Nach einem Jahr Abwesenheit weiß ich mittlerweile einige, damals selbstverständliche Dinge, wertzuschätzen.
Das wär zum Beispiel...
... architektonische Beständigkeit: Was in Deutschland das Recht bekommt, gebaut zu werden, ist verpflichtet, für die nächsten hundert Jahre oder so auch stehen zu bleiben. So ist nicht jedes halbe Jahr ein Rebuild vonnöten und Baustellen sind verhältnismäßig wenige vorhanden. Außerdem blicke ich beim Aufwachen in unserem 25 Jahre alten Haus nicht auf einen von vielen Risse in der Decke, wie beispielsweise in China. Die Umgebung verändert sich also nicht und so habe ich keinerlei Probleme, irgendwelche Wege zu finden.
... deutsches Essen: Endlich gibt es zum Frühstück wieder krosse, nahrhafte Brötchen, belegt mit leckerer, nicht nach Chemie schmeckender Wurst, guten Käse und frischem Hack mit Zwiebeln. Später gibt es Braunkohl mit viel Fleisch. Am Stadion gibt es Bratwurst mit Senf. Alles Sachen, die zwar dick machen, aber auch lange den Hunger vertreiben.
... deutsches Bier: Klar. Besseres gibt es fast nirgends. Belgisches kann es vielleicht damit aufnehmen, aber das ist wie der Vergleich von Äpfeln und Birnen. Schließlich handelt es sich bei belgischem um, wie Ersttrinker sagen, Sekt-Bier.
... geordneter Verkehr: Hier bin ich etwas zwiegespalten. Wenn man fährt, ist es deutlich angenehmer, alles fließt beständig und schnell und Staus gibt es nur zu bestimmten Zeiten, nicht fast den ganzen Tag lang. Wenn ich aber zu Fuß laufe, wünsche ich mir manchmal das chinesische Chaos, dem man sich auch als Fußgänger einfach fügen kann und so locker eine Straße überqueren kann.
... nicht immer in der Öffentlichkeit stehen: Es war zwar schön, meistens, als etwas besonderes durchzugehen, wenn man in China in der Öffentlichkeit auftritt. Man kommt schnell in Kontakt, die Leute sind interessiert und spendieren gerne Getränke, allerdings oft aus Eigennutz und ziemlich oberflächlich. Chinesen selber ist nämlich ihr Gesicht sehr wichtig, und dieses kann man gewinnen (wahrscheinlich ist der Ausdruck nicht richtig, aber es ist nunmal das Gegenteil von verlieren und das Gesicht verlieren will keiner), scheinbar, indem man einer Langnase ein Getränk spendiert. Dann denken alle; Boah, der ist cool und reich, der spendiert ner Langnase ein Getränk. Oft sind es auch die Betrunkensten, die einen ansprechen. Ansprechen und anspucken gehen da dann aber meistens Hand in Hand, das Gesicht ist feucht und der Gegenüber unterschätzt seine eigene Lautstärke, sodass das Trommelfell schmerzt. Hier ist das nicht so in der Disco. Hier ist man 0815. Es sei denn, man trägt eine Häschenmütze. Oder man heißt Jürgen Drews. Den treffe ich heute nämlich in der Disco. Das heißt, vielleicht. Er sieht auf jeden Fall so aus. Und ich nenne ihn auch so. Dauernd. Ich stelle heute den Chinesen dar. Ich laber ihn voll, liebkose ihn, spucke ihm bestimmt auch unabsichtlich ins Gesicht, ein Bier bekommt er von mir auch und ich sage ihm, dass wir jetzt beste Freunde sind. Beste Freunde habe ich schon viele in China. Offiziell musste ich oft versprechen, dass wir beste Freunde sind. Und unter besten Freunden in China ist es meistens so, dass man ab dem Folgetag keinen Kontakt mehr hält.
Unbewusst weiß ich bestimmt noch viel mehr zu schätzen, aber das sind die Dinge, dir mir spontan einfallen.
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