Montag, 4. Mai 2009

Tag 66: Mir reicht es hier. Menschenskind.

Jeden Morgen die gleiche Scheiße. Ich stehe auf, mach mich fit, überspiele meine Müdigkeit erfolgreich (und verdränge sie bis zum Abend) mit Charme und Humor und wecke dann die Kleinen in Person von Denis und Lukas, die einen sehr hohen Schlafbedarf haben. Des Rauchens wegen, schätze ich.
Und was bekommt man als Dank? Man wird angemeckert und indirekt dafür verantwortlich gemacht, dass ihre Nacht so kurz war. Sofern die Gemüter sich etwas beruhigt haben und die beiden genannten Herrschaften tatsächlich aus der Waagerechten emporsteigen, folgt meist die Frage: "Und wo ist der Kaffee?".
Ich bin doch keine Maschine. Man stelle sich mal vor, ich wäre morgens genauso griesgrämig. Da gäb's hier wahrscheinlich Tote. Oder man hätte uns schon lange nach Deutschland zurückgeschickt, um noch einmal etwas über Pünktlichkeit zu lernen.
Manchmal macht es mich ein wenig wütend und traurig, wenn man mich so behandelt, obwohl ich doch nur das Beste will. Dann weine ich. Heimlich und ganz kurz.
Heute ist also wieder so ein Morgen. Nach langer Nacht klingelt der Wecker um halb zehn. Wir haben noch Jojo und Spätzle als Schlafbesuch im Wohnzimmer, also schleiche ich mal rein und drehe die Musik gut auf. Spätzle erschrickt sich zu Tode und auch Lukas schießt aus dem Zimmer, zischt mir entgegen "Du hast doch nen Arsch offen, denk mal an die Nachbarn!". Wenn es die gleichen Nachbarn sind, die ihre Kinder ab halb acht im Hof lautstark spielen lassen haben, dann habe ich sehr wohl an sie gedacht. Dann ist mir das nämlich egal.
Während Luke sich wieder hinlegt, kriege ich Denis erstaunlicherweise einfach aus den Federn. Er versteht, dass heute Sonntag ist und dass wir somit ein Spiel haben. Zwar habe ich gestern unserem Kapitän gesagt, dass wir nicht pünktlich kommen werden, da ein Spiel, das für zehn Uhr angesetzt ist, sowieso erst viel später stattfinden wird, aber er versprach mir, dass es diesmal wirklich pünktlich angepfiffen wird.
Und doch, es ist immer wieder die gleiche Scheiße: Kaum angekommen am Sportplatz finden wir keine Menschen vor, dafür aber eine Kunstrasenfläche, die übersäht ist mit Müll und Wohnheimshockern. Alles noch vom vorgestrigen Fest. Und Tore sind auch nicht installiert. Ich nehme an, dass das der Grund ist, warum hier kein Fußballspiel stattfinden kann und auf Nachfrage erhalte ich auch die Bestätigung per SMS (hier habe ich gestern übrigens wieder Jubiläum gefeiert, der Stand beträgt 1111 Mitteilungen).
Mir fehlt noch etwas die Kraft, um böse zu sein, also genehmigen wir uns schnell ein kurzes dürftiges Frühstück im ausverkauften Supermarkt und schlafen anschließend. Bis vier oder fünf.
Dann bereiten wir Pizzateig vor. Dieser muss aber zu lange gehen, sodass wir noch kurz, vom Hunger getrieben, eine Kleinigkeit in der Mensa zu uns nehmen wollen. Diese fällt aber leider, da die Kellnerin es sehr gut mit uns meint und drei statt der gewünschten einen Kelle Reis auftut, viel zu groß aus, sodass der Pizzateig noch lange warten muss, bis er verarbeitet wird. Bevor er mit Zwiebeln, Salamie und Kartoffelchips belegt wird, darf ich abermals die Michell trösten, der ich gleich zu Anfang des von ihr gewünschten Gesprächs mitteile, dass ich nächste Woche in Peking bin und dann vielleicht zwei Monate in Guangdong.
Der notwendige Weg zurück ins Bett wird trotz großer Müdigkeit leider erst sehr spät gefunden.

Tag 65: Tourismus.

Da der Papa so schlau war, und gestern relativ früh im Bett verschwunden ist, ist das Aufstehen, um sieben Uhr, am Samstag, nicht das größte Problem. Um acht müssen wir wieder auf dem alten Campus sein (zum Glück fahren so früh schon Taxis dahin), um mit den anderen Deutschen zur Terrakotta-Armee zu fahren. Zumindest wissen wir nur von dieser.
Aber zunächst halten wir in einem, ich sage einmal, nicht sooo interessanten Park, der anscheinend für seine 'warmen Quellen' bekannt ist. Von diesen seh ich aber nichts, anscheinend hätte man dafür noch einen Berg hochfahren sollen. Auch den einheimischen Touris, derer es dieses Wochenende wegen des gestrigen Feiertages besonders viele sind, scheinen nicht so angetan zu sein und finden mit zunehmender Begeisterung ihre preferierten Fotomotive in uns. Zuerst sehr schüchtern, indem sie einen von sich zufällig vor unsere Gruppe stellen, später aber, als sie merken, dass wir uns hinzgesellen, immer mehr. "再来一个" ("noch eins") lautet die Parole und sobald einer die Erlaubnis hat, strömen die Massen auf dich zu und du hast aus sämtllichen Generationen Leute im Arm. So kann es sein, dass einige Minuten vergehen, die man grinsend verbringt, bis man sich loseisen kann.
Ich wäre ein Schelm, wenn ich behauptete, es nicht zu genießen. Und so drehe ich jetzt auch gerne mal den Spieß um und fordere Fotos mit skurrilen einheimischen Gestalten.
Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen einem Mann und einem ganzen Volk.
Nach dem Essen in einer Touristengruppen-Absteige à la Guilin (große Halle mit vielen großen runden Tischen, lieblos eingerichtet, Standard-Essen) geht's dann auch schon zum neuen Wahrzeichen Xi'ans, der Terrakotta-Armee. Alle, die mich in den ersten Tagen meiner Ankunft gefragt haben, warum ich noch nicht da war, können sich jetzt beruhigen, denn ich bin es tatsächlich. Spektakulär ist das ganze allerdings nicht so, da ich das meiste schon auf Bildern gesehen habe. Spektakulär ist nur der Menschenandrang und unsere Gruppe, wobei sich hier auch erstaunlich viele Westler tummeln.
Die Zeit auf dem großen Areal vergeht recht schnell, sodass wir mal wieder viel zu spät auf dem Campus abgesetzt werden und zur 10-Jahr-Feier des Studiengangs eine halbe Stunde (allerdings gerade noch rechtzeitig) erscheinen.
Das Essen steht zwar schon lange auf dem Tisch, dennoch müssen wir erst noch das Abendprogramm (moderiert von Nadine) anhören, welches neben einer kleinen musikalischen Einlage aus vielen (Lob-)Reden besteht. Während dieser tut man, was man hier während Reden am besten kann: Selber reden. Ist für uns recht unverschämt, aber hier Gang und Gebe, solange man nicht in der Vorlesung sitzt.
Das Essen hätte besser sein können, ist aber auch egal, da man animiert wird, viel Flüssignahrung zu sich zu nehmen: Der Institutsleiter lässt es sich nicht nehmen, mit einem Glas und einer Flasche (und einer zweiten... und einer dritten...) des lokalen Schnapses von Tisch zu Tisch zu wandern und einmal (und auch zweimal... und auch dreimal...) anzustoßen. Und das mit ziemlich hoher Schlagzahl. Über den Geschmack des Gesöffs lässt sich streiten, aber es erfüllt seinen Zweck: Rektoren und Professoren geht es gut.
Und zwar so gut, dass unser Rektor uns seine Sekretärin (gestern erwähnt) es sich nicht nehmen lassen, noch mit uns in eine Disco, dieses Mal das Salsa 莎莎, zu gehen. Und da bleibt man dann auch gerne mal bis vier Uhr, auch wenn sie morgen um acht ihr Hotel verlassen müssen.
Guter Mann!
In diesem Club funktioniert mein Trick mit dem günstigen Trinken leider nicht soo gut, wobei ich fast umsonst davon komme. Das ist aber auch nicht schlimm, da die Musik (gut, da DJ europäisch) mich die meiste Zeit auf der Tanzfläche hält. Hier wird man gerne mal angesprungen von kleinen Buben (diese schubst man weg) und feinen Deerns (diese lässt man gewähren), man trifft auf Europäer (bzw. viele Russen) und Chinesen, die Deutsch können, weil sie in Bochum oder Holland studieren.
Am Ende des Abends kann ich mal wieder sagen: Mirko, du hast es geschafft und deine Energie ist unglaublich; du verlässt die Tanzfläche mal wieder als letzter.

Sonntag, 3. Mai 2009

Tag 64: Nur Superlative.

Seit Beginn des Semesters hat die ganze Uni auf diesen heutigen Tag hingefiebert und nun ist er endlich da; der erste Mai, Tag der Arbeit und gleichzeitig 60. Geburtstag der 西安理工大学, unserer Universität.
Es ist wahrlich an alles gedacht worden; der große Springbrunnen wurde verschönert, die Außenfassaden der Gebäude entweder erneuert oder geputzt, wo nur Erde lag sind nun schöne Parkanlagen entstanden, es wurde neuer Rasen gesäht (wenn auch recht mangelhaft), hier und da stehen neue Denkmäler und Statuen, überall gibt es fliegende große Luftballons und Banner der ganzen Studiengänge mit den besten Wünschen und Liebesbekundungen an ihre Lehreinrichtung und in den letzten Tage wurde auch noch mit einem großen Blumenmeer für viel Farbe gesorgt. Man macht auch keinen Hehl daraus, dass es nur für das Fest ist und wahrscheinlich in den nächsten Tagen wieder entfernt wird, da sämtliche Blumen in den Beeten noch in ihren Töpfen stehen und so locker wieder entfernt und verkauft oder dem Blumen-Leihgeschäft zurückgegeben werden können.
Also gut, um fünf vor neun werde ich heute von unserer Betreuerin per Telefon geweckt (nachdem ich sie, genau wie den Wecker, dreimal weggedrückt habe) um fünf Minuten vor neun geweckt. Irgendwie kommen wir tatsächlich pünktlich, müssen aber die Verluste von Denis und Lukas bedauern, die morgens gerne Mal länger liegen bleiben und dann sowas wie Übelkeit oder Magenprobleme inszenieren, damit sie eine Ausrede haben, fernzubleiben.
Wir sitzen also irgendwo in den fordersten Reihen (leider etwas verstreut, da nicht ganz pünktlich), da wir einen VIP-Pass haben (ein buntes T-Shirt, wie sämtliche Studenten es tragen, wär mir lieber) und lauschen irgendwelchen Reden, klatschen zwischendurch anstandshalber mal. Aber eigentlich sitzen wir nur apathisch gelangweilt da und machen es wie unsere Vorder-, Hinter- und Nebenmänner und reden selber. Bei einem mit 10.000 Menschen gefüllten Stadion entsteht so ein guter Grundgeräuschpegel, gegen den die Boxen aber gut ankommen. Nach zwei Stunden ist diese erste Tortur überstanden und ich freue mich auf die Wiederaufnahme des Schlafens.
Daraus wird aber nichts, weil ich erst noch die Delegation in den Deutschclub begleite, der extra nochmal in den letzten Tagen gesäubert wurde (wobei ich den fleißigen Studenten beibringen musste, dass die Deutschen sehr groß sind und auch die dicke Staubschicht auf den Regalen sehen). Neben vielen Bildern und Pflanzen lebt hier jetzt auch ein kleiner Goldfisch namens Fisch in einer Blumenvase. Ich gebe ihm keine hohe Überlebenschance, bin trotzdem etwas neidisch, dass wir das vorher während des Sprachkurses noch nicht hatten. Damals gab's nur Toilettengeruch. Penetranten.
Ich gelange, auch weil ich später viel zu langsam esse, nur zu einer halben Stunde zum Ausgleich meines Schlafdefizits, da wir schon gegen zwei wieder am alten Campus sein müssen, das sehr wichtige Fußballspiel steht an. In Sportklamotten rücken wir an und fühlen uns sehr underdressed, da alle, auch die anderen Studenten, in feinster Kleidung anmarschieren. Wir haben nämlich irgendwie nicht ganz mitbekommen, dass ein Professor noch irgendeine Auszeichnung erhalten soll.
Aber anschließend wird dann gespielt. Mit Ehrentribüne für sämtliche Professoren und Rektoren, einer ansonsten lausig besuchten Pöbel-Tribüne, dafür aber mit einer großen Trommel und enthusiastischen deutschen Fans. Der Rasen gleicht einem Acker und ist so lang, dass man die stählernen, festen Sprenkelanlagen, derer es acht sind, die sich über das Feld verteilen, nicht sieht. Ein paar darauf platzierte Wasserflaschen müssen dafür sorgen, dass keiner mit dem Fuß dagegen rennt.
Es endet langweilig, aber der Freundschaft dienend mit 0:0, trotz allerbester Chancen und unsere Professoren und Rektoren sind sehr begeistert, da das deutsche Team in den letzten zehn Jahren stets sang und klanglos zweistellig (in zweimal 20 Minuten Spielzeit) untergegangen ist. Ein kleiner Achtungserfolg ist es also doch, aber wir wollen hier nichts schön reden und werden in den nächsten Tagen klären, ob der Trainer noch tragbar ist.
Zum Glück müssen wir nicht dem äußerst vollgestopftem Zeitplan folgen und ins nächste Hotel zum nächsten Essen gehen, sondern können in Ruhe duschen und sind dann pünktlich zur Abendveranstaltung auf unserem Campus. Sogar so überpünktlich dass wir die Hyperspitzenmegaplätze, in der unweit der Bühne mit Rückenlehne und eigenem Tisch (alle anderen hocken auf niedrigeren Holzhockern und ab der Mittellinie des Feldes sieht man eigentlich nicht mehr viel). Die Delegation kommt hingegen viel zu spät und muss irgendwo Platz nehmen. Natürlich hätten wir aus Respekt vor den hohen Tieren unseren Platz räumen können, aber sorry, lieber Minister, lieber Rektor, lieber Studiengangsleiter, nicht ihr wart es, die nach einer durchzechten Nacht in der prallen Sonne auf dem Fußballplatz gerackert habt. Das waren wir. Und da siegt jetzt einfach mal der Egoismus. Man muss auch einfach mal wissen, wann man pünktlich kommt und wann man zu spät kommen darf.
Die Show ist sehr fein inszeniert und aufgezogen. Neben 'Laien', die ihre Sache sehr gut machen, kommen auch hoch angekündigte Superstars. Ich kenn sie nicht, aber die Menge tobt, ständig werden Schilder mit den abgedruckten Antlitzen der Stars hochgehalten, Blumen überreicht, gekreischt... Mir gefällt's, wenngleich aber alles recht militärisch ausgerichtet ist, da oben genannte Herrschaften in Uniform singen. Zugaben geben sie übrigens nur, wenn die Menge lautstark verspricht, immer gut zu lernen und artig zu sein.
Das ganze ist also ein buntes und lautes Spektakel, das es in Deutschland so nicht geben würde. Zwar sagen mir später viele Chinesen, dass es eigentlich nicht gut war, aber die hatten auch keine VIP-Sitze und konnten wahrscheinlich nicht viel sehen.
Auffällig ist noch, dass der Applaus am lautesten ist, wenn am Ende eines Auftrittes ein kleines Feuerwerk gestartet wird. Gegen elf ist das ganze beendet und noch während der Abmoderation ströhmen alle aus dem Stadion. Da der Supermarkt sowohl ausverkauft als auch überfüllt ist, geht es auch für uns schleunigst ins Wohnheim und ich schlafe früher als an jedem anderen Wochentag, da es morgen schon wieder viel zu früh raus geht.

Für die folgenden Bilder bedanke ich mich bei Frau Moroff, unserer Rektoratssekretärin, die ebenso Reisetagebuch führt. Möge sie mir verzeihen, dass ich sie ohne zu fragen verwende.


Pure Spannung bei der Morgenveranstaltung.


Deutsche Kampfmaschinen gegen kleine chinesische Techniker


Bunt und schrill.

Tag 63: Die Deutschen sind da.

Anlässlich der Ankunft der deutschen Delegation werden wir heute ab neun Uhr in den Bibliotheks-Hörsaal am alten Campus gebeten, um an einem Symposium über die Entwicklung der Druck-Branche teilzunehmen. Die ersten Redner sind unser Rektor und unser Studiengangsleiter, danach sollen bis fünf Uhr nur Chinesen folgen, eine Übersetzung ist nicht angedacht.
Da ich in den ersten Vorträgen nicht viel Neues erfahre, bin ich umso erfreuter, dass wir schon um elf anstelle unverständlicher Reden eine Campus-Führung bekommen. Jetzt weiß ich zum Glück auch, wo wir im nächsten Semester hin müssen. Danach bekommen wir im Gasthaus der Uni, einem recht guten Hotel, ein Essen und freuen uns anschließend über den unerwartet freien Nachmittag, da wir, die wir schon länger hier sind, nicht mit zur Stadtführung fahren.
Für den Abend verabreden wir uns wieder auf dem alten Campus, um von dort mit denen, die Lust haben, die Nachtclubs aufzusuchen. Wir landen wieder im 1+1 und hier kann ich leider nur darüber berichten, was ich gemacht habe, da ich die anderen nur selten sehe.
Zu allererst bestellen wir (noch zu dritt) ein Bier und eins für die Reserve. Bis das kommt, laden uns allerdings gleich ein paar Inländer auf eins und noch auf ein zweites ein, bei denen wir mit den Worten 干杯 (ganbei -> Becher leer -> Prost und dann sofort weg) zum Exen des Edelgetränks aufgefordert werden, wenngleich es auch nicht so gut schmeckt.
Ich stelle also mal wieder schnell fest, dass es die pure Geldverschwendung ist, den unverschämt hohen Preis von 30 Yuan (3 Euro) pro Flasche zu bezahlen, da ich sowieso hier und da eingeladen werde und später auf jedem Tisch noch ein großes Lager vorhanden ist, da man für die Sitzgelegenheiten einen Grundverzehrpreis entrichten muss, der so hoch ist, dass man für den Abend locker ausgesorgt hat.
Die beiden sind also die ersten Freunde, die ich heute mache, auch wenn ich ihre Namen und Telefonnummern gar nicht erst hinterfrage, da ein junger Sprössling, angetan von meinem Antlitz und meiner Statur sich meiner annimmt, um mein emsiger Gehilfe für den Rest des Abends zu werden scheint. Auch wenn er nicht immer anwesend ist, so ist er doch stets da und taucht hier und dort mal wieder auf.
Er sorgt auch dafür, dass mein Durst stets gestillt ist, da ich durch ihn von Tisch zu Tisch geleitet werde, damit jeder mal den großen trinkfesten Westler einladen kann. Bei einem Tisch bleibe ich etwas länger hängen, da mir ein gnädiges Fräulein sehr anmutet.
Von ihr entreißt mich allerdings wenig später mein kleiner, treuer Gehilfe, da er sehr aufgebracht mitzuteilen versucht, dass er etwas sehr seltenes und interessantes entdeckt hat: andere Weiße. Sie sind Amis und versuchen auch, etwas zu bestellen. Das gute Benehmen und das gleiche Schicksal, das wir teilen, verlangen es von mir, ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Sie sind auf der Suche nach Flüssignahrung, die Kellner scheinen sie aber nicht zu verstehen. Ich will ihnen cool meinen Trick mit den Tischen zeigen, scheiter aber gleich beim ersten, da dessen Besitzer noch gewillt ist, selber alles zu trinken. Nach etwas Hin- und Her kaufen die beiden Buben aus noch viel weiter westlich zwei Flaschen zum Originalpreis ab und danken mir trotzdem höflich für meine Hilfe.
Zurück bei der Dame bin ich etwas überrascht und erschrocken, wie sie mich vermisst zu haben scheint, da ihre Hände stets überall, zumeist in der Gesäß-Gegend zu sein scheinen und das, obwohl diese Stelle eigentlich aufgrund der Distanz zwischen mir und ihr schier unerreichbar ist. Fast zu spät merke ich, dass es sich auch nicht um ihre kleinen Patschepfoten handelt, sondern um die großen Pranken des einen Amerikaners, dem ich nun anscheinend sehr anmute.
Mir gelingt es nur mit Müh' und Not, ihm aufzuzeigen, dass ich nicht an ihm interessiert bin. Und überhaupt: Wo ist mein kleiner Padawan, der kleine Sprössling, der doch sonst immer da war?
Nach der Diskussion mit ihm ist leider das Weibchen verschwunden, was dem Abend für mich aber keinen Abbruch tut. Ich führe meinen Gang von Tisch zu Tisch fort, tanze ein wenig und fahr viel zu spät in der Früh mit den letzten unserer Gruppe heim.
Jetzt ist ein dreistündiges Power-Bubu angesagt, denn es ist der erste Mai und um neun Uhr sind wir auf dem Sportplatz zwecks Lauschen langweiliger Reden gefordert. Und da wir VIP-Karten haben, sollte man da schon erscheinen. In welchem Zustand auch immer.

Donnerstag, 30. April 2009

Tag 62: 1000

Prima, wir machen endlich unsere Druckplatten fertig und das, obwohl wir noch einmal Fehler und Satz korrigieren müssen, weil uns hier und da noch etwas auffällt. Morgen ist Druck-Symposium mit der deutschen Delegation, übermorgen erster Mai, dann Wochenende, wir können Montag also drucken.
Den Nachmittag nutzen wir etwas, um einen Bruchteil unserer Dosensammlung mittels Kleister zusammenzukleben. Jetzt sind wir im Besitz einer wunderschönen Säule, die von Boden bis Decke geht und jetzt unser Toilettenpapierhalter ist. Morgen folgt eine zweite Säule.
Da die Dämpfe des Klebstoffs uns zu Kopfe steigen, schauen wir mal auf den Sportplatz, der seit Tagen komplett belagert ist, da alles für den großen Empfang am Freitag, 1. Mai, gerichtet werden muss. Eine große Bühne, viele Lichtanlagen, jetzt bereits Stühle stehen schon und es muss das koordinierte Platz belegen und Platz räumen geübt werden. Langweilig.
Wir werden hier von bekannten aber nicht erwähnten Damen und Herren entdeckt und speisen mit ihnen zu Abend. Dies erweist sich als Fehler, da bei allen dreien später mindestens einmal die Tränen fließen: Beim einen, weil er mit einer der beiden Damen anbändeln möchte. Diese will aber nicht, vermag es ihm aber auch zunächst nicht zu sagen und als sie es dann doch tut, fühlt sie sich so schlecht, weil er so gut zu ihr war, dass auch bei ihr die Tränen fließen. Und als ich dann irgendwann spaßeshalber erkläre, dass ich mit der deutschen Delegation nächste Woche zurück nach Deutschland fliege, gibt es auch bei der zweiten kein Halten mehr.
Echte Gefühle oder Kindergarten, ich weiß es nicht. Mit Mühe und Not besänftige ich die Weibchen mit netten Sätzen, den Knaben mit Schnaps.
Das Tränenmeer macht mich so sentimental, dass ich mein heutiges Jubiläum kaum richtig feiern kann:
Um 23:03 Uhr piepst mein Handtelefon und was lese ich da: es ist meine 1000. (in Worten eintausendste) erhaltene Kurzmitteilung. Und das alles seit dem 18. März (um 17:46 Uhr). Somit habe ich, sofern alles richtig berechnet ist, pro Stunde 0,987 Kurzmitteilungen erhalten.
Man ziehe hiervon mal schätzungsweise acht Stunden Schlafenszeit ab und schon sind es 1,4 pro Stunde. Da weiß man, was in den Stoßzeiten so alles auf mich zugekommen ist.
Meine Freude über diese Zahl hält allerdings nur eine kurze Zeit, denn schon als ich mit erhobenen Fäusten triumphierend bei Lukas im Zimmer stehe, und die Worte "Lukas, da ist das Ding, 1000..." brülle, werde ich je durch ein wohlbekanntes Piepsen unterbrochen und muss meinen Satz mit "... und eins SMS!" beenden.
Dennoch lasse ich einen Koffer springen und alle sind glücklich. Bis auf jene welche, die da weinen.

Tag 61: Verkehr.

Wie gestern schaffen wir auch heute nicht viel beim Projekt. Das Ausschießschema steht eigentlich schon lange, wird aber gerne mal wieder schnell zerrissen, weil man doch größere Platten und Papierformate findet, sodass auf einen Bogen zwei Signaturen passen. Dann fällt einem aber auf, dass es doch ein wenig zu knapp ist, weil ganz am Rand nicht gedruckt werden kann. Dass wir am Rand aber nichts zu Drucken haben, ist erstmal egal.
Heute kommt die deutsche Delegation an, zwecks sämtlicher Jubiläen in den nächsten Tagen (60 Jahre Uni Xi'an, 35 Jahre Studiengang Druck, 10 Jahre deutsch-chinesischer Studiengang). Die Delegation besteht aus vier Profs (Rektor, Studiengangsleiter, etc.) und 25 Studenten. Von chinesischer Seite aus werden wir gebeten, zwei von uns mit zum Flughafen zur Begrüßung zu schicken. Eigentlich habe ich mich dafür bereiterklärt, verspüre aber überhaupt keine Motivation mehr und bin froh, dass Andy und Arne das für mich übernehmen. Dort angekommen ernten beide vom Studiengangsleiter aber erstmal ein "Ach, was machen Sie denn hier?". Diesen Mangel an Freude weiß Arne auszunutzen und behauptet einfach mal, dass die beiden für die nächsten Tage nach Hainan fliegen würden, weil es beim Projekt nichts für sie zu tun gäbe. Das wird erstmal hingenommen, später aber noch etwas stärker mit den für uns zuständigen Personen in China diskutiert.
Lukas und ich fahren jetzt täglich mit dem Rad zum alten Campus. Wir sind dadurch nicht nur sportlich, sondern auch viel schneller, als wenn wir den Bus (inkl. Weg zur Haltestelle) nähmen.
Wir nutzen hierfür die Straße, da die Fußwege viel zu überfüllt sind. Die Straße ist zwar auch vollgestopft, allerdings fahren die dortigen Vehikel ungefähr unser Tempo, mal etwas schneller, mal etwas langsamer.
Ich habe bereits öfters erwähnt, dass es nicht gerade ein Verkehrssystem gibt, den Führerschein kann man für Geld und dem Beantworten einiger kinderleichten Fragen beantworten. Aber so langsam steigen wir hier durch.
Fakt ist in erster Linie: Dreistigkeit siegt. Sobald man etwas zu eingeschüchtert an die Sache rangeht, hat man verloren. Die Devise lautet somit: Rauf auf die Straße und nach mir die Sintflut. Bei Spurwechseln darf man ruhig mal jemanden etwas schneiden, das ist der einfachste, auf die gewünschte Bahn zu kommen. Zwar kann man mit dem Rad nicht so viel Macht ausüben, aber jeder hier weiß, dass ein angefahrener Ausländer der Stadt nicht gut tut und zudem bringen die langsame Geschwindigkeit und die guten Bremsbeläge jeden Wagen schnell zum Stillstand, man hat also nicht viel zu befürchten. Das klappt sogar im vierspurigen Kreisel.
Wird man von einem anderen Verkehrsteilnehmer angehupt, sollte man das nicht sofort persönlich nehmen. Ich werde bisher auf jeder Fahrt angehupt, winke dann aber stets freundlich zurück. Hupen ist hier eine Art Hobby, jeder liebt es, jeder tut es. Auch mein linker Daumen bildet langsam Hornhaut, weil ich meine Klingel ausgiebig benutze.
Wenn man einen Radfahrer überholen will, sollte man dies links tun. Denn dieser erwartet einen nicht auf der Seite und könnte einen dann schneiden, oder was noch schlimmer ist, er scheidet seinen Speichel schwungvoll in diese Richtung aus. Diese Erfahrung darf Lukas heute machen. Im Gesicht. Er hat nicht gut Lachen.
Bei Ampeln zählt die Farbe eigentlich nicht sehr viel. Ist die Masse an Fahrzeugen, die mit einem in die gleiche Richtung fahren, kleiner als die, derer dich kreuzen, braucht man Geduld, bis man eine geeignete Lücke findet. Es ist manchmal sicherer, bei Rot über die Kreuzung zu fahren oder zu laufen, als bei Grün. Denn sobald ein anderer hupt, erwartet er die Vorfahrt, die man ihm auch besser lässt.
Die letzte Straße, die zum Campus führt, ist mit einer Mittelleitplanke getrennt. Da die Uni jenseits der dieser Leitplanke liegt, muss man die Straße also erst ganz durchfahren, bis die nächste Kreuzung zum Wenden kommt, oder die Fußgängerbrücke nehmen. Oder man fährt an der ersten Kreuzung einfach auf die andere Fahrspurt und bahnt sich dort seinen Weg auf der noch einmal abgetrennten Busspur. Diese wirken zwar sehr imposant, wenn sie auf dich zurollen und vortäuschen, keinen Platz zu lassen, aber letztendlich scheren sie doch noch etwas aus und man kommt problemlos an ihnen vorbei.
Der Hinweg ist somit fast ohne Stopps bewältigt, lediglich am Tor des Campus' muss man, weil es irgendein Gesetz so verlangt, absteigen, sonst wird der Wachmann böse.
Für den Rückweg zum Wohnheim gebe ich folgenden Tipp.
Um dem Smog etwas zu entfliehen, sollte man bei einer Kreuzung, die einem abschüssigem Hang folgt, etwas taktisch vorgehen und bei Grün genügend Schwung mitnehmen, sodass man als erster über sie jagt, am jetzt steigenden Hang seinen Vorsprung verteidigt (die Busse fahren fast Schritttempo, da sie kaum genügend Kraft besitzen) und das letzte Stück bis zum Campus locker bei verhältnismäßig guter Luft ausrollen kann.
Wer diesen Ratgeber liest und beherzigt, hat locker das Zeug zum Überleben im Xi'an'schen Straßenverkehr.

Tag 60: Waschtag

Der heutige Tag bringt nicht wirklich viel ein, da wir beim Projekt vor uns herdümpeln, weil keiner weiß, wie die Maschinen zu bedienen sind, sei er oder sie Deutscher oder Chinese (Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, lassen wir leider die mit zwei Stunden viel zu lange Mittagspause uns noch eineinhalb Stunden auf den zuständigen Professor verstreichen, sodass wir erst spät am Nachmittag zurück auf unserem Campus sind, später als jemals zuvor in China haben wir Feierabend).
Also plag ich mal über unsere Waschproblemen: Zwar besitzen wir den Luxus, eine Waschmaschine zu besitzen, allerdings arbeitet die manchmal nicht so, wie sie soll. Dies mag zum einen an der Technik, viel mehr allerdings wahrscheinlich am Unvermögen des Bedieners liegen.
Ein Nachteil der Maschine ist, dass sie selber nur kaltes Wasser reinpumpen kann. So muss man sie zunächst neben der Wäsche auch mit heißem Wasser aus der Dusche befüllen, wenn man Glück hat, reicht das für den Waschgang. Ansonsten wird, wie gesagt, kaltes nachgepumpt.
Leider rastet der Schalter unserer Maschine nicht mehr ein, sodass wir als angehende Ingeniöre uns bereits in den ersten Tagen gezwungen sahen, uns etwas einfallen zu lassen. Wir befüllten eine Flasche mit Wasser, die nun schwer genug ist, um den Knopf unten zu halten. Mittlerweile haben wir für das positionieren ein so gutes Fingerspitzengefühl, dass sogar während des Schleudergangs die Flasche stabil steht. Als sie das noch nicht tat, musste ein Waschvorgang ziemlich häufig wiederholt werden, um ihn abzuschließen.
Man kann zwar zwischen verschiedenen Waschprogrammen auswählen, allerdings erkennen wir bisher noch nicht den Unterschied zwischen ihnen. Die Wassertemperatur wird von der Dusche geregelt und von der Waschzeit nimmt es sich nicht viel. Also kann man auch gleich alles zusammen waschen, Hemden, Hosen, Handtücher. Das schenkt sich nichts, irgendwie wird alles sauber und nicht zerstört.
Problematisch ist es mit der weißen Kleidung: Irgendwie scheint sich von draußen viel Staub in die Maschine zu schleichen, denn meine weiße Kleidung ist durch und durch ergraut, bzw. es gibt schwarze Flecken, die zuvor noch nicht vorhanden waren. Oder sie erpinkt, da das Studiengangs-T-Shirt, das man uns zum Sportfest gegeben hat, noch ein wenig Farbe übrig hatte. Trotz meines rosa T-Shirts, das ich als Warnung in die Stube gehängt habe, hat Luke es sich nicht nehmen lassen, einfach den gleichen Fehler zu begehen.
Ein weiteres Manko ist, dass ich im Handgepäck das Sockenmonster durch den Zoll geschleust zu haben schein. Es ist schon wieder unglaublich, wieviele nicht zueinanderpassende Socken sich in meinem Schrank befinden.
Zum Glück kostet das alles recht wenig Geld, sodass ich mich leicht wieder mit neuen Socken und farbigen T-Shirts (zumeist bedruckt mit sehr phantasievollem Englisch) eindecken kann. Und ich muss nicht ins Dorf zum Waschen. Das hat doch auch schon was.

Montag, 27. April 2009

Tag 59: Massage.

Bevor ich mich abermals künstlich aufrege und mal wieder erwähne, dass, wenn man uns um halb neun zum Treffpunkt bestellt, weil um zehn Uhr das Spiel stattfinden soll, welches dann aber doch erst um nach elf angepfiffen wird, und dass ich mal wieder am Auftreten des Teams verzweifle, weil alles nur hektisch abgeschlossen wird, filtere ich einfach mal das Positive heraus: Es ist schönes Wetter, der Bus bringt uns bis vor die Tür der scheinbaren Elite-Uni, die sich außerhalb der Stadt erhöht, am Rande der Berge in wunderbarer Idylle mit schöner Parkanlage und schönen Frauen ausgestattet, befindet, ich schieße endlich wieder ein Tor und wir sind dann doch schon recht früh mittags fertig, sodass Denis und ich, trotzdem wir noch in die Mensa gehen, wieder da sind, bevor Lukas, der heute den Kranken simuliert, sich überhaupt mal aus dem Bett bewegt hat.
Wenn Lukas so lange schlafen darf, dann kann ich das auch und so wird geruht, bis der Rest zum Marsch in die Mensa ruft. Die Eitelkeit erfordert vorher noch einen Griff zum hier erworbenen Haar-Wachs, welches meine doch recht borstigen Haare mit nur wenig Masse in sämtliche Formen und Richtungen verbiegen. Inspiriert durch die Dragonball Z-DVD gönne ich mir eine ganz und gar prächtige Frisur.

Denis und ich verfolgen schon seit mehreren Wochen den Plan, uns eine Massage zu genehmigen. Nachdem diesem immer durch den Satz "Jo, machen wir morgen." Aufschub gewehrt wurde, kommen wir heute nicht drum rum und fahren an den von unseren Vorgängern in der Karte markierten Ort, zwei Stationen mit dem Bus entfernt. Dort finden wir an den kitschig beleuchteten Häuserfassaden leider nicht die von uns gesuchten Zeichen 按摩, also fragen wir mal nach und werden in einen einem Hotel ähnelnden Eingangsbereich geführt. Aufgebrachte Damen im Kimono kreischen uns ein '你好,欢迎你' (Hallo und herzlich Willkommen) entgegen und dann heißt es 'Schuhe aus' und rein in die Schlappen. Wir werden nach oben geführt, vorbei an den noch viel mehr aufgebrachten Damen, die die Dienste verrichten in einen Raum, ausgestattet mit zwei Liegen, einem Tisch und einigem Schnickschnack. Nach Aushandeln unserer Wünsche (Ganzkörper für 80 Yuan und Tee für 58 Yuan) , wird uns von den beiden glücklichen Damen, die nun die westlichen Prachtkerle bearbeiten dürfen, ein Fußbad gereicht und die ganze Prozedur beginnt.
Der Tee ist seinen stolzen Preis wert, was er nach der Prozedur auch sein muss: Es werden erst die Tassen mit dem Wasser ausgewaschen, dann mit der ersten Ladung Teearoma benetzt, anschließend ausgegossen, die Blätter noch einmal aufgebrüht und dann das ganze nochmal... es dauert also ziemlich lange, scheint aber zu funktionieren.
Die Massage ist auch prima, nur Denis wird komisch angeguckt, als er sich seines T-Shirts entledigen möchte. Allerdings stellt er hier die auf mich sehr philosophisch wirkende Frage "为什么我们穿衣服?" ("Warum tragen wir Kleidung?" Ja, warum wohl? Weil wir kein Fell mehr haben und Warmblüter sind? Weil das in der Zivilisation nunmal Standard ist?). Er darf sich dennoch entkleiden.
Wie schon in Guilin kommt man bei der Behandlung der Schenkel kritischen Regionen sehr nah, sodass ich befürchte, verführt zu werden. Grundsätzlich könnte man darüber ja reden, aber nicht unbedingt, wenn Denis neben mir liegt.
Da Ganzkörper nun einmal Ganzkörper bedeutet, geht es letztendlich noch an die Bauchregion. Nach dem für uns beleidigend wirkenden Kompliment, einen sehr schön weißen Bauch zu haben, wird dieser geknetet und geschlagen. Auch hier wird mir etwas Bange, denn es lösen sich nicht nur muskulöse Blockaden, sondern auch eingeschlossene Lüfte, die nur allzu menschlich, dennoch von der Gesellschaft noch nicht so akzeptiert sind. Mit einiger Konzentration und Beherrschung meistern wir diese Situation aber glänzend und schon ist die eine Stunde auch schon um.
Jetzt dürfen auch nochmal alle anderen Damen den Raum betreten und Erinnerungsfotos von denn tollen Buben machen, die selbstredend versprechen, baldigst wiederzukehren.

Tag 58: Nicht viel los am Samstag.

Gestern lief nichts, also ist es für mich auch nicht so schlimm, dass die Kinder im Hof mal wieder ab acht Uhr Radau machen. Man sollte eigentlich glauben, hier hätte die die Ein-Kind-Politik Einzug genommen, aber hier wird scheinbar geworfen, wie bei den Kaninchen. Ich werde mich damit arrangieren müssen.
Da Lukas zum einen sein Bett an der anderen Seite seines Zimmers stehen hat und sich zudem noch zwischen Zimmer und Fenster noch der verschließbare 'Wintergarten' befindet, pennt er ungehindert bis mittags weiter (was er diese Woche desöfteren mal tut), sodass es mich zu langweilen droht.
Michells Hungerklagen kommen da gerade richtig, sodass ich abermals mit einer weiteren Dame speisen gehe. Selbstverfreilich nur des Lerneffekts wegen. Naja, und als Wiedergutmachung für meine gestrige scheinbare Ignoranz ihr gegenüber, die Tränen in ihre Augen brachten.
Mittags haben wir Fußballtraining. Der Coach ist nicht da, sodass Denis und ich das erstmal übernehmen, allerdings mit ziemlich wenig Erfolg, da keiner kapiert, wofür das von uns angestrebte Flügelspiel mit Doppelpass und Hinterlaufen gut sein soll.
Nutzen können wir auch nur den halben Platz, weil auf der einen Seite aus Metallstreben eine hohe Bühne gebastelt wird. Am 1. Mai ist nämlich erstens Feiertag und zudem wird die Uni ja noch 60. Und da werden richtige Superstars erwartet, sagt man uns. Selbst von der Navy kommt nicht der erste, nicht der zweite, nein, es kommt der dritte Boss. Spätzle ist sehr aufgeregt, wir sind es auch.
Da an diesem Wochenende der Campus recht leergefegt ist, treibt uns die Langeweile dazu, mal zu gucken, wie viele Buben und Damen hier so wohnen. Und siehe da: 6 (Stockwerke) x 18 (Zimmer auf einer Seite des Gangs) x 2 (Seiten des Hauses) x 6 (Zimmerbewohner) machen mal schnell um die 1200 Bewohner pro Wohnheim. Und die sehen nun wirklich nicht so groß sein. Jetzt können wir auch die finsteren Mienen der 阿姨's ('Tante' = Damen, bzw. Onkel, die ihr Zimmer an der Eingangstür haben und ab halb zwölf, manchmal auch erst um zwölf abschließen), die wirklich genervt sein müssen, wenn nur ein Bruchteil der Wohnheimsbewohner am Abend zu spät erscheint und mindestens eine Viertel Stunde damit zubringt, mit Klopfen und einem verzweifelten "阿姨" ihr Gehör und ihre Gnade erbitten.
Am Abend sind wir endlich mal wieder kreativ und gestalten unseren Podcast. Dieser jener darf baldigst auf www.chiina.info zu begutachten sein.

Samstag, 25. April 2009

Tag 57: Es lebe die Anonymität.

Um neben dem SMS (momentaner Status: 856 Mitteilungen) und Telefonkontakt mein Chinesisch noch weiter zu schulen, habe ich mich jetzt bei XiaoNei (chinesisches Facebook) und QQ (chinesisches ICQ) angemeldet. Es ist ein bahnbrechender Erfolg, denn stündlich erhalte ich neue Freundschaftseinladungen.
Während in Deutschland alle über das Internet fluchen, weil es einem die Anonymität raubt, braucht man hier hingegen (außer mir) nicht wirklich darum zu fürchten. Denn: jeder benutzt hier nicht wirklich seinen Namen (zumindest im QQ) oder wenn doch, dann nur, weil der öfters vorhanden ist. So soll ich beispielsweise schon einen gewöhnlichen Namen suchen. Ich finde den Namen, leider etwas zu oft. Nachdem zwei Seiten durchstöbert sind, fällt mir auf, dass es alleine auf dieser Universität über 500 Studenten mit dem identischen Namen gibt. Erschwert wird die Suche noch dadurch, dass besonders die Damen des Photoshops mächtig zu sein schein und dort ihre Hautfarbe nachträglich besonders bleichen und auch sonstige vermeintliche Mängel retuschieren.
Mit dem Verfluchen dieser Seiten und den Fragen danach, wer denn überhaupt wer ist, verbringe ich den heutigen Freitagmorgen. Die Zeit dafür habe ich, da für unser Projekt sämtliche Texte fertig geschrieben sind und nicht jeder bei Satz und Layout dabei sein muss. Heimlich ist diese Aufgabe bereits Philipp zugeteilt worden, der bereits ein Buch selber gestaltet und auch unsere wunderschöne Internetpräsenz entworfen hat.
Am Nachmittag gehen Lukas, Nadine, Andy und ich in Begleitung von Spätzle in die Stadt, um ein Fahrrad zu finden, da Busfahren nicht immer so toll ist. In der Nähe des alten Campus werden wir fündig; in einer einzigen Straße scheinen sich sämtliche Fahrradhändler Xi'ans zu befinden, mindestens 20 Läden reihen sich aneinander.
Für ein Jahr soll es kein zu teures, allerdings auch kein zu schlechtes Rad sein. Uns wird zwar gesagt, dass man für 300 Kuai (dreißig Euro) locker was findet, die von uns angestrebten Zweiräder liegen dann aber doch eher bei 1000 Kuai.
Spätzle sei Dank werden wir endlich im letzten Shop fündig und gönnen uns ein Rennrad. Der eigentliche Preis von 1200 Kuai wird auf 75 % runtergeschraubt (wieviel mag das wohl sein?) und für einen kleinen Obulus gibt's noch Licht, Schloss und einer formschönen Klingel mit Kompas (der sogar richtig läuft).
Der Rückweg wird dann nochmal richtig gefährlich, weil wir uns erstmal dem Verkehrssystem, das gar kein System hat, anpassen müssen. Mit viel Dreistigkeit und etwas Weitsicht meistern wir das aber ganz wunderbar, auf der letzten Steigung vorm Campus überholen wir zwei Busse und ein paar Mopedfahrer (die anerkennend den Daumen ausstrecken und unsere Schenke zu bewundern scheinen) und sind so 15 Minuten vor Nadine da, die mit dem Bus unterwegs war.
Kurzum: Am Fahrrad sind kaum Mängel zu finden, es ist leicht und gut zu bewegen und mit der Garantie von drei Jahren können wir nicht viel falsch gemacht haben. Zudem darf man für 95 Euro nicht wirklich mehr erwarten.
Da wir so günstig davongekommen sind, laden wir Spätzle selbstverfreilich zum Essen ein, spielen Tischtennis und lassen den Abend bei fröhlichen Disney-Filmen ausklingen.

Tag 56: Filmstars

Wir werden früher denn je zum alten Campus, nämlich um 8h15, bestellt, da irgendein Kamera-Team uns bei der Arbeit über die Schultern schauen will. Natürlich weiß ich bei dieser Uhrzeit sofort, dass es sich um einen Trick unserer Profs handelt, uns endlich mal pünktlich um halb neun alle anwesend zu haben. Es klappt bedingt, mit einer Streuzeit von knapp 30 Minuten (15 Minuten vor und 15 Minuten nach Treffpunkt) trudeln fast alle ein, nur Lukas scheint irgendwas an der Ente nicht so bekommen zu sein und er bleibt bis fünf im Bett.
Da die Filmaufnahmen auf sich warten lassen, nutze ich schonmal die Zeit, um für unser neues Projekt zu arbeiten. Wir dürfen uns jetzt nämlich selber etwas aussuchen und entscheiden uns für ein Büchlein mit den wichtigsten Dingen, die vor China und in den ersten Tagen dort erledigt werden müssten. Unsere Nachfolger sollten uns sehr dankbar sein.
Das Kamera-Team kommt endlich und das ganze ist dann auch mal wieder kleiner, als es großgeredet wurde. Es wird eine Vorlesung simuliert, von ein paar Stellen aus für ein paar Sekunden gedreht und das war's dann auch schon.
Prima, ich habe Feierabend. Und da ich als einziger schon gearbeitet habe, bin ich auch der einzige.
Spätzle läd mich dann bereits um elf zum Mittagessen ein, weil es leckeren Fisch in der Mensa gibt. Und ja, er schmeckt und ich mache Spätzle mal wieder froh, indem ich alles aufesse.
Nachmittags gehe ich auf gut Glück zum Sportplatz zum Fußballspielen, habe aber schnell keine Lust mehr, da ich an der Eigensinnigkeit und dem fehlenden Konzept beim Spiel verzweifle.
Zum Glück muss ich nicht zu lange bleiben, da mich diesmal 刘荣 zum Essen erwartet. Gleichzeitig auch noch die Michelle zum Tischtennis, aber da das Mittagessen so lange zurückliegt, muss der Sport warten.
Fast zu spät erfahren wir am Abend auf der Homepage einer großen deutschen Boulevard-Zeitung, dass heute der Tag des Bieres ist. Und dem gebührt es zu fröhnen. Im Camping-Stuhr. Jener hat übrigens die Eigenschaft, viel zu bequem zu sein, sodass man schnell einschläft. Das muss nicht schlecht sein, passiert mir aber in dieser Woche viel zu häufig.

Tag 55: Dem Regen getrotzt.

Andy und ich sind heute von ein paar Damen eingeladen, mit zu einer anderen Uni im Nordwesten zu fahren, um deren Sportfesteröffnungsfeier zu begutachten. Ist das Wetter morgens noch recht schön, so fängt es leider ab Mittag an, ununterbrochen zu regnen. Dennoch soll das der ganzen Sache keine Abbruch tun.
下午, also nachmittags soll es losgehen, man ist aber schon leicht erbost, weil wir um zwölf Uhr noch nicht Feierabend haben. Ich bringe den Damen bei, wie der chinesische Tag eingeteilt ist. Denn ich hab's ja erst vor kurzem im Sprachunterricht gelernt. Und ich habe Recht.
Auf dem dortigen Campus angekommen, soll's in die Kantine zum Essen gehen, denn wir 饿死了,wir sterben vor Hunger. Für das Sportfest wird aber anscheinend sämtlicher Strom gebraucht, sodass sämtliche Mensen ohne darstehen und nur spärlich mit Kerzenlicht (schön heißes Wachs über den nicht abgedeckten Töpfen mit Nahrung) beleuchtet werden. Dieser Ort ist dann vielleicht doch etwas zu romantisch und wir müssen den ganzen Weg zurück (25 Minuten bis zum Tor (!)) durch Wind und Regen laufen, um in einem Fastfood-Restaurant zu landen. Zur Abwechslung schmeckt das aber auch mal sehr gut. Und gegen unseren Willen wird mal wieder für uns bezahlt. Ich wüsste nicht einmal, wie ich das verhindern könnte, ohne Gewalt, so flink ist die Rechnung abgearbeitet und für erledigt geklärt.
Beim Sportfest gibt es dann neben den normalen Tänzergruppen noch TaiQi und recht spektakulären Armee-Kampfsport zu sehen. Ein Highlight sind sicherlich die weißen TaiQi-Anzüge aus Seide(nreplikat) der Damen, die nach wenigen Minuten Regens durchnässt und durchscheinbar sind. Besonders toll ist auch, dass der Platz aus richtigem Rasen und die Laufbahn aus richtiger Aschebahn besteht, sodass sich das ganze schnell in eine Schlammschlacht entwickelt.
Meine Schuhe sind bereits nach einer Stunde durchnässt und das Wasser krabbelt so langsam an der Jeans bis zu den Knien hoch. Stark bleiben, Mirko, bloß keine Schwäche zeigen. Denn es geht jetzt wieder zum Essen und wieder bleibt mein Geld in meiner Tasche.
Wir sind erst gegen sieben wieder zurück, zu spät, um mit den anderen noch Peking-Ente essen zu gehen (das sei anscheinend länger geplant gewesen, ich habe nichts davon gehört). Aber gut, ich habe sowieso erstmal keinen Hunger und heiß duschen muss ich auch noch.
Sonst gibt's Schnupfen.

Donnerstag, 23. April 2009

Tag 54: Touristenprogramm





Mein früherer im Hinterkopf steckender Plan, nicht sofort in den ersten Tagen die ganze Stadt mit ihren Attraktionen zu besuchen, zahlt sich heute aus. Da der Mane nicht mehr lange hier ist und auch gerne was von Xi'an sehen würde, planen wir eine kleine Stadttour.
Es geht zunächst auf die Stadtmauer zum Fahrradfahren. Für eine Kaution und eine geringe Leihgebühr erwerben wir für die nächsten hundert Minuten tolle, ungefederte, unaufgepumpte Tandems, um die zwölf Kilometer hinter uns zu bringen. Radfahren läuft gut, die Sicht lässt allerdings etwas zu wünschen übrig. Entlang der Mauer befinden sich nämlich mit Ausnahme einiger Tempel, dem Bahnhofsvorplatz und eins zwei Parks zumeist nur Wohnbarracken, die nicht unbedingt eine Aussicht wert sind. Und weit gucken kann man ja auch nicht, was weniger an den ganzen Hochhäusern drum herum liegt als vielmehr der Luft.
Andy und ich gönnen uns noch ein Eis, das so teuer wie der Eintritt ist und kommen gerade so in der Zeit an. Haben wir ein Schwein, dass wir nicht den doppelten Preis bezahlen müssen.
Anschließend besichtigen wir mal wieder die Kalligraphiestraße, wo der angehende Diplomkünstler Mane sich voll mit Pinseln und anderen Utensilien eindeckt.
Der Abend wird an der 大雁塔, der Wildganspagode, verbracht, die abends für die Licht- und Wasserspiele sehr bekannt ist. 很好看, sehr schön anschaubar.
Neben der Wildganspagode befindet sich das Reichenviertel mit schönen Bauten und vielen schönen Bars. Der Zufall will es so, dass wir in eine gelangen, die Paulaner ausschenkt. In 5 l-Fässern.
Es geht erst recht spät nach Hause.

Tag 53: Angrillen.

Es ist pünktlich Feierabend, der Nachmittag ist zum Ausruhen genutzt worden, die Sonne scheint, der Grill ist gekauft, das Fleisch ist frisch... die Voraussetzungen könnten nicht besser sein für unser diesjähriges Angrillen.
Zwar gibt es an jeder Straßenecke gebratenes Fleisch, aber an einen guten deutschen Grillabend kommt das nicht ran. Um an die Dicke eines unserer herrlich zwarten, saftigen, gut marinierten Rinderlendenfilets zu kommen, müsste man zehn auf der Straße gekaufte übereinanderlegen.
Eigentlich habe ich befürchtet, dass die 2,5 kg nicht reichen würden, da wir neben uns auch noch viele chinesische Freunde (hauptsächlich Freundinnen) eingeladen haben, aber diese sind, da sie ja alle 怕胖, dick werden befürchten, recht schnell zurückgeschreckt und kommen behaupten, schon gegessen zu haben.
Ich schenke ihnen Glauben und esse ohne Gewissensbisse auf.
Zwar kaufen wir den Supermarkt auf dem Campus was das Bier betrifft fast leer (eine Anstandsdose lassen wir dort), getrunken wird aber nicht mehr so viel. Ich bin zu müde und schlafe bis halb vier im Campingstuhl, bevor ich ins Bett gehe, während die anderen Buben noch bis halb sechs in die Stadt ziehen. Es soll dort sehr lustig zugehen, aber da ich kein Augenzeuge bin, kann ich hier nicht berichten.
Morgen ist frei, da beim Projekt nichts mehr für uns zu tun ist. Es sickert durch, dass wir jetzt doch noch etwas anderes machen sollen. Ich bin gespannt. Wie in Flitzebogen.

Mittwoch, 22. April 2009

Tag 52: Keep on Germanizing

Wie bereits erwähnt, ist der Mane momentan zu Besuch und bestrebt, uns wieder ein wenig deutscher zu machen. Brot wurde schon gebacken, heute findet er, dass in ein gutes Stadion auch Bier gehört. Und so schaut er uns sitzend mit ein paar Dosen (bzw. zwei Trägern) im Campusstadion der Architekturuniversität beim Fußballmatch zu. Wir verlieren heute, unsere Serie ist gerissen. Viel schlimmer ist allerdings, dass ich seit ca. 270 Minuten ohne Torerfolg bin (wobei ich wegen der Größe des Kaders (mittlerweile 35) sowieso nicht auf viel Einsatzzeit komme). Ein Jammer. Genauso wie das Spiel unserer Mannschaft. Pfui. Die verstehen meine Anweisungen einfach nicht.
Nach dem Spiel bleiben wir noch lange sitzen und beobachten die Studenten, wie sie ihr Sportfest organisieren (hauptsächlich marschieren), das ganze bei feinem Bier, bis es wieder sieben Uhr ist (wir haben um zwei Uhr angefangen) und uns einfällt, dass wir eigentlich noch zur Metro wollten.
Dort kommen wir gegen acht Uhr an und errechnen uns, dass wir uns bei der Miete, die wir in Deutschland sparen, locker mal was gönnen können und so ist der Grill und die vier Camping-Stühle ruckzuck eingepackt. Auch bei der 1,5 kg-Schweinelende für 6 Euro und dem gleichschweren Pendant des Rinds für 15 Euro lassen wir uns nicht lumpen.
Zwar verfliegt unser Plan, heute noch zu grillen aufgrund der späten Zeit, die Schweinelende im Speckmantel (dazu Rettichsalat und Olivenbrot gereicht) schmeckt aber auch so noch um 00h15. Der Mane dessen Eltern kommen nämlich aus dem Gastronomiegewerbe. Ich glaube, ich kann den Mane gut leiden.

Dienstag, 21. April 2009

Tag 51: Versagt. Fast.



Heute soll mein großer Tag werden: Ich laufe die 1500 Meter. Die von mir bis ins kleinste Detail ausgeklügelte Taktik und Vorbereitung sieht wie folgt aus:
* In der vorhergehenden Nacht wird intensiv geruht. Am besten ab Vor Mitternacht bis morgens um zehn.
* Einem leichten Frühstück folgt ca. zwei Stunden vor dem Startschuss ein ebenso leichtes Mittagessen, am besten aus Nudeln bestehend.
* Ich laufe mich ein paar Runden warm und dehne mich gut.
* Der Wasserhaushalt wird gut ausgeglichen sein.

Den ersten Fehler machte ich bereits gestern, als ich mit in die Disco ging. Wenngleich mich mein schlechtes Gewissen dort sofort gen Couch trieb, so war der dortige Schlaf nicht gerade zufriedenstellend.
Das Ende meiner langen Ruhephase ist leider schon sehr früh, um acht, besiegelt, da im Hof vor meinem Fenster zwei Kinder wahlweise vor Freude laut kreischen oder heulen wie Sirenen. Wahrscheinlich ist es die Rache der Eltern, die sich gestern um halb elf, als wir zu laut vor dem Haus standen, beschwerten. Ich döse also nur noch bis elf Uhr vor mich hin, habe Kopfschmerzen.
Mein Frühstück besteht aus etwas Schokolade. Da niemand meiner Freunde wach ist, fehlt mir die Motivation, etwas gutes vorzubereiten. Gegen eins, also schon wieder zu spät, zieht es mich mit Thomas und Andy gen Mensa. Hier halte ich meinen Plan ein und bestelle mir Nudeln, kalt angemacht. Leider mit schwerer Erdnussbuttercrème, in die eine hellblaue Flüssigkeit, Mundwasser ähnelnd, gemischt wird. Dennoch schmeckt es, ist aber eindeutig zu viel. Ich entsinne mich jedoch Spätzles gestriger Mahnung, dass man Nudeln und Reis immer aufessen sollte, da andere hungern, und somit genehmige ich mir die ganze Portion, bis mein Handy klingelt und man mir sagt, dass mein Wettbewerb auf zwei Uhr, also eine dreiviertel Stunde, vorverlegt würde.
Prima, somit bleibt mir weniger als eine Stunde zum Verdauen. Ich lege mich noch einmal auf die Couch zum Verdauungsschlaf, doch als ich erwache, scheint die Nudelteigmasse sich im Körper nicht weiter hinunterbewegt zu haben. Mag an der Schwerkraft liegen, da ich schließlich nur lag und nicht stand. Dass der Klumpen unverdaulich erscheint, wird dadurch bestätigt, dass, nachdem ich mich dessen kurzerhand durch das Nahrungsaufnahmeorgan entledigt habe, selbst das Abflussrohr Probleme hat und sich erst am Abend nach gutem Zureden des Pümpels dazu entschließt, meinem Mittagessen Durchgang zu gewehren.
Federleicht aber auch erschöpft geht es nun zur Anmeldung. Natürlich hat das mit der Vorverlegung abermals nicht geklappt, ich hätte also genug Zeit zum Verdauen gehabt. Schwamm drüber, ich laufe mich eine kurze Runde warm, kämpfe mit leichten Schwindelanfällen (ist ja nichts mehr drin im Magen, außer der Kaugummi, den ich verschlucke) und werde zurückgerufen. Man braucht verdammt lange, bis man alle Teilnehmer aufgerufen hat und wir werden in drei Gruppen eingeteilt, ich bin in der zweiten.
Der Lauf der ersten Gruppe zeigt mir wenig neues: Der ganze Haufen stürzt los wie die Berserker, wobei unter ihnen nur wenige sind, die das Tempo auch durchhalten. Aber die sind dann wirklich flink und reißen die Strecke in 4 Minuten 20 runter. Ich habe also lediglich gegen jene, die mit der Zeit einbrechen, eine Chance.
Meine letzte Hoffnung ist das Wetter: Gemeinsam bitten wir unseren neuen Gott, den Gierschlund, um gutes Fritz-Walter-, ab heute auch Mirko-Wetter genannt. Und tatsächlich: Pünktlich zum Start fängt es an zu regnen, was bei meinen Kontrahenten eine Grimasse, bei mir ein freudiges Lächeln auf das Antlitz zaubert.
Und so laufe ich dann auch erstmal fröhlich mit meiner ausgeklügelten Taktik: Ich lass sie alle erstmal vorbei, verabschiede sie mit einem "Macht's gut, ihr Trottel!" und drehe zunächst drei Ehrenrunden, alleine, in denen ich mache, was ich hier am besten kann: winken, der Kulisse Küsse zuwerfen und in erster Linie natürlich gut aussehen. Ich ernte neben den Herzen der Fans viel Mitleid und vor allem Anfeuerungsrufe. Letztere gehören sicherlich nicht zur Erfindung der Chinesen, denn ihr '加油' ('füge Öl hinzu' = anfeuern) besteht nur aus zweimal Trommeln und in hoher Tonlage gerufenen '加油'. Ich stelle mir vor, wie es in Deutschland wäre, wenn sämtliche Fans im Stadion die ganze Zeit nur "Anfeuern, Anfeuern" riefen. Aber wenigstens ihr Durchhalten imponiert mir, ebenso wie die riesigen Trommeln, die für viel Lärm sorgen.
Nach einer Runde ist der Vorletzte bereits knappe 100 Meter entfernt, nach zwei sehe ich die Spitze schon auf der anderen Seite der Bahn. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sich etwas ändern muss, und so ziehe ich das Tempo einfach mal an. Ich kann's ja, bin vorher nicht gesprintet. Ich hebe mir meine Überholvorgänge für die vereinzelten Fankurven auf, winke dabei lässig gen Tribünen und das einstige Mitleid verwandelt sich spontan in Bewunderung.
In der letzten Runde pflücke ich mir sechs oder sieben Kontrahenten, und erreiche locker mein Minimalziel, nicht letzter zu werden. Der lächerliche Versuch eines anderen Läufers, mir meinen zehnten Rang (oder so) noch streitig zu machen, wird dadurch bestraft, dass er zuerst Kontakt mit meinen Beinen (nicht meine Schuld) und anschließend mit dem Boden (ebenso wenig meine Schuld) macht, nur spärlich gebremst von einer Dame, die ihn aufzufangen versucht. Er tut mir leid, denn die Tartanbahn, auf der wir laufen, ist nur ein Fake. Statt Hartgummi laufen wir auf aufgerauhtem, spitzen, rotgefärbten Beton.
Zu einer letzten Ehrenrunde mit der Fahne reicht leider meine Kraft nicht mehr, aber ich denke, die Leute werden meine Dankbarkeit ob ihrer Unterstützung auch so zur Kenntnis nehmen.
Ich gewinne heute also leider nichts, außer der Erkenntnis, dass ich noch schneller bin als im Qualifikationslauf. Eine freudige Botschaft erreicht uns dennoch: man sieht ein, dass Lukas zu Unrecht beim Kugelstoßen nichts gewonnen hat und überreicht ihm feierlich noch einen Spiegel zur Anerkennung.
Mit 0x Gold, 0x Silber, 0x Bronze aber 1x Spiegel erreichen wir somit im Medaillenspiegel einen sehr guten zweiten Platz, noch vor Supermächten wie den USA.
Deutschland, ihr könnt stolz auf eure Sportfesthelden sein.

Da der Gierschlund es zu gut mit uns meint, gießt es den ganzen weiteren Tag wie aus Kübeln, sodass wir eigentlich ruhen könnten. Aber stattdessen backen wir lieber wieder Brot und das Saubermachen der Arbeitsfläche weitet sich aus in einen Putztag. Wir unterhalten Unterstützung von 刘荣, die eigentlich nur vorbeikommt, um ins Internet zu kommen.

Abends entscheiden wir uns zu spät zum Pizzabestellen und man will uns abermals nicht beliefern. Bereits zum dritten Mal erhalten wir eine Absage. Und auch die Restaurants, die wir vorm Campus aufsuchen, sind geschlossen. Das mag daran liegen, dass man sie fast nicht erreicht, da sich die Straße in einen Fluss verwandelt hat. Wir nehmen mit ein paar weiteren Chinesen Taxis in die Stadt, wo aber auch alles geschlossen hat und somit essen wir nur gegrillten Tintenfisch von der Straße. Sehr gut.
Anschließend geht es früh ins Bett. Und das, obwohl wir nach dem Sportfest eigentlich was zu feiern hätten.

Sonntag, 19. April 2009

Tag 50: Den Medaillenspiegel fest im Visier.

Zwar finden heute keine Vorlesungen oder Projekte statt und dennoch stehen wir so früh auf, wie noch nie in unserer China-Zeit. Lukas darf sich nämlich auf dem anderen Campus im Kugelstoßen messen, Denis etwas verspätet im Sprint.
Sie machen es zunächst beide sehr gut, werden jeweils zweiter, zumindest solange, bis wir die Wettbewerbszone verlassen haben. Denis bleibt zwar zweiter, allerdings handelt es sich nur um ein Qualifikationsrennen und nur der erste kommt weiter. Bei Lukas wird erst später die Wurfweite gemessen, die Einschlaglöcher sind mit Fahnen gekennzeichnet. Zwar behauptet der Erstplatzierte auch, Lukas sei zweiter, aber irgendwie will es der Zufall so, dass der dritte einen und der zweite zwei Zentimeter mehr erreicht hat.
Somit sind wir (... olympischer Geist... das Zusammengehörigkeits-Wir...) nur vierter, müssen unser Ziel, im Medaillenspiegel mindestens vor den USA und Frankreich zu liegen, auf später verlegen.
Doch auch im Armdrücken müssen sich beide spontan geschlagen geben. Selbst die von uns ausgekührte Paradedisziplin, Tauziehen, geht voll in die Hosen. Überhaupt ist es ein kleines Phänomen, dass man tagtäglich auf schmächtige kleine Menschen trifft, allesamt mehr oder weniger Sportlegastheniker und pünktlich zum Sportfest verwandeln sie sich in Maschinen, die Meister auf ihrem Gebiet sind. Ich frage mich noch, wo die drei Bären, die unsere Gegner im Tauziehen sind, sich die letzten beiden Monate versteckt haben.
Nach dieser Schmach, in die sich auch Arne beim Weitsprung einreiht (da fliegen ein paar Deppen doch tatsächlich deutlich über sieben Meter, deklassieren alle anderen und meinen dann arroganterweise, dass das schlecht sei), sind wir vorerst nur noch Zuschauer und richten uns unseren Fanblock ein. Unser stetiger begleiter ist die Deutschlandfahne, die an zwei zusammenmontierten Schrubber-Stäben sehr professionell wirkt. Sie sorgt für Bewunderung und Beifall, aber auch für einige Unannehmlichkeiten; sie lockt stets den Schmutzfink an. Und er bringt seinen kleinen Bruder mit. Mit etwas Ignoranz und deutlichen Gesten lässt er sich zum Glück ab und zu auf Distanz halten, fragt aber dennoch ab und zu, wann wir ihn denn jetzt nach Deutschland bringen könnten.
Nachmittags kommt der Mane, Denis Kumpel aus der Heimat. Dieser bleibt bis Donnerstag und ist stetig darum bemüht, die Germanization einzuführen. So modifizieren wir zunächst am Abend den Tischtennis zum Trinksport, das ganze bei feiner deutscher Musik aus den mitgebrachten akkumulatorbetriebenen Musikboxen.
Später wollen wir eigentlich nur ein paar Bars aufsuchen, landen dann aber doch im Salsa-Club, der mit Salsa nicht viel zu tun hat. Da ich unsere einzige deutsche Medaillenhoffnung bleibe, merke ich sofort, dass es eigentlich keine gute Idee ist, lange fortzubleiben und nicht zu schlafen. Diese Erkenntnis kommt mir leider erst bei der Ankunft, zum Glück sind die Ledercouches dort aber so gemütlich, dass ein paar Runden Bubumachen drin sind. Zwischendurch vertanze ich die neu aufgeladene Energie zwar sofort wieder, aber eigentlich meine ich, morgen fit sein zu können.
Fit für Gold.

Samstag, 18. April 2009

Tag 49: Eine Runde Volksheld

Beim Projekt erfahren wir, dass die Hausinterne Druckmaschine ein Passerproblem hat und somit der ganze Druck- und Weiterverarbeitungsprozess an eine andere Firma übertragen wird. Zudem wird der englische Text gestrichen (obwohl sich das Feinsliebchen um Amerika sehr bemüht hat, ihn lesefähig zu korrigieren) wird.
Die Auslagerung ist insofern gut, dass wir jetzt nicht jeden Druckbogen selber von Hand falzen müssen (neben der Druckmaschine funktioniert die Falzmaschine nämlich auch nicht), aber was haben wir dann bitte noch zu tun? Erstmal dürfen wir also Pause machen. Drei Stunden. Weil die chinesischen Texte noch Fehler aufweisen, aber schon in Vektorgraphiken abgespeichert sind (die Textdateien sind nicht auffindbar) und somit neu geschrieben werden müssen.
Wir verbringen diese Pause bei Pizza und Kaffee und mit Shoppen. Danach sollen wir uns eine Druckerei angucken und nen Kostenvoranschlag ergattern. Danach anscheinend noch eine, aber wir haben nicht mehr so viel Lust. Wir müssen uns nämlich auch noch für die Eröffnungsfeier des Sportfests treffen und vorbereiten und so. Ein kurzer Anruf genügt und Denis darf mit einem gehässigen Lachen verkünden, dass nur die Chinesen, die uns begleiten, gehen müssen.
Beim Sportfest geht's dann richtig ab. Zwar müssen wir ziemlich lange auf unseren Einmarsch warten, werden aber mit einem prallgefüllten Stadion, bunten Lichtern, Musik und Riesenjubel (zumindest wir) empfangen. Die Runde ist leider viel zu kurz aber ein sehr feines Erlebnis. Wir lassen den Abend erst auf dem Sportplatz als Fotomodelle und später in der Wohnung mit neuen Fans ausklingen. Ich freue mich auf die Spiele. Videos dazu gibt es baldigst.

Tag 48: Olympia ich komme

Da es sich heute bei der Prüfung nur um eine mündliche handelt, haben wir ab halb zehn schon wieder frei. Auch zum Projekt sollen wir nicht erscheinen. Fragt mich bitte nicht, wie wir die Zeit totschlagen.
Gegen Mittag erhalten wir einen Anruf, dass wir uns abends wegen des Sportfests treffen müssen. Sportfest. Da war doch was. Richtig; da Philipp schon einmal seine Zeit von 6:30 Minuten auf 1500 m gelaufen ist, müssen Andreas und ich noch nachlegen, damit wir auch wirklich den besten Deutschen ins Rennen schicken. Das haben wir bislang erfolgreich vor uns hergeschoben, aber nun müssen wir ran. Unseren Vorschlag, das ganze bei einer Runde 'Schere, Stein, Papier' auszutragen, wird von Philipp abgewunken und so wollen wir seine Schmach dann doch sportlich besiegeln.
Ich mach's kurz: Ich bin der beste. Über 20 Sekunden schneller als Philipp. Ich bin ein Teufelskerl.
Trotzdem wir 12 Stunden zwischen unseren Pflichtveranstaltungen Zeit haben, schaffen wir es abermals, zu spät zum Treffen zu erscheinen. Ich gebe es langsam auf und finde mich damit ab, dass neun Leute einfach zu viele sind.

Mittwoch, 15. April 2009

Tag 47: Projekt.

Zwar hat gestern eigentlich unser Projekt begonnen, dennoch haben wir heute frei. Bei jenem vorgeschriebenen Projekt ist es unsere Ausgabe, die Universitätsbroschüre zu erstellen, die in drei Wochen fertig sein muss, da dann die großen Feierlichkeiten zum 60jährigen Jubiläum anstehen. Klingt zunächst nicht schlecht, allerdings ist eigentlich schon alles fertig gestaltet und die Texte geschrieben, also müssen wir nur noch ausschießen, drucken und in die Weiterverarbeitung gehen. Nicht gerade viel.
Natürlich gibt es dann aber doch noch einen Haken; das Layout ist nicht wirklich schön, die Bilder sind schlecht, die chinesischen Texte sind in Vektorgraphiken gespeichert, welche das editieren nicht möglich machen und der englische Text ist noch voll mit Fehlern. Allerdings ist dieser vom Uni-Präsidenten höchst selbst verfasst. Wir haben nun keine Ahnung, ob man daran etwas ändern darf, oder ob o.g. dann sein Gesicht verlieren würde.
Nun gut, heute machen wir erstmal nichts daran, sondern schlafen aus. Und dann lernen wir, da morgen die letzte Prüfung für lange Zeit ansteht, Chinesisch mündlich.
Da es draußen stickig heiß ist, bleiben wir der Natur bis auf eine Ausnahme in Form eines Ganges zur Nahrungsmittelbeschaffung den ganzen Tag lang fern. Das wird man hoffentlich auch mal dürfen.

Tag 46: Das Dorf.

Da es den Studentenwohnheimen auf dem Campus an sanitären Anlagen ein wenig mangelt, kommt man zum Duschen entweder zu uns (sofern wir Einlass gewehren) oder man sucht 'das Dorf' auf. Bislang dachten wir nur an einen Übersetzungsfehler, da wir in einer 8 Millionen Einwohner großen Stadt leben und nun nicht unbedingt am äußerst äußersten Rand.
Die Bullenhitze und die damit verbundene Knappheit an T-Shirts, sowie die Unlust, ins Stadtzentrum zu fahren, will es nunmal so, dass Lukas und ich uns heute selber auf den Weg ins ominöse Dorf machen.
Bei knallender Sonne, die hiesige Anwohner aus Angst vor der Sommerbräune nicht davon abhält, trotzdem in langen Klamotten rumzulaufen, führt uns der Weg zunächst runter vom Campus durch eine wüstenähnliche Natur: rechts und links der geteerten Straßen türmen sich Sandwüsten, alle gepflanzten Bäume sind abgestorben. Am Horizont, der hier wegen der opaken Luft zum Greifen nahe, also nur zweihundert Meter entfernt liegt, erahnen wir schon die Häuserfassaden des Dorfes.
Wie aus dem Nichts entsteht hier wieder Vegetation, Menschen drängen sich durch die schmale Straße und sie drängen sich noch mehr aneinander, um den unheimlichen Fremden Platz zu machen. Düfte, Essensstände mit Fleisch in der prallen Sonne, Lebensmittelabfälle, selbstkonstruierte Kräne, die Häuser bauen und kranke Hunde zieren die Backsteinfassaden.
Wie aus dem Nichts entsteht hier etwas, was mich an das China erinnert, das sich im Laufe der Zeit meines jungen Lebens in meinem Kopfe aufgebaut hat.
Ich bekomm es ein wenig mit der Angst zu tun, aber ich habe mit Lukas meinen starken Bewacher dabei. Zusammen finden wir sogar, was wir suchen. Und sogar noch mehr: Am Kiosk einer angsteinflößenden Frau gibt es 'Bittergurken-Bier'. Wir genehmigen uns ein Fläschchen und stellen fest, dass es das erste ist, das richtig herb schmeckt. Wie ein gutes Bier.
Ich schätze, jenes Bier wird mich noch des öfteren in das Dorf locken.

Montag, 13. April 2009

Tag 45: Ein wenig Ostern.

Nach ausgiebigem Bubumachen bis zwei Uhr, Blogeinträge schreiben und etwas Frühstück begeben wir uns um vier (nun gut, natürlich später, weil wann sind wir schonmal pünktlich) in die neue Mensa, in der Jan mit seinen Schülern uns sehnlichst erwartet. Uns wird ein Bereich zur Verfügung gestellt, in der wir Jiaozi herstellen können. Jiaozi ähneln den schwäbischen Maultaschen, schmecken gut und hier macht man sie immer in geselliger Runde, sofern Festtage stattfinden. Oster ist hier zwar kein Fest, aber das ist ja auch egal. Es dient einfach mal wieder dem interkulturellen Austausch.
Diese sind rasch hergestellt und noch viel schneller gegessen, da von uns Deutschen so gut wie keiner ein anständiges Mahl zuvor hatte.
Weil man sonntags sowieso nie was vor hat, geht es danach in den Deutschclub, um die vorher ausgeblasenen Eier zu bemalen und zu zeigen, wie bei uns der Hase läuft, zum Osterfest. Ich mag Eier bemalen. Ich glaube, ich mache das jetzt öfters.
Da wir keinen Haselnussast haben, werden die bunten Eier an den kitschigen Weihnachtsbaum gehängt. Die reinste Wonne.
Um es meinen schwäbischen Kommilitonen rechtzumachen, erkläre ich mich später bereit, mit ihnen Bundesliga, Stuttgart zu gucken. Zumindest täusche ich es vor, denn eigentlich bin ich während des langweiligen Spiels permanent damit beschäftigt, dem SMS-Bombardement standzuhalten. Nach kurzer Ruhephase in der letzten Zeit sind es derer Verfasser glatt wieder vier. Hoch im Kurs steht mittlerweile die Frage, wann ich heiraten will. 25 als Jahreszahl ist hier die Schwelle, die man nicht unbedingt übertreten sollte, dennoch findet man, dass es nächstes Jahr noch ein wenig zu früh für mich sei.
Für mich und wen?

Sonntag, 12. April 2009

Tag 44: Disco Disco

Endlich mal wieder ein verkaterter Samstag, wie er im Buche steht:
Man steht, nein, man wacht um zwei Uhr auf, wälzt sich im Bett umher und hat keine Lust aufzustehen. Aber man muss. Einem dürftigen Frühstück folgt ein Tag auf der Couch mit DVD, ab und zu werden mal Dosen ausgespühlt und aufgeräumt, aber die körperlichen Aktivitäten halten sich in Grenzen.
Erst Abends setzt der Hunger wieder ein. Welch ein Glück, dass wir vorgestern in der Metro waren und so gute Erdäpfel und sehr gutes und verdammt günstiges Rinderfleisch unser eigen nennen können, so müssen wir nicht mal zur Mensa laufen. Die beachtliche Kochzeit der Kokosnuss großen Kartoffeln gewährt uns sogar die Möglichkeit, alles in einem nicht zu hohen Tempo ablaufen zu lassen, sodass wir das zermaterte Hirn bei der Planung der Fleischzubereitung nicht zu sehr fordern müssen.
Letztendlich gibt es gutes Steak, Spiegelei und Butterkartoffeln und mir fällt auf, dass ich verdammt lange nicht mehr chinesisch gegessen habe. Da trifft es sich gut, dass Spätzle (aka Zuhälter, Spätzle ist sein neuer von uns gegebener Name, den er auch akzeptiert) bewaffnet mit Schweineohren vorbeikommt. Ich verspreche, später, wenn ich wieder hungrig bin, zu probieren. Dazu kommt es nicht.
Wir erinnern uns, dass wir gestern abgemacht haben, das 一加一 (1+1), eine Disco aufzusuchen. Und zwar heute. Schnell trommeln wir die Leute zusammen und sind gegen elf (eigentlich schon viel zu spät; man geht hier nämlich eigentlich schon um neun oder zehn in Discos) da. Einer schmalen, sehr klein wirkenden Eingangsfassade folgt ein vierstöckiger, verwinkelter Komplex, in dem man sich leicht verlaufen kann. An jeder Ecke stehen, wie polizisten bekleidete (mit Helm und Hemd) Wachmänner und reizende Hostessen, die einem zu weitergehen animieren. Den Gästen, also uns, soll gegen unseren Willen nur das beste gegeben werden, wir werden also erstmal im vierten Stock im VIP-Raum mit eigener Bedienung verfrachtet. Hier kann man, Surprise Surprise, Karaoke machen. Es lässt sich ganz gut aushalten, aber sobald das bestellte Bier zu warm ist, suche ich auch mal die Tanzfläche auf.
Spätzle hat uns vorher schon gewarnt, dass vernünftige Frauen die Disco nicht aufsuchen würden. Nur jene, die ein bestimmtes Ziel aufsuchen. Und so ist es dann auch. Thomas ist mit seinen langen Haaren und der großen Nase schnell Objekt der Begierde und wird arg umklammert, Philipp kann sich vor Avancen auch kaum retten. Aber es geht auch umgekehrt: sobald man als Frau auf der Tanzfläche erscheinst, hast du sofort eine Traube Buben um dich herum, das ganze erscheint wie das Balzverhalten in der Brunft wilder Tiere. Und da ist es den meisten auch irgendwie egal, ob du eine Frau bist, oder nur eine Frau, offensichtlich gefangen im Körper eines Buben.
Mir bereitet das alles ein wenig Angst und ich bin froh, dass ich mir kein Ziel gesetzt habe. Ich suche lediglich den Kontakt zu anderen, um an ein Bier zu kommen, denn auf jedem Tisch, der irgendwie besetzt ist, stehen mindestens zehn Flaschen, die die Tischbesetzer unmöglich alleine trinken können.
Und dann tanze ich sogar. Oder mache sowas ähnliches. Zumindest bewegt sich der Körper, bis die Disco dann schließen möchte und wir so ziemlich die letzten sind.
Es trifft sich gut, dass wir auf dem Rückweg an einem amerikanischen Restaurant vorbeikommen, das rund um die Uhr geöffnet hat. Ich spreche einen Toast auf den international gleichbleibenden Geschmack des BigMacs aus, bevor wir um halb sieben in der Früh wieder am Wohnheim ankommen.
An diesem Wochenende sind die Nächte somit intensiver genutzt worden, als die Tage. Mir soll's recht sein.

Tag 43: Endlich wieder Party

Heute haben wir endgültig zum letzten Mal Sprachkurs bei der Aussprache-Lehrerin. Es zeigt sich wie schon die letzten Male, dass wir unseren Aufgabenzettel unlängst abgearbeitet haben, sodass wir nach einer Stunde, in der sie uns erzählt, wie die mündliche Prüfung am Mittwoch ablaufen wird, fertig sind. Und plötzlich ist der Tag verdammt lang.
Während Lukas und ich uns im Tischtennis messen, bereiten Thomas, Philipp, Hanna und Nadine uns köstliche gefüllte Pfannkuchen zu. Hierzu nachträglich mein Dankeschön.
Nachmittags steht endlich nach zwei Wochen mal wieder ein Fußballspiel an, auswärts an einer Uni im Norden. Nervigerweise kommt mal wieder die chinesische Unplanbarkeit zum Einsatz und so wird der Anpfiff von drei Uhr auf vier Uhr auf halb fünf auf fünf verlegt. Das Spiel ist auch mehr oder weniger eine Farce, alle sind ein wenig angenervt, die vom Coach gegebenen taktischen Anweisungen und Aufstellungen werden kein Stück eingehalten und so ist der Nachmittag mehr oder weniger verschwendete Zeit. Das einzig positive ist die Sonne, die mir ein wenig Farbe gibt.
Wir kommen somit erst nach sechs Stunden, um acht, wieder am Wohnheim an. Müde und hungrig. Aber es hilft ja nichts, es steht mal wieder eine Feierlichkeit im Hause der deutschen Studenten an. Als ich mit Duschen fertig bin, ist es die Party dann aber auch schon fast wieder, weil es sich die meisten schon ordentlich mit Spirituosen gegeben haben, die Stimmung empfinde ich etwas komisch. Hier eine ziemlich abwesende Chinesin, dort ein schwankender Bube und mittendrin eine genervte H. Und das um neun Uhr... Aber gut, die Zeit ist ja auch begrenzt, da bekanntlich das Wohnheim der Studenten um elfe schließt.
Da der Pizzalieferant an uns mal wieder nichts verdienen will, hauen Lukas, Denis und ich, bekanntlich hungrig vom Sport, uns 15 für Ostern gedachte Eier in die Pfanne, dazu feines Rinderfleisch und gedenken, das ganze dann auf Brot zu verspeisen. Leider verlagert sich die Festlichkeit von oben dann zunehmenst in unsere Wohnung, da alle mal von der fremden westlichen Nahrung probieren wollen. Ich gebe mich also letztendlich mit nur einem Brot zufrieden.
Anschließend öffne ich meinen aus Guilin mitgebrachten Schlangenschnaps. Dieser schmeckt leider nicht annähernd so gut wie der auf dem Schiff und so beschließe ich, Olaf seinen Lebensraum zu erhalten und mein neues Haustier im Regal stehen zu lassen.
Habe ich schon erwähnt, dass ich müde bin? Das bin ich nämlich sehr und so genehmige ich mir ab eins erstmal auf dem Sessel eine Auszeit. Und dann geh ich ins Bett. Sage ich. Ne halbe Stunde später bin ich unvernünftigerweise wieder oben, frisch und munter.
Ich finde mich letztendlich um halb sieben schlafenderweise auf dem Sofa wieder und trete nun endgültig den Weg ins Bett an. Vorher erhält Martin (auf dessen Party wir vor zwei Wochen waren), der die Gästematratze in Anspruch nimmt, von mir die Mensakarte und den Schlüssel, da er Hunger hat. Er weckt mich später klopfenderweise abermals. Nur mit T-Shirt und Boxershorts bekleidet und dem Spruch "Die Chinesen verstehen auch gar keinen Spaß..." begrüßt er mich.
Mich wundert heute nicht mehr viel.

Tag 42: Ein Stück Heimat.

Gut gerüstet erscheinen wir heute mal fast alle pünktlich im Deutschclub, es steht nämlich die Prüfung an. Ein wenig Wissen, gute Gruppenarbeit und ein bisschen Raten sollen locker für das Bestehen und noch mehr gereicht haben.
Die Erkenntnis, die ich aus dieser Prüfung ziehe, bestätigt meine früheren Gedankengänge: Es dreht sich hier alles nur um das Auswendiglernen. Denn sämtliche Prüfungsaufgaben sind aus dem Übungsbuch übernommen oder aus der HSK-Prüfung, die wir Dienstag machen sollten. Bei dieser hat zwar keiner wirklich was verstanden, aber sofern man sich aus den Sätzen eins, zwei Zeichen gemerkt hat und dazu die Antwortmöglichkeit A, B, C oder D, so kann man locker sämtliche Punkte einsacken.
Diese Methode zu lernen erschien mir leider zu einfach. Oder ich war zu faul. Aber gut. Schwamm drüber.
Während der Prüfung stattet uns Schmutzfink mal wieder einen Besuch ab, wird aber von der Dozentin höflichst gebeten, zu gehen. Ich danke ihr dafür.
Gegen halb elf sind wir dann schon alle fertig und belohnen uns für die sechs Wochen höchste körperliche Anstrengung, Schlafdefizit und geistige Ausbeutung mit einem Trip in ein Stück Heimat, die Metro. Aber was wäre ein Einkaufserlebnis bei der Metro ohne das Paulaner Brauhaus auf dem Messegelände? Endlich landet mal wieder richtig gute Kost ohne Geschmacksverstärker, Essig, Lemongras und Bierfisch auf dem Teller, denn es gibt Leberkäs mit Bratkartoffeln. Wenngleich letzte noch nicht ganz durch sind und man stark mit dem Salz gegeizt hat, so ist es doch ein Gaumenschmaus. Und mit eins, zwei Weizenbieren verfeinert... da geht nichts drüber.
Der Einkauf zieht sich dann auch mal glatt bis halb sechs. Anschließend gehe ich natürlich nur zum Aufbessern der Sprachkenntnisse mit einer Dame essen, erzähle leichtsinnigerweise, dass ich Mathe-Leistungskurs hatte und bin somit zum Hausaufgaben helfen (Kopieren der Lösungen aus dem Lösungsbuch) eingeplant. Es scheitert letztendlich aber doch an meiner Handschrift.
Die vom Sandmann geschickten Sandstürme haben Wirkung; ich bin noch vor zwölf Uhr im Bett.

Donnerstag, 9. April 2009

Tag 41: Lernen und was man stattdessen macht.

Letzter Tag vor der Prüfung, heute haben wir allerdings die zweite Professorin, die für die Aussprache zuständig ist. Wir müssen diesmal nicht nur Vokabeln und Texte aus dem Buch ablesen, sondern dürfen mal selber erzählen, wie unser Ausflug so war. Das mag aber vielleicht nur daran liegen, dass wir unseren Soll für den diessemestrigen Sprachkurs erfüllt haben und man nicht mehr viel mit uns anzufangen weiß, denn die Pause artet mal wieder aus und somit verbringen wir 40 Minuten mit nichts.
Pünktlich zum Pausenende findet uns gestern beschriebener penetranter Schmutzfink. Er will jetzt auch Deutsch lernen, setzt sich also auf einen von uns eigentlich belegten Platz. Als er von Philipp aufgefordert wird, dessen Platz zu verlassen, setzt er sich auf Jans Platz. Anschließend hockt er am Ende des Tischs und steht, hippelig wie er ist, dauernd auf, rennt zum Bücherregal und holt sich ein Buch. Zehn Stück sollten dann für ihn reichen, anschließend kann er wohl mit uns reden. Wir machen ihm klar, dass wir ihm die Bücher nicht verleihen können.
Anschließend müssen wir den Raum verlassen, da wegen Malerarbeiten (weiterhin Rebuild, man hat in der letzten Nacht auch die ganzen Risse, die unsere Wände zieren, neu verspachtelt) unser Strom abgeschaltet ist. Es geht zur Professorin ins Büro, wo sie uns wie letzte Woche eine Reportage über 'Wild China' gezeigt wird.
Schmutzfink folgt unaufgefordert, belegt einen für uns reservierten Plätze und pennt nach zwei Minuten ein. Leider wird er pünktlich zum Ende geweckt und möchte mit uns Essen gehen. Wir möchten nicht essen. Wir wollen schlafen. Sagen wir. Mit dieser Lüge kann ich leben.
Lukas und Denis bekommen das ganze nicht mit. Sie verpassen den Unterricht zugunsten der Prüfungsvorbereitung.
Hanna verpasst es ebenso. Sie erscheint zwar erst, steht aber nach zwei Minuten auf und verschwindet, ohne ihre Sachen. Sparzieren ging sie. Sagt sie später. Mit dieser Lüge kann ich auch leben.
Draußen ist es warm. Sehr warm. Zum Glück beginnen die großen Stürme, die einen stetig Sand in die Äuglein pusten. Somit nutzen wir den Tag lieber in der Wohnung und lernen. Oder täuschen vor, es zu tun. Mir fällt, meine Kleidung betrachtend, auf, dass mir etliche Knöpfe an Hose und Hemd fehlen. Also gehe ich mit Denis und Thomas zu dem Besitzer des 1 m²-Ladens 20 Meter von unserem Haus entfernt, der darauf spezialisiert ist, irgendwas zu flicken. Die Knöpfe halten also wieder tadellos. Und auch, wenn er den Riss in meinem Hemd wie ein Berserker vernäht, so kann ich für 1,50 Yuan (0,15 Euro) auf ein gutes Schnäppchen zurückschauen. Wenngleich ich, mir die Frage stellend, wie der so überleben kann, ihm das doppelte zahle.

Tag 40: Unelegant penetrant.

Heute werden wir im Sprachkurs das erste Mal, pünktlich zwei Tage vor der Prüfung, richtig gefordert. Die Professorin legt uns einen höheren HSK-Test (offizielle Prüfung für's Sprachzeugnis) vor und meint, dass wir das neben den anderen Übungen auch noch für die Prüfung können müssen. Wir verstehen nur Chinesisch.
Das mag aber auch daran liegen, dass uns das Wochenende in Guilin gut geschlaucht hat. Somit wird am Nachmittag erstmal gut geruht.
Abends werden wir seit Tagen sehnlichst auf dem Tischtennisfeld erwartet. Und dass wir beliebt sind, wissen wir mittlerweile, aber so penetrant, wie heute, wurden wir noch nicht belagert. Aufgrund seines ungepflegten Auftretens heißt er fortan nur noch Schmutzfink. Schmutzfink hält es nicht wirklich für nötig, sich vorzustellen, er guckt erst nur beim Tischtennis zu, belabert uns auf Englisch und hockt stetig zwischen uns. Sobald jemand sein Handy zückt, wird es kurzerhand entwendet und seine Telefonnummer erscheint im Display. Man kann vom Glück sprechen, dass die Verbindung heute sehr schlecht ist und somit nicht aufgebaut werden kann.
Wir wünschen uns, trotz unseres guten Wesens, Schmutzfink in naher Zukunft nicht unbedingt wiedersehen zu müssen.

Dienstag, 7. April 2009

Tag 39: Freizeit.

Im Gegensatz zu den letzten beiden Tagen dürfen wir unseren Schlafverbrauch selber bestimmen, da wir erst um halb zwölf aus dem Hotel auschecken müssen. Es wäre vielleicht wünschenswert gewesen, hätten wir uns dennoch etwas über unsere Pläne abgesprochen. Mein Plan ist es eigentlich, ein gesundes Mittelmaß an ausreichend Schlaf und genügend Freizeit, um noch in die Stadt zu gehen, zu finden. Ich peile halb neun an. Thomas, mein Zimmergenosse will lieber früh sein Frühstück einverleiben und dann wieder schlafen. Also klingeln unsere Wecker abwechselnd. Ich setze mich mit neun Uhr durch und fühle mich gerüstet für einen aufregenden Tag.
Die Stadt ist etwas ernüchternd, lediglich Eierkuchen und guter Kaffee bessern die Stimmung auf. Und sie sorgen bei mir dafür, dass ich zum Mittag nicht allzuviel Hunger habe und somit auch nicht viel von dem Essen verzehren muss, das es schon die letzten Tage dauernd gab. Zum Mittag fahren wir übrigens, da es im Preis mitinbegriffen ist, mit dem Bus. Klar, für den ist es auch ein bisschen Fahrzeit, weil man etwas außen rum fahren muss und die Straßen in der verhältnismäßig kleinen Stadt immer voll sind. Zu Fuß wären es vielleicht dreihundert Meter Luftlinie. Im Endeffekt dauert das Beladen der Fahrgäste wahrscheinlich länger als wenn man gelaufen wäre, aber was soll's. Vielleicht wurde auch schon vorher an den Rückweg gedacht, denn der dauert mit dem Bus nochmal länger, weil wir einen anderen Bogen fahren müssen, da es noch in einen Park geht, um den Elefantenrüsselberg zu begutachten. Dieser befindet sich aber auch nur 300 Meter von unserem Hotel auf der anderen Seite entfernt.
Der 'Park' ist ein wenig ernüchternd. Der Elefantenrüsselfelsen ist einfach ein Berg, der in der Mitte ein Loch hat und deshalb, wenn man aus dem richtigen Winkel ein Foto schießt, aussieht, wie ein trinkender Elefant.
Und mit betrachten dieses Felsens endet auch schon das Programm für den heutigen Tag. Offiziell. Wir schreiten selber zur Tat, klauen der Führerin ihre Guide-Fahne und machen unsere eigene kleine Gruppe, die den Felsen besteigt. Es ist nämlich noch Zeit bis fünf Uhr. Doch auch die anschließende ausführliche Erkundung des weiteren Geländes kann es nicht verhindern, dass wir noch zwei Stunden Zeit haben und gehen wir wieder in die Stadt und entsinnen uns, dass wir gestern auf dem Heimweg (so gegen ein Uhr in der Nacht) das Massage-Angebot ausgeschlagen haben, aber versprachen, morgen, also heute, wiederzukommen. Und so kehren Thomas, Denis und ich in jenem Massagesalon ein und gönnen unseren vom vielen Maschieren lädierten und wohlriechenden (für Käseliebhaber) Füßchen mitsamt den daranhängenden Schenkeln eine Massage.
Mit den Damen kann man sich gut unterhalten, auch wenn sie den gleichen Sprachfehler wie unsere Reiseleiterin aufweisen. Sie bedanken sich noch für unsere gestrige Aufforderung, den Laden einfach dicht zu machen und schlafen zu gehen und schreiten zur Tat. Ein prima Gefühl. Mit wohlklingendem, schmerzhaft-lustvollem Gestöhne animieren wir sie, voll zuzupacken. Nur, als sie an meinen Stampfern zugange ist und sich mit ihrem Geklopfe langsam einer gefährlichen Zone nähert, bekomm ich es ein wenig mit der Angst zu tun, was ich Denis sogleich mitteile. Ihr übersetze ich meine Gedanken allerdings mit einem "好听得很", das Geklopfe hört sich gut an, und so beklopft sie weiterhin meine Schenkel, als wär es eine Buschtrommel.
Nach einer Stunde verlassen wir auf federleichten Füßchen den Laden, ich kaufe noch eine Flasche Schlangenschnaps, selbstverfreilich mit Schlange (mit weißen, komischen Augen, aber derer immerhin zwei) drin, und schon kann es gen Flughafen gehen.
Die Straße dahin ist, sagen wir mal so, ausbaufähig. Man bekommt es mit der Angst um den eigenen Kopf zu tun, wenn man nach jeder Schwelle von seinem Sitz abhebt, aber wir überstehen alles unbeschadet.
Aus Zeitgründen fällt das Essen am Flughafen aus. Schade. Mein Magen knurrt und Bierfisch bekommen wir so schnell nicht wieder.

Montag, 6. April 2009

Tag 38: Reisfelder und Augen.

Tag drei der Reise, es geht wieder früh los. Und es geht mal wieder auf ein Schiffchen, nachdem wir in der Schlange davor den anderen Gästen aufgrund unserer Größe und dem Talent zum Fotomodell die Wartezeit ein wenig versüßen.
Wir befinden uns in einem Indianer-Ressort ähnlichen Park, in dem gezeigt wird, wie man hier früher so lebte und so, bzw. wie manche vielleicht immer noch leben müssen.
Es war recht interessant, die Darsteller tanzen für jedes der alle 15 Minuten vorbeifahrende Schiff, sind trotz nicht gerade hoher Temperaturen nur leicht bekleidet und werden nicht müde, jedem mit einem Lächeln zuzuwinken (wir im Übrigen auch nicht).
Anschließend gibt's schon Mittag in einer lieblos eingerichteten, kalten, weiträumigen Reisegruppen-Absteige. Klar, es gibt Bierfisch und die gleichen anderen Gerichte wie gestern. Aber was rein muss, muss rein.
Gesättigt besteigen wir wieder den Reisebus (der für meine Stelzen nicht wirklich gemacht ist, sitzen gleicht hoher Akrobatik), es geht zu den von Bildern bekannten Reisterrassen. Das liegt leider irgendwo in der Pampa, die Fahr beträgt zwei Stunden hin.
Am Fuße des Berges angekommen, werden wir von den traditionellen Frauen belagert, wir sollen ihren Familien helfen und irgendwas abkaufen. Eigentlich eine normale Prozedur, aber da gibt es etwas, das anders ist; einer der Frauen fehlt ein Auge, ich kann scheinbar ganz tief in ihre Seele schauen. Sie tut mir leid und gleichzeitig macht sie mir Angst. Ich will weg. Schnell.
Also geht es in den nächsten Bus, der uns den Berg zur Hälfte hochbringen soll. Und dieses Gefährt hat auch endlich mal etwas Kraft unter der Haube. Auch der Fahrer ist ein sehr geübter und zeigt uns eindrucksvoll, dass auch er Michael Schuhmacher kennt und lenkt gekonnt den Bus in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit um jede noch so scharfe Kurve, egal, wie eng die Straße auch ist und wie tief es an den Seiten bergab geht. Die richtige Antwort darauf gibt uns der Sohn von Jianglei, unserer Betreuerin. Er kotzt einfach mal auf's Polster.
Vor Angst zitternd ausgestiegen haben wir es dann immer noch nicht geschafft. Über steile Treppen geht es durch das Dorf der Einheimischen vorbei an Schnickschnack-Ständen und Essensverkäufern (hier gibt es geräucherte Ratte) bis auf den Gipfel. Es gibt das Angebot, dass uns zwei Buben hochtragen, das nehmen wir aber nicht an. Hätte die Neuseeländerin, die etwas korpulenter ist, aber mal machen sollen, denn sie schafft es nicht hoch. Und der arme Denis, der trotz immer guten Willens öfter mal ein Fettnäpfchen mitnimmt, verärgert sie zudem noch unabsichtlich, indem er ihr anbietet, einen 'carrier' zu besorgen. Laut Wörterbuch eigentlich eine mögliche Übersetzung, aber scheinbar versteht sie darunter einen Flugzeugträger oder sonstig großes Transportmittel. Statt eines "No, thank you" erntet der arme Fratz also nur ein "Oh how mean is that."
Armer Denis.
Auf dem Gipfel gibt's ne gute Aussicht, diese dürfen wir zehn Minuten genießen. Dann wird die Zeit scheinbar wieder knapp und wir werden wieder runtergescheucht. In erster Linie zählt nämlich nur, dass man mal da war und das Event per Foto festgehalten hat.
Es geht wieder binnen zwei Stunden zurück nach Guilin. Drei mal darf man raten, wie das Essen aussieht. Richtig. Der einzige Unterschied ist, dass der Service sehr mies ist, ansonsten ist alles gleich.
Philipp, Lukas und mich überkommt am Abend noch das Gefühl, dass unser Haar mal wieder einen Feinschliff bekommen könnte, somit geht's um halb elf abends (!) in den nächsten Frisörsalon. Hier gibt es noch genug freie Angestellte, die sofort zur Tat schreiten. Nachdem unsere Haare mindestens zehn Minuten einshampooniert werden (ein Waschbecken wird hierzu übrigens lediglich zum finalen Auswaschen gebraucht, der Schaum wird einfach abgeschöpft und kommt in den Mülleimer. Oder daneben.), wird frei nach Schnauze mit der Schere hier und da was weggenommen. Ich habe erst etwas Angst, bin jetzt aber doch zufrieden.
Anlässlich Thomas' morgigen 25. Geburtstags gehen wir noch in die Paulaner-Kneipe und feiern bei geschätztem europäischen Bier rein. Leider schließt die Kneipe dann recht schnell, allerdings ist bei uns auch die Luft raus.
Morgen geht es erst ab zwölf Uhr los, fantastisch.

Tag 37: Eine Bootsfahrt.

Da wir das Wochenende in 桂林 (Guilin) voll ausnutzen wollen, machen wir das komplette Touristen-Programm à la China mit; möglichst viel in möglichst kurzer Zeit durchlaufen.
Somit geht's nach dem Frühstück (das zum Leidwesen der Damen der Vorfreude auf westliche Kost nicht nachkommen kann) auf den eines der vielen Touri-Schiffe auf dem Li-Fluss, der sich durch die Region schlängelt. Dieser ist für vier Stunden angesetzt, Ziel ist 阳朔, Yangshuo. Zunächst wird die Befürchtung, dass der Wetterbericht stimmen könnte, (jene Befürchtung hat in unserer Gruppe die letzten Tage einen großen, zum Teil nicht ertragbaren Pessimismus auf den Ausflug bezogen hervorgerufen) bestätigt, denn pünktlich mit dem Ablegen fängt es mächtig an zu regnen (was eigentlich nicht verwunderlich ist, denn in der Region regnet es nur 250 Tage im Jahr). Philipp und ich halten dennoch an unserer Vorhersage, dass der Wetterbericht lediglich vom Staat manipuliert wurde, um die Region nicht mit Touristen zu überfluten, fest. Und wir dürfen uns Propheten nennen, denn die es wird alsbald heiter und soll auch in Zukunft nicht mehr regnen.
Die Region ist wirklich einen Ausflug wert, überall stehen sattgrün bewaldete kleine steile Hügel, umhüllt von Nebel, nur wenig Verkehr (hauptsächlich Boote und Wasserbüffel) und überhaupt ist die Luft im Vergleich zu Xi'an fantastisch. Aber gut, vier Stunden Fahrt mit immerzu der gleichen Landschaft wird dann doch irgendwann etwas langweilig. Da trifft es sich ganz gut, dass auf einmal eine junge Frau vor mir steht und ein mit Getränkedosen bestücktes Tablett hält. Natürlich will ich das Angebot, ein gut gekühltes Bierchen zu kaufen, aus erziehungstechnischen Gründen (kein Bier vor vier) ablehnen, entsinne mich aber sofort meines T-Shirts, das auf chinesisch den Spruch "因为我是德国人,所以我喜欢喝啤酒" (weil ich Deutscher bin, trinke ich gerne Bier) und was habe ich da noch für Argumente?
Positiv ist auch, dass das Schiff ab und an von Einheimischen mit frischgefangenen Flussgetieren versorgt wird, welche wenig später auf dem Buffet zu finden sind. Ich stelle hier mit zunehmender Begeisterung fest, dass sich mein Ekel vor fremden Speisen immer mehr verflüchtigt und so frittierte Garnelen und Krebse, Schnecken und sonstige komische Sachen im Ganzen in den Magen. Und natürlich lass ich mich nicht lange bitten, auch die einheimische Spezialität, Schlangenschnaps, zu probieren.
Letzterer, der volle Bauch und die viel zu frische Luft veranlassen mich armen Buben danach, den Rest der Fahr zu schlafen.
In Yangshuo angekommen erschlägt mich zudem noch die feuchte Hitze, die auf einmal aufkommt, also dürfen wir noch ein wenig im Hotel ruhen, bevor es in eine Tropfsteinhöhle geht. Diese weist zu europäischen Artgenossen die Besonderheit auf, dass auch sie in bunten Farben beleuchtet ist. Das sieht gut aus, bedingt aber auch die Algenbildung, sodass ich ihr nicht mehr so viele Jahre gebe, bis sie recht grün ist. Aber gut, für heute haben wir ja unsere schöne Höhle, sollen sich zukünftige Generationen einfach eine eigene suchen. Oder man macht ein Rebuild.
Am Abend gibt es Bierfisch zu essen, soll ganz besonders sein, war es aber nicht. Normaler Fisch. Und der war auch nur eine von zwölf Komponenten (die kommen alle auf die runde Drehscheibe auf dem großen Tisch, sodass sich jeder nehmen kann, was er will). Wahrscheinlich haben wir einmal zu oft gesagt, dass es wirklich gut schmeckt, denn für die folgenden drei großen Mahlzeiten soll sich das Gedeck nicht wirklich unterscheiden. Oder vielleicht kennen die auch nicht mehr Gerichte? Diese Einöde nimmt also etwas den Spaß am Essen, tut dem gesamten Ausflug aber natürlich keinen Abbruch.
Den weiteren Abend verbringen wir in einer Bar, in der Jans Kumpel, ein Franzose, zufällig am selben Abend Musik macht. Nachdem alle einsehen müssen, dass ich einfach eine unschlagbare Macht im Tischkickern bin, geht's auch schon (für Wochenenden) verhältnismäßig früh ins Bett und Tag zwei der Tour endet. Wie dieser Eintrag.