Samstag, 27. Februar 2010

Tag 362: Was ich vermisse.

Ich vermisse China bereits. Irgendwie sehr sogar. Zum Beispiel vermisse ich...

... die dort gelebte Spontanität: Will ich irgendwo hin, gehe ich an die Straße, nehme kostengünstigst einen Bus oder ein Taxi und fahre hin, wo ich will, an jedem Tag, zu fast jeder Zeit. In Deutschland muss ich mich an eingeschränkte Öffnungszeiten gewöhnen, daran, dass ich zuhause nicht einfach in ein öffentliches Verkehrsmittel steigen kann und natürlich an die Preise. Womit wir auch beim nächsten Thema wären:
... das Preisniveau: Gelte ich in Deutschland als Student nicht gerade als Reich, lebe ich wie ein Krösus mit den gleichen Mitteln in China. Dort zahle ich keine Miete, kann günstig Essen gehen, eine Taxifahrt ist günstiger als in Deutschland die Anfahrt, Bus kostet 5 Cent, man gönnt sich gerne irgendwelchen Schnickschnack, kann gut reisen, viele Dinge besichtigen, alle paar Wochen zum Frisör gehen und dort viel mehr Luxus genießen, als in Deutschland, wo man das zehnfache loswerden kann, pro Woche einmal den Massage-Salon aufsuchen und von dem Ersparten oft auf den Putz hauen und raus gehen, in Discos, in denen das Preisniveau dem Deutschen ähnelt.
... das chinesische Essen: Ich habe im letzten Jahr nur zweimal selber gekocht. Die anderen zwar öfter mal und ich profitierte davon (allerdings wurde mir auch unterstellt, ich könnte nicht kochen und so hatte ich eine Ausrede), aber man kann einfach rausgehen, sehr günstig essen und hat dabei eine riesige Auswahl und fast alles schmeckt. Spontan könnte ich nur sagen, dass mir Stinke-Tofu nicht schmeckt und Seidenspinnerraupen-Cocons in Peking. Ansonsten hat mir Mini attestiert, dass ich ein sehr pflegeleichter Ausländer bin, der alles ist, was man ihm vorsetzt. Ich vermisse die Vielfalt pro Mahlzeit, da man ja viele verschiedene, kleine Dinge bestellt und von jedem ein wenig isst (hier gibt es ein großes Stück Fleisch, Kartoffeln und vielleicht eine Sorte Gemüse). Und ich vermisse, dass man viel essen kann, ohne groß zuzunehmen. Ich gucke heute einmal an mir herunter und frage mich ernsthaft, ob ich schwanger bin.
... im Mittelpunkt zu stehen: Eigentlich habe ich es geliebt, ein Exot zu sein. Ich habe es oft herausgefordert, indem ich mir die Haare beispielsweise die Haare extra blond gefärbt oder sehr farbenfrohe Kleidung getragen habe. Ich habe es genossen, viele Kontakte zu knüpfen, unkompliziert und ohne Verpflichtungen, im Urlaub alleine in eine Bar gehen zu können und kaum was bezahlen zu müssen, da Geschäftsmänner gerne meine Wenigkeit an ihrem Tisch hätten, gleichzeitig Damen klarzumachen, die mir am nächsten Tag die Stadt zeigen würden und auch so begehrt zu werden, wo man in Deutschland als Einheimischer schnell untergeht. Auch fand ich es schön, spontan auf Hochzeiten eingeladen worden zu sein, sogar das Angebot als Trauzeuge zu dienen bekommen habe, bei der Familie von Arbeitskollegen am Nationalfeiertag wohnen zu dürfen und in meinem Praktikumschef einen chinesischen Papa gefunden zu haben.
... meine Dusche: Es mag sich blöd anhören, aber ich weiß momentan unser Wohnheimsbadezimmer zu schätzen. Dort war es einfach. Man konnte zeitgleich duschen, Zähne putzen und den Klogang vollrichten, zudem wurde durch die Platzierung gleichzeitig die Waschmaschine mit etwas Spritzwasser gefüllt, sodass anschließend gewaschen werden konnte und, was viel wichtiger ist, das Klo geputzt. Anschließend wurde mit drei Handzügen (in den Händen befindet sich ein Wischer) der Boden trocken gezogen und die Lüftung angeschaltet, das wars dann. Jetzt wohne ich momentan zuhause in einem großen Bad, die Dusche ist von Glas umzogen, der Duschkopf ist riesig, sieht edel aus. Aber duschen ist kein großes Vergnügen mehr, denn jetzt muss man anschließen die gläsernen Wände trocken ziehen, damit keine Kalkspuren hinterbleiben, das gleiche auch mit den Kacheln. Und dann ist die Dusche nicht einmal dankbar, ca. drei Minuten nach Abschalten des Wassers folgt ein Schwall. Dieser fliegt von oben auf den Rücken und benässt diesen genauso wie die Wand.
... den Wasserspender: Ich bin im letzten Jahr zum Tee-Trinker geworden und habe es genossen, wann immer ich wollte, mir heißes Wasser nachzugießen. Das Leitungswasser war zwar ungenießbar, aber der Wasserspender, mit einem 19 Liter-Tank bestückt (kostet einen halben Euro), bot kaltes wie kochendes Wasser. Tee und Nudelsuppen waren also immer drin. Jetzt muss ich immer in die Küche und lange warten, bis der Wasserkocher mal was macht.
... Mini.

Und natürlich vermisse ich noch viel mehr Kleinigkeiten, die mir aber momentan noch nicht bewusst sind. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass die Dinge, die ich vermisse, die, die ich jetzt wieder wertschätze, überwiegen. Aber das legt sich bestimmt, geht etwas Zeit ins Land.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen