
Heute soll mein großer Tag werden: Ich laufe die 1500 Meter. Die von mir bis ins kleinste Detail ausgeklügelte Taktik und Vorbereitung sieht wie folgt aus:
* In der vorhergehenden Nacht wird intensiv geruht. Am besten ab Vor Mitternacht bis morgens um zehn.
* Einem leichten Frühstück folgt ca. zwei Stunden vor dem Startschuss ein ebenso leichtes Mittagessen, am besten aus Nudeln bestehend.
* Ich laufe mich ein paar Runden warm und dehne mich gut.
* Der Wasserhaushalt wird gut ausgeglichen sein.
Den ersten Fehler machte ich bereits gestern, als ich mit in die Disco ging. Wenngleich mich mein schlechtes Gewissen dort sofort gen Couch trieb, so war der dortige Schlaf nicht gerade zufriedenstellend.
Das Ende meiner langen Ruhephase ist leider schon sehr früh, um acht, besiegelt, da im Hof vor meinem Fenster zwei Kinder wahlweise vor Freude laut kreischen oder heulen wie Sirenen. Wahrscheinlich ist es die Rache der Eltern, die sich gestern um halb elf, als wir zu laut vor dem Haus standen, beschwerten. Ich döse also nur noch bis elf Uhr vor mich hin, habe Kopfschmerzen.
Mein Frühstück besteht aus etwas Schokolade. Da niemand meiner Freunde wach ist, fehlt mir die Motivation, etwas gutes vorzubereiten. Gegen eins, also schon wieder zu spät, zieht es mich mit Thomas und Andy gen Mensa. Hier halte ich meinen Plan ein und bestelle mir Nudeln, kalt angemacht. Leider mit schwerer Erdnussbuttercrème, in die eine hellblaue Flüssigkeit, Mundwasser ähnelnd, gemischt wird. Dennoch schmeckt es, ist aber eindeutig zu viel. Ich entsinne mich jedoch Spätzles gestriger Mahnung, dass man Nudeln und Reis immer aufessen sollte, da andere hungern, und somit genehmige ich mir die ganze Portion, bis mein Handy klingelt und man mir sagt, dass mein Wettbewerb auf zwei Uhr, also eine dreiviertel Stunde, vorverlegt würde.
Prima, somit bleibt mir weniger als eine Stunde zum Verdauen. Ich lege mich noch einmal auf die Couch zum Verdauungsschlaf, doch als ich erwache, scheint die Nudelteigmasse sich im Körper nicht weiter hinunterbewegt zu haben. Mag an der Schwerkraft liegen, da ich schließlich nur lag und nicht stand. Dass der Klumpen unverdaulich erscheint, wird dadurch bestätigt, dass, nachdem ich mich dessen kurzerhand durch das Nahrungsaufnahmeorgan entledigt habe, selbst das Abflussrohr Probleme hat und sich erst am Abend nach gutem Zureden des Pümpels dazu entschließt, meinem Mittagessen Durchgang zu gewehren.
Federleicht aber auch erschöpft geht es nun zur Anmeldung. Natürlich hat das mit der Vorverlegung abermals nicht geklappt, ich hätte also genug Zeit zum Verdauen gehabt. Schwamm drüber, ich laufe mich eine kurze Runde warm, kämpfe mit leichten Schwindelanfällen (ist ja nichts mehr drin im Magen, außer der Kaugummi, den ich verschlucke) und werde zurückgerufen. Man braucht verdammt lange, bis man alle Teilnehmer aufgerufen hat und wir werden in drei Gruppen eingeteilt, ich bin in der zweiten.
Der Lauf der ersten Gruppe zeigt mir wenig neues: Der ganze Haufen stürzt los wie die Berserker, wobei unter ihnen nur wenige sind, die das Tempo auch durchhalten. Aber die sind dann wirklich flink und reißen die Strecke in 4 Minuten 20 runter. Ich habe also lediglich gegen jene, die mit der Zeit einbrechen, eine Chance.
Meine letzte Hoffnung ist das Wetter: Gemeinsam bitten wir unseren neuen Gott, den Gierschlund, um gutes Fritz-Walter-, ab heute auch Mirko-Wetter genannt. Und tatsächlich: Pünktlich zum Start fängt es an zu regnen, was bei meinen Kontrahenten eine Grimasse, bei mir ein freudiges Lächeln auf das Antlitz zaubert.
Und so laufe ich dann auch erstmal fröhlich mit meiner ausgeklügelten Taktik: Ich lass sie alle erstmal vorbei, verabschiede sie mit einem "Macht's gut, ihr Trottel!" und drehe zunächst drei Ehrenrunden, alleine, in denen ich mache, was ich hier am besten kann: winken, der Kulisse Küsse zuwerfen und in erster Linie natürlich gut aussehen. Ich ernte neben den Herzen der Fans viel Mitleid und vor allem Anfeuerungsrufe. Letztere gehören sicherlich nicht zur Erfindung der Chinesen, denn ihr '加油' ('füge Öl hinzu' = anfeuern) besteht nur aus zweimal Trommeln und in hoher Tonlage gerufenen '加油'. Ich stelle mir vor, wie es in Deutschland wäre, wenn sämtliche Fans im Stadion die ganze Zeit nur "Anfeuern, Anfeuern" riefen. Aber wenigstens ihr Durchhalten imponiert mir, ebenso wie die riesigen Trommeln, die für viel Lärm sorgen.
Nach einer Runde ist der Vorletzte bereits knappe 100 Meter entfernt, nach zwei sehe ich die Spitze schon auf der anderen Seite der Bahn. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sich etwas ändern muss, und so ziehe ich das Tempo einfach mal an. Ich kann's ja, bin vorher nicht gesprintet. Ich hebe mir meine Überholvorgänge für die vereinzelten Fankurven auf, winke dabei lässig gen Tribünen und das einstige Mitleid verwandelt sich spontan in Bewunderung.
In der letzten Runde pflücke ich mir sechs oder sieben Kontrahenten, und erreiche locker mein Minimalziel, nicht letzter zu werden. Der lächerliche Versuch eines anderen Läufers, mir meinen zehnten Rang (oder so) noch streitig zu machen, wird dadurch bestraft, dass er zuerst Kontakt mit meinen Beinen (nicht meine Schuld) und anschließend mit dem Boden (ebenso wenig meine Schuld) macht, nur spärlich gebremst von einer Dame, die ihn aufzufangen versucht. Er tut mir leid, denn die Tartanbahn, auf der wir laufen, ist nur ein Fake. Statt Hartgummi laufen wir auf aufgerauhtem, spitzen, rotgefärbten Beton.
Zu einer letzten Ehrenrunde mit der Fahne reicht leider meine Kraft nicht mehr, aber ich denke, die Leute werden meine Dankbarkeit ob ihrer Unterstützung auch so zur Kenntnis nehmen.
Ich gewinne heute also leider nichts, außer der Erkenntnis, dass ich noch schneller bin als im Qualifikationslauf. Eine freudige Botschaft erreicht uns dennoch: man sieht ein, dass Lukas zu Unrecht beim Kugelstoßen nichts gewonnen hat und überreicht ihm feierlich noch einen Spiegel zur Anerkennung.
Mit 0x Gold, 0x Silber, 0x Bronze aber 1x Spiegel erreichen wir somit im Medaillenspiegel einen sehr guten zweiten Platz, noch vor Supermächten wie den USA.
Deutschland, ihr könnt stolz auf eure Sportfesthelden sein.
Da der Gierschlund es zu gut mit uns meint, gießt es den ganzen weiteren Tag wie aus Kübeln, sodass wir eigentlich ruhen könnten. Aber stattdessen backen wir lieber wieder Brot und das Saubermachen der Arbeitsfläche weitet sich aus in einen Putztag. Wir unterhalten Unterstützung von 刘荣, die eigentlich nur vorbeikommt, um ins Internet zu kommen.

Abends entscheiden wir uns zu spät zum Pizzabestellen und man will uns abermals nicht beliefern. Bereits zum dritten Mal erhalten wir eine Absage. Und auch die Restaurants, die wir vorm Campus aufsuchen, sind geschlossen. Das mag daran liegen, dass man sie fast nicht erreicht, da sich die Straße in einen Fluss verwandelt hat. Wir nehmen mit ein paar weiteren Chinesen Taxis in die Stadt, wo aber auch alles geschlossen hat und somit essen wir nur gegrillten Tintenfisch von der Straße. Sehr gut.
Anschließend geht es früh ins Bett. Und das, obwohl wir nach dem Sportfest eigentlich was zu feiern hätten.