Donnerstag, 30. April 2009

Tag 62: 1000

Prima, wir machen endlich unsere Druckplatten fertig und das, obwohl wir noch einmal Fehler und Satz korrigieren müssen, weil uns hier und da noch etwas auffällt. Morgen ist Druck-Symposium mit der deutschen Delegation, übermorgen erster Mai, dann Wochenende, wir können Montag also drucken.
Den Nachmittag nutzen wir etwas, um einen Bruchteil unserer Dosensammlung mittels Kleister zusammenzukleben. Jetzt sind wir im Besitz einer wunderschönen Säule, die von Boden bis Decke geht und jetzt unser Toilettenpapierhalter ist. Morgen folgt eine zweite Säule.
Da die Dämpfe des Klebstoffs uns zu Kopfe steigen, schauen wir mal auf den Sportplatz, der seit Tagen komplett belagert ist, da alles für den großen Empfang am Freitag, 1. Mai, gerichtet werden muss. Eine große Bühne, viele Lichtanlagen, jetzt bereits Stühle stehen schon und es muss das koordinierte Platz belegen und Platz räumen geübt werden. Langweilig.
Wir werden hier von bekannten aber nicht erwähnten Damen und Herren entdeckt und speisen mit ihnen zu Abend. Dies erweist sich als Fehler, da bei allen dreien später mindestens einmal die Tränen fließen: Beim einen, weil er mit einer der beiden Damen anbändeln möchte. Diese will aber nicht, vermag es ihm aber auch zunächst nicht zu sagen und als sie es dann doch tut, fühlt sie sich so schlecht, weil er so gut zu ihr war, dass auch bei ihr die Tränen fließen. Und als ich dann irgendwann spaßeshalber erkläre, dass ich mit der deutschen Delegation nächste Woche zurück nach Deutschland fliege, gibt es auch bei der zweiten kein Halten mehr.
Echte Gefühle oder Kindergarten, ich weiß es nicht. Mit Mühe und Not besänftige ich die Weibchen mit netten Sätzen, den Knaben mit Schnaps.
Das Tränenmeer macht mich so sentimental, dass ich mein heutiges Jubiläum kaum richtig feiern kann:
Um 23:03 Uhr piepst mein Handtelefon und was lese ich da: es ist meine 1000. (in Worten eintausendste) erhaltene Kurzmitteilung. Und das alles seit dem 18. März (um 17:46 Uhr). Somit habe ich, sofern alles richtig berechnet ist, pro Stunde 0,987 Kurzmitteilungen erhalten.
Man ziehe hiervon mal schätzungsweise acht Stunden Schlafenszeit ab und schon sind es 1,4 pro Stunde. Da weiß man, was in den Stoßzeiten so alles auf mich zugekommen ist.
Meine Freude über diese Zahl hält allerdings nur eine kurze Zeit, denn schon als ich mit erhobenen Fäusten triumphierend bei Lukas im Zimmer stehe, und die Worte "Lukas, da ist das Ding, 1000..." brülle, werde ich je durch ein wohlbekanntes Piepsen unterbrochen und muss meinen Satz mit "... und eins SMS!" beenden.
Dennoch lasse ich einen Koffer springen und alle sind glücklich. Bis auf jene welche, die da weinen.

Tag 61: Verkehr.

Wie gestern schaffen wir auch heute nicht viel beim Projekt. Das Ausschießschema steht eigentlich schon lange, wird aber gerne mal wieder schnell zerrissen, weil man doch größere Platten und Papierformate findet, sodass auf einen Bogen zwei Signaturen passen. Dann fällt einem aber auf, dass es doch ein wenig zu knapp ist, weil ganz am Rand nicht gedruckt werden kann. Dass wir am Rand aber nichts zu Drucken haben, ist erstmal egal.
Heute kommt die deutsche Delegation an, zwecks sämtlicher Jubiläen in den nächsten Tagen (60 Jahre Uni Xi'an, 35 Jahre Studiengang Druck, 10 Jahre deutsch-chinesischer Studiengang). Die Delegation besteht aus vier Profs (Rektor, Studiengangsleiter, etc.) und 25 Studenten. Von chinesischer Seite aus werden wir gebeten, zwei von uns mit zum Flughafen zur Begrüßung zu schicken. Eigentlich habe ich mich dafür bereiterklärt, verspüre aber überhaupt keine Motivation mehr und bin froh, dass Andy und Arne das für mich übernehmen. Dort angekommen ernten beide vom Studiengangsleiter aber erstmal ein "Ach, was machen Sie denn hier?". Diesen Mangel an Freude weiß Arne auszunutzen und behauptet einfach mal, dass die beiden für die nächsten Tage nach Hainan fliegen würden, weil es beim Projekt nichts für sie zu tun gäbe. Das wird erstmal hingenommen, später aber noch etwas stärker mit den für uns zuständigen Personen in China diskutiert.
Lukas und ich fahren jetzt täglich mit dem Rad zum alten Campus. Wir sind dadurch nicht nur sportlich, sondern auch viel schneller, als wenn wir den Bus (inkl. Weg zur Haltestelle) nähmen.
Wir nutzen hierfür die Straße, da die Fußwege viel zu überfüllt sind. Die Straße ist zwar auch vollgestopft, allerdings fahren die dortigen Vehikel ungefähr unser Tempo, mal etwas schneller, mal etwas langsamer.
Ich habe bereits öfters erwähnt, dass es nicht gerade ein Verkehrssystem gibt, den Führerschein kann man für Geld und dem Beantworten einiger kinderleichten Fragen beantworten. Aber so langsam steigen wir hier durch.
Fakt ist in erster Linie: Dreistigkeit siegt. Sobald man etwas zu eingeschüchtert an die Sache rangeht, hat man verloren. Die Devise lautet somit: Rauf auf die Straße und nach mir die Sintflut. Bei Spurwechseln darf man ruhig mal jemanden etwas schneiden, das ist der einfachste, auf die gewünschte Bahn zu kommen. Zwar kann man mit dem Rad nicht so viel Macht ausüben, aber jeder hier weiß, dass ein angefahrener Ausländer der Stadt nicht gut tut und zudem bringen die langsame Geschwindigkeit und die guten Bremsbeläge jeden Wagen schnell zum Stillstand, man hat also nicht viel zu befürchten. Das klappt sogar im vierspurigen Kreisel.
Wird man von einem anderen Verkehrsteilnehmer angehupt, sollte man das nicht sofort persönlich nehmen. Ich werde bisher auf jeder Fahrt angehupt, winke dann aber stets freundlich zurück. Hupen ist hier eine Art Hobby, jeder liebt es, jeder tut es. Auch mein linker Daumen bildet langsam Hornhaut, weil ich meine Klingel ausgiebig benutze.
Wenn man einen Radfahrer überholen will, sollte man dies links tun. Denn dieser erwartet einen nicht auf der Seite und könnte einen dann schneiden, oder was noch schlimmer ist, er scheidet seinen Speichel schwungvoll in diese Richtung aus. Diese Erfahrung darf Lukas heute machen. Im Gesicht. Er hat nicht gut Lachen.
Bei Ampeln zählt die Farbe eigentlich nicht sehr viel. Ist die Masse an Fahrzeugen, die mit einem in die gleiche Richtung fahren, kleiner als die, derer dich kreuzen, braucht man Geduld, bis man eine geeignete Lücke findet. Es ist manchmal sicherer, bei Rot über die Kreuzung zu fahren oder zu laufen, als bei Grün. Denn sobald ein anderer hupt, erwartet er die Vorfahrt, die man ihm auch besser lässt.
Die letzte Straße, die zum Campus führt, ist mit einer Mittelleitplanke getrennt. Da die Uni jenseits der dieser Leitplanke liegt, muss man die Straße also erst ganz durchfahren, bis die nächste Kreuzung zum Wenden kommt, oder die Fußgängerbrücke nehmen. Oder man fährt an der ersten Kreuzung einfach auf die andere Fahrspurt und bahnt sich dort seinen Weg auf der noch einmal abgetrennten Busspur. Diese wirken zwar sehr imposant, wenn sie auf dich zurollen und vortäuschen, keinen Platz zu lassen, aber letztendlich scheren sie doch noch etwas aus und man kommt problemlos an ihnen vorbei.
Der Hinweg ist somit fast ohne Stopps bewältigt, lediglich am Tor des Campus' muss man, weil es irgendein Gesetz so verlangt, absteigen, sonst wird der Wachmann böse.
Für den Rückweg zum Wohnheim gebe ich folgenden Tipp.
Um dem Smog etwas zu entfliehen, sollte man bei einer Kreuzung, die einem abschüssigem Hang folgt, etwas taktisch vorgehen und bei Grün genügend Schwung mitnehmen, sodass man als erster über sie jagt, am jetzt steigenden Hang seinen Vorsprung verteidigt (die Busse fahren fast Schritttempo, da sie kaum genügend Kraft besitzen) und das letzte Stück bis zum Campus locker bei verhältnismäßig guter Luft ausrollen kann.
Wer diesen Ratgeber liest und beherzigt, hat locker das Zeug zum Überleben im Xi'an'schen Straßenverkehr.

Tag 60: Waschtag

Der heutige Tag bringt nicht wirklich viel ein, da wir beim Projekt vor uns herdümpeln, weil keiner weiß, wie die Maschinen zu bedienen sind, sei er oder sie Deutscher oder Chinese (Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, lassen wir leider die mit zwei Stunden viel zu lange Mittagspause uns noch eineinhalb Stunden auf den zuständigen Professor verstreichen, sodass wir erst spät am Nachmittag zurück auf unserem Campus sind, später als jemals zuvor in China haben wir Feierabend).
Also plag ich mal über unsere Waschproblemen: Zwar besitzen wir den Luxus, eine Waschmaschine zu besitzen, allerdings arbeitet die manchmal nicht so, wie sie soll. Dies mag zum einen an der Technik, viel mehr allerdings wahrscheinlich am Unvermögen des Bedieners liegen.
Ein Nachteil der Maschine ist, dass sie selber nur kaltes Wasser reinpumpen kann. So muss man sie zunächst neben der Wäsche auch mit heißem Wasser aus der Dusche befüllen, wenn man Glück hat, reicht das für den Waschgang. Ansonsten wird, wie gesagt, kaltes nachgepumpt.
Leider rastet der Schalter unserer Maschine nicht mehr ein, sodass wir als angehende Ingeniöre uns bereits in den ersten Tagen gezwungen sahen, uns etwas einfallen zu lassen. Wir befüllten eine Flasche mit Wasser, die nun schwer genug ist, um den Knopf unten zu halten. Mittlerweile haben wir für das positionieren ein so gutes Fingerspitzengefühl, dass sogar während des Schleudergangs die Flasche stabil steht. Als sie das noch nicht tat, musste ein Waschvorgang ziemlich häufig wiederholt werden, um ihn abzuschließen.
Man kann zwar zwischen verschiedenen Waschprogrammen auswählen, allerdings erkennen wir bisher noch nicht den Unterschied zwischen ihnen. Die Wassertemperatur wird von der Dusche geregelt und von der Waschzeit nimmt es sich nicht viel. Also kann man auch gleich alles zusammen waschen, Hemden, Hosen, Handtücher. Das schenkt sich nichts, irgendwie wird alles sauber und nicht zerstört.
Problematisch ist es mit der weißen Kleidung: Irgendwie scheint sich von draußen viel Staub in die Maschine zu schleichen, denn meine weiße Kleidung ist durch und durch ergraut, bzw. es gibt schwarze Flecken, die zuvor noch nicht vorhanden waren. Oder sie erpinkt, da das Studiengangs-T-Shirt, das man uns zum Sportfest gegeben hat, noch ein wenig Farbe übrig hatte. Trotz meines rosa T-Shirts, das ich als Warnung in die Stube gehängt habe, hat Luke es sich nicht nehmen lassen, einfach den gleichen Fehler zu begehen.
Ein weiteres Manko ist, dass ich im Handgepäck das Sockenmonster durch den Zoll geschleust zu haben schein. Es ist schon wieder unglaublich, wieviele nicht zueinanderpassende Socken sich in meinem Schrank befinden.
Zum Glück kostet das alles recht wenig Geld, sodass ich mich leicht wieder mit neuen Socken und farbigen T-Shirts (zumeist bedruckt mit sehr phantasievollem Englisch) eindecken kann. Und ich muss nicht ins Dorf zum Waschen. Das hat doch auch schon was.

Montag, 27. April 2009

Tag 59: Massage.

Bevor ich mich abermals künstlich aufrege und mal wieder erwähne, dass, wenn man uns um halb neun zum Treffpunkt bestellt, weil um zehn Uhr das Spiel stattfinden soll, welches dann aber doch erst um nach elf angepfiffen wird, und dass ich mal wieder am Auftreten des Teams verzweifle, weil alles nur hektisch abgeschlossen wird, filtere ich einfach mal das Positive heraus: Es ist schönes Wetter, der Bus bringt uns bis vor die Tür der scheinbaren Elite-Uni, die sich außerhalb der Stadt erhöht, am Rande der Berge in wunderbarer Idylle mit schöner Parkanlage und schönen Frauen ausgestattet, befindet, ich schieße endlich wieder ein Tor und wir sind dann doch schon recht früh mittags fertig, sodass Denis und ich, trotzdem wir noch in die Mensa gehen, wieder da sind, bevor Lukas, der heute den Kranken simuliert, sich überhaupt mal aus dem Bett bewegt hat.
Wenn Lukas so lange schlafen darf, dann kann ich das auch und so wird geruht, bis der Rest zum Marsch in die Mensa ruft. Die Eitelkeit erfordert vorher noch einen Griff zum hier erworbenen Haar-Wachs, welches meine doch recht borstigen Haare mit nur wenig Masse in sämtliche Formen und Richtungen verbiegen. Inspiriert durch die Dragonball Z-DVD gönne ich mir eine ganz und gar prächtige Frisur.

Denis und ich verfolgen schon seit mehreren Wochen den Plan, uns eine Massage zu genehmigen. Nachdem diesem immer durch den Satz "Jo, machen wir morgen." Aufschub gewehrt wurde, kommen wir heute nicht drum rum und fahren an den von unseren Vorgängern in der Karte markierten Ort, zwei Stationen mit dem Bus entfernt. Dort finden wir an den kitschig beleuchteten Häuserfassaden leider nicht die von uns gesuchten Zeichen 按摩, also fragen wir mal nach und werden in einen einem Hotel ähnelnden Eingangsbereich geführt. Aufgebrachte Damen im Kimono kreischen uns ein '你好,欢迎你' (Hallo und herzlich Willkommen) entgegen und dann heißt es 'Schuhe aus' und rein in die Schlappen. Wir werden nach oben geführt, vorbei an den noch viel mehr aufgebrachten Damen, die die Dienste verrichten in einen Raum, ausgestattet mit zwei Liegen, einem Tisch und einigem Schnickschnack. Nach Aushandeln unserer Wünsche (Ganzkörper für 80 Yuan und Tee für 58 Yuan) , wird uns von den beiden glücklichen Damen, die nun die westlichen Prachtkerle bearbeiten dürfen, ein Fußbad gereicht und die ganze Prozedur beginnt.
Der Tee ist seinen stolzen Preis wert, was er nach der Prozedur auch sein muss: Es werden erst die Tassen mit dem Wasser ausgewaschen, dann mit der ersten Ladung Teearoma benetzt, anschließend ausgegossen, die Blätter noch einmal aufgebrüht und dann das ganze nochmal... es dauert also ziemlich lange, scheint aber zu funktionieren.
Die Massage ist auch prima, nur Denis wird komisch angeguckt, als er sich seines T-Shirts entledigen möchte. Allerdings stellt er hier die auf mich sehr philosophisch wirkende Frage "为什么我们穿衣服?" ("Warum tragen wir Kleidung?" Ja, warum wohl? Weil wir kein Fell mehr haben und Warmblüter sind? Weil das in der Zivilisation nunmal Standard ist?). Er darf sich dennoch entkleiden.
Wie schon in Guilin kommt man bei der Behandlung der Schenkel kritischen Regionen sehr nah, sodass ich befürchte, verführt zu werden. Grundsätzlich könnte man darüber ja reden, aber nicht unbedingt, wenn Denis neben mir liegt.
Da Ganzkörper nun einmal Ganzkörper bedeutet, geht es letztendlich noch an die Bauchregion. Nach dem für uns beleidigend wirkenden Kompliment, einen sehr schön weißen Bauch zu haben, wird dieser geknetet und geschlagen. Auch hier wird mir etwas Bange, denn es lösen sich nicht nur muskulöse Blockaden, sondern auch eingeschlossene Lüfte, die nur allzu menschlich, dennoch von der Gesellschaft noch nicht so akzeptiert sind. Mit einiger Konzentration und Beherrschung meistern wir diese Situation aber glänzend und schon ist die eine Stunde auch schon um.
Jetzt dürfen auch nochmal alle anderen Damen den Raum betreten und Erinnerungsfotos von denn tollen Buben machen, die selbstredend versprechen, baldigst wiederzukehren.

Tag 58: Nicht viel los am Samstag.

Gestern lief nichts, also ist es für mich auch nicht so schlimm, dass die Kinder im Hof mal wieder ab acht Uhr Radau machen. Man sollte eigentlich glauben, hier hätte die die Ein-Kind-Politik Einzug genommen, aber hier wird scheinbar geworfen, wie bei den Kaninchen. Ich werde mich damit arrangieren müssen.
Da Lukas zum einen sein Bett an der anderen Seite seines Zimmers stehen hat und sich zudem noch zwischen Zimmer und Fenster noch der verschließbare 'Wintergarten' befindet, pennt er ungehindert bis mittags weiter (was er diese Woche desöfteren mal tut), sodass es mich zu langweilen droht.
Michells Hungerklagen kommen da gerade richtig, sodass ich abermals mit einer weiteren Dame speisen gehe. Selbstverfreilich nur des Lerneffekts wegen. Naja, und als Wiedergutmachung für meine gestrige scheinbare Ignoranz ihr gegenüber, die Tränen in ihre Augen brachten.
Mittags haben wir Fußballtraining. Der Coach ist nicht da, sodass Denis und ich das erstmal übernehmen, allerdings mit ziemlich wenig Erfolg, da keiner kapiert, wofür das von uns angestrebte Flügelspiel mit Doppelpass und Hinterlaufen gut sein soll.
Nutzen können wir auch nur den halben Platz, weil auf der einen Seite aus Metallstreben eine hohe Bühne gebastelt wird. Am 1. Mai ist nämlich erstens Feiertag und zudem wird die Uni ja noch 60. Und da werden richtige Superstars erwartet, sagt man uns. Selbst von der Navy kommt nicht der erste, nicht der zweite, nein, es kommt der dritte Boss. Spätzle ist sehr aufgeregt, wir sind es auch.
Da an diesem Wochenende der Campus recht leergefegt ist, treibt uns die Langeweile dazu, mal zu gucken, wie viele Buben und Damen hier so wohnen. Und siehe da: 6 (Stockwerke) x 18 (Zimmer auf einer Seite des Gangs) x 2 (Seiten des Hauses) x 6 (Zimmerbewohner) machen mal schnell um die 1200 Bewohner pro Wohnheim. Und die sehen nun wirklich nicht so groß sein. Jetzt können wir auch die finsteren Mienen der 阿姨's ('Tante' = Damen, bzw. Onkel, die ihr Zimmer an der Eingangstür haben und ab halb zwölf, manchmal auch erst um zwölf abschließen), die wirklich genervt sein müssen, wenn nur ein Bruchteil der Wohnheimsbewohner am Abend zu spät erscheint und mindestens eine Viertel Stunde damit zubringt, mit Klopfen und einem verzweifelten "阿姨" ihr Gehör und ihre Gnade erbitten.
Am Abend sind wir endlich mal wieder kreativ und gestalten unseren Podcast. Dieser jener darf baldigst auf www.chiina.info zu begutachten sein.

Samstag, 25. April 2009

Tag 57: Es lebe die Anonymität.

Um neben dem SMS (momentaner Status: 856 Mitteilungen) und Telefonkontakt mein Chinesisch noch weiter zu schulen, habe ich mich jetzt bei XiaoNei (chinesisches Facebook) und QQ (chinesisches ICQ) angemeldet. Es ist ein bahnbrechender Erfolg, denn stündlich erhalte ich neue Freundschaftseinladungen.
Während in Deutschland alle über das Internet fluchen, weil es einem die Anonymität raubt, braucht man hier hingegen (außer mir) nicht wirklich darum zu fürchten. Denn: jeder benutzt hier nicht wirklich seinen Namen (zumindest im QQ) oder wenn doch, dann nur, weil der öfters vorhanden ist. So soll ich beispielsweise schon einen gewöhnlichen Namen suchen. Ich finde den Namen, leider etwas zu oft. Nachdem zwei Seiten durchstöbert sind, fällt mir auf, dass es alleine auf dieser Universität über 500 Studenten mit dem identischen Namen gibt. Erschwert wird die Suche noch dadurch, dass besonders die Damen des Photoshops mächtig zu sein schein und dort ihre Hautfarbe nachträglich besonders bleichen und auch sonstige vermeintliche Mängel retuschieren.
Mit dem Verfluchen dieser Seiten und den Fragen danach, wer denn überhaupt wer ist, verbringe ich den heutigen Freitagmorgen. Die Zeit dafür habe ich, da für unser Projekt sämtliche Texte fertig geschrieben sind und nicht jeder bei Satz und Layout dabei sein muss. Heimlich ist diese Aufgabe bereits Philipp zugeteilt worden, der bereits ein Buch selber gestaltet und auch unsere wunderschöne Internetpräsenz entworfen hat.
Am Nachmittag gehen Lukas, Nadine, Andy und ich in Begleitung von Spätzle in die Stadt, um ein Fahrrad zu finden, da Busfahren nicht immer so toll ist. In der Nähe des alten Campus werden wir fündig; in einer einzigen Straße scheinen sich sämtliche Fahrradhändler Xi'ans zu befinden, mindestens 20 Läden reihen sich aneinander.
Für ein Jahr soll es kein zu teures, allerdings auch kein zu schlechtes Rad sein. Uns wird zwar gesagt, dass man für 300 Kuai (dreißig Euro) locker was findet, die von uns angestrebten Zweiräder liegen dann aber doch eher bei 1000 Kuai.
Spätzle sei Dank werden wir endlich im letzten Shop fündig und gönnen uns ein Rennrad. Der eigentliche Preis von 1200 Kuai wird auf 75 % runtergeschraubt (wieviel mag das wohl sein?) und für einen kleinen Obulus gibt's noch Licht, Schloss und einer formschönen Klingel mit Kompas (der sogar richtig läuft).
Der Rückweg wird dann nochmal richtig gefährlich, weil wir uns erstmal dem Verkehrssystem, das gar kein System hat, anpassen müssen. Mit viel Dreistigkeit und etwas Weitsicht meistern wir das aber ganz wunderbar, auf der letzten Steigung vorm Campus überholen wir zwei Busse und ein paar Mopedfahrer (die anerkennend den Daumen ausstrecken und unsere Schenke zu bewundern scheinen) und sind so 15 Minuten vor Nadine da, die mit dem Bus unterwegs war.
Kurzum: Am Fahrrad sind kaum Mängel zu finden, es ist leicht und gut zu bewegen und mit der Garantie von drei Jahren können wir nicht viel falsch gemacht haben. Zudem darf man für 95 Euro nicht wirklich mehr erwarten.
Da wir so günstig davongekommen sind, laden wir Spätzle selbstverfreilich zum Essen ein, spielen Tischtennis und lassen den Abend bei fröhlichen Disney-Filmen ausklingen.

Tag 56: Filmstars

Wir werden früher denn je zum alten Campus, nämlich um 8h15, bestellt, da irgendein Kamera-Team uns bei der Arbeit über die Schultern schauen will. Natürlich weiß ich bei dieser Uhrzeit sofort, dass es sich um einen Trick unserer Profs handelt, uns endlich mal pünktlich um halb neun alle anwesend zu haben. Es klappt bedingt, mit einer Streuzeit von knapp 30 Minuten (15 Minuten vor und 15 Minuten nach Treffpunkt) trudeln fast alle ein, nur Lukas scheint irgendwas an der Ente nicht so bekommen zu sein und er bleibt bis fünf im Bett.
Da die Filmaufnahmen auf sich warten lassen, nutze ich schonmal die Zeit, um für unser neues Projekt zu arbeiten. Wir dürfen uns jetzt nämlich selber etwas aussuchen und entscheiden uns für ein Büchlein mit den wichtigsten Dingen, die vor China und in den ersten Tagen dort erledigt werden müssten. Unsere Nachfolger sollten uns sehr dankbar sein.
Das Kamera-Team kommt endlich und das ganze ist dann auch mal wieder kleiner, als es großgeredet wurde. Es wird eine Vorlesung simuliert, von ein paar Stellen aus für ein paar Sekunden gedreht und das war's dann auch schon.
Prima, ich habe Feierabend. Und da ich als einziger schon gearbeitet habe, bin ich auch der einzige.
Spätzle läd mich dann bereits um elf zum Mittagessen ein, weil es leckeren Fisch in der Mensa gibt. Und ja, er schmeckt und ich mache Spätzle mal wieder froh, indem ich alles aufesse.
Nachmittags gehe ich auf gut Glück zum Sportplatz zum Fußballspielen, habe aber schnell keine Lust mehr, da ich an der Eigensinnigkeit und dem fehlenden Konzept beim Spiel verzweifle.
Zum Glück muss ich nicht zu lange bleiben, da mich diesmal 刘荣 zum Essen erwartet. Gleichzeitig auch noch die Michelle zum Tischtennis, aber da das Mittagessen so lange zurückliegt, muss der Sport warten.
Fast zu spät erfahren wir am Abend auf der Homepage einer großen deutschen Boulevard-Zeitung, dass heute der Tag des Bieres ist. Und dem gebührt es zu fröhnen. Im Camping-Stuhr. Jener hat übrigens die Eigenschaft, viel zu bequem zu sein, sodass man schnell einschläft. Das muss nicht schlecht sein, passiert mir aber in dieser Woche viel zu häufig.

Tag 55: Dem Regen getrotzt.

Andy und ich sind heute von ein paar Damen eingeladen, mit zu einer anderen Uni im Nordwesten zu fahren, um deren Sportfesteröffnungsfeier zu begutachten. Ist das Wetter morgens noch recht schön, so fängt es leider ab Mittag an, ununterbrochen zu regnen. Dennoch soll das der ganzen Sache keine Abbruch tun.
下午, also nachmittags soll es losgehen, man ist aber schon leicht erbost, weil wir um zwölf Uhr noch nicht Feierabend haben. Ich bringe den Damen bei, wie der chinesische Tag eingeteilt ist. Denn ich hab's ja erst vor kurzem im Sprachunterricht gelernt. Und ich habe Recht.
Auf dem dortigen Campus angekommen, soll's in die Kantine zum Essen gehen, denn wir 饿死了,wir sterben vor Hunger. Für das Sportfest wird aber anscheinend sämtlicher Strom gebraucht, sodass sämtliche Mensen ohne darstehen und nur spärlich mit Kerzenlicht (schön heißes Wachs über den nicht abgedeckten Töpfen mit Nahrung) beleuchtet werden. Dieser Ort ist dann vielleicht doch etwas zu romantisch und wir müssen den ganzen Weg zurück (25 Minuten bis zum Tor (!)) durch Wind und Regen laufen, um in einem Fastfood-Restaurant zu landen. Zur Abwechslung schmeckt das aber auch mal sehr gut. Und gegen unseren Willen wird mal wieder für uns bezahlt. Ich wüsste nicht einmal, wie ich das verhindern könnte, ohne Gewalt, so flink ist die Rechnung abgearbeitet und für erledigt geklärt.
Beim Sportfest gibt es dann neben den normalen Tänzergruppen noch TaiQi und recht spektakulären Armee-Kampfsport zu sehen. Ein Highlight sind sicherlich die weißen TaiQi-Anzüge aus Seide(nreplikat) der Damen, die nach wenigen Minuten Regens durchnässt und durchscheinbar sind. Besonders toll ist auch, dass der Platz aus richtigem Rasen und die Laufbahn aus richtiger Aschebahn besteht, sodass sich das ganze schnell in eine Schlammschlacht entwickelt.
Meine Schuhe sind bereits nach einer Stunde durchnässt und das Wasser krabbelt so langsam an der Jeans bis zu den Knien hoch. Stark bleiben, Mirko, bloß keine Schwäche zeigen. Denn es geht jetzt wieder zum Essen und wieder bleibt mein Geld in meiner Tasche.
Wir sind erst gegen sieben wieder zurück, zu spät, um mit den anderen noch Peking-Ente essen zu gehen (das sei anscheinend länger geplant gewesen, ich habe nichts davon gehört). Aber gut, ich habe sowieso erstmal keinen Hunger und heiß duschen muss ich auch noch.
Sonst gibt's Schnupfen.

Donnerstag, 23. April 2009

Tag 54: Touristenprogramm





Mein früherer im Hinterkopf steckender Plan, nicht sofort in den ersten Tagen die ganze Stadt mit ihren Attraktionen zu besuchen, zahlt sich heute aus. Da der Mane nicht mehr lange hier ist und auch gerne was von Xi'an sehen würde, planen wir eine kleine Stadttour.
Es geht zunächst auf die Stadtmauer zum Fahrradfahren. Für eine Kaution und eine geringe Leihgebühr erwerben wir für die nächsten hundert Minuten tolle, ungefederte, unaufgepumpte Tandems, um die zwölf Kilometer hinter uns zu bringen. Radfahren läuft gut, die Sicht lässt allerdings etwas zu wünschen übrig. Entlang der Mauer befinden sich nämlich mit Ausnahme einiger Tempel, dem Bahnhofsvorplatz und eins zwei Parks zumeist nur Wohnbarracken, die nicht unbedingt eine Aussicht wert sind. Und weit gucken kann man ja auch nicht, was weniger an den ganzen Hochhäusern drum herum liegt als vielmehr der Luft.
Andy und ich gönnen uns noch ein Eis, das so teuer wie der Eintritt ist und kommen gerade so in der Zeit an. Haben wir ein Schwein, dass wir nicht den doppelten Preis bezahlen müssen.
Anschließend besichtigen wir mal wieder die Kalligraphiestraße, wo der angehende Diplomkünstler Mane sich voll mit Pinseln und anderen Utensilien eindeckt.
Der Abend wird an der 大雁塔, der Wildganspagode, verbracht, die abends für die Licht- und Wasserspiele sehr bekannt ist. 很好看, sehr schön anschaubar.
Neben der Wildganspagode befindet sich das Reichenviertel mit schönen Bauten und vielen schönen Bars. Der Zufall will es so, dass wir in eine gelangen, die Paulaner ausschenkt. In 5 l-Fässern.
Es geht erst recht spät nach Hause.

Tag 53: Angrillen.

Es ist pünktlich Feierabend, der Nachmittag ist zum Ausruhen genutzt worden, die Sonne scheint, der Grill ist gekauft, das Fleisch ist frisch... die Voraussetzungen könnten nicht besser sein für unser diesjähriges Angrillen.
Zwar gibt es an jeder Straßenecke gebratenes Fleisch, aber an einen guten deutschen Grillabend kommt das nicht ran. Um an die Dicke eines unserer herrlich zwarten, saftigen, gut marinierten Rinderlendenfilets zu kommen, müsste man zehn auf der Straße gekaufte übereinanderlegen.
Eigentlich habe ich befürchtet, dass die 2,5 kg nicht reichen würden, da wir neben uns auch noch viele chinesische Freunde (hauptsächlich Freundinnen) eingeladen haben, aber diese sind, da sie ja alle 怕胖, dick werden befürchten, recht schnell zurückgeschreckt und kommen behaupten, schon gegessen zu haben.
Ich schenke ihnen Glauben und esse ohne Gewissensbisse auf.
Zwar kaufen wir den Supermarkt auf dem Campus was das Bier betrifft fast leer (eine Anstandsdose lassen wir dort), getrunken wird aber nicht mehr so viel. Ich bin zu müde und schlafe bis halb vier im Campingstuhl, bevor ich ins Bett gehe, während die anderen Buben noch bis halb sechs in die Stadt ziehen. Es soll dort sehr lustig zugehen, aber da ich kein Augenzeuge bin, kann ich hier nicht berichten.
Morgen ist frei, da beim Projekt nichts mehr für uns zu tun ist. Es sickert durch, dass wir jetzt doch noch etwas anderes machen sollen. Ich bin gespannt. Wie in Flitzebogen.

Mittwoch, 22. April 2009

Tag 52: Keep on Germanizing

Wie bereits erwähnt, ist der Mane momentan zu Besuch und bestrebt, uns wieder ein wenig deutscher zu machen. Brot wurde schon gebacken, heute findet er, dass in ein gutes Stadion auch Bier gehört. Und so schaut er uns sitzend mit ein paar Dosen (bzw. zwei Trägern) im Campusstadion der Architekturuniversität beim Fußballmatch zu. Wir verlieren heute, unsere Serie ist gerissen. Viel schlimmer ist allerdings, dass ich seit ca. 270 Minuten ohne Torerfolg bin (wobei ich wegen der Größe des Kaders (mittlerweile 35) sowieso nicht auf viel Einsatzzeit komme). Ein Jammer. Genauso wie das Spiel unserer Mannschaft. Pfui. Die verstehen meine Anweisungen einfach nicht.
Nach dem Spiel bleiben wir noch lange sitzen und beobachten die Studenten, wie sie ihr Sportfest organisieren (hauptsächlich marschieren), das ganze bei feinem Bier, bis es wieder sieben Uhr ist (wir haben um zwei Uhr angefangen) und uns einfällt, dass wir eigentlich noch zur Metro wollten.
Dort kommen wir gegen acht Uhr an und errechnen uns, dass wir uns bei der Miete, die wir in Deutschland sparen, locker mal was gönnen können und so ist der Grill und die vier Camping-Stühle ruckzuck eingepackt. Auch bei der 1,5 kg-Schweinelende für 6 Euro und dem gleichschweren Pendant des Rinds für 15 Euro lassen wir uns nicht lumpen.
Zwar verfliegt unser Plan, heute noch zu grillen aufgrund der späten Zeit, die Schweinelende im Speckmantel (dazu Rettichsalat und Olivenbrot gereicht) schmeckt aber auch so noch um 00h15. Der Mane dessen Eltern kommen nämlich aus dem Gastronomiegewerbe. Ich glaube, ich kann den Mane gut leiden.

Dienstag, 21. April 2009

Tag 51: Versagt. Fast.



Heute soll mein großer Tag werden: Ich laufe die 1500 Meter. Die von mir bis ins kleinste Detail ausgeklügelte Taktik und Vorbereitung sieht wie folgt aus:
* In der vorhergehenden Nacht wird intensiv geruht. Am besten ab Vor Mitternacht bis morgens um zehn.
* Einem leichten Frühstück folgt ca. zwei Stunden vor dem Startschuss ein ebenso leichtes Mittagessen, am besten aus Nudeln bestehend.
* Ich laufe mich ein paar Runden warm und dehne mich gut.
* Der Wasserhaushalt wird gut ausgeglichen sein.

Den ersten Fehler machte ich bereits gestern, als ich mit in die Disco ging. Wenngleich mich mein schlechtes Gewissen dort sofort gen Couch trieb, so war der dortige Schlaf nicht gerade zufriedenstellend.
Das Ende meiner langen Ruhephase ist leider schon sehr früh, um acht, besiegelt, da im Hof vor meinem Fenster zwei Kinder wahlweise vor Freude laut kreischen oder heulen wie Sirenen. Wahrscheinlich ist es die Rache der Eltern, die sich gestern um halb elf, als wir zu laut vor dem Haus standen, beschwerten. Ich döse also nur noch bis elf Uhr vor mich hin, habe Kopfschmerzen.
Mein Frühstück besteht aus etwas Schokolade. Da niemand meiner Freunde wach ist, fehlt mir die Motivation, etwas gutes vorzubereiten. Gegen eins, also schon wieder zu spät, zieht es mich mit Thomas und Andy gen Mensa. Hier halte ich meinen Plan ein und bestelle mir Nudeln, kalt angemacht. Leider mit schwerer Erdnussbuttercrème, in die eine hellblaue Flüssigkeit, Mundwasser ähnelnd, gemischt wird. Dennoch schmeckt es, ist aber eindeutig zu viel. Ich entsinne mich jedoch Spätzles gestriger Mahnung, dass man Nudeln und Reis immer aufessen sollte, da andere hungern, und somit genehmige ich mir die ganze Portion, bis mein Handy klingelt und man mir sagt, dass mein Wettbewerb auf zwei Uhr, also eine dreiviertel Stunde, vorverlegt würde.
Prima, somit bleibt mir weniger als eine Stunde zum Verdauen. Ich lege mich noch einmal auf die Couch zum Verdauungsschlaf, doch als ich erwache, scheint die Nudelteigmasse sich im Körper nicht weiter hinunterbewegt zu haben. Mag an der Schwerkraft liegen, da ich schließlich nur lag und nicht stand. Dass der Klumpen unverdaulich erscheint, wird dadurch bestätigt, dass, nachdem ich mich dessen kurzerhand durch das Nahrungsaufnahmeorgan entledigt habe, selbst das Abflussrohr Probleme hat und sich erst am Abend nach gutem Zureden des Pümpels dazu entschließt, meinem Mittagessen Durchgang zu gewehren.
Federleicht aber auch erschöpft geht es nun zur Anmeldung. Natürlich hat das mit der Vorverlegung abermals nicht geklappt, ich hätte also genug Zeit zum Verdauen gehabt. Schwamm drüber, ich laufe mich eine kurze Runde warm, kämpfe mit leichten Schwindelanfällen (ist ja nichts mehr drin im Magen, außer der Kaugummi, den ich verschlucke) und werde zurückgerufen. Man braucht verdammt lange, bis man alle Teilnehmer aufgerufen hat und wir werden in drei Gruppen eingeteilt, ich bin in der zweiten.
Der Lauf der ersten Gruppe zeigt mir wenig neues: Der ganze Haufen stürzt los wie die Berserker, wobei unter ihnen nur wenige sind, die das Tempo auch durchhalten. Aber die sind dann wirklich flink und reißen die Strecke in 4 Minuten 20 runter. Ich habe also lediglich gegen jene, die mit der Zeit einbrechen, eine Chance.
Meine letzte Hoffnung ist das Wetter: Gemeinsam bitten wir unseren neuen Gott, den Gierschlund, um gutes Fritz-Walter-, ab heute auch Mirko-Wetter genannt. Und tatsächlich: Pünktlich zum Start fängt es an zu regnen, was bei meinen Kontrahenten eine Grimasse, bei mir ein freudiges Lächeln auf das Antlitz zaubert.
Und so laufe ich dann auch erstmal fröhlich mit meiner ausgeklügelten Taktik: Ich lass sie alle erstmal vorbei, verabschiede sie mit einem "Macht's gut, ihr Trottel!" und drehe zunächst drei Ehrenrunden, alleine, in denen ich mache, was ich hier am besten kann: winken, der Kulisse Küsse zuwerfen und in erster Linie natürlich gut aussehen. Ich ernte neben den Herzen der Fans viel Mitleid und vor allem Anfeuerungsrufe. Letztere gehören sicherlich nicht zur Erfindung der Chinesen, denn ihr '加油' ('füge Öl hinzu' = anfeuern) besteht nur aus zweimal Trommeln und in hoher Tonlage gerufenen '加油'. Ich stelle mir vor, wie es in Deutschland wäre, wenn sämtliche Fans im Stadion die ganze Zeit nur "Anfeuern, Anfeuern" riefen. Aber wenigstens ihr Durchhalten imponiert mir, ebenso wie die riesigen Trommeln, die für viel Lärm sorgen.
Nach einer Runde ist der Vorletzte bereits knappe 100 Meter entfernt, nach zwei sehe ich die Spitze schon auf der anderen Seite der Bahn. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sich etwas ändern muss, und so ziehe ich das Tempo einfach mal an. Ich kann's ja, bin vorher nicht gesprintet. Ich hebe mir meine Überholvorgänge für die vereinzelten Fankurven auf, winke dabei lässig gen Tribünen und das einstige Mitleid verwandelt sich spontan in Bewunderung.
In der letzten Runde pflücke ich mir sechs oder sieben Kontrahenten, und erreiche locker mein Minimalziel, nicht letzter zu werden. Der lächerliche Versuch eines anderen Läufers, mir meinen zehnten Rang (oder so) noch streitig zu machen, wird dadurch bestraft, dass er zuerst Kontakt mit meinen Beinen (nicht meine Schuld) und anschließend mit dem Boden (ebenso wenig meine Schuld) macht, nur spärlich gebremst von einer Dame, die ihn aufzufangen versucht. Er tut mir leid, denn die Tartanbahn, auf der wir laufen, ist nur ein Fake. Statt Hartgummi laufen wir auf aufgerauhtem, spitzen, rotgefärbten Beton.
Zu einer letzten Ehrenrunde mit der Fahne reicht leider meine Kraft nicht mehr, aber ich denke, die Leute werden meine Dankbarkeit ob ihrer Unterstützung auch so zur Kenntnis nehmen.
Ich gewinne heute also leider nichts, außer der Erkenntnis, dass ich noch schneller bin als im Qualifikationslauf. Eine freudige Botschaft erreicht uns dennoch: man sieht ein, dass Lukas zu Unrecht beim Kugelstoßen nichts gewonnen hat und überreicht ihm feierlich noch einen Spiegel zur Anerkennung.
Mit 0x Gold, 0x Silber, 0x Bronze aber 1x Spiegel erreichen wir somit im Medaillenspiegel einen sehr guten zweiten Platz, noch vor Supermächten wie den USA.
Deutschland, ihr könnt stolz auf eure Sportfesthelden sein.

Da der Gierschlund es zu gut mit uns meint, gießt es den ganzen weiteren Tag wie aus Kübeln, sodass wir eigentlich ruhen könnten. Aber stattdessen backen wir lieber wieder Brot und das Saubermachen der Arbeitsfläche weitet sich aus in einen Putztag. Wir unterhalten Unterstützung von 刘荣, die eigentlich nur vorbeikommt, um ins Internet zu kommen.

Abends entscheiden wir uns zu spät zum Pizzabestellen und man will uns abermals nicht beliefern. Bereits zum dritten Mal erhalten wir eine Absage. Und auch die Restaurants, die wir vorm Campus aufsuchen, sind geschlossen. Das mag daran liegen, dass man sie fast nicht erreicht, da sich die Straße in einen Fluss verwandelt hat. Wir nehmen mit ein paar weiteren Chinesen Taxis in die Stadt, wo aber auch alles geschlossen hat und somit essen wir nur gegrillten Tintenfisch von der Straße. Sehr gut.
Anschließend geht es früh ins Bett. Und das, obwohl wir nach dem Sportfest eigentlich was zu feiern hätten.

Sonntag, 19. April 2009

Tag 50: Den Medaillenspiegel fest im Visier.

Zwar finden heute keine Vorlesungen oder Projekte statt und dennoch stehen wir so früh auf, wie noch nie in unserer China-Zeit. Lukas darf sich nämlich auf dem anderen Campus im Kugelstoßen messen, Denis etwas verspätet im Sprint.
Sie machen es zunächst beide sehr gut, werden jeweils zweiter, zumindest solange, bis wir die Wettbewerbszone verlassen haben. Denis bleibt zwar zweiter, allerdings handelt es sich nur um ein Qualifikationsrennen und nur der erste kommt weiter. Bei Lukas wird erst später die Wurfweite gemessen, die Einschlaglöcher sind mit Fahnen gekennzeichnet. Zwar behauptet der Erstplatzierte auch, Lukas sei zweiter, aber irgendwie will es der Zufall so, dass der dritte einen und der zweite zwei Zentimeter mehr erreicht hat.
Somit sind wir (... olympischer Geist... das Zusammengehörigkeits-Wir...) nur vierter, müssen unser Ziel, im Medaillenspiegel mindestens vor den USA und Frankreich zu liegen, auf später verlegen.
Doch auch im Armdrücken müssen sich beide spontan geschlagen geben. Selbst die von uns ausgekührte Paradedisziplin, Tauziehen, geht voll in die Hosen. Überhaupt ist es ein kleines Phänomen, dass man tagtäglich auf schmächtige kleine Menschen trifft, allesamt mehr oder weniger Sportlegastheniker und pünktlich zum Sportfest verwandeln sie sich in Maschinen, die Meister auf ihrem Gebiet sind. Ich frage mich noch, wo die drei Bären, die unsere Gegner im Tauziehen sind, sich die letzten beiden Monate versteckt haben.
Nach dieser Schmach, in die sich auch Arne beim Weitsprung einreiht (da fliegen ein paar Deppen doch tatsächlich deutlich über sieben Meter, deklassieren alle anderen und meinen dann arroganterweise, dass das schlecht sei), sind wir vorerst nur noch Zuschauer und richten uns unseren Fanblock ein. Unser stetiger begleiter ist die Deutschlandfahne, die an zwei zusammenmontierten Schrubber-Stäben sehr professionell wirkt. Sie sorgt für Bewunderung und Beifall, aber auch für einige Unannehmlichkeiten; sie lockt stets den Schmutzfink an. Und er bringt seinen kleinen Bruder mit. Mit etwas Ignoranz und deutlichen Gesten lässt er sich zum Glück ab und zu auf Distanz halten, fragt aber dennoch ab und zu, wann wir ihn denn jetzt nach Deutschland bringen könnten.
Nachmittags kommt der Mane, Denis Kumpel aus der Heimat. Dieser bleibt bis Donnerstag und ist stetig darum bemüht, die Germanization einzuführen. So modifizieren wir zunächst am Abend den Tischtennis zum Trinksport, das ganze bei feiner deutscher Musik aus den mitgebrachten akkumulatorbetriebenen Musikboxen.
Später wollen wir eigentlich nur ein paar Bars aufsuchen, landen dann aber doch im Salsa-Club, der mit Salsa nicht viel zu tun hat. Da ich unsere einzige deutsche Medaillenhoffnung bleibe, merke ich sofort, dass es eigentlich keine gute Idee ist, lange fortzubleiben und nicht zu schlafen. Diese Erkenntnis kommt mir leider erst bei der Ankunft, zum Glück sind die Ledercouches dort aber so gemütlich, dass ein paar Runden Bubumachen drin sind. Zwischendurch vertanze ich die neu aufgeladene Energie zwar sofort wieder, aber eigentlich meine ich, morgen fit sein zu können.
Fit für Gold.

Samstag, 18. April 2009

Tag 49: Eine Runde Volksheld

Beim Projekt erfahren wir, dass die Hausinterne Druckmaschine ein Passerproblem hat und somit der ganze Druck- und Weiterverarbeitungsprozess an eine andere Firma übertragen wird. Zudem wird der englische Text gestrichen (obwohl sich das Feinsliebchen um Amerika sehr bemüht hat, ihn lesefähig zu korrigieren) wird.
Die Auslagerung ist insofern gut, dass wir jetzt nicht jeden Druckbogen selber von Hand falzen müssen (neben der Druckmaschine funktioniert die Falzmaschine nämlich auch nicht), aber was haben wir dann bitte noch zu tun? Erstmal dürfen wir also Pause machen. Drei Stunden. Weil die chinesischen Texte noch Fehler aufweisen, aber schon in Vektorgraphiken abgespeichert sind (die Textdateien sind nicht auffindbar) und somit neu geschrieben werden müssen.
Wir verbringen diese Pause bei Pizza und Kaffee und mit Shoppen. Danach sollen wir uns eine Druckerei angucken und nen Kostenvoranschlag ergattern. Danach anscheinend noch eine, aber wir haben nicht mehr so viel Lust. Wir müssen uns nämlich auch noch für die Eröffnungsfeier des Sportfests treffen und vorbereiten und so. Ein kurzer Anruf genügt und Denis darf mit einem gehässigen Lachen verkünden, dass nur die Chinesen, die uns begleiten, gehen müssen.
Beim Sportfest geht's dann richtig ab. Zwar müssen wir ziemlich lange auf unseren Einmarsch warten, werden aber mit einem prallgefüllten Stadion, bunten Lichtern, Musik und Riesenjubel (zumindest wir) empfangen. Die Runde ist leider viel zu kurz aber ein sehr feines Erlebnis. Wir lassen den Abend erst auf dem Sportplatz als Fotomodelle und später in der Wohnung mit neuen Fans ausklingen. Ich freue mich auf die Spiele. Videos dazu gibt es baldigst.

Tag 48: Olympia ich komme

Da es sich heute bei der Prüfung nur um eine mündliche handelt, haben wir ab halb zehn schon wieder frei. Auch zum Projekt sollen wir nicht erscheinen. Fragt mich bitte nicht, wie wir die Zeit totschlagen.
Gegen Mittag erhalten wir einen Anruf, dass wir uns abends wegen des Sportfests treffen müssen. Sportfest. Da war doch was. Richtig; da Philipp schon einmal seine Zeit von 6:30 Minuten auf 1500 m gelaufen ist, müssen Andreas und ich noch nachlegen, damit wir auch wirklich den besten Deutschen ins Rennen schicken. Das haben wir bislang erfolgreich vor uns hergeschoben, aber nun müssen wir ran. Unseren Vorschlag, das ganze bei einer Runde 'Schere, Stein, Papier' auszutragen, wird von Philipp abgewunken und so wollen wir seine Schmach dann doch sportlich besiegeln.
Ich mach's kurz: Ich bin der beste. Über 20 Sekunden schneller als Philipp. Ich bin ein Teufelskerl.
Trotzdem wir 12 Stunden zwischen unseren Pflichtveranstaltungen Zeit haben, schaffen wir es abermals, zu spät zum Treffen zu erscheinen. Ich gebe es langsam auf und finde mich damit ab, dass neun Leute einfach zu viele sind.

Mittwoch, 15. April 2009

Tag 47: Projekt.

Zwar hat gestern eigentlich unser Projekt begonnen, dennoch haben wir heute frei. Bei jenem vorgeschriebenen Projekt ist es unsere Ausgabe, die Universitätsbroschüre zu erstellen, die in drei Wochen fertig sein muss, da dann die großen Feierlichkeiten zum 60jährigen Jubiläum anstehen. Klingt zunächst nicht schlecht, allerdings ist eigentlich schon alles fertig gestaltet und die Texte geschrieben, also müssen wir nur noch ausschießen, drucken und in die Weiterverarbeitung gehen. Nicht gerade viel.
Natürlich gibt es dann aber doch noch einen Haken; das Layout ist nicht wirklich schön, die Bilder sind schlecht, die chinesischen Texte sind in Vektorgraphiken gespeichert, welche das editieren nicht möglich machen und der englische Text ist noch voll mit Fehlern. Allerdings ist dieser vom Uni-Präsidenten höchst selbst verfasst. Wir haben nun keine Ahnung, ob man daran etwas ändern darf, oder ob o.g. dann sein Gesicht verlieren würde.
Nun gut, heute machen wir erstmal nichts daran, sondern schlafen aus. Und dann lernen wir, da morgen die letzte Prüfung für lange Zeit ansteht, Chinesisch mündlich.
Da es draußen stickig heiß ist, bleiben wir der Natur bis auf eine Ausnahme in Form eines Ganges zur Nahrungsmittelbeschaffung den ganzen Tag lang fern. Das wird man hoffentlich auch mal dürfen.

Tag 46: Das Dorf.

Da es den Studentenwohnheimen auf dem Campus an sanitären Anlagen ein wenig mangelt, kommt man zum Duschen entweder zu uns (sofern wir Einlass gewehren) oder man sucht 'das Dorf' auf. Bislang dachten wir nur an einen Übersetzungsfehler, da wir in einer 8 Millionen Einwohner großen Stadt leben und nun nicht unbedingt am äußerst äußersten Rand.
Die Bullenhitze und die damit verbundene Knappheit an T-Shirts, sowie die Unlust, ins Stadtzentrum zu fahren, will es nunmal so, dass Lukas und ich uns heute selber auf den Weg ins ominöse Dorf machen.
Bei knallender Sonne, die hiesige Anwohner aus Angst vor der Sommerbräune nicht davon abhält, trotzdem in langen Klamotten rumzulaufen, führt uns der Weg zunächst runter vom Campus durch eine wüstenähnliche Natur: rechts und links der geteerten Straßen türmen sich Sandwüsten, alle gepflanzten Bäume sind abgestorben. Am Horizont, der hier wegen der opaken Luft zum Greifen nahe, also nur zweihundert Meter entfernt liegt, erahnen wir schon die Häuserfassaden des Dorfes.
Wie aus dem Nichts entsteht hier wieder Vegetation, Menschen drängen sich durch die schmale Straße und sie drängen sich noch mehr aneinander, um den unheimlichen Fremden Platz zu machen. Düfte, Essensstände mit Fleisch in der prallen Sonne, Lebensmittelabfälle, selbstkonstruierte Kräne, die Häuser bauen und kranke Hunde zieren die Backsteinfassaden.
Wie aus dem Nichts entsteht hier etwas, was mich an das China erinnert, das sich im Laufe der Zeit meines jungen Lebens in meinem Kopfe aufgebaut hat.
Ich bekomm es ein wenig mit der Angst zu tun, aber ich habe mit Lukas meinen starken Bewacher dabei. Zusammen finden wir sogar, was wir suchen. Und sogar noch mehr: Am Kiosk einer angsteinflößenden Frau gibt es 'Bittergurken-Bier'. Wir genehmigen uns ein Fläschchen und stellen fest, dass es das erste ist, das richtig herb schmeckt. Wie ein gutes Bier.
Ich schätze, jenes Bier wird mich noch des öfteren in das Dorf locken.

Montag, 13. April 2009

Tag 45: Ein wenig Ostern.

Nach ausgiebigem Bubumachen bis zwei Uhr, Blogeinträge schreiben und etwas Frühstück begeben wir uns um vier (nun gut, natürlich später, weil wann sind wir schonmal pünktlich) in die neue Mensa, in der Jan mit seinen Schülern uns sehnlichst erwartet. Uns wird ein Bereich zur Verfügung gestellt, in der wir Jiaozi herstellen können. Jiaozi ähneln den schwäbischen Maultaschen, schmecken gut und hier macht man sie immer in geselliger Runde, sofern Festtage stattfinden. Oster ist hier zwar kein Fest, aber das ist ja auch egal. Es dient einfach mal wieder dem interkulturellen Austausch.
Diese sind rasch hergestellt und noch viel schneller gegessen, da von uns Deutschen so gut wie keiner ein anständiges Mahl zuvor hatte.
Weil man sonntags sowieso nie was vor hat, geht es danach in den Deutschclub, um die vorher ausgeblasenen Eier zu bemalen und zu zeigen, wie bei uns der Hase läuft, zum Osterfest. Ich mag Eier bemalen. Ich glaube, ich mache das jetzt öfters.
Da wir keinen Haselnussast haben, werden die bunten Eier an den kitschigen Weihnachtsbaum gehängt. Die reinste Wonne.
Um es meinen schwäbischen Kommilitonen rechtzumachen, erkläre ich mich später bereit, mit ihnen Bundesliga, Stuttgart zu gucken. Zumindest täusche ich es vor, denn eigentlich bin ich während des langweiligen Spiels permanent damit beschäftigt, dem SMS-Bombardement standzuhalten. Nach kurzer Ruhephase in der letzten Zeit sind es derer Verfasser glatt wieder vier. Hoch im Kurs steht mittlerweile die Frage, wann ich heiraten will. 25 als Jahreszahl ist hier die Schwelle, die man nicht unbedingt übertreten sollte, dennoch findet man, dass es nächstes Jahr noch ein wenig zu früh für mich sei.
Für mich und wen?

Sonntag, 12. April 2009

Tag 44: Disco Disco

Endlich mal wieder ein verkaterter Samstag, wie er im Buche steht:
Man steht, nein, man wacht um zwei Uhr auf, wälzt sich im Bett umher und hat keine Lust aufzustehen. Aber man muss. Einem dürftigen Frühstück folgt ein Tag auf der Couch mit DVD, ab und zu werden mal Dosen ausgespühlt und aufgeräumt, aber die körperlichen Aktivitäten halten sich in Grenzen.
Erst Abends setzt der Hunger wieder ein. Welch ein Glück, dass wir vorgestern in der Metro waren und so gute Erdäpfel und sehr gutes und verdammt günstiges Rinderfleisch unser eigen nennen können, so müssen wir nicht mal zur Mensa laufen. Die beachtliche Kochzeit der Kokosnuss großen Kartoffeln gewährt uns sogar die Möglichkeit, alles in einem nicht zu hohen Tempo ablaufen zu lassen, sodass wir das zermaterte Hirn bei der Planung der Fleischzubereitung nicht zu sehr fordern müssen.
Letztendlich gibt es gutes Steak, Spiegelei und Butterkartoffeln und mir fällt auf, dass ich verdammt lange nicht mehr chinesisch gegessen habe. Da trifft es sich gut, dass Spätzle (aka Zuhälter, Spätzle ist sein neuer von uns gegebener Name, den er auch akzeptiert) bewaffnet mit Schweineohren vorbeikommt. Ich verspreche, später, wenn ich wieder hungrig bin, zu probieren. Dazu kommt es nicht.
Wir erinnern uns, dass wir gestern abgemacht haben, das 一加一 (1+1), eine Disco aufzusuchen. Und zwar heute. Schnell trommeln wir die Leute zusammen und sind gegen elf (eigentlich schon viel zu spät; man geht hier nämlich eigentlich schon um neun oder zehn in Discos) da. Einer schmalen, sehr klein wirkenden Eingangsfassade folgt ein vierstöckiger, verwinkelter Komplex, in dem man sich leicht verlaufen kann. An jeder Ecke stehen, wie polizisten bekleidete (mit Helm und Hemd) Wachmänner und reizende Hostessen, die einem zu weitergehen animieren. Den Gästen, also uns, soll gegen unseren Willen nur das beste gegeben werden, wir werden also erstmal im vierten Stock im VIP-Raum mit eigener Bedienung verfrachtet. Hier kann man, Surprise Surprise, Karaoke machen. Es lässt sich ganz gut aushalten, aber sobald das bestellte Bier zu warm ist, suche ich auch mal die Tanzfläche auf.
Spätzle hat uns vorher schon gewarnt, dass vernünftige Frauen die Disco nicht aufsuchen würden. Nur jene, die ein bestimmtes Ziel aufsuchen. Und so ist es dann auch. Thomas ist mit seinen langen Haaren und der großen Nase schnell Objekt der Begierde und wird arg umklammert, Philipp kann sich vor Avancen auch kaum retten. Aber es geht auch umgekehrt: sobald man als Frau auf der Tanzfläche erscheinst, hast du sofort eine Traube Buben um dich herum, das ganze erscheint wie das Balzverhalten in der Brunft wilder Tiere. Und da ist es den meisten auch irgendwie egal, ob du eine Frau bist, oder nur eine Frau, offensichtlich gefangen im Körper eines Buben.
Mir bereitet das alles ein wenig Angst und ich bin froh, dass ich mir kein Ziel gesetzt habe. Ich suche lediglich den Kontakt zu anderen, um an ein Bier zu kommen, denn auf jedem Tisch, der irgendwie besetzt ist, stehen mindestens zehn Flaschen, die die Tischbesetzer unmöglich alleine trinken können.
Und dann tanze ich sogar. Oder mache sowas ähnliches. Zumindest bewegt sich der Körper, bis die Disco dann schließen möchte und wir so ziemlich die letzten sind.
Es trifft sich gut, dass wir auf dem Rückweg an einem amerikanischen Restaurant vorbeikommen, das rund um die Uhr geöffnet hat. Ich spreche einen Toast auf den international gleichbleibenden Geschmack des BigMacs aus, bevor wir um halb sieben in der Früh wieder am Wohnheim ankommen.
An diesem Wochenende sind die Nächte somit intensiver genutzt worden, als die Tage. Mir soll's recht sein.

Tag 43: Endlich wieder Party

Heute haben wir endgültig zum letzten Mal Sprachkurs bei der Aussprache-Lehrerin. Es zeigt sich wie schon die letzten Male, dass wir unseren Aufgabenzettel unlängst abgearbeitet haben, sodass wir nach einer Stunde, in der sie uns erzählt, wie die mündliche Prüfung am Mittwoch ablaufen wird, fertig sind. Und plötzlich ist der Tag verdammt lang.
Während Lukas und ich uns im Tischtennis messen, bereiten Thomas, Philipp, Hanna und Nadine uns köstliche gefüllte Pfannkuchen zu. Hierzu nachträglich mein Dankeschön.
Nachmittags steht endlich nach zwei Wochen mal wieder ein Fußballspiel an, auswärts an einer Uni im Norden. Nervigerweise kommt mal wieder die chinesische Unplanbarkeit zum Einsatz und so wird der Anpfiff von drei Uhr auf vier Uhr auf halb fünf auf fünf verlegt. Das Spiel ist auch mehr oder weniger eine Farce, alle sind ein wenig angenervt, die vom Coach gegebenen taktischen Anweisungen und Aufstellungen werden kein Stück eingehalten und so ist der Nachmittag mehr oder weniger verschwendete Zeit. Das einzig positive ist die Sonne, die mir ein wenig Farbe gibt.
Wir kommen somit erst nach sechs Stunden, um acht, wieder am Wohnheim an. Müde und hungrig. Aber es hilft ja nichts, es steht mal wieder eine Feierlichkeit im Hause der deutschen Studenten an. Als ich mit Duschen fertig bin, ist es die Party dann aber auch schon fast wieder, weil es sich die meisten schon ordentlich mit Spirituosen gegeben haben, die Stimmung empfinde ich etwas komisch. Hier eine ziemlich abwesende Chinesin, dort ein schwankender Bube und mittendrin eine genervte H. Und das um neun Uhr... Aber gut, die Zeit ist ja auch begrenzt, da bekanntlich das Wohnheim der Studenten um elfe schließt.
Da der Pizzalieferant an uns mal wieder nichts verdienen will, hauen Lukas, Denis und ich, bekanntlich hungrig vom Sport, uns 15 für Ostern gedachte Eier in die Pfanne, dazu feines Rinderfleisch und gedenken, das ganze dann auf Brot zu verspeisen. Leider verlagert sich die Festlichkeit von oben dann zunehmenst in unsere Wohnung, da alle mal von der fremden westlichen Nahrung probieren wollen. Ich gebe mich also letztendlich mit nur einem Brot zufrieden.
Anschließend öffne ich meinen aus Guilin mitgebrachten Schlangenschnaps. Dieser schmeckt leider nicht annähernd so gut wie der auf dem Schiff und so beschließe ich, Olaf seinen Lebensraum zu erhalten und mein neues Haustier im Regal stehen zu lassen.
Habe ich schon erwähnt, dass ich müde bin? Das bin ich nämlich sehr und so genehmige ich mir ab eins erstmal auf dem Sessel eine Auszeit. Und dann geh ich ins Bett. Sage ich. Ne halbe Stunde später bin ich unvernünftigerweise wieder oben, frisch und munter.
Ich finde mich letztendlich um halb sieben schlafenderweise auf dem Sofa wieder und trete nun endgültig den Weg ins Bett an. Vorher erhält Martin (auf dessen Party wir vor zwei Wochen waren), der die Gästematratze in Anspruch nimmt, von mir die Mensakarte und den Schlüssel, da er Hunger hat. Er weckt mich später klopfenderweise abermals. Nur mit T-Shirt und Boxershorts bekleidet und dem Spruch "Die Chinesen verstehen auch gar keinen Spaß..." begrüßt er mich.
Mich wundert heute nicht mehr viel.

Tag 42: Ein Stück Heimat.

Gut gerüstet erscheinen wir heute mal fast alle pünktlich im Deutschclub, es steht nämlich die Prüfung an. Ein wenig Wissen, gute Gruppenarbeit und ein bisschen Raten sollen locker für das Bestehen und noch mehr gereicht haben.
Die Erkenntnis, die ich aus dieser Prüfung ziehe, bestätigt meine früheren Gedankengänge: Es dreht sich hier alles nur um das Auswendiglernen. Denn sämtliche Prüfungsaufgaben sind aus dem Übungsbuch übernommen oder aus der HSK-Prüfung, die wir Dienstag machen sollten. Bei dieser hat zwar keiner wirklich was verstanden, aber sofern man sich aus den Sätzen eins, zwei Zeichen gemerkt hat und dazu die Antwortmöglichkeit A, B, C oder D, so kann man locker sämtliche Punkte einsacken.
Diese Methode zu lernen erschien mir leider zu einfach. Oder ich war zu faul. Aber gut. Schwamm drüber.
Während der Prüfung stattet uns Schmutzfink mal wieder einen Besuch ab, wird aber von der Dozentin höflichst gebeten, zu gehen. Ich danke ihr dafür.
Gegen halb elf sind wir dann schon alle fertig und belohnen uns für die sechs Wochen höchste körperliche Anstrengung, Schlafdefizit und geistige Ausbeutung mit einem Trip in ein Stück Heimat, die Metro. Aber was wäre ein Einkaufserlebnis bei der Metro ohne das Paulaner Brauhaus auf dem Messegelände? Endlich landet mal wieder richtig gute Kost ohne Geschmacksverstärker, Essig, Lemongras und Bierfisch auf dem Teller, denn es gibt Leberkäs mit Bratkartoffeln. Wenngleich letzte noch nicht ganz durch sind und man stark mit dem Salz gegeizt hat, so ist es doch ein Gaumenschmaus. Und mit eins, zwei Weizenbieren verfeinert... da geht nichts drüber.
Der Einkauf zieht sich dann auch mal glatt bis halb sechs. Anschließend gehe ich natürlich nur zum Aufbessern der Sprachkenntnisse mit einer Dame essen, erzähle leichtsinnigerweise, dass ich Mathe-Leistungskurs hatte und bin somit zum Hausaufgaben helfen (Kopieren der Lösungen aus dem Lösungsbuch) eingeplant. Es scheitert letztendlich aber doch an meiner Handschrift.
Die vom Sandmann geschickten Sandstürme haben Wirkung; ich bin noch vor zwölf Uhr im Bett.

Donnerstag, 9. April 2009

Tag 41: Lernen und was man stattdessen macht.

Letzter Tag vor der Prüfung, heute haben wir allerdings die zweite Professorin, die für die Aussprache zuständig ist. Wir müssen diesmal nicht nur Vokabeln und Texte aus dem Buch ablesen, sondern dürfen mal selber erzählen, wie unser Ausflug so war. Das mag aber vielleicht nur daran liegen, dass wir unseren Soll für den diessemestrigen Sprachkurs erfüllt haben und man nicht mehr viel mit uns anzufangen weiß, denn die Pause artet mal wieder aus und somit verbringen wir 40 Minuten mit nichts.
Pünktlich zum Pausenende findet uns gestern beschriebener penetranter Schmutzfink. Er will jetzt auch Deutsch lernen, setzt sich also auf einen von uns eigentlich belegten Platz. Als er von Philipp aufgefordert wird, dessen Platz zu verlassen, setzt er sich auf Jans Platz. Anschließend hockt er am Ende des Tischs und steht, hippelig wie er ist, dauernd auf, rennt zum Bücherregal und holt sich ein Buch. Zehn Stück sollten dann für ihn reichen, anschließend kann er wohl mit uns reden. Wir machen ihm klar, dass wir ihm die Bücher nicht verleihen können.
Anschließend müssen wir den Raum verlassen, da wegen Malerarbeiten (weiterhin Rebuild, man hat in der letzten Nacht auch die ganzen Risse, die unsere Wände zieren, neu verspachtelt) unser Strom abgeschaltet ist. Es geht zur Professorin ins Büro, wo sie uns wie letzte Woche eine Reportage über 'Wild China' gezeigt wird.
Schmutzfink folgt unaufgefordert, belegt einen für uns reservierten Plätze und pennt nach zwei Minuten ein. Leider wird er pünktlich zum Ende geweckt und möchte mit uns Essen gehen. Wir möchten nicht essen. Wir wollen schlafen. Sagen wir. Mit dieser Lüge kann ich leben.
Lukas und Denis bekommen das ganze nicht mit. Sie verpassen den Unterricht zugunsten der Prüfungsvorbereitung.
Hanna verpasst es ebenso. Sie erscheint zwar erst, steht aber nach zwei Minuten auf und verschwindet, ohne ihre Sachen. Sparzieren ging sie. Sagt sie später. Mit dieser Lüge kann ich auch leben.
Draußen ist es warm. Sehr warm. Zum Glück beginnen die großen Stürme, die einen stetig Sand in die Äuglein pusten. Somit nutzen wir den Tag lieber in der Wohnung und lernen. Oder täuschen vor, es zu tun. Mir fällt, meine Kleidung betrachtend, auf, dass mir etliche Knöpfe an Hose und Hemd fehlen. Also gehe ich mit Denis und Thomas zu dem Besitzer des 1 m²-Ladens 20 Meter von unserem Haus entfernt, der darauf spezialisiert ist, irgendwas zu flicken. Die Knöpfe halten also wieder tadellos. Und auch, wenn er den Riss in meinem Hemd wie ein Berserker vernäht, so kann ich für 1,50 Yuan (0,15 Euro) auf ein gutes Schnäppchen zurückschauen. Wenngleich ich, mir die Frage stellend, wie der so überleben kann, ihm das doppelte zahle.

Tag 40: Unelegant penetrant.

Heute werden wir im Sprachkurs das erste Mal, pünktlich zwei Tage vor der Prüfung, richtig gefordert. Die Professorin legt uns einen höheren HSK-Test (offizielle Prüfung für's Sprachzeugnis) vor und meint, dass wir das neben den anderen Übungen auch noch für die Prüfung können müssen. Wir verstehen nur Chinesisch.
Das mag aber auch daran liegen, dass uns das Wochenende in Guilin gut geschlaucht hat. Somit wird am Nachmittag erstmal gut geruht.
Abends werden wir seit Tagen sehnlichst auf dem Tischtennisfeld erwartet. Und dass wir beliebt sind, wissen wir mittlerweile, aber so penetrant, wie heute, wurden wir noch nicht belagert. Aufgrund seines ungepflegten Auftretens heißt er fortan nur noch Schmutzfink. Schmutzfink hält es nicht wirklich für nötig, sich vorzustellen, er guckt erst nur beim Tischtennis zu, belabert uns auf Englisch und hockt stetig zwischen uns. Sobald jemand sein Handy zückt, wird es kurzerhand entwendet und seine Telefonnummer erscheint im Display. Man kann vom Glück sprechen, dass die Verbindung heute sehr schlecht ist und somit nicht aufgebaut werden kann.
Wir wünschen uns, trotz unseres guten Wesens, Schmutzfink in naher Zukunft nicht unbedingt wiedersehen zu müssen.

Dienstag, 7. April 2009

Tag 39: Freizeit.

Im Gegensatz zu den letzten beiden Tagen dürfen wir unseren Schlafverbrauch selber bestimmen, da wir erst um halb zwölf aus dem Hotel auschecken müssen. Es wäre vielleicht wünschenswert gewesen, hätten wir uns dennoch etwas über unsere Pläne abgesprochen. Mein Plan ist es eigentlich, ein gesundes Mittelmaß an ausreichend Schlaf und genügend Freizeit, um noch in die Stadt zu gehen, zu finden. Ich peile halb neun an. Thomas, mein Zimmergenosse will lieber früh sein Frühstück einverleiben und dann wieder schlafen. Also klingeln unsere Wecker abwechselnd. Ich setze mich mit neun Uhr durch und fühle mich gerüstet für einen aufregenden Tag.
Die Stadt ist etwas ernüchternd, lediglich Eierkuchen und guter Kaffee bessern die Stimmung auf. Und sie sorgen bei mir dafür, dass ich zum Mittag nicht allzuviel Hunger habe und somit auch nicht viel von dem Essen verzehren muss, das es schon die letzten Tage dauernd gab. Zum Mittag fahren wir übrigens, da es im Preis mitinbegriffen ist, mit dem Bus. Klar, für den ist es auch ein bisschen Fahrzeit, weil man etwas außen rum fahren muss und die Straßen in der verhältnismäßig kleinen Stadt immer voll sind. Zu Fuß wären es vielleicht dreihundert Meter Luftlinie. Im Endeffekt dauert das Beladen der Fahrgäste wahrscheinlich länger als wenn man gelaufen wäre, aber was soll's. Vielleicht wurde auch schon vorher an den Rückweg gedacht, denn der dauert mit dem Bus nochmal länger, weil wir einen anderen Bogen fahren müssen, da es noch in einen Park geht, um den Elefantenrüsselberg zu begutachten. Dieser befindet sich aber auch nur 300 Meter von unserem Hotel auf der anderen Seite entfernt.
Der 'Park' ist ein wenig ernüchternd. Der Elefantenrüsselfelsen ist einfach ein Berg, der in der Mitte ein Loch hat und deshalb, wenn man aus dem richtigen Winkel ein Foto schießt, aussieht, wie ein trinkender Elefant.
Und mit betrachten dieses Felsens endet auch schon das Programm für den heutigen Tag. Offiziell. Wir schreiten selber zur Tat, klauen der Führerin ihre Guide-Fahne und machen unsere eigene kleine Gruppe, die den Felsen besteigt. Es ist nämlich noch Zeit bis fünf Uhr. Doch auch die anschließende ausführliche Erkundung des weiteren Geländes kann es nicht verhindern, dass wir noch zwei Stunden Zeit haben und gehen wir wieder in die Stadt und entsinnen uns, dass wir gestern auf dem Heimweg (so gegen ein Uhr in der Nacht) das Massage-Angebot ausgeschlagen haben, aber versprachen, morgen, also heute, wiederzukommen. Und so kehren Thomas, Denis und ich in jenem Massagesalon ein und gönnen unseren vom vielen Maschieren lädierten und wohlriechenden (für Käseliebhaber) Füßchen mitsamt den daranhängenden Schenkeln eine Massage.
Mit den Damen kann man sich gut unterhalten, auch wenn sie den gleichen Sprachfehler wie unsere Reiseleiterin aufweisen. Sie bedanken sich noch für unsere gestrige Aufforderung, den Laden einfach dicht zu machen und schlafen zu gehen und schreiten zur Tat. Ein prima Gefühl. Mit wohlklingendem, schmerzhaft-lustvollem Gestöhne animieren wir sie, voll zuzupacken. Nur, als sie an meinen Stampfern zugange ist und sich mit ihrem Geklopfe langsam einer gefährlichen Zone nähert, bekomm ich es ein wenig mit der Angst zu tun, was ich Denis sogleich mitteile. Ihr übersetze ich meine Gedanken allerdings mit einem "好听得很", das Geklopfe hört sich gut an, und so beklopft sie weiterhin meine Schenkel, als wär es eine Buschtrommel.
Nach einer Stunde verlassen wir auf federleichten Füßchen den Laden, ich kaufe noch eine Flasche Schlangenschnaps, selbstverfreilich mit Schlange (mit weißen, komischen Augen, aber derer immerhin zwei) drin, und schon kann es gen Flughafen gehen.
Die Straße dahin ist, sagen wir mal so, ausbaufähig. Man bekommt es mit der Angst um den eigenen Kopf zu tun, wenn man nach jeder Schwelle von seinem Sitz abhebt, aber wir überstehen alles unbeschadet.
Aus Zeitgründen fällt das Essen am Flughafen aus. Schade. Mein Magen knurrt und Bierfisch bekommen wir so schnell nicht wieder.

Montag, 6. April 2009

Tag 38: Reisfelder und Augen.

Tag drei der Reise, es geht wieder früh los. Und es geht mal wieder auf ein Schiffchen, nachdem wir in der Schlange davor den anderen Gästen aufgrund unserer Größe und dem Talent zum Fotomodell die Wartezeit ein wenig versüßen.
Wir befinden uns in einem Indianer-Ressort ähnlichen Park, in dem gezeigt wird, wie man hier früher so lebte und so, bzw. wie manche vielleicht immer noch leben müssen.
Es war recht interessant, die Darsteller tanzen für jedes der alle 15 Minuten vorbeifahrende Schiff, sind trotz nicht gerade hoher Temperaturen nur leicht bekleidet und werden nicht müde, jedem mit einem Lächeln zuzuwinken (wir im Übrigen auch nicht).
Anschließend gibt's schon Mittag in einer lieblos eingerichteten, kalten, weiträumigen Reisegruppen-Absteige. Klar, es gibt Bierfisch und die gleichen anderen Gerichte wie gestern. Aber was rein muss, muss rein.
Gesättigt besteigen wir wieder den Reisebus (der für meine Stelzen nicht wirklich gemacht ist, sitzen gleicht hoher Akrobatik), es geht zu den von Bildern bekannten Reisterrassen. Das liegt leider irgendwo in der Pampa, die Fahr beträgt zwei Stunden hin.
Am Fuße des Berges angekommen, werden wir von den traditionellen Frauen belagert, wir sollen ihren Familien helfen und irgendwas abkaufen. Eigentlich eine normale Prozedur, aber da gibt es etwas, das anders ist; einer der Frauen fehlt ein Auge, ich kann scheinbar ganz tief in ihre Seele schauen. Sie tut mir leid und gleichzeitig macht sie mir Angst. Ich will weg. Schnell.
Also geht es in den nächsten Bus, der uns den Berg zur Hälfte hochbringen soll. Und dieses Gefährt hat auch endlich mal etwas Kraft unter der Haube. Auch der Fahrer ist ein sehr geübter und zeigt uns eindrucksvoll, dass auch er Michael Schuhmacher kennt und lenkt gekonnt den Bus in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit um jede noch so scharfe Kurve, egal, wie eng die Straße auch ist und wie tief es an den Seiten bergab geht. Die richtige Antwort darauf gibt uns der Sohn von Jianglei, unserer Betreuerin. Er kotzt einfach mal auf's Polster.
Vor Angst zitternd ausgestiegen haben wir es dann immer noch nicht geschafft. Über steile Treppen geht es durch das Dorf der Einheimischen vorbei an Schnickschnack-Ständen und Essensverkäufern (hier gibt es geräucherte Ratte) bis auf den Gipfel. Es gibt das Angebot, dass uns zwei Buben hochtragen, das nehmen wir aber nicht an. Hätte die Neuseeländerin, die etwas korpulenter ist, aber mal machen sollen, denn sie schafft es nicht hoch. Und der arme Denis, der trotz immer guten Willens öfter mal ein Fettnäpfchen mitnimmt, verärgert sie zudem noch unabsichtlich, indem er ihr anbietet, einen 'carrier' zu besorgen. Laut Wörterbuch eigentlich eine mögliche Übersetzung, aber scheinbar versteht sie darunter einen Flugzeugträger oder sonstig großes Transportmittel. Statt eines "No, thank you" erntet der arme Fratz also nur ein "Oh how mean is that."
Armer Denis.
Auf dem Gipfel gibt's ne gute Aussicht, diese dürfen wir zehn Minuten genießen. Dann wird die Zeit scheinbar wieder knapp und wir werden wieder runtergescheucht. In erster Linie zählt nämlich nur, dass man mal da war und das Event per Foto festgehalten hat.
Es geht wieder binnen zwei Stunden zurück nach Guilin. Drei mal darf man raten, wie das Essen aussieht. Richtig. Der einzige Unterschied ist, dass der Service sehr mies ist, ansonsten ist alles gleich.
Philipp, Lukas und mich überkommt am Abend noch das Gefühl, dass unser Haar mal wieder einen Feinschliff bekommen könnte, somit geht's um halb elf abends (!) in den nächsten Frisörsalon. Hier gibt es noch genug freie Angestellte, die sofort zur Tat schreiten. Nachdem unsere Haare mindestens zehn Minuten einshampooniert werden (ein Waschbecken wird hierzu übrigens lediglich zum finalen Auswaschen gebraucht, der Schaum wird einfach abgeschöpft und kommt in den Mülleimer. Oder daneben.), wird frei nach Schnauze mit der Schere hier und da was weggenommen. Ich habe erst etwas Angst, bin jetzt aber doch zufrieden.
Anlässlich Thomas' morgigen 25. Geburtstags gehen wir noch in die Paulaner-Kneipe und feiern bei geschätztem europäischen Bier rein. Leider schließt die Kneipe dann recht schnell, allerdings ist bei uns auch die Luft raus.
Morgen geht es erst ab zwölf Uhr los, fantastisch.

Tag 37: Eine Bootsfahrt.

Da wir das Wochenende in 桂林 (Guilin) voll ausnutzen wollen, machen wir das komplette Touristen-Programm à la China mit; möglichst viel in möglichst kurzer Zeit durchlaufen.
Somit geht's nach dem Frühstück (das zum Leidwesen der Damen der Vorfreude auf westliche Kost nicht nachkommen kann) auf den eines der vielen Touri-Schiffe auf dem Li-Fluss, der sich durch die Region schlängelt. Dieser ist für vier Stunden angesetzt, Ziel ist 阳朔, Yangshuo. Zunächst wird die Befürchtung, dass der Wetterbericht stimmen könnte, (jene Befürchtung hat in unserer Gruppe die letzten Tage einen großen, zum Teil nicht ertragbaren Pessimismus auf den Ausflug bezogen hervorgerufen) bestätigt, denn pünktlich mit dem Ablegen fängt es mächtig an zu regnen (was eigentlich nicht verwunderlich ist, denn in der Region regnet es nur 250 Tage im Jahr). Philipp und ich halten dennoch an unserer Vorhersage, dass der Wetterbericht lediglich vom Staat manipuliert wurde, um die Region nicht mit Touristen zu überfluten, fest. Und wir dürfen uns Propheten nennen, denn die es wird alsbald heiter und soll auch in Zukunft nicht mehr regnen.
Die Region ist wirklich einen Ausflug wert, überall stehen sattgrün bewaldete kleine steile Hügel, umhüllt von Nebel, nur wenig Verkehr (hauptsächlich Boote und Wasserbüffel) und überhaupt ist die Luft im Vergleich zu Xi'an fantastisch. Aber gut, vier Stunden Fahrt mit immerzu der gleichen Landschaft wird dann doch irgendwann etwas langweilig. Da trifft es sich ganz gut, dass auf einmal eine junge Frau vor mir steht und ein mit Getränkedosen bestücktes Tablett hält. Natürlich will ich das Angebot, ein gut gekühltes Bierchen zu kaufen, aus erziehungstechnischen Gründen (kein Bier vor vier) ablehnen, entsinne mich aber sofort meines T-Shirts, das auf chinesisch den Spruch "因为我是德国人,所以我喜欢喝啤酒" (weil ich Deutscher bin, trinke ich gerne Bier) und was habe ich da noch für Argumente?
Positiv ist auch, dass das Schiff ab und an von Einheimischen mit frischgefangenen Flussgetieren versorgt wird, welche wenig später auf dem Buffet zu finden sind. Ich stelle hier mit zunehmender Begeisterung fest, dass sich mein Ekel vor fremden Speisen immer mehr verflüchtigt und so frittierte Garnelen und Krebse, Schnecken und sonstige komische Sachen im Ganzen in den Magen. Und natürlich lass ich mich nicht lange bitten, auch die einheimische Spezialität, Schlangenschnaps, zu probieren.
Letzterer, der volle Bauch und die viel zu frische Luft veranlassen mich armen Buben danach, den Rest der Fahr zu schlafen.
In Yangshuo angekommen erschlägt mich zudem noch die feuchte Hitze, die auf einmal aufkommt, also dürfen wir noch ein wenig im Hotel ruhen, bevor es in eine Tropfsteinhöhle geht. Diese weist zu europäischen Artgenossen die Besonderheit auf, dass auch sie in bunten Farben beleuchtet ist. Das sieht gut aus, bedingt aber auch die Algenbildung, sodass ich ihr nicht mehr so viele Jahre gebe, bis sie recht grün ist. Aber gut, für heute haben wir ja unsere schöne Höhle, sollen sich zukünftige Generationen einfach eine eigene suchen. Oder man macht ein Rebuild.
Am Abend gibt es Bierfisch zu essen, soll ganz besonders sein, war es aber nicht. Normaler Fisch. Und der war auch nur eine von zwölf Komponenten (die kommen alle auf die runde Drehscheibe auf dem großen Tisch, sodass sich jeder nehmen kann, was er will). Wahrscheinlich haben wir einmal zu oft gesagt, dass es wirklich gut schmeckt, denn für die folgenden drei großen Mahlzeiten soll sich das Gedeck nicht wirklich unterscheiden. Oder vielleicht kennen die auch nicht mehr Gerichte? Diese Einöde nimmt also etwas den Spaß am Essen, tut dem gesamten Ausflug aber natürlich keinen Abbruch.
Den weiteren Abend verbringen wir in einer Bar, in der Jans Kumpel, ein Franzose, zufällig am selben Abend Musik macht. Nachdem alle einsehen müssen, dass ich einfach eine unschlagbare Macht im Tischkickern bin, geht's auch schon (für Wochenenden) verhältnismäßig früh ins Bett und Tag zwei der Tour endet. Wie dieser Eintrag.

Tag 36: Der Papa ist dann mal kurz weg.

Es ist Freitag, wie angekündigt geht es nach Guilin. Das mit der Pünktlichkeit haben wir immer noch nicht so raus, also kommen wir wegen P.E. (Ich warte auf ihn. Ich bin sehr solidarisch.) trotzdem wir eigentlich nur die Zeit totschlagen zu suchen, zehn Minuten zu spät zum Treffpunkt.
Macht nichts, wir kommen pünktlich zum Flughafen und der Flug verspätet sich sowieso.
Ich bin anfangs froh, dass wir überall im Flugzeug verstreut sitzen; endlich mal Abstand von den anderen Pappnasen und man kann sich vielleicht mit Einheimischen unterhalten oder so. Diesen Plan kann ich aber sofort verwerfen, da das Public-Sleeping eine Art Trendsport darstellt; es ist also mit einem Mal ruhig und alles schläft. Lediglich zum Einverleiben der Flugmahlzeit werden Äuglein und Münder noch einmal geöffnet, bis es zum Landeanflug geht. Dieser wird, zumindest von meinem direkten Nachbarn damit verbracht, auszutesten, wie tief die Finger ins eigene Nasenloch passen. Und zwar demonstrativ und ohne Scham. Selbst die Fotoapparate, die ab und an in meine Richtung zielen (unter dem Vorwand ein Familienmitglied auf der spannenden Sitzreihe des Flugvehikels per Bildaufnahmegerät für die Ewigkeit festzuhalten, wird rein zufällig auch das eigenartige, menschenähnliche weiße Wesen im Hintergrund aufgezeichnet) stören ihn wenig. Ich kann mich mit den Versuchen meines Nachbarn nicht anfreunden. Ich ekel mich. Demonstrativ rücke ich immer näher Richtung Flugzeugwand und gebe universell verständliche Stöhngeräusche von mir. Ich sehne mich nach meinen Pappnasen.
Nun gut, nach zwei Stunden erreichen wir das Reiseziel. Hier erwarten uns wunderschön kitschig beleuchtete Plastikpalmen und eine ebenso strahlende Reiseführerin. Eine ganz feine, reizend liebwürdige Erscheinung. Leider weist sie zunächst scheinbar einen kleinen Mangel auf, der ihr in Deutschland das Ausüben ihres Berufes einen großen Stein in den Weg legen würde; sie lispelt.
Und das, obwohl es doch in China so auf die Aussprache ankommt. Zeichen, die mit zh, ch, sh, s, c, z, q, j beginnen (das sind ziemlich viele), beginnt sie permanent (in nur leicht unterschiedlichen Varianten) mit s. Unser Prahlen, dass wir sie garantiert verstehen werden, ist somit hinfällig, aber 怎么办, was soll man machen? Wir erinnern uns zum Glück, dass wir uns in einer Region befinden, in der dieser Sprachfehler einfach zum Dialekt gehört, wir müssen uns also dran gewöhnen. Dem Verständnis hilft diese Tatsache nicht und wir lauschen jedem auswendig gelernt wirkenden Text, den sie leider nicht kürzen kann, denn mit der Flexibilität hat man es nicht so (weil man, allein schon wegen der Sprache, ganz anders lernt; nämlich hauptsächlich auswendig, ohne weiterzudenken oder sich etwas herzuleiten, zumindest bilde ich mir das ein).
Das Auslandsamt, das uns den Trip (mit Ausnahme der Flugkosten) finanziert, lässt sich nicht lumpen und so geht es in ein sehr edles Hotel in der kleinen aber feinen Innenstadt. Diese zieht voll auf Touristen ab, alles ist toll beleuchtet aber auch die Preise sind gut angeglichen (dennoch ist alles ziemlich günstig).
Der Abend bringt nicht mehr viel ein und somit endet auch schon der Eintrag für den heutigen Tag.

Donnerstag, 2. April 2009

Tag 35: und der Rest von gestern

Zu allererst muss ich euch etwas gestehen: natürlich mussten wir nicht ausziehen. Da hier aber ein regelrechter West-Feiertag-Hype herrscht, konnten wir gar nicht anders, als den 'Foolish Day' zu fröhnen, mit Zahncrème an den Türklinken, schlechten Scherzen und allem, was dazu gehört.
Aber es wurde auch noch ernst und sogar romantisch: am Nachmittag ging's in einen Park mit Tempel unweit von hier. Selten so viele blühende Bäume auf einem Haufen gesehen, prima. Eigentlich sind wir dort schon mit Zeitdruck angekommen, da um sechs Uhr der Ausscheidungslauf für das Sportfest stattfinden sollte. Wir kommen zu spät, erfahren aber, dass einer von uns sowieso mitlaufen darf, wir dürfen jetzt unter uns ausmachen, wer der glücklich ist.
Sportlich ging's abends weiter; im kleinen Turnier unseres und des Nachbarstudiengangs (Verpackungstechnik) wurden wir auf den Basketballplatz gebeten. Blöder Sport, mag ich nicht. Dafür, dass wir gegen die Favoriten spielten und das zum zweiten Mal, seit wir hier sind, sind wir mit 56:42 (inklusive Halbzeitführung) gar nicht mal so stark wie erwartet untergegangen. Leider hat es mit unserer Wunderwaffe, Bier (der Elektrolyte wegen, an Alkohol mangelt es ihm deutlich) in der Halbzeitpause, nicht geklappt, die Menschenmassen, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten, haben wir aber enttäuscht.
Das für heute angesetzte Spiel um Platz drei müssen wir aufgrund von Verletzungspech und schlechtem Wetters auf die nächste Woche verschieben. Aber man ist hier ja flexibel. Der Tag wird somit zum Ausruhen missbraucht, der Abend individuell gestaltet.

Ich muss leider jetzt ankündigen, dass sich die Beiträge für die nächsten vier Tage verschieben werden, da wir morgen nach Guilin (桂林) in den Süden fliegen (zusammen mit dem Auslandsamt). Wir nutzen also das verlängerte Wochenende (4.4. gleich zweimal Zahl des Todes -> es ist Gräber-Putztag oder so) für unsere erste weite Reise. Leider soll das Wetter dort nicht richtig mitspielen.

Weitere Information: Wer auf www.chiina.info geht, kann dort toller Bilder bestaunen. Der fleißige Sucher wird finden, wo es steht.

Mittwoch, 1. April 2009

Tag 34: Auszug

Ich melde mich nur kurz aus dem Deutschclub an unserer Uni, weil wir nur noch hier Internet haben.
Uns wurde heute mitgeteilt, dass wir aus dem Haus rausmüssen, zu alt und unsicher, rebuild soll gemacht werden.
Ein neues Domizil ist schnell gefunden; allgemeines Studentenwohnheim 300 Meter weiter, unsere Möbel sollen wir erstmal da in einem Zimmer unterstellen, bis entschieden ist, wie es mit uns weitergeht.
Mehr Infos hat Philipp auf www.chiina.info zusammengefasst.
Ich melde mich baldigst wieder, sofern es Neuigkeiten gibt.

Tag 33: Spontanität ist alles.

Auf dem Campus laufen die Vorbereitungen für das Sportfest, scheinbar das bedeutendste Uni-Fest, bereits voll auf Höchsttouren; überall muss man sich für Wettkämpfe anmelden, jeden Mittag werden auf dem Sportplatz, der dann voll bedeckt ist mit Chinesen, Tänze und Choreographien eingeprobt.
So werde ich am heutigen Montag auch während des Unterrichts angerufen und auf Chinesisch vollgelabert. Natürlich verstehe ich nicht viel, gebe den Hörer an meine Lehrerin. Alles klar, um halb eins sollen wir uns nochmal für unsere Disziplinen anmelden (obwohl das unsere Betreuerin eigentlich schon gemacht hat). Gleich darauf kommt auch vom anderen Kommilitonen die SMS mit ungefähr gleichem Inhalt.
Wir haben ne Stunde vor diesem Treffen Schluss und gehen somit essen. Hätten wir das wohl lieber gelassen. Diese 'Anmeldung' umfasst nämlich eigentlich nur die Vorausscheidungsläufe, da jeder Fachbereich nur eine bestimmt Anzahl an Läufern, Springern und so weiter stellen darf.
Vollgegessen und gesundheitlich nicht so auf der Höhe protestieren zumindest wir Langstreckenläufer (ich mach 1500 Meter, ohne Training). Erfolgreich. Denn wir dürfen morgen ran. Oder übermorgen. Das wird sich spontan entscheiden.
Lediglich Denis traut sich den 100-Meter-Sprint zu. Erwartungsgemäß kommt er nicht gerade schnell weg und ist auf der gedachten Ziellinie nur vierter. Er hat nur das Glück, dass seine Stelzen so lang sind, dass er sehr weit zum Auslaufen braucht. Denn somit ist er dann doch der erste, der die richtige Ziellinie überschreitet und somit auf dem Papier bereits jetzt der Favorit.
Eigentlich haben wir auch noch ein Fußballspiel. Jetzt, da wir im Team sind, traut man sich zu, die Champions der Uni herauszufordern. Wir ruhen uns also noch gut aus, nehmen Magentropfen und freuen uns, dass das ganze von 12 auf 16 Uhr verlegt ist.
Aber wiedermal muss man spontan und flexibel feststellen, dass der Platz nicht benutzt werden darf, da wegen der Choreographien alle zwei Meter Klebestreifen aufgebracht sind, die am besten nicht entfernt werden sollten.
So wird es zumindest heute nicht viel mit Sport, was auch ganz gut ist, denn ich habe da ein gewisses Luxusproblem: Ich nehme irgendwie ab. Bei meinem Gürtel nutze ich das erste Loch, Weihnachten war es noch das vierte. Die Hosen schlabbern, dass es sich nicht mehr gut anfühlt. Wie viel ich schon runter habe, kann ich leider nicht feststellen, da hier ja keine einzige Waage so richtig gut funktioniert, die Toleranzen liegen bei +/- 5 kg.
Naja, mit festen Daten hat man es hier ja sowieso nicht so.

Montag, 30. März 2009

Tag 32: Rebuild.

Ich erwache heute erfreulicherweise fit und pünktlich und darf mich freuen, dass das Wetter endlich wieder besser ist (zwei Tage Regen bzw. nicht zu hohe Temperaturen plus Katerstimmung können nämlich doch am Gemüt zerren). Auf dem Weg zur Uni fallen mir abermals die ganzen fleißigen Chinesen ein, die tüchtig wie Arbeiterbienen für das Wohl ihrer Königin schuften; jeder ist irgendwo beschäftigt, keiner weiß so recht, was der andere tut, aber irgendwie wird alles fertig.
Ich weiß noch nicht, für wen aufmal der Campus in Schale geworfen wird. Sämtliche Betonmauern werden mit Kacheln verkleidet, es entstehen Blumenbeete, Wege werden gepflastert, Kaputte Gebäudeverkleidung wird erneuert und im Stadion werden die Zäune neu gestrichen. Rebuild lautet hier überall die Devise.
Schon baldigst wird es hier bestimmt alles sehr gut aussehen, allerdings bleibt mir stets die Frage, wie lange das wohl halten wird. Es scheint fast so, als wär jedes Jahr ein Rebuild von Nöten, denn lediglich das Aussehen ist hui, der Qualität eher pfui. Alles, was aussieht wie solider Stein, ist lediglich eine flache, angepappte Kachel. Der Marmorboden ist Stein (bzw. auch nur eine Steinkachel), der mit einer bedruckten Folie überzogen ist. Hier und da ist die Folie abgenutzt. Zu den Blumenbeeten kann ich nichts sagen, aber wie nahrhaltiger Mutterboden kommt mir die benutzte Erde nicht vor. Zudem wird hier einfach das Wasser fehlen, schätze ich. Die Pflasterung der Wege ist ebenfalls gefaked, ebenfalls nur Kacheln, die sich leicht lösen. Wandverkleidungen hängen nur an recht wahllos zusammengeschusterten Fassaden. Die Zäune werden vor dem Streichen nicht geschliffen, aber eine ordentliche Farbschichtdicke wird das Kind schon schaukeln.
Aber gut. Warum soll man einmal etwas machen, was richtig lange hält, wenn man dadurch Gefahr läuft, dass man dann im nächsten Jahr eine Unterbeschäftigung hat?
Was passiert heute sonst noch?
Vor unserem Unieingang wird in der Pause eine ziemlich lange Stoffbahn um ein paar Säulen herum gespannt. In der nächsten Pause sehen wir dann, dass diese bemalt wird. Da wir sehr interessiert gucken und man hier uns gegenüber immer freundlich ist, werden wir glatt eingeladen, nach dem Mittagessen auch eine Stelle zu bemalen.
Also Motiv dient das übliche: Partnerschaft Deutschland / China, dargestellt durch die Umrisse beider Länder, ausgemalt mit den Farben und Mustern der Nationalflaggen. Während uns für Deutschland ein grober Umriss gelingt, bekommen wir bei China vom halben Kunstinstitut Hilfestellung geleistet und es wird kein Platz des Territoriums ausgelassen. Ich habe sogar fast schon Angst, dass man uns doch nicht mehr malen lässt, weil wir aus Versehen Taiwan vergessen haben. Und noch eine kleien Insel irgendwo, aber die ist auch bis jetzt noch nicht auf dem Banner zu finden.
Abermals gelten wir als Attraktion und haben viele Zuschauer. Und ich kann natürlich den Wünschen in den Blicken der Schaulustigen nicht wiederstehen und füge meiner Unterschrift noch meine Nummer hinzu. Dennoch dauert es bis in die Abendstunden, bis sich jemand traut zu melden. Mein SMS-Stand liegt mittlerweile bei 220 KuMiTeis.
Für Fotos werde ich morgen mal endlich wieder sorgen. Für alle, die es jetzt noch nicht erwarten können, kann ich nur unseren anderen offiziellen Blog empfehlen, auf dem neben mir auch mal ein paar andere von uns aktiv sind. Also eigentlich nur Philipp und Denis, aber den Rest wird man auch noch irgendwann dazu bewegen können.
Ich verbleibe mit einem müden Gruß.

Tag 31: Unergründliche chinesische Denkweisen.

Es ist Sonntag und ich schlafe ausnahmsweise lange, aber nicht erholsam, da es wie beschrieben am Wochenende zu viel Halliegallie kam. Hinzu kommt, dass für heute mal wieder ein Fußballtraining angesetzt ist, welches ich in leichter Katerstimmung antrete.
Ausnahmsweise ist der Trainer sehr zufrieden mit uns, stets werden Lukas und ich als Beispiel genommen. Trotz des erhaltenen Lobes kann ich nicht wirklich über seine mitunter seltsamen Denkweisen hinwegsehen.
Also in erster Linie soll alles sehr geordnet ablaufen. Wenn man einen Ball annehmen will, gibt es dafür eigentlich nur eine Methode, sobald sich der Körper anders bewegt, ist alles falsch. Es ist eigentlich verwunderlich, dass darauf wert gelegt wird, denn eigentlich ist das meiste hier improvisiert.
Geregelt wird auch alles sehr streng, wenn es um einen Wettbewerb geht. Da der Platz eigentlich belegt ist, halten wir uns zweieinhalb Stunden mit irgendwelchem Gedaddel auf, bis wir um halb sieben endlich auf den Platz können und noch ein kleines Match abhalten. Anstatt, dass man sich vorher überlegt, wie alles zu laufen hat, muss alles nochmal ganz genau geklärt werden. Dabei wird irgendwie nicht die Tatsache berücksichtigt, dass es ab sieben Uhr dunkel wird und Zeit mehr oder weniger Geld ist. Nachdem dann endlich angepfiffen ist, trifft unser Coach, der als Schiri fungiert, viele komische Entscheidungen, um den Spielfluss weiter unnötig aufzuhalten. Trotzdem hier keiner einen richtigen Einwurf werfen kann, werden nur einige abgepfiffen und korrigiert. Und da es sich um ein Spiel handelt, wird es für nötig gehalten, unabhängig von der Spielzeit noch eine Halbzeit mit Seitenwechsel einzulegen.
Die Gedanken meines Trainers sind manchmal unergründlich und ich bin recht froh, dass ich die ganzen Diskussionen, in denen es bestimmt nur um Kleinigkeiten geht, nicht richtig verstehe.
Aber gut, ich rede zu viel über Fußball, glaube ich.

Sonntag, 29. März 2009

Tag 30: Karaoke, wieder.

Egal, wie spät ich ins Bett gehe, mein Körper will ab acht Uhr nicht mehr wirklich schlafen. Für mich ist das recht ärgerlich, für Denis und Lukas nicht. Denn fürsorglich, wie ich bin, laufe ich zum Supermarkt und kaufe lecker Frühstück. Dann koche ich Kaffee. Und was ernte ich dafür? Natürlich: "Öhh, wo isn die Milch?" Während ich einkaufe, läuft mein im Zimmer vergessenes Handy heiß. Es ist unser Captain, der möchte, dass wir uns etwas beeilen, denn der für das Auswärtsspiel an einer Uni im Südwesten der Stadt steht schon bereit. Beeilen ist bei einigen Kommilitonen aber ab und zu ein Fremdwort, wie hier schon viele mitbekommen haben. Wir schaffen es gerade mal, rechtzeitig zum ausgemachten Treffpunkt (11h30) zu erscheinen.
Der 'Bus' ist eine alte Mitsubishi-Kopie, klein, aber irgendwie passen wir zu neunt rein (Platz gibt es maximal für sieben eigentlich). Aber die Karre fährt, selbst auf unebensten mit Schlaglöchern versehenen Straßen. Uns wird erklärt, dass wir durch das ärmere Viertel fahren, bis wir halb aus der Stadt raus sind. Nach 40 Minuten erreichen wir den Zielort. Ich bin begeistert. Der gestrige Regen hat die Luft tatsächlich soweit gesäubert, dass man die Berge silhouettenförmig erkennen kann. Ein feines Alpenidyll kommt auf. Prima.
Trotz der Entfernung hat es sich einer meiner Fanclubs nicht nehmen lassen, auch zu erscheinen. Ich entwickle langsam Staralluren, denn bereits vor dem Spiel und später auch auf dem Platz bin ich ein begehrtes Fotomodell. Bei dieser Unterstützung bin ich natürlich doppelt motiviert und mache das ach so wichtige 1:0. Darauf folgt ein ausgedehnter Torjubel, den die Gegner anscheinend nicht für gut heißen können, sodass sie zu anderen Mitteln greifen müssen, um ich aufzuhalten. Zack, kurz darauf bekomm ich den Ball mit ordentlich Karacho von unten dahin geschossen, wo es Männern oftmals sehr wehtun kann. Ich lasse mir größte Schmerzen nicht anmerken, überspiele das ganze mit einer aufgesetzten Lässigkeit. Klar, was sollen die Frauen im Fanblock sonst denken?
Nach dem 10:6 (oder so), bei dem ich noch zweimal einnetze und im überschwänglichen Jubel den Menschen, geforderterweise, die Farbe meiner Unterbüchse preisgebe, geht es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln heim. Diese Fahrt dauert dann gleich mal 1,5 Stunden. Aber es ist ja Wochenende, man hat Zeit. Für die großen Distanzen werden übrigens nur kleine Busse eingesetzt. Diese sind auch gleich noch viel teurer, denn da die Technik hier noch nicht so fortgeschritten ist (kein Buskarten-Lesegerät), muss neben dem Fahrer noch ein Kassierer anwesend sein, klar.
Es ist schon nach sechs Uhr, als wir recht kaputt aus dem, aufgrund der Menschenmassen leicht riechenden, Bus steigen. An Ausruhen ist natürlich nicht zu denken, da die Damen von oben zum Lasagne-Essen laden. Neben uns kommen noch ein paar andere Studenten. Nach einem Power-Sittin (sehr kurze Party) verschwindet bereits um neun die erste Hälfte, da es, dieses Mal geplant, wieder zum Karaoke geht. Ich folge mit der zweiten Gruppe ein paar Schnäpschen später. Zum Zeitpunkt unseres Eintreffens ist Xuguan (in den letzten Tagen anders betitelt worden, allerdings kennt er jetzt meinen Blog und lässt ihn durch den Google-Translater laufen, was für peinliche Fragen sorgt) bereits zu nicht mehr viel zu gebrauchen. Merke: Chinese und Wodka ist unter Umständen nicht die beste Mischung. Trotzdem ist es ein lustiger Abend. Und trotz Müdigkeit zeigen wir uns sehr solidarisch und bleiben, bis wir rausgeschmissen werden. Solidarisch deshalb, weil die normalen Studentenwohnheime ab halb zwölf die Pforten schließen und sie vor sieben auch nicht wieder öffnen. Und somit müssen unsere chinesischen Gäste die bequemen Sofas im Karaoke-Raum nutzen, um zu schlafen.
Gegen sechs Uhr besteige ich also mit drei der Frauen ein Taxi, schwätz ein wenig mit dem Fahrer und kann ihm klarmachen, dass er uns am Hintereingang rauslassen soll, da wir dann weniger laufen müssen. Der aufmerksame Leser wird merken, dass zu dieser Zeit die Wohnheime immer noch nicht geöffnet sind. Und so verfrachte ich die drei einfach bei uns auf der unbequemen Couch (Gästematratze und Schlafsack wollen sie nicht) und schlafe dann selber ein. Geweckt werde ich um neun zum ersten Mal, per Telefon. Es ist eine unserer Schlafgäste. Sie wollen jetzt gehen, leider hat Lukas aber die Tür von innen verschlossen. Ich nuschle irgendwas unverständliches, schließe auf und nuschle noch etwas zum Abschied.
Leider war ich im ersten Taxi, denn sonst wäre mein Abend nicht so früh zu Ende. Die anderen nutzen die ersten Sonnenstrahlen einfach mal, um noch Badminton zu spielen. Und um sieben öffnet die Mensa und die Knaben bekommen glatt noch ein Frühstück.
Ich hingegen schlafe. Hungrig.

Tag 29: Regen

Der Tag ist zum Vergessen, es regnet die ganze Zeit über. Darum machen wir auch nichts am Nachmittag. Glücklicherweise funktioniert das Handy von Denis wieder und wir können einen von der Westler-Party vor ein paar Wochen anrufen und fragen, was abends so anliegt, denn die Monotonie, mit der wir den Tag verbringen, kotzt uns an.
Jener kann uns die freudige Nachricht verkünden, dass in seiner Wohnung erst eine Party stattfindet und es anschließend zum KTV (Karaoke) gehen soll.
Zumindest zu ersterem Event soll es gehen. Wir stellen fest, dass er nur zwei Busstationen von uns entfernt wohnt, allerdings erst nachdem wir mit dem Taxi angekommen sind und mit dem Fahrer streiten, warum er schon so früh anhält. Die Wohnung betrachtend stell ich mal wieder fest, wie gut wir es doch haben. Und sicher. Denn trotzdem jedes dortige Fenster mit Gittern versehen ist, wurde in der vorherigen Nacht eingebrochen, während die beiden Herren geschlafen haben. Diese Nachricht bereitet mir Angst und ich beschließe, lieber nach Hause zu gehen, um bei uns alles sicher zu machen und dann zu schlafen.
Wie es nunmal so ist, hält dieser Beschluss nicht lange, denn schon sitze ich im Taxi in die andere Richtung, gen Karaoke-Bar. Läuft. Ist lustig. Und schon ist es wieder vier Uhr, als ich dann endlich zuhause bin. Jetzt 好好休息, gut ausruhen, denn morgen haben wir ein Auswärtsspiel.