Sonntag, 19. April 2009

Tag 50: Den Medaillenspiegel fest im Visier.

Zwar finden heute keine Vorlesungen oder Projekte statt und dennoch stehen wir so früh auf, wie noch nie in unserer China-Zeit. Lukas darf sich nämlich auf dem anderen Campus im Kugelstoßen messen, Denis etwas verspätet im Sprint.
Sie machen es zunächst beide sehr gut, werden jeweils zweiter, zumindest solange, bis wir die Wettbewerbszone verlassen haben. Denis bleibt zwar zweiter, allerdings handelt es sich nur um ein Qualifikationsrennen und nur der erste kommt weiter. Bei Lukas wird erst später die Wurfweite gemessen, die Einschlaglöcher sind mit Fahnen gekennzeichnet. Zwar behauptet der Erstplatzierte auch, Lukas sei zweiter, aber irgendwie will es der Zufall so, dass der dritte einen und der zweite zwei Zentimeter mehr erreicht hat.
Somit sind wir (... olympischer Geist... das Zusammengehörigkeits-Wir...) nur vierter, müssen unser Ziel, im Medaillenspiegel mindestens vor den USA und Frankreich zu liegen, auf später verlegen.
Doch auch im Armdrücken müssen sich beide spontan geschlagen geben. Selbst die von uns ausgekührte Paradedisziplin, Tauziehen, geht voll in die Hosen. Überhaupt ist es ein kleines Phänomen, dass man tagtäglich auf schmächtige kleine Menschen trifft, allesamt mehr oder weniger Sportlegastheniker und pünktlich zum Sportfest verwandeln sie sich in Maschinen, die Meister auf ihrem Gebiet sind. Ich frage mich noch, wo die drei Bären, die unsere Gegner im Tauziehen sind, sich die letzten beiden Monate versteckt haben.
Nach dieser Schmach, in die sich auch Arne beim Weitsprung einreiht (da fliegen ein paar Deppen doch tatsächlich deutlich über sieben Meter, deklassieren alle anderen und meinen dann arroganterweise, dass das schlecht sei), sind wir vorerst nur noch Zuschauer und richten uns unseren Fanblock ein. Unser stetiger begleiter ist die Deutschlandfahne, die an zwei zusammenmontierten Schrubber-Stäben sehr professionell wirkt. Sie sorgt für Bewunderung und Beifall, aber auch für einige Unannehmlichkeiten; sie lockt stets den Schmutzfink an. Und er bringt seinen kleinen Bruder mit. Mit etwas Ignoranz und deutlichen Gesten lässt er sich zum Glück ab und zu auf Distanz halten, fragt aber dennoch ab und zu, wann wir ihn denn jetzt nach Deutschland bringen könnten.
Nachmittags kommt der Mane, Denis Kumpel aus der Heimat. Dieser bleibt bis Donnerstag und ist stetig darum bemüht, die Germanization einzuführen. So modifizieren wir zunächst am Abend den Tischtennis zum Trinksport, das ganze bei feiner deutscher Musik aus den mitgebrachten akkumulatorbetriebenen Musikboxen.
Später wollen wir eigentlich nur ein paar Bars aufsuchen, landen dann aber doch im Salsa-Club, der mit Salsa nicht viel zu tun hat. Da ich unsere einzige deutsche Medaillenhoffnung bleibe, merke ich sofort, dass es eigentlich keine gute Idee ist, lange fortzubleiben und nicht zu schlafen. Diese Erkenntnis kommt mir leider erst bei der Ankunft, zum Glück sind die Ledercouches dort aber so gemütlich, dass ein paar Runden Bubumachen drin sind. Zwischendurch vertanze ich die neu aufgeladene Energie zwar sofort wieder, aber eigentlich meine ich, morgen fit sein zu können.
Fit für Gold.

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