Mittwoch, 1. August 2007

Kreuzbandstory

Nach einer Woche Krankenhaus mit allen Höhen und Tiefen bin ich jetzt endlich wieder entlassen und kann zuhause rumgammeln, mich von einer viel zu sorgenvollen Großmutter bekochen lassen und die Ladys mit viel gespieltem Leid in meinen Bann ziehen.
Großartig.
Alles fing letzte Woche Montag an, als ich zur Voruntersuchung durfte. Unwissend, wie ich war, parkte ich auf dem eingezäunten Parkplatz direkt vor der Klinik, der gleich mal doppelt so teuer war, wie der andere Besucherparkplatz daneben. Somit durfte ich nicht nur drei Stunden im Krankenhaus verweilen, bis alles durchgecheckt war, sondern auch noch einen Wucherpreis von fünf Euronen dafür hinblättert.
Zwischendurch wurde mir Blut abgenommen, nochmal das Knie durchgecheckt und mir die beiden Narkose-Möglichkeiten erklärt. Vollnarkose wollte ich ja, aber nachdem ich gehört habe, dass ich davon Halsschmerzen bekommen könnte, weil sie mir zwischenzeitlich ein Schlauch in den Rachen schieben würden, hab ich mir nochmal die Sache mit der Spinal-Dingens, also der Wirbelsäulen-Narkose angehört.
Der Arzt blühte da vollkommen auf, war sehr begeistert von dieser Variante, er würde die auch immer nehmen (da frag ich mich, ob er so verletzungsanfällig ist oder sich gerne mal betäuben lässt) und man dann auch erstmal nach der OP direkt keine Schmerzen verspüren und so weiter. Man bekommt nur eine kleine Spritze in den Wirbelsäulen-Wasserkanal. Nur wenn sie das Rückenmark treffen würden, wär ne Lehmung sehr wahrscheinlich... egal, die nehm ich doch. Seit meiner Zahnarztstory bin ich eh davon begeistert, bei OPs live dabei zu sein.

Als ich Mittwoch ankam, dachte ich, ich würde maximal zwei Tage bleiben, weil mir die Ärzte Hoffnung machten, dass das Kreuzband noch zu gebrauchen war und nur etwas zusammengeflickt werden müsste, weil ich mich ja ansonsten sehr gut bewegen könnte und so. Später sollte sich herausstellen, dass es nur anderen Innen- und Außenbänder zu verdanken gewesen sei, weil diese so schön straff waren. Und natürlich, weil ich so muskuliert bin, nahm ich an.
Es ging dann auch recht schnell. Als ich meinen Schrank gepackt hatte, kam eine der reizenden Schwestern und meinte: Ausziehen. "Lady!?" erwiderte ich, aber mir wurde zugesichert, dass ich die Unterbüchse anbehalten dürfte. Sie tat mir leid.
Die Beruhigungstablette nahm mir sämtliche Aufgeregtheit und mit geiler Kopfbedeckung und diesen tollen OP-Hemden, die hinten offen waren und bei jedem Aufstehen einen Blick auf meinen Rücken und meinen geilen Arsch freigaben bedeckt ging es dann mit meinem Bett zum Narkose-Machen.
Meine chronische leichte Angst vor Spritzen hatte ich eigentlich schon überwunden, seit ich mir am Tag zuvor die Thrombose-Spritze selber setzen durfte. Aber im Narkose-Raum hieß es einfach mal "Jugend forscht" und ein Arzt-Gehilfe kam zu seinem großen Tag. Ich attestierte ihm eine hervorrangende Leistung, auch wenn er erst nach einigen Kontakten der Nadel mit meiner Wirbelsäule und anderen Knochen beim sechsten Versuch den richtigen Kanal fand. Aufbauen muss man die Leute ja, sonst haben sie ein Leben lang Angst davor.
Im OP-Saal bekam ich an meine Linke einen Monitor gestellt. Fernsehen. Geil. Ab Bauchnabel abwärts war alles betäubt und über selbigen wurde mit einem Gestell und einem Handtuch eine kleine Wand gebildet, damit ich nicht ganz auf den Doktor gucken konnte. "Endlich mal wieder richtige Männer-Beine," war der passende Kommentar zu meinen voluminösen, muskulierten Schenkeln. Und dann ging es auch schon irgendwie los, ohne dass ich was bemerkte. Der Monitor erleuchtete, allerdings war noch alles recht rot verschwommen. Nach und nach wurde klare Flüssigkeit ins Knie gepumpt und das Blut, das seit dem Unfall die Schwellung bildete, abgepumpt. Schnell erkannte man alle möglichen Knochen im Knie, die Sehnen, Bänder und so weiter. Mit einer Art Stemmeisen wurden die Gelenkteile auseinandergedrückt, sodass wir weiter mit dem Lichtleiter zu den Kreuzbändern kamen. Es war eine richtig schöne, kleine Erlebnistour durch den eigenen Körper. Großartig. Wie in einer Unterwasserwelt. Das hintere Kreuzband sah fabelhaft aus, aber beim vorderen stockte mir der Atem. Das war alles andere als ein Kreuzband. Das war zerfleddert wie sonstwas, glich einer Seeanemone und von einer klaren Struktur war nichts mehr zu erkennen. Mein Traum von einer kurzen OP mit leichtem Eingriff war vorbei, jetzt musste der Doktor ganze Arbeit leisten.
Der Raum, in dem ich lag, füllte sich immer mehr mit Menschen. Der Narkose-Lehrling, ein paar Arzthelfer, die über's Wochenende redeten, ein paar Schwestern, die aber älter wirkten, trotzdem ich sie unter Mundschutz und Kopfhaube kaum erkennen konnte. Zudem sprachen sie von ihren Partern, was mein Vorhaben, eine von ihnen anzubaggern, auf Eis legte.
Nun gut, der Onkel Doktor erklärte mir die weitere Vorgehensweise. Altes Kreuzband raus - Löcher bohren - Knie aufschneiden - Patellasehne (mittleres Drittel) rausnehmen (mit Knochen) - reinsetzen - zunähen - fertig.
Alles klar.
Mit einer kleinen Zange, die der Doktor durch den bleistiftdicken Tubus behutsam ins Knie einführte, begann er, das Kreuzband herauszureißen. Schien schwierig zu sein, zumindest bewegte sich mein Körper mit jedem Rupfen mit. Aber ich merkte ja nichts. Als er irgendwann nur noch abrutschte, war schwereres Gerät vonnöten. Also griff er zu einer Art Häckselmaschine, die diese Anemonen-Arme abknabberte und gleichzeitig absaugte. Putzig sah das aus.
Dann war Ruhe, der Doktor zog die Sonde wieder raus und der Monitor wurde für einige Zeit dunkler. Zwischendurch pampte man die Helfer an, die es nicht fertigbrachten, den Monitor, bzw die Sonde, ganz auszuschalten. Ich konnte nämlich bei genauem hinsehen auf dem Monitor noch den Doktor arbeiten sehen. Warum er so ein Geheimnis daraus machen wollte, wusste ich nicht.
Irgendwann wurde es laut und einige Vibrationen gingen durch meinen Körper. Man hatte mein Knie aufgeschnitten, die Patella-Sehne freigelegt und gerecht aufgeteilt und begann nun, diese mit jeweils etwas Knochen vom Schienbein und von der Kniescheibe herauszulösen. Mit Säge und Meißel.
Anschließend musste man Löcher bohren, mittem im Knie. Das allerdings blind, der Doktor sah auf dem Monitor lediglich, wo er hineintreffen sollte, aber nicht wo. Dazu bediente er sich eines Metallrings, durch den er treffen sollte. Die ersten zwei Versuche gingen knapp vorbei, der dritte saß aber perfekt. Sah ganz schön groß aus, der Bohrer. Ich sollte aber erfahren, dass das gar nicht der richtige war. Wenig später war es wieder laut und ein doppelt so großer Bohrer folgte, dieser machte auch ganz schön viel Knochenmark-Spähne. Dieses Kostbare gut wurde sogleich eingesammelt, es sollte die Löcher in Schienbein und Kniescheibe stopfen.
Um die Löcher zu kontrollieren, wurde noch ein Röntgenfoto geschossen und eine der netten Helferinnen deckte meinen Schritt mit der schweren Bleischürze. Und da da jetzt ne ebene Fläche bestand, konnte man gleich noch mehr Sachen ablegen. Zwischendurch erschrak ich noch einmal kurz bei dem Gedanken, dass ja wegen der Betäubung meine Schließmuskeln gar nicht mehr funktionieren würden, aber ich war zum Glück nüchtern und es herrschte kein zu großer Durck. Ich wollte trotzdem mal kontrollieren gehen und fragte mich sofort, warum die Mulbinden oder so unter die Schürze gelegt haben, bis mir einfiel, dass das ja nicht umsonst "Weichteile" heißt. Ganz schön übel. Und dann lag auch noch mit dem vollen Gewicht die Schürze auf sämtlichen lebenswichtigen Männerorganen.
Nach der OP tat das ganz schön weh..
Nun gut, die Röntgen-Bilder waren anscheinend zufriedenstellend, es konnte weitergehen. Jetzt ging es daran, die Knochenstücke in die etwas kleiner geratenen Löcher zu schlagen und zu verkeilen. Wieder vibrierte mein Körper bei jedem Schlag aber das alles ging ziemlich reibungslos. Perfekt eingelocht. Jetzt noch ein paar Beugübungen und schwupps konnte zugenäht werden.
Das unbequeme Liegen auf dem Rücken machte mir mittlerweile im Steiß bereich ein paar Probleme und ich versuchte, mich irgendwie anders zu legen. Ganz schön scheiße, wenn die Beine nicht funktionieren, also versuchte ich es mit Ruck, wobei der Arzt in Panik geriet, da mein Bein wohl nicht gerade sicher auf dem Tisch lag. Aber solange ich nichts merkte, war mir das egal.
Nach anderthalb Stunden war der Spaß vorbei, ich kam ins "Aufwachzimmer", wo ich mit Abstand der munterste war. Zwischendurch kam der dort zuständige Arzt und bespritze mich am Oberkörper mit Desinfektionsmittel. "Ist nass und kalt, nä?". Ach was. Ich glaube, er wollte das tun, um zu testen, wie weit die Narkose jetzt raus wär, wurde aber bei jedem Versuch vom Telefon unterbrochen wurde.
Auf dem Weg später in mein Zimmer entstand eine hitzige Debatte mit einer Krankenschwester, die meinte, ich sei zu schwer. Meine Argumente waren aber viel überzeugender, glaub ich und sie sah es ein.
Nach drei Stunden aufm Zimmer kamen die Schmerzen, aber als echter Mann hält man die ja aus. Ich habe Tablette bekommen. Trotzdem ich so lange wie möglich dem Druck stantgehalten habe, musste ich irgendwann auf's Örtliche. Der Kreislauf war aber noch nicht so in Ordnung und so begab es sich, dass die Schwester, mich klitschnass und schneeweiß erblickend, sofot mit den Worten "Na jetzt aber schnell, ich kann sie nicht halten," ins Bett schickte. Was soll das denn heißen? Sie war jetzt auch nicht viel schlanker als ich. Das war ja rüde, wie sie mich behandelte. Aber die Wogen sollten sich glätten. Für die darauffolgende Nacht wurde mir so eine tolle Ente angeboten. Seit meiner Zeit als Zivi war ich fasziniert von diesen Taschentoiletten. Ich nahm sie dankend an und füllte sie desnachts so um drei Uhr fast ganz. Ein tolles Gefühl, das ich nie vergessen werde.
Die Tage im Zimmer waren nicht soo spannend. Ich habe ein ganzes Buch durchgelesen, das sagt wohl viel über meine Langeweile aus. Ansonsten hab ich gegessen oder geschlafen. Schlaf musste ich aus der Nacht nachholen, da ich zwei sehr starke Sägewerke neben mir hatte.
Ab und zu kam die Krankengymnastin. Sie war sehr schön und fachkundig. Ich verliebte mich spontan in sie. Die zwanzig Minuten pro Tag mit ihr vergingen viel zu schnell, wir konnten unsere Beziehung nicht sonderlich vertiefen. Mit viel Liebe bog sie mein Bein, ließ am Ende die Beinmaschine heimlich in meinem Bett, so dass ich schneller auf die 90° Beugung kommen konnte und warf mir auch sonst verführerische Blicke zu. Spätestens am letzten Tag, dem gestrigen Dienstag, als ich mich auf den Bauch legen sollte und sie aus dieser Position meine Beine beugte, sich dabei auf meinem hübschen hintern abstützte - da sie zu früh kam, lag ich nur in körper betonender Boxer-Shorts da - kam der Moment, in dem sie sich auch in mich verliebte. Aber es war zu spät. Wir mussten uns trennen.
Ich werde sie vermissen.
Der Arzt kontrollierte mich dann gestern ein letztes Mal, tastete alles ab. Es schien ihm zu gefallen, in dem entstandenen Loch der Kniescheibe rumzudrücken. Von den am Ende schnell erreichten 90° (tagszuvor waren es lediglich 65°) war er begeistert, sprach dann aber davon, dass die Weichteile noch zu sehr geschwollen seien, einen Tag sollte ich noch brauchen. "Der Arsch," dachte ich. Dann war wohl doch der das mit der Bleischürze.
Nun, heute kam ich raus. Zum Glück, konnte ich sagen, da ich meine Nachbewohner kennenlernte. Zwei Herren, alt, mit wenig Hirn aber viel Redebedarf. Binnen zwanzig Minuten kannte ich die ganze Krankengeschichte des einen.
Nach dem Sektfrühstück, in dem alle Schwestern sehr betrübt dreinschauten (es sind meinetwegen selbst die gekommen, die sonst nicht arbeiten mussten), verabschiedete ich mich und jetzt lieg ich zuhause. Auf meinem Zimmer. Und unten werden wieder Wände eingehauen.
Vielleicht sollte ich meinem Kreuzband wieder etwas antun, dann hab ich wenigstens wieder den ganzen Tag Ruhe, viel TV und Essen, dass meiner Figur mal wieder gut tun könnte.

so long. oeRque

Ps.: Insgesamt verging die Zeit allerdings verdammt schnell, unter anderem deshalb, weil mein Bruder, der Prachtbub, mich fast täglich besucht hat und mir Liebe, Trost und viel Essen gespendet hat. Dafür möchte ich ihm rechtherzlich danken!

6 Kommentare:

  1. das ich dich tag für tag besucht habe, liebe gespendet, essen gebracht habe, erwähnst du mich mit keinem sterbenswörtchen. ich bin erschüttert, traurig und böse zugleich.
    torben

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  2. Da musst du aber was überlesen haben!

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  3. scheee, das es dir wieder gut geht.
    und schade dass das mit der physioterapeutin nicht geklappt hat.vielleicht wusste sie nicht was sie verpassen würde.
    greeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeezzzzz

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  4. das hast du doch nachträgtlich noch reingetan...!
    torben

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  5. @ Denis: Ach, ich muss wahrscheinlich nochmal dahin um ne Überweisung rauszuholen. Dann werde ich sie irgendwie noch rumkriegen und mit ihr auf große Reise gehen.

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