewogen und seitdem kreist in meinem Kopf der Gedanke, was ich denn wohl noch mitnehmen könnte, damit ich auf mein Gewicht komme. Ich habe schließlich so viel für den Flug bezahlt und möchte das auch ausnutzen.
Während des Packens fällt mir dann noch mein Anzug ein. Und meine zweite Jacke. Und dann sind da noch die Fußballschuhe. Und meine Wanderstiefel. Zwei Rucksäcke sind auch noch da. Und ein Handtuch in Deutschland ist jetzt auch nicht soo billig. Und nehm ich Duschgel mit? Was ist mit den Steinstempeln? Und mein Vorrat an den ganzen Karteikärtchen, mit denen ich Zeichen gelernt habe? Brauche ich noch die Verpackung von iPod, Kamera und PSP, die ich hier gekauft habe? Arne wurde auch noch aufgefordert, dafür zu sorgen, dass für die HdM noch ein paar Lehrbücher mitgenommen werden, damit man im nächsten Semester in einem Projekt ein weiteres fachspezifisches Wörterbuch erstellen kann. Soll ich also alle mitnehmen?
Nun, ich lege erst einmal alles sorgfältig in Koffer, Handgepäck-Trolli und Umhängetasche. Trotz komprimierter Klamotten passt das ganze hinten und vorne nicht.
Ich belass es bei nur wenigen Fachbüchern. Verpackungen braucht kein Mensch, Ladekabel reichen. Zeichen, so belüg ich mich selber, habe ich alle im Kopf. Steinstempel belass ich. Duschgel ist fast alle. Mein Handtuch wird vor der Abreise noch einmal benutzt und ist dann nass, dann bin ich fast 24 Stunden unterwegs und werde nach der Ankunft bestimmt nichts mehr ausräumen, das würde also stinken und faulen. Brauch ich nicht. Rucksäcke belade ich mit Büchern. Anzüge passen irgendwie. Fußballschuhe auch. Nur die Wanderstiefel werde ich wegen des Gewichts alleine wohl wieder anziehen, dafür meine normalen Schuhe dort lassen. Die sind sowieso gefälscht und lösen sich schon beim normalen Rumstehen auf. Braucht kein Mensch.
Nun lässt sich mein Koffer schließen, aber die Analogwaage zeigt einen Delta-Wert zwischen mir ohne und mit Koffer von 24 kg an. Bei dem Handgepäck-Trolli sind es 16 kg. Bei der Umhängetasche 8 kg.
Das sind summasummarum 48 kg. Und dabei ist mein Laptop noch gar nicht im Handgepäck untergekommen. Mit 50 kg darf ich also rechnen, das ist nur leicht mehr als die 14 kg, die die ganzen Tage über in meinem Kopf rumschwirrten.
Ich vertraue einfach mal auf die Gutmütigkeit der Grenzbeamten und miste nicht noch mehr aus. Denn jetzt ist es gerade so gut, dass der Koffer richtig gefüllt ist. Er geht gut zu, aber nichts fliegt einfach durch die Gegend.
Den Abend wollte ich wegen des frühen Abflugs und der Pflicht, neben dem Putzen der Wohnung (klappt, naja, bedingt hervorragend) und dem Waschen der Bettwäsche, im Hotel verbringen, aber da bei Bambi nichts mehr frei ist und ich auch zunächst den Menschen von der Schlüsselübergabe nicht erreiche (den gebe ich morgen einfach Jojo, der soll sich drum kümmern), bleiben wir doch noch die letzte Nacht in der Wohnung, wobei ich bemerke, dass ein Hotel sich auch gar nicht lohnen würde, denn es ist Viertel vor sechs, als ich einschlafe.
Jetzt ist schnelles Power-Bubu angesagt, denn in einer Viertel Stunde muss ich aufstehen und duschen. Und mich dann abtrocknen mit dem Handtuch, das ich anschließend zurücklasse.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Tag 354: Verficktes Heizsystem.

Mini erwacht bibbernd. Dabei liegt sie doch an der Heizungsseite. Aber das ist das Problem. Die Heizung ist eiskalt. Ein Blick auf den Boiler lässt mich erkennen, dass das Gas alle ist. Schon wieder. Ich habe erst im Januar eine Menge Geld raufgeladen, aber warme Duschen, Waschmaschinen und die Heizung, die man ziemlich heiß stellen muss, da sie sonst nicht gegen die schlecht isolierten Wände ankommt, fressen Gas wie Chinesen Reis. Da hilft es auch nichts, dass ich so selten wie möglich gespült habe.
Nun ist das Gas also alle. Warum ist es auch ein Prepaid-System, das einem nur mit Morse-Signalen sagt, wie viel Liter Gas noch vorhanden sind. Und woher soll ich wissen, ob diese Menge dann viel oder wenig ist? Ich hasse dieses Heizsystem.
Ich könnte jetzt wieder rausfahren und die Karte aufladen. Dann hätten wir es bald wieder warm. Und unsere Nachfolger. Dagegen spricht aber, dass aufgrund der Feiertage Taxis ziemlich rar sind. Busse fahren auch kaum. Und dann weiß man ja auch nicht, ob beim Gasladen jemand anwesend ist und darauf wartet, dass ich komme. Außerdem sind es nur noch zwei Tage. Und ich habe immer noch die Klimaanlage, die auch wärmen kann.
Für Erwärmung sorgt die ganz toll. Allerdings hauptsächlich für die der Erde. Der globalen Erde. Denn irgendwie pustet sie zwar warme Luft rein, die auch wirklich warm ist, wenn man drunter steht, aber das ganze geht ziemlich schnell flöten, wenn sie nicht permanent läuft. Drum läuft sie permanent, obwohl ein großer Aufkleber zeigt, dass sie die Energiesparstufe 5 von 5 erreicht. Ich glaube, da das ganze auch noch rot gekennzeichnet ist, dass das nicht soo gut ist. Andererseits habe ich in einem Jahr 1700 Yuan für Strom und Wasser bezahlt, als 150 Yuan pro Monat, dagegen aber für einen Monat Gas 350 Dinger.
Diese Rechnung reicht, um mich heute zu keiner großen Aktion zu bewegen. Ich mach den Boiler aus, drehe den Haupthahn zu, weise an, dass die Gardinen zur Isolierung möglichst permanent geschlossen bleiben und stelle die Klima auf 30 °C bei mittlerer Windstärke.
Und die Klimaanlage läuft und läuft und läuft. Das ist mal ein gutes Heizsystem!

Tag 353: Jahr des Tigers.

Heute ist Neujahr. Chinesisches. Wir passen uns abermals an und tun das, was man als Chinese so macht: Zuhause bleiben. Denn draußen gibt es nichts. Man ist zuhause und isst zuhause, man ist froh, dass möglichst alle Familienmitglieder anwesend sind, oder man täuscht es zumindest vor und man freut sich vor allem, dass man eine Woche aufgezwungenen Urlaub hat, denn außer Taxi-Fahrer, sehr wenigen Restaurants und Feuerwerks-Verkaufsständen sowie Campus-Sicherheitsbeamten hat nichts geöffnet, die Industrie liegt brach, könnte der Luft vielleicht mal ganz gut tun.
Im TV wird die gestrige 'Silvester'-Show rauf und runter gespielt, dieses Mal mit Untertiteln. Sie wird dadurch nur bedingt spannender für mich. Wir haben noch genug Essen, müssen also auch gar nicht raus. Ab und an wird da noch geknallt, aber viel ist das nicht.
Heute ist noch ein Tag der Ruhe, bevor morgen das große Reisen beginnt. Dann fährt man zur Familie der Frau oder zu anderen Verwandten. Ich habe gestern gelesen, dass sich diese Woche die Zahl der Reisenden in China auf 2,6 Milliarden Menschen belaufen wird. Nicht schlecht für einen Staat, der 'lediglich' 1,3 Milliarden Einwohner vorzuweisen hat.
Spektakulär ist der Start ins Jahr des Tigers also nicht gerade, womit wahrscheinlich auch einzig die oben genannte Zahl das spektakulärste an diesem Beitrag ist.

Tag 352: Es liegt was in der Luft.

Und zwar viel Schwarzpulver. Den ganzen Tag ballern die heute schon rum. Und das mit Feuerwerkskörpern, die Sprengladungen gleichen, von denen jeder leiseste lauter ist, als alles, was in Deutschland zulässig ist. Oft schau ich aus dem Fenster, da ich annehme, dass jemand im Hof was starten lässt, stelle dann aber fest, dass das Geknalle von sehr weit weg kommt.
Mini sagt, wir sollten lieber nicht rausgehen. Ist gefährlich. Wir können abfackeln. Aber wir müssen ja auch nicht raus. Stattdessen machen wir einen auf chinesische Familie, essen die vorgekochten Spezialitäten (die auch sehr gut schmecken), ein paar Hühnerfüße und das ganze vorm Fernseher, wo mal wieder eine der typischen chinesischen Shows läuft: Einer tollen Tanzeinlage folgt ein Lied, dann kommt ein Sketch, bevor ein paar Armee-Leute auftreten und in Gesangsform erklären, wie toll das Land doch ist, anschließend folgt eine Gesangs- und Tanzkombo, in der sich alle Minderheiten einmal vorstellen dürfen. Sehr patriotistisch angehaucht, das ganze und zum Teil langweilig, aber das ist nunmal Tradition. Da die Show um Mitternacht noch nicht vorbei ist, aber anscheinend auch keiner auf die Uhr guckt, ist das neue chinesische Jahr auf einmal unbemerkt da. Letztendlich doch recht unspektakulär, denn draußen wird es zwar für ein paar Minuten noch einmal richtig laut, dann geht man aber traditionell ins Haus und macht Jiaozi oder spielt Mahjiong. Wir haben weder das eine, noch das andere da, gehen also mal vor die Tür, wollen ins 1+1.
Die Torwächter scheinen richtig Spaß an diesem Fest zu haben. Sie sitzen wie üblich in ihrer schlecht isolierten Kajüte, in ihre Jacken gehüllt, schlafen auf dem Tisch. Der Heizstrahler kämpft vergebens. Einer ist dazu abkommandiert, das Polizei-Mobil, ein Golf-Wagen, vom Schnee zu befreien. Ich misch mich nicht ein, finde aber, dass es nicht die beste Idee ist, das ganze mit einem Wasserschlauch zu machen, wo es doch am frieren ist.
Wir wünschen ein frohes neues Jahr, hoffen dabei, nicht sarkastisch zu klingen, und gehen weiter. Das 1+1 ist ziemlich voll, Tische gibt es kaum noch und wenn doch, dann zu viel überteuerten Preisen. Es wird einem auch nicht das zweite Packen Bier geschenkt, wenn man das erste kauft. Ist Feiertag. Außerdem habe ich stark damit zu tun, die ganzen Hände der Anwerber von Minis gefragtem Hinterteil fernzuhalten, sodass wir nach zehn Minuten schon die Flucht ergreifen und bei Bambi landen.
Hier bemitleidet man sich selbst, dass man nicht bei der Familie sein kann, sondern arbeiten muss. Ausgelassene Stimmung ist anders.
Das ist es dann also, das chinesische Silvester. Da kenn ich bessere.

Tag 351: Letzter Einkauf.

Der Vanguard-Supermarkt heute ist voll. Sehr voll. In ihm tummeln sich die Leute, füllen ihre Körbe (Einkaufswagen sind wegen ihrer Größe heute aus dem Verkehr genommen) mit all den vorgekochten Spezialitäten (faule Leute), die man gerne zum Frühlingsfest, und eigentlich auch nur zum Frühlingsfest, verspeist, zumeist Pampe mit Fleisch, streiten mit den Angestellten, weil diese die Hühnerfüße nicht genau genug Abwiegen können, diskutieren mit den Familienangehörigen, welche Nüsse und Sonnenblumenkerne sie einpacken sollen, ob das ganze überhaupt für eine Woche reicht und ob sich das alles so lange hält, streiten sich mit anderen Kunden um das letzte Stück einer Sorte, streiten sich in der Schlange an der Kasse, die weit bis ins Innere reicht, streiten mit der Kassiererin und schlagen ab und an auch mal zu.
Was die ganze Menschenmasse noch größer erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass überall, wo ein wenig mehr Platz war, jetzt neue Regale zu installieren, da das Sortiment für die Feiertage noch größer ist.
Und mitten in diesem Laden stehe ich. Mit zwei Körben. Mein dicker Hintern passt nur bedingt durch die engen Gänge, in denen zumindest ein paar Parkbuchten gelassen wurden, damit das Problem mit dem Gegenverkehr gelöst werden kann. Und da laufe ich hinter Mini hinterher, die Frühlingsfest-Spezialitäten kaufen will. Meistens Pampe mit Fleisch. Und Hühnerfüße, die die Angestellten aber schlecht abwiegen. Ich frage sie, ob wir das alles denn aufessen können. Ob das nicht über die Tage schlecht würde. Sie winkt nur ab und verschwindet wieder in der Menge. Kämpft mit anderen Kunden um die Sonnenblumenkerne. Kommt irgendwann wieder, füllt meine Körbe.
An der Kasse ist die Stimmung gereizt. Es wird gedrängelt. Die Kasse, die laut Schild kartenfähig gilt, ist nicht kartenfähig. Wir streiten mit der Kassiererin. Die Leute hinter uns sind genervt. Warum geht das nicht voran? Ich kram das letzte Bargeld zusammen. Es reicht.
Ich bin froh, hier rauszusein.

Tag 350: Justizwesen.

Eine Freundin aus einer anderen Region (ich halte mich mal stark mit Details zurück) hat mich zu Weihnahten kontaktiert und berichtet, dass ihre Mutter sowie andere hohe Tiere aus dessen Firma einfach mal eingebuchtet wurden. Informationen, warum das so wäre und für wie lange, gab es keine, ebensowenig wie jeglichen Kontakt. Das ging eine ganze Zeit so. Mitte Januar keimte etwas Hoffnung auf, als eine Kollegin entlassen wurde, allerdings auch nur, da die Familie jemanden aus der Partei kannte.
Die Mutter blieb also weiterhin eingesperrt, weiterhin ohne ein Lebenszeichen, bis meine Freundin vor ein paar Tagen erlöst wurde und die sichtlich mitgenommene Mutter wieder vor der Tür stand. Es hat sich kein Verdacht ihr gegenüber erhärtet, dennoch durfte sie die ganze Zeit mit 17 anderen Frauen, hauptsächlich wegen Drogenbesitzes zum Tode verurteilt (und seit Jahren ohne Kontakt zu Angehörigen), in einem Raum ausharren, ohne medizinische Versorgung, auch nicht, als sie schwer krank wurde.
Nun, sie ist frei, aber andere Mitarbeiter sitzen weiterhin. Ihnen wird der Prozess Mitte des Jahres gemacht, ich gehe nicht davon aus, dass sie bis dahin jemanden von ihrer Familie treffen dürfen.
Die Mutter hat entschieden, da die Tochter jetzt ausstudiert hat und auf eigenen Beinen stehen kann, in den Ruhestand zu gehen. Besser ist das!

Tag 349: Komplettes Winterchaos.

In Deutschland scheint es einem dieser Tage nicht gut zu gehen; Schnee ohne, dafür Streusalz mit viel Ende. Aber das alles ist nichts im Vergleich zu dem, was Mini und ich heute durchstehen müssen. Wir haben mindestens 3 cm Neuschnee! Das reicht, um die glatten Pflastersteine auf dem Campus zur Lebensgefahr zu machen. Und erst recht, um den Verkehr, gerade um den höher gelegenen Campus, voll lahmzulegen, da lediglich noch was Richtung Stadt runterfahren kann, aber auch nur noch einspurig, da sich ein paar von unten kommende Fahrzeuge für zu stark halten und beim Überholvorgang auf der Gegenfahrbahn dann doh nicht weiterkommen und nur, indem sie sich querstellen nicht wieder runterrutschen.
Aber ich will ja eigentlich auch nicht runter, sondern um sieben Uhr abends endlich mal Frühstück vom Sichuan-Restaurants unseres Vertrauens holen. Aber da habe ich die Rechnung ohne das Frühlingsfest gemacht, denn alle Restaurants neben dem Campus haben geschlossen. Schlimmer noch: das Sichuan-Restaurant hat sämtliches Mobilar in die Mitte geschoben. Entweder machen die ganz zu oder unsere Nachfolger dürfen sich auf ein renoviertes Restaurant und nicht mehr die alte, dreckige Suppenküche freuen. Überhaupt dürfen die sich freuen, da die Tage ein großer Supermarkt aufmacht. Wahnsinn. Wir mussten immer weit raus zum Walmart fahren und die bekommen alles so vor die Nase gesetzt. Überhaupt; als wir ankamen, begann dort schon das Dorf. Jetz kriegt man hier fast alles. Alles.
Aber ich schweife ab.
Ich kriege also nichts zu Essen und gehe den gefährlichen Weg zurück. Sämtliche Restaurants, die wir kontaktieren, weigern sich, oh Wunder, zu liefern. Also werde ich wieder vor die Tür geschickt. McDonald's ist jawohl irgendwie mit dem Taxi zu erreichen.
Ist es auch. Und ich kriege was zu Essen. Und anschließend auch ein Taxi, das sich sogar bereit erklärt, zum Hintertor zu fahren. Zumindest, bis es die Steigung sieht. Und dann ist das Taxometer auf einmal ausgeschaltet, ich ein paar Kuai ärmer und mit einem Byebye vor die Tür gesetzt. Am Fuße des Berges. Den erklimme ich zwar, aber oben angekommen ist das Essen natürlich kalt. Unbefriedigend. Vor allem, wenn es die erste und vielleicht einzige Mahlzeit des Tages ist.
In Deutschland kann man sich also zumindest freuen, mal Streusalz besessen zu haben.

Tag 348: Tag der Kartoffel.

Als Ende des 19. Jahrhunderts in Europa große Dürre herrschte und die Ernte sehr mager ausfiel, breitete sich große Unruhe aus. Die Menschen waren am hungern, vieles gedeihte nicht mehr und auf jeden Tag Kartoffeln, einziges Gemüse, dass der Dürre trotzte, hatten die Menschen einfach keinen Bock mehr. Schnell machten Gerüchte die Runde, dass es in dieser und jener Region noch große Vorräte an Getreide und Salat vorhanden seien. So auch in der Grenzregion zwischen den heutigen Niederlanden und Deutschland rund um Ostfriesland. Es war absehbar, dass die Niederlande Truppen zusammensammelte, um Ostfriesland einzunehmen oder zumindest zu plündern, was aber von Deutschland nicht wahrgenommen wurde.
Und so passierte, was passieren musste, die Region, in der sich hauptsächlich einfache Bauern und Schäfer sowie Schiffer tummelten, überrollt und geplündert wurde. Es war von keiner Hilfe der Armee auszugehen, deshalb trafen sich die Bauern der Region zur Krisensitzung. Waffen waren Mangelware, wie soll man also die orange Armee aufhalten? Ein gewisser Heinz Wolters hatte von einer einfachen Art Schusswaffe gehört, die aus einem einfachen einseitig geschlossenem Metallrohr, leicht entzündlichem Stoff und einer Kartoffel bestand. Die Kartoffel-Kanone war geboren. Stahlrohre gab es aufgrund der Reedereien genügend, sodass jeder Bauer über einige Kanonen verfügte. Die Zielgenauigkeit dieser Waffen ließ zwar sehr zu wünschen übrig, genügte aber, um so einige der einfach gestrickten feindliche Armee, zufällig viele Generäle, auszuschalten.
Zudem hatte niemand mit einer solchen Gegenwehr gerechnet und der Grund, dass ausgerechnet Kartoffeln zurückschlagen würden, war für viele Niederländer ein Zeichen Gottes. Nicht verwunderlich also, dass viele den Rückzug antraten.
So endete der Kartoffel-Krieg so schnell, wie er angefangen hatte. Und aufgrund seine Kürze wird er auch nur selten in Geschichtsbüchern erwähnt.
Dennoch dankt man seit jeher in Ostfriesland und anderen Teilen der Republik seinen Ahnen rund um Heinz Wolters und zwar immer am 12. September, am Tag der Kartoffel.
Traditionell fällt an diesem Tag die Schule aus und viele regionale Firmen schließen. Erwachsene tragen Kartoffel-Kostüme, bei Kinden ist es mitlerweile üblich, dass sie sich wie Kartoffelprodukte, zum Beispiel Pommes Frites, verkleiden. Auf großen Plätzen wird der offizielle Kartoffel-Kanonen-Schützenkönig ermittelt und man tanzt zusammen den Kartoffel-Tanz, bei dem man zu körpereigenen Rhytmen mit beiden Beinen fest auf die Erde springt. Der Sage nach regen die Schallwellen im Erdboden die Kartoffeln zum Wachstum an und vertreibt zugleich Schädlinge.

Nun, viele mögen von diesem Tag nichts gehört haben, aber alle Skeptiker sollen wissen, dass er sich mittlerweile bis nach China rumgesprochen hat und zumindest eine Chinesin sehr davon angetan ist. Diese Chinesin ist unsere Lehrerin, die im letzten Semester gerne von uns, des freien Redens wegen, jeweils einen Feiertag vorgestellt bekommen wollte. Nun kam Thomas ziemlich spät an die Reihe und hatte nicht wirklich viel Bock auf etwas herkömmliches. Also dachte er sich diesen Tag aus. Im Internet findet man viele Bilder und ich war selbstverfreilich sofort mit von der Partie, als es darum ging, den Kartoffel-Tanz vorzuführen.
Warum ich erst jetzt damit rausrücke? Weil ich es zunächst vergessen hatte und es mir dann ins Repertoire für langweilige Tage gelegt habe.

Montag, 8. Februar 2010

Tag 347: Kurzzeitige Einsamkeit.

Nachdem ich gestern recht entspannt nach Xi'an zurückgereist bin, den Bus zum Glockenturm genommen habe, bestieg ich nicht sofort ein Taxi. Denn beim Wohnheim erwartet mich sowieso nichts und niemand mehr. Alle haben spätestens heute das Weite gesucht. Ich bleibe zurück. Als einziger. Drum suchte ich lieber einen Platz auf, dan den es noch Menschen gibt, die mich und vielleicht den ein oder anderen Yuan-Schein aus meiner Tasche wertschätzen, bei Bambi. Hier spür ich noch etwas Liebe und Geborgenheit.

Aber die Nacht über bin ich einsam und alleine. Am Morgen bin ich einsam und alleine. Am Mittag bin ich einsam und alleine. Dann wähle ich ein paar Tasten meines Mobilfunktelefons. Jojo ist noch in der Stadt. Wenn auch am anderen Ende. Aber wir können uns gerne in der Kalligraphiestraße treffen, ich brauche nämlich noch ein paar Sachen für die Heimat.

Aber als ich hier eintreffe, wird mir angst und bange. Denn die Shops sind im Begriff zu schließen. Wie viele in der Stadt. Denn bald ist Frühlingsfest und so langsam fahren alle, die nicht im Dienstleistungsbereich tätig sind, in die Heimat, die meistens außerhalb der Stadt liegt. Und ich bin noch zehn Tage in der Stadt. Befürchte, dass ich mich fühlen werde wie Will Smith in "I am Legend", mit dem Unterschied, dass ich nicht einmal einen Hund habe. Dafür sowas wie Zombies, die Kreaturen im Dorf.

Jojo kann auch nicht so lange bleiben. Ab dem späten Nachmittag bin ich wieder einsam und alleine. Am frühen Abend bin ich wieder einsam und alleine.

Zum Glück kommt morgen Mini wieder vorbei. Aber bis dahin? Nein, einsam und alleine will ich nicht bleiben, drum setze ich mich wieder zu Bambi an die Theke, spüre etwas Liebe und Geborgenheit.

Für einen Tag kann man das ertragen. Aber für ein Leben wär das nichts für mich.

Tag 346: Arbeit nach Vorschrift.

In China ist man gerne darauf getrimmt, das zu tun, was einem befohlen wird. Und zwar nur das. Selten darf man weiterdenken und erst recht nicht weiterhandeln. Natürlich darf man das nicht pauschalisieren, aber oftmals fällt es schon bei den leichtesten Dingen auf.

Ich will dies an ein paar Beispielen festmachen.



Beispiel Apotheke:

Torben wollte vorgestern eine Packung Aspirin kaufen. In der Apotheke ist zu der Zeit nur eine Dame anwesend, was sehr verwunderlich ist, kommen auf einen Kunden doch sonst ein Vielfaches von Angestellten. Nun steht die Dame gerade hinter der Kasse am Eingang der Apotheke. Torben möchte bestellen, doch er wird darauf hingewiesen, dass er nach hinten gehen soll. Als er da ankommt, folgt ihm die Dame und ist nun bereit, seine Bestellung aufzunehmen. Dass das dauert, ist natürlich klar, da Torben kein Chinesisch kann und lediglich eine leere Packung Aspirin dabei hat, eine deutsche Packung. Aber sie werden gemeinsam fündig. Die Dame schreibt ihm ein paar Zettel, drückt ihm die in die Hand, jedoch noch nicht die Medizin. Sie deutet ihm an, zur Kasse zu gehen. Während er wieder rüberwandert, flitzt die Dame hinter den Tresen ebenso dorthin, schaut sich seine Quittungen an, rechnet den Preis aus, kassiert das Geld ein und stempelt die Quittungen ab. Torben bekommt Restgeld und Quittungen und wird gebeten, wieder nach hinten zu gehen. Hier drückt er derselben Dame wieder die eben ausgestellten Quittungen in die Hand. Sie begutachtet diese, greift ins Regal und holt die Aspirin hervor. Jetzt stempelt sie abermals die Quittungen ab und drückt ihm alles in die Hand. Jetzt darf Torben gehen.



Beispiel Reinigungsfachkräfte im Mehrfamilienhaus:

Ich darf heute erfahren, wie Reinigungsfachkräfte so ticken. Nachdem ich gestern bei Thomas angekommen bin, war mein Koffer vom Schnee und Straßenschmutz recht dreckig und die Rollen und der Schnee taute jetzt im 19. Stock seines Hauses. Um nichts schmutzig zu machen, öffne ich vor der Tür diesen Koffer und hole den kleinen mit meinen Klamotten raus. Den großen will ich für ein paar Stunden trocknen lassen und ggf. vorm Schlafengehen reinholen, allerdings erwarte ich bei den Sicherheitsvorkehrungen (Eingang zum Innenhof, Magnetkarte erforderlich, genau wie für das Haus selber) nicht, dass desnachts jemand jeden Stock nach Wertgegenständen absucht, zumal auch genügend Fahrräder da stehen, die nicht angeschlossen sind. Heute Mittag will ich mit Kou etwas essen gehen und auf dem Rückweg fällt mir auf, dass etwas fehlt. Richtig. Mein Koffer. Und mit ihm mein großer Rucksack plus mein Sack mit Socken. Fahrräder oder sonstwas stehen aber noch an Ort und Stelle. Ich bitte Kircy, Thomas' Frau, doch mal bitte bei der Wohnungsgesellschaft anzurufen. Kurze Zeit später drückt mir eine Reinigungsfachkraft meinen Koffer wieder in die Hand. Scheinbar sind sie dazu angehalten, alles, was auf dem Flur steht und keinem Fahrrad gleicht, als Müll zu identifizieren und wegzuräumen. Nun, streng genommen hat mein Koffer aber auch zwei Rollen. Und nach Müll sieht der nicht aus, ist ja fast neu. Und in gutem Zustand.



Beispiel Mauerfeger:

Gestern auf der Mauer waren einige Menschen am Werkeln, um den Weg für die Touristen sicherer zu gestalten. Von oben machen es zwei richtig, der erste räumt den Schnee zumindest am Rand, wo das Geländer zum Festhalten ist, mit einer Schaufel weg, der zweite streut Kies. Von unten kommt aber nun ein reiner Feger, der mit seinem Besen nur darauf bedacht ist, die Mitte der Stufen freizufegen, sodass nun am Rand ein großer Haufen entsteht. Aber ihm wurde nur befohlen: Fegen. Dass es besser ist, von oben nach unten zu fegen, da man andersrum die gerade gefegten Stufen wieder mit Schnee von oben bestreut, das weiß er nicht. Und ich hätte gerne gesehen, was passiert, als sich beide Einheiten irgendwann treffen. Dann fegt der Feger von unten wieder den Schnee von der Mitte auf die gerade gestreute Stelle und der Streuer und Schipper machen wieder die Mitten dicht.

Mir fallen bestimmt noch mehr Beispiele ein, aber nicht für den Moment.

Tag 345: Auf der Mauer, auf der Lauer.

Spätes Aufstehen rächt sich manchmal. Aber so kalt, wie es im Hostel ist, möchte man ungerndie Federn und die schützenden zwei Lagen Bettdecke verlassen. Außerdem ist da noch das gestrige Bier, das einen nach unten zieht. Zum Glück müssen wir heute auschecken, da sind wir gezwungen, um elf vorne an der Rezeption zu stehen. Zuvor verlagen wir das Gepäck, und zwar teilen wir meinen gesamten Kofferinhalt auf Torbens und Papas Koffer auf, sodass sie auf ihre 30 kg kommen und ich ein leeres Gepäckstück zurück mit nach Xian nehme. Bzw. mein Handgepäckkoffer passt in den großen, so laufe ich jetzt nur noch mit einem Stück, statt mit dreien rum. Aber wozu erzähle ich das eigentlich? Eigentlich wollen wir doch zur Mauer. Und da fahren wir auch hin. Mit der S-Bahn zum Busbahnhof und von da mit Bus. So ist der Plan. Am Bus wird uns von einem Mann mit roter Armbinde (tragen Service-Kräfte gerne) darauf hingewiesen, dass der Bus nur von neun bis elf zur Mauer fährt. Toll, da waren wir am Kofferpacken. Allerdings kann er ein Taxi anbieten, kostet geringfügig mehr, 500 Yuan statt 400, die wir im Bus, der ja nun nicht mehr fährt, aber vor unserer Nase steht, berappen würden. Gut, dann glauben wir mal der Service-Kraft.
Auf dem Weg zu seinem alten VW Jetta nimmt der Herr dann seine Binde ab und setzt sich ans Steuer. Sollen wir ihm nun vertrauen? Nun, wir sind vier Typen, alle jenseits der einsachzig, der kann uns doch nichts anhaben. Aber was ist, wenn er uns nur abliefert und dann abhaut? Wahrscheinlihc hat der Typ mitgedacht, denn auf unser Zögern bei Einsteigen hin erklärt er, dass wir erst am Ende zahlen müssen. Also gut, 'Support the Locals' lautet die Devise.
Und er dankt es uns damit, dass er zur Mauer fährt. Zur großen. Jene, von der man sagt, man könne sie vom Mond sehen. Jene, welche man aber an einigen Tagen nicht einmal aus einigen hundert Metern Entfernung sieht, des Smogs wegen.
Zwar fahren wir nicht zum Bereich, wo der Bus uns hinfahren würde, aber Mauer ist Mauer, Steine sind Steine, kurzum: scheißegal. Wenn es nach mir ginge, so müsste ich auch gar nie dahin, aber ich tu es, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Wenn Paul schon entsetzt ist, dass ich in Stuttgart nie in dem Hotel war, in dem die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der WM 06 untergekommen ist, will ich nicht wissen, wie er reagiert, wenn ich ihm sage, dass ich in einem Jahr China es nie zur Mauer geschafft habe.
Wir erwischen einen perfekten Tag, denn hier draußen ist es noch einen Tick kälter und es schneit. Erste Anlaufstation ist also der Souvenirshop für Handschuhe und Nudelsuppe, heiße. Dann geht es einige Stufen hoch, bis etwas Aussicht da ist. Ein paar Fotos später rufe ich den Fahrer an, er soll sich bereit machen.
Wir brauchen für den Abstieg dann doch noch ziemlich lange, da die Stufen wegen des Schnees nicht nur rutschig, sondern auch nicht mehr waagerecht, sondern abfallend sind und man recht vorsichtig gehen muss. Das bedenkt Robert zunächst nicht und setzt zur ungewollten Blutgretsche an, die die Frau vor ihm nur knapp verfehlt.
Der Fahrer hat uns nicht nur zum falschen Mauerstück gebracht, sondern bringt uns auch jetzt nicht wieder zurück zum Ausgangspunkt. Wegen des aufkommenden Verkehrs in die Innenstadt und der vielen Staus bin ich ihm für diese Ma0nahme aber fast noch dankbar, denn mit der Bahn geht es um einiges schneller.
Die Henkersmahlzeit für Torben, Robert und Papa gibt es in unserer Stammbar. Für unsere Loyalität bekommen wir einen Turm geschenkt, als wir dann endgültig aufbrechen wollen, stehen beide Kellner fast mit Tränen in den Augen da, um unss zu verabschieden. Ich belasse es beim Händeschütteln, Robert und Torben lassen sich hingegen noch über den Rücken streicheln, was mit einem Klapps auf den Allerwertesten abgeschlossen wird.
Ich setze die drei in ein Taxi und fahr selber zu Thomas, der mir für diese Nacht Asyl gewehrt. Ich bin ihm dankbar, dass wir entgegen meiner Befürchtungen nicht in die Barstraße fahren. Bei meinem letzten Besuch dort verlor ich schließlich mein Handy, dann ihn und zum Schluss fast mich selber. Außerdem kann ich nach zehn Tagen Action jetzt etwas Ruhe gebrauchen.

Tag 344: Touristenprogramm in Beijing.

Heute sind wir alle erkältet. Das liegt daran, dass unser Hostel zwar in bester Lage in den Hutongs hinter dem Platz des himmlischen Friedens (wo im Übrigen nie etwas Schlimmes passiert ist), was aber auch nichts nützt, wenn es weit unter 0 °C ist, die Isolierung in den Wänden nur bedingt vorhanden, die einzige Wärmequelle eine Klimaanlage ist, deren ausgestoßene Luft maximal die Hälfte der angezeigten Temperaturen erreicht und das Wasser im Prinzip warm sein müsste, praktisch aber kein Stück.
Ein paar Aspirin helfen da erstmal weiter.
Gefrühstückt wird in der Bar gegenüber, die wir gestern aufgesucht haben. In das Beuteschema der beiden Kellner, die eine 20 Stundenschicht zu haben scheinen, passen wir als reine Männergruppe gut rein, aber wir lassen uns davon nicht abschrecken, der Turm Bier mit drei Litern Inhalt kostet nur 45 Dinger und mit einmal Umfallen sind wir zuhause. Zudem wurden wir gestern in einer anderen Bar verarscht, nachdem uns in der Wangfujing-Straße, wo es für Torben zunächst Skorpione, aber keine Seidenspinnerraupencocons gab, eine junge Dame ansprach, die gerne Englisch reden würde. Ich kenn die Leier ja, aber gut, darf sie uns halt begleiten. Nach der Frage nach einer Bar konnte sie auch eine empfehlen, aber bei Preisen von 60 Dingern für ein kühles Gerstengebräu stank das doch gewaltig nach Abzocke. Gut, sie trank nur Tee, aber der war nicht minder teuer. Und die Bar hatte jetzt wirklich nicht viel Scharm.
Aber wie gesagt, wir sind jetzt erstmal zum Frühstück da.
Der Platz des himmlischen Friedens gehört insofern zu unseren Anlauforten, alsdass wir ihn zwangsläufig passieren. Die Verbotene Stadt macht leider ziemlich schnell die Tore dicht, sodass wir nur kleine Bereiche davon sehen, aber die soll sowieso langweilig sein und in Reportagen haben wir sie alle schon einmal gesehen.
Natürlich ist ein Besuch auf dem Seidenmarkt Pflicht. Da kann man Einheimische sowohl glücklich, als auch unglücklich machen, je nach Verhandlungsgeschick. Robert verzweifelt aber sehr schnell ob der Aufdringlichkeit der ganzen Verkäufer, Torben macht hingegen Dank meines Seminars 'Handeln für Fortgeschrittene' das ein oder andere Schnäppchen, wenngleich er der Bitte einiger Freundinnen, Taschen der Marke Luis Vuitton mitzubringen, letztendlich nicht nachkommt, da wir scheinbar wirklich am Einkaufspreis kratzen und wegen unserer Hartnäckigkeit aus dem Laden gescheucht werden.
Die Sachen bringen wir ins Hostel und gehen dann Feuertopf essen (wie damals in Shanghai am Tag vor der Abreise), aber das scheint ein guter Feuertopf zu sein, Probleme mit dem Darm hat anschließend keiner. Allerdings dauert das Essen etwas zu lange und erst recht die Taxifahrt (der Fahrer beweist in Sachen Kombination unglaublich wenig Talent, weiß er nach den Worten 'Olympia' und 'Stadion' nicht, wo es hingehen soll), denn gerade, als wir den Olympiapark erreichen, wird das Licht von Vogelnest und Schwimmhalle gelöscht. Überall wird Energie verschwendet, hier jedoch fängt man an zu sparen.
Auf dem Rückweg liegt zufällig die Barstraße, allerdings ist für einen Freitagabend verdammt wenig los, sodass die Bar vom Morgen wieder aufgesucht wird, diesmal aber nicht zum Frühstück.

Tag 343: Eine Zugfahrt.

Mit einem günstigen, umweltschonenden und wahrscheinlich vom Zeitaufwand dem Flugzeug in nicht viel nachstehendem (Flughäfen befinden sich eine Stunde Busfahrt von der Innenstadt entfernt, man muss zwei Stunden vorher da sein, ein wenig fliegen, auf das Gepäck warten und wieder eine Stunde Bus fahren) öffentlichen Verkehrsmittel, der Bahn, fahren wir heute von Qingdao ins fünfeinhalb Stunden entfernte Beijing.
In so einer Bahn hocken viele verschiedene Typen von Menschen, die wir gemeinsam zu analysieren versuchen.
Zunächst einmal muss man sagen, dass es keinen Unterschied zwischen dem normalen Leben und dem auf Schienen gibt, es wird einfach weitergeführt. Und das wichtigste im Leben ist hier das Essen. Und damit sind wir schon bei unserem ersten Charakter, dem Esser.
Der Esser hat kaum Platz genommen, da ist auch schon ein Muffin ausgepackt und auf dem besten Wege dabei, verzerrt zu werden. Diesem süßen Appetitanreger folgen weitere Teigwaren aus dem Plastikbeutel, den die Frau vor der Fahrt mühevoll zusammengepackt hat. Um dies besser runterzubekommen und zu verdauen, gibt es aus einem großen Becher Tee. Von der Essensdame werden zusätzlich Fangbianmian, bequeme Nudeln, bezogen, denen man Gewürze und Geschmackspampe hinzufügt und das ganze mit heißem Wasser aufgießt, dass es im Zug an jeder Ecke gibt. Zwischendurch werden immer mal wieder undefinierbare Sachen in den Mund geschoben. Für die ganze Mahlzeit gehen gute zwei Stunden drauf, aber damit ist noch lange nicht Schluss, befinden sich doch in den Zahnzwischenräumen noch genügend Fetzen. Stoisch nach vorne blickend und mit halb geöffnetem Mund wird nun versucht, diese mit der Zunge aus ihrer Beklemmung zu befreien. Dazu gibt es einige Schnalzgeräusche und zwar immer dann, wenn die Zunge an den Zähnen abrutscht und kurz durch die geöffneten Lippen flutscht. Nach einiger Zeit, er hat längst nicht alles erwischt, holt er einen Zahnstocher aus seinem Mantel hervor und bestellt, das Gebiss bearbeitend, bei der Essenswagendame Trockenfleisch, bevor er den heißen Rest Nudelsuppenwasser genüsslich herunterschlürft.
Die Familie besteht zumeist aus drei Generationen und Eltern und Großeltern sind ganz besonders stolz auf das Neugeborene, das die ersten Laute von sich gibt, wobei im Wort 'Laute' schon das beschreibende Adjektiv steckt. Es stößt immerzu Schreie aus, aus denen die restlichen Familienmitglieder irgendwelche Worte heraushören und total begeistert davon sind. Fakt ist, diese Laute gehen durch Mark und bein und lassen einen immer zusammenzucken. In Robert bauen sich schon Aggressionen auf, da keiner etwas dagegen machen will und er sich selber eingestehen muss, dass er scheinbar noch nicht dazu bereit ist, Vater zu werden. Irgendwann geht das freudige Quieken des Familienneulings in ein Heulen über und keiner scheint etwas dagegen tun zu können. Das ist halt so und wird sich wahrscheinlich irgendwann ändern. War schon immer so und wird immer so bleiben.
Außerdem sind diese Geräusche deutlich angenehmer als die des Gurglers. Der Gurgler hat ein chronisches Problem mit belegten Schleimhäuten und Mandeln. Mal zieht er die Nase hoch und sammelt den ganzen Schmodder in der Nasenhöhle, mal hustet er scih einen ganzen Klumpen Schleim von den Mandeln frei. Beide Produkte jongliert er dann gurgelnd von Rachen zu Gaumen und wieder zurück, wär er auf der Straße, könnte er sie undgehemmt der Natur überlassen und auf den Gehweg rotzen und den nächsten Passanten hineintreten lassen, da er sich aber im Zug befindet, zückt er ein Taschentuch um sich des Klumpens zu entledigen, oder er schluckt ihn runter, darauf hoffend, dass dieser nicht wieder an den Mandeln hängen bleibt.
Von diesen Geräuschen unbekümmert schläft der Schnarcher weiter (der größte unter ihnen sitzt wohl neben mir und entstammt meiner Familie), genauso wie der Telefonierer, der im Zug Zeit hat, mal sein Telefonbuch durchzuschauen und Leute anzurufen, mit denen er wohl länger nichts zu tun hatte, diesen erklärt, wer er ist und wo er gerade hinwill, das Gespräch aber immer abbrechen muss und es nicht verstehen wird, dass der Empfang bei der Fahrt über das platte, unbesiedelte Land nicht unbedingt besser wird. Dass er dabei im Laufe des Gesprächs seiner Worte durch Steigern der Lautstärke mehr Klarheit verschaffen möchte, ist klar.
Beim Blick durch das Fenster erkenne ich, wie das Müllproblem in den Städten gelöst wird. Es wird einfach zum Müllproblem auf dem Land umgewandelt. Und wo nicht gerade Müll lagert, da stehen Kühe, kilometerweit, so weit das Auge blicken mag, und warten darauf, das Volk sättigen zu dürfen. Ihnen selbst steht viel braunes Gras zur Verfügung.

Tag 342: Im Winter sind alle Städte grau.

Qingdao galt für mich seit meinem letzten Aufenthalt als eine chinesische Stadt, die nicht gerade chinesisch ist; die Bauten nicht so hoch, man legt Wert auf Parks und Grünflächen, Staub wird dank des angrenzenden Meeres schnell zurück ins Landesinnere getrieben.

Aber im Winter ist hier alles anders. Die Stadt hat bei Weitem nicht mehr die Ausstrahlung, die sie in warmen Tagen hat: Zunächst sind mir gestern auf dem Weg vom Flughafen zum Hostel die ganzen heruntergekommenen Wohnungskomplexe aufgefallen, oftmals Hochbauten, es liegt ziemlich viel Staub in der Luft und Parks sind bei weitem nicht mehr grün, da alle Blätter an Laub verloren haben und der Boden nicht mehr aus Gras sondern unfruchtbarem Sand besteht.

Das ganze sehen wir heute auf unserem Weg durch die Stadt, der uns erst zum Bahnhof treibt. Hier wollen wir Tickets für den morgigen Zug nach Beijing kaufen, aber allein schon der Zutritt zum Bahnhofsvorplatz erweist sich als schwierig, da dieser fast komplett eingezäunt ist und wir nach einigem Marsch entlang des Zaunes erst durch das Übersteigen dieses betreten können. Danach fahren wir zum Fernsehturm. Hier ist die Aussicht laut Hostel-Information sehr gut. Allerdings ist nicht viel los und man wappnet sich erst für die nächste Saison, somit sind auch die Scheiben noch nicht geputzt, was in Verbindung mit dem Staub in der Luft die Sicht recht kümmerlich erscheinen lässt. Und auch alles, was auf dem 3D-Stadtplan der Stadt grün eingezeichnet ist, ist von oben nur noch graubräunlich zu sehen. Als wir wieder unten sind, merken wir, dass rein gar nichts los ist, also auch keine Verkehrsanbindung an die Stadt, obwohl sich der Turm inmitten dieser, jedoch auf einen Berg, der nur über eine Serpentinen-Straße zu erreichen ist, befindet. Wir laufen also durch die Wälder, irgendwann durch den bekannten ZhongShan-Park, in dem sich Karussels aus den fünfziger Jahren befinden und irgendwann an eine Straße. Da besteigen wir ein Taxi und landen wieder in der Bierstraße. Es wundert mich, dass der Taxifahrer mich gleich fragt, ob wir zum Biermuseum wollten. Denn diesen Ausdruck habe ich damals benutzt und der blöde Fahrer von einst hat mich ans andere Ende der Stadt zur neuen Brauerei gebracht.

Es ist halb fünf und eigentlich sind schon Ketten an der Tür, man öffnet aber noch mal für uns. Natürlich könnten wir noch rein, allerdings sei ein Bereich schon geschlossen. Dieser sei nicht toll, werden wir entschuldigt, aber aus Erfahrung weiß ich, dass ich mich damals in jenem am längsten aufgehalten habe.

Viel ist nicht los, man geizt auch abermals, trotzdem wir die letzten sind, mit dem Freibier und sogar mit dem bezahlten Bier, weil man gerne möglichst eine halbe Stunde früher Feierabend möchte.

Und so kommt es, dass wir abermals am frühen Abend im Hostel sitzen, die Angestellten etwas Unterhaltung liefern, uns mit Nudelsuppen warm und satthalten und früh im Bett landen.

Tag 341: Qingdao zum Zweiten.

Der Wecker klingelt um fünf Uhr, es geht auch verwunderlich leicht aus den Federn. Taxis finden wir auch schnell welche, sogar auf Anhieb zu guten Konditionen und schwupps sitzen wir im Flugzeug, dann im Bus und später im Hostel von Qingdao, in dem ich schon im Sommer Unterschlupf fand. Das Hostel ist total leer, kaum Gäste, somit wird auch kaum eine Heizung aufgedreht und die Bar auf dem Dach hat auch geschlossen. Somit dient eine Nudelsuppe zum provisorischen Füllen des Magens, bevor es für drei Stunden in einen komatösen Mittagsschlaf geht.

Dann fahren wir zum Wahrzeichen der Stadt, einen Pavillon in der Meeresbucht, der über einen langen Steg erreichbar ist und im Sommer total überfüllt ist. Heute treffen wir kaum eine Menschenseele. Also wollen wir in die, hoffentlich belebtere, Bierstraße zum Seafood-Essen. Aber so ein Seafood ist nicht gerade reichhaltig, vor allem nicht, wenn es das in der Bierstraße gibt und wenn es zuvor nur Flugzeugfraß und eine Nudelsuppe gab, denken wir uns, also brauchen wir eine gewisse Grundlage. Die gibt es bei McDonald's. Bei jedem normalen Menschen in Form eines Burgers. In Roberts Fall sind es drei Doppel-Cheeseburger.

In der Bierstraße haben 75 % der guten Restaurants geschlossen, es steht auch nur eine Anwerberin auf der Straße, die ist aber penetrant, also ignorieren wir sie und gehen in den Nachbarschuppen. Aber wir essen gerade mal auf und trinken nur zwei Krüge des Rohbieres (besser gesagt: zum Glück trinken wir nur zwei, denn aus Erfahrung weiß ich, dass das leicht in den Kopf geht und da viel zu lange bleibt und das Gefühl von Schmerzfreiheit unterdrückt und ich konnte den anderen auch genau zeigen, wo Hugo damals direkt an den Tisch gebrochen hat), dann packt uns die Müdigkeit und den Rest des Abends halten wir uns im Hostel auf, neben dem Ofen und später auf den Betten mit Heizdecke. Das ist auch schön.

Tag 340: Letzter Tag in Xi'an. Vorerst.

Jojo will's echt wissen. Erst ruft er mich um zehn Uhr an, nach drei Stunden Schlaf. Obwohl er nur schräg über mir pennt. Und sein Grund für den Anruf ist nichtig. Zwei weitere Stunden später klopft er an die Tür, er braucht Klebeband. Und oben ist bereits wieder ordentlich Party mit Musik und so. Auch die zwei Damen von gestern tümmeln sich dazwischen rum, freudig schnatternd, anscheinend überhaupt nicht müde, ob Torbens epischer Leistung der vorangegangenen Nacht.

Dennoch muss ich sie rausschmeißen, denn nach diesmal keinem Frühstück, selbst die Eier sind alle, fahren wir mit Jojo zum Südtor. Torben ist sehr angetan von dem Wort Jiaozi (eines derer Wörter, die er gelernt hat und somit andauernd schreit) und somit wollen wir ihm zeigen, um was sich dabei handelt, nämlich um chinesische Maultaschen.

Das Restaurant hat aber leider noch geschlossen, so mitten am Nachmittag, also landen wir wieder im Lele. Aber da ist das Essen ja auch fast unschlagbar. Danach geht's in die Kalligraphie-Straße, wo Jojo traditionell für unseren Besuch Stempel mit den chinesischen Namen anfertigt. Im Moslem-Viertel gibt es später Baozi, die Jiaozi gleichen (somit ist auch das für Torben abgehakt) und am Ende begleiten uns noch Michelle und Audrey, als es zur großen Wildganspagode geht, wo die Wasser- und Licht-Spiele leider kurz vor unserer Ankunft beendet sind. Nach einstündiger Odyssee finden wir noch eine Bar, die geöffnet hat, trinken ein Paulaner (sprich: Paoloooonääääee) und landen frühzeitig, um elfe, zuhause.

Das ist auch bitternötig, denn ich muss die Sachen sortieren, die ich den Dreien mitgeben möchte, damit sie ihre 30 kg Gepäck vollkriegen und ich keinen Aufpreis zahlen muss, da mir nur 20 kg gestattet sind. Außerdem soll Lukas bei seiner Rückkehr aus Indien nicht ein komplettes Chaos in der Wohnung erwarten, was bei drei Schlafgästen nicht verwunderlich ist, also mach ich noch etwas Klarschiff. Also naja, wenn Lukas das liest, wird er sich fragen, wo da Klarschiff sein soll, aber es sieht schon besser aus als vorher.

Am Ende ist es doch wieder drei. Zum Glück erst, denn würde ich erst eine halbe Stunde später einschlafen, würde der Wecker mitten in meiner Tiefschlafphase nach eineinhalb Stunden klingeln. Um fünf geht es dann zum Flughafen und von dort nach Qingdao.

Erholsam ist die Woche mit denen garantiert nicht, aber wert ist sie es allemal.

Tag 339: Geburtstag-Rausfeiern.

Heute ist ein besonderer Tag. Nämlich mein Ehrentag. Und da lassen wir uns gar nicht lumpen. Zum Frühstück gibt es Eier und Chips und Reste vom Brot und Nudelsuppe und eine Packung Rocher und Tee und sogar etwas Kaffee. Heute ist uns alles egal. Denn das heute gleicht einem Nationalfeiertag. Und das wollen sich auch Chenshu und Jessica nicht entgehen lassen, die am Nachmittag kurz nach unserem Erwachen aus einem komatösen Schlaf, auftauchen.

Nun, die ganze Feierlichkeit gleicht, wenn man unsere müden Gesichter und gebrechlichen Körper (als Konsequenz der letzten Nächte) betrachtet, eher einer Beerdigung. Also mobilisiere ich sie alle so schnell wie möglich, damit wir am Abend beim Goldenen Hans auftauchen können, wo es Gegrilltes aller Variationen (Fleisch, Innereien, Fisch und Gemüse) und Buffett gibt, dazu wird brauereieigenes Bier in Türmen zum Selberzapfen gereicht (für die drei Liter zahlt man so viel wie für ein Glas in einer deutschen Kneipe) und man kommt recht günstig, aber satt, davon.

Jessica will mir eine besondere Freude machen und zapft sich ein Bier nach dem anderen. Nun, sie bereitet mir sehr viel Freude, Schadenfreude nämlich, da sie zweimal vom Stuhl fällt, einfach so, von den Armlehnen ungebremst. Ich fixiere sie anschließend mit meinem Gürtel am Stuhl, was sie allerdings nur auf die Idee bringt, daran rumzurütteln, sodass sie sich böse den Finger quetscht, woraufhin das Blut nur so spritzt. Zum Glück haben wir ausgetrunken. Wir trinken bis zum Ladenschluss, singen dabei frohe deutsche Bierfest-Lieder und fahren dann zum KTV, also zum Karaoke-Singen. Ich habe der Familie schließlich versprochen, sie in die chinesische Kultur einzuführen.

Papa fragt mich, ob wir diesen Karaoke-Tempel als Geheimtipp erfahren hätten. Hat der denn nie hier mitgelesen? Chinesen stehen auf diesen Rotz, dem ich eigentlich nicht so viel abverlangen kann, und die Stadt ist vollgestellt mit Schuppen, die nicht gerade schlecht besucht werden. Ich zeige ihm auch, wie Chinesen so ticken, als ich kurz zu anderen in den Raum schlüpfe, anschließend mit einer Flasche Bier wieder rauskomme und kurz darauf von ihnen besucht werde, weil wir jetzt beste Freunde sind, man wird mich morgen anrufen und dann lädt man mich zum Essen ein. Dass ich seine Nummer eigentlich schon löschen kann, da da bestimmt nichts kommt, ist mir genauso klar, wie ihm bestimmt auch, es sei denn, er hat es wirklich ernst gemeint, er aber zu betrunken ist, um sich tagsdrauf dessen zu besinnen.

Eigentlich wollen wir recht früh gehen, sind schließlich noch geschädigt von der letzten Nacht, dann taucht aber noch eine Freundin Minis einfach so auf, also bleiben wir abermals bis in die frühen Morgenstunden, bis deren Freundin auch noch auftaucht. Wir gehen trotzdem, versprechend, dass wir auf der Rückreise noch etwas zu trinken kaufen, denn die Frauen sind noch lange nicht müde.

Die Shops haben leider alle geschlossen, wen wundert's, also geh ich schlafen und stelle allen anderen mal die obere Etage zur Verfügung und gehe selber schlafen. Morgen soll's nämlich noch etwas Kultur geben, bevor wir übermorgen weiterfliegen.

Tag 338: Geburtstag-Reinfeiern.

Der frühe Gang ins Bett am gestrigen Abend bewehrt sich, schon vor dem Mittag sind wir wach. Dass es dann natürlich wieder dauert, bis alle vier sich frisch gemacht haben, ist logisch, handelt es sich doch durchgehend um Trödler, erst recht im Urlaub.

Wir kommen trotzdem pünktlich los, denn heute steht mal etwas mehr Kultur auf dem Programm: Die Terrakotta-Armee soll besichtigt werden, das vermeintlich achte Weltwunder. Ich war zwar schonmal da, aber das im Mai. Nun, letztendlich hat sich nicht viel verändert, die Buben stehen noch immer. Ich darf mich dieses Mal nur etwas über die Logistik beklagen, befindet sich das Kartenhäuschen nicht unmittelbar vor dem Eingang mit Kartenkontrolle, sondern einen guten Fußmarsch davor, versteckt am Parkplatz.

Den Weg vorbei an sämtlichen Touristenabzocken laufen wir also zweimal, wobei Torben unglaubliches Verhandlungsgeschick beweist und für vier Büchsen-Biere statt 60 nur 18 Yuan hinblättert. Guter Junge! Ich übertreffe ihn dennoch, als wir in einer der Ausgrabungshallen angesprochen werden und man uns die Tonfiguren in Miniatur-Format für 350 Yuan anbietet, wir uns letztendlich aber bei 20 treffen. Und warum mach ich das? Einfach nur aus Trotz. Denn eigentlich weiß ich, dass auch der Preis noch viel zu übertrieben ist. Ich will es den anderen einfach nur mal zeigen.

Der Rückweg ist im Gegensatz zum Hinweg, bei dem man am Hauptbahnhof in einen recht leeren Bus einsteigt und einfach die Strecke ohne Pause durchfährt, recht müßig. Denn man hält in jedem Kaff und lädt alle paar hundert Meter noch jemanden ein, gesellt sich letztendlich in den Feierabendverkehr, an dem irgendwie nur dümmliche Autofahrer partizipieren. So bleibt die Autobahn zwar achtspurig, allerdings wechseln sich wegen eigenwilliger (und natürlich sehr dümmlicher) Autofahrer, Gegenfahrbahn und eigene Bahn ab, wobei es natürlich immer noch Leute gibt, die gerne die Spur wechseln möchten, weil es natürlich immer schnellere Spuren gibt, als die einzige.

Aufgrund dieser langen Rückreise fahren wir nicht erst zurück ins Wohnheim, sondern gleich zum All you can eat-Restaurant. Die 40 Minuten Wartezeit vergehen wie im Flug, das Essen mundet und wir sind abermals die letzten und werden gebeten, unser Freibier doch bitte im Eingangsbereich zu vernichten. Danach fahren wir erst zurück ins Wohnheim, da die Klamotten wegen des Feuertopfs und der Grillfläche ohne Abzug verdammt nach Küche stinken. Zwecks meines Ehrentages, der bereits in zwei Stunden bevor steht, schlüpfe ich auch in mein Lieblingskostüm, gelbes Bierhemd und pinke kurze Hose mit der Aufschrift 帅 , was handsome bedeutet, unabhängig der Temperaturen um den Gefrierpunkt von Wasser draußen.

Bei Bambi singt die ganze Bagage für mich, besorgt einen Bierturm und auch Bambi lässt eine leckere Flasche Wein springen. Ein Roter! Und ein Siebener! Echt lecker, Bambi, Danke. Trotz dieser "Köstlichkeit" vernichte ich die halbe Flasche in unglaublicher Geschwindigkeit. Auch Torbens Anwerberin von gestern ist wieder da, heute aber etwas zurückhaltener, sie verschwindet ziemlich früh, weil ihr Vater kommt, um sie zu holen. Wir werden anschließend abermals gewarnt. Armer Torben.

Wir landen, wie könnte es anders sein, am Ende wieder im 1+1. Und wir werden, wie kann es in diesen Tagen anders sein, am Ende wieder rausgeschmissen, weil man Feierabend machen will. Die Garderobenhexe, die es in diesen Tagen mit uns auch nicht gerade leicht hat, bekommt noch einmal einen oben drauf, als Torben zunächst seine Jacke abgeben will, wie erwartet abgewiesen wird, daraufhin aus seinem Geldbeutel den höchsten Schein, den man als Chinese kennt, 100 Yuan, zückt, damit wedelt, sie es sich dann doch anders überlegt, zugreift, er aber alles, Jacke und Schein, wieder zurückzieht und lediglich gehässig lacht.

Sie könnte mir jetzt fast leid tun.

Ich mir allerdings auch, denn es ist am Ende wieder sieben Uhr in der Früh. An meinem Ehrentage.

Tag 337: Don't mess with the best!

Robert geht es heute nicht gut. Aber das ist verständlich, denn er hat gestern versucht, mit uns mitzuhalten. Robert bleibt also weiterhin im Bett, nachdem wir um drei Uhr nachmittags erwachen. Natürlich ist die letzte Nacht auch an uns nicht ganz spurlos verbeigegangen, alles geht recht langsam voran.

Zunächst gibt es ein Frühstück mit Eiern. Also eigentlich besteht es nur aus Eiern, denn neben diesen befindet sich lediglich noch Bier im Kühlschrank. Frühstück wurde über das letzte Jahr hinweg vollkommen überbewertet, entweder musste man früh raus und hat auf der Straße was bekommen, oder man ist spät aufgestanden und konnte ebenso rausgehen und das Frühstück ein Mittag- oder Abendessen sein lassen.

Die Eier helfen zumindest für die Zeit, in der Papa und Torben sich duschen, weiter. Dann erreicht mich Denis' Anruf. Hilfeflehend erklärt er mir, dass er seit Mittag schon in der Kalligraphiestraße weilt und sich ein Tattoo stechen ließ, dafür sein letztes Bares ausgab und nun bei der Bank feststellen muss, dass er heute über keinen Cash mehr verfügen wird.

Ich bin da ganz selbstlos und sammel den Rest der Familie ein und wir machen uns auf den Weg Richtung Südtor, während wir Robert meinem Bett, einer Aspirin, einer Nudelsuppe und vor allem sich selbst überlassen. Denis ruft während unserer Reise zu ihm ein paar mal verzweifelt an, da die Shops in der Kalligraphiestraße schließen, ihm kalt ist und er Hunger hat. Ich kann aber auch nichts dafür, dass wir erst um sechs Uhr loskommen, zu einer Zeit, in der der Feierabendverkehr herrscht, somit eine halbe Stunde kein Taxi bekommen und dann fast nochmal eine Stunde für die Fahrt zum Tor brauchen.

Im Lele warten wir ebenso noch einige Minuten, da dieses Sichuan-Restaurant eines der besten der Stadt ist und so trotz seiner drei Stockwerke stets zum Bersten gefüllt ist. Hier macht auch Torben dann schlapp, ein Bier kriegt er noch nicht runter. Er soll sich halt auch nicht mit seinem Vater und älterem Bruder, zwei der Besten, messen.

Erst beim Absacker bei Bambi wird er langsam warm, natürlich auch, um die Frau zu beeindrucken, die sich zu uns gesellt, der Denis und ich aber zu uninteressant wegen Freundin, und Papa vielleicht zu alt sind. Sie ist eine sehr attraktive Dame, allerdings kommen schnell Zweifel ob ihres Geschlechts auf, da ihre Hände sehr ausgeprägt sind und auch Bambi und Co einige Anmerkungen machen.

Sie folgt uns heute nicht, als wir sehr früh, sogar zu chinesischer Zeit, wieder nach Hause fahren und ordentlich abschnorcheln.