Obwohl dieser Abschnitt noch zu gestern zählt, berichte ich so, als ob es sich um heute handelt.
Abends um sechs erreichen wir außergewöhnlich pünktlich den Hauptbahnhof Xi'ans. Der Unterschied zu deutschen Bahnhöfen ist, dass man als normaler Pöbel gar nicht in die heiligen Hallen kommt, sondern mindestens ein Ticket vorzuweisen hat. Und dann muss man noch durch die Sicherheitskontrolle, die ähnlich streng ist, wie am Flughafen.
Ich habe schon einiges über Bahnfahrten in China gehört und mir somit folgendes Bild im Kopf zusammengebaut:
Man sitzt zusammengekauert Schulter an Schulter mit dauerhaft essenden (und somit auch schmatzenden) Menschen, die Sitzgelegenheiten sind heruntergekommen und riechen, es gibt keine Klimaanlage, weshalb alle schwitzen und stöhnen, mangels Müllbehältnisse wird alles fallen gelassen und die Toiletten sind kein Ort der Freude.
Umso erfreulicher bin ich jetzt da ich in diesen ziemlich modernen Zug steige, wir ein Liegeabteil für uns haben plus ein halbes direkt nebenan, die Bettwäsche ist frisch, es ist keinesfalls warm, da eine Klimaanlage vorhanden ist, Mülleimer sind bereitgestellt und die Toiletten sind geputzt und riechen tatsächlich neutral (ansonsten kommt es mir überall so vor, dass eine Toilette auch unbedingt so streng riechen muss, damit jeder sie finden kann).
Etwas komisch wird es mit den Tickets gehandhabt: die Papierkarten werden vom Schaffner eingesammelt, in ein Mäppchen gesteckt und als Gegenleistung erhält man eine Hartplastikkarte. Auf diese muss man aber auch aufpassen, da man am Ende der Fahrt mal wieder tauschen muss.
Die Bahnfahrt ist lustig, zumal wir uns noch mit einem altbekannten Koffer Bier eingedeckt haben und, natürlich nur für den Fall, dass jemand nicht schlafen kann, mit tollem Peking-Schnaps (für die sich sorgenden Mütter: für neun Personen ist das bezogen auf zwölf Stunden Schlaf nicht wirklich viel).
Nun, da wir da in gut gelaunter Runde so sitzen, kommt auf einmal ein Polizist vorbei und bleibt recht lange stehen. Mit strengem Blick mustert er uns, bis er plötzlich in hartem Tonfall folgende Worte findet: "Take care of your luggage!". Geht klar. Ein bisschen bekomm ich es dann aber doch mit der Angst zu tun, als im Laufe des Abends noch zwei weitere Polizisten uns genauso warnen. Der Zug scheint ein kriminelles Pflaster zu sein, quasi ein Ghetto.
Angenehmer ist dann stets das Erscheinen des mobilen Zugbistros, das ziemlich viel feste und flüssige Nahrung zu bieten hat. Die Verkäuferin meint es gut mit uns und ist stets besorgt, dass wir zu wenig trinken. Gegen zehn Uhr verleiht sie ihrer Aufforderung, noch ein Bier zu kaufen, besonderen Nachdruck und wir hätten mal lieber auf sie hören sollen, denn nun kommt die langweilige Zeit der Fahrt: Das Licht wird ausgeschaltet. Und zwar das komplette. Nichts mehr mit Lesen, nichts mehr mit laut sprechen, nichts mehr mit Bistro.
Beim Versuch, einem Hörbuch zu lauschen, finde ich dann recht schnell in den Schlaf, wache in den folgenden Stunden aber recht paranoid und schreckhaft auf, stoße mir dabei fast den Kopf und durchsuche ersteinmal sämtliche Hosentaschen nach ihrem Inhalt. Die Warnung der Polizisten hat gesessen.
Irgendwann in der Nacht stehen sämtliche Passagiere zur gleichen Zeit auf und erstaunlicherweise verspürt jeder den Drang, die Zähne zu putzen. Pro Abteil gibt es aber nur zwei Waschbecken, weshalb für den Rest der Fahrt im Gang kein Durchkommen mehr ist. Ich ertrage also in meiner Koje sämtliche Geräusche, die es macht, wenn man versucht, den letzten Brocken Fremdkörper aus seinem Hals zu entfernen und mit Schwung ins Waschbecken, in den Mülleimer oder auch auf den Boden zu fetzen.
Gegen sechs Uhr morgens erreichen wir, obwohl die Nacht gut war, leicht gerädert den Bahnhof, dürfen aber noch recht lange laufen und U-Bahn fahren, bis wir unser Hotel finden. Dieses befindet sich zwischen leicht heruntergekommenen (wobei das nichts zu bedeuten hat; jedes Gebäude wirkt nach zwei Jahren baureif) Hochhäusern in einem Hinterhof. Mit nur zwei Stöcken passt es ganz und gar nicht in die Gegend.
Im Zimmer hat man sich mangels der schlechten Aussicht auch ein besonderes Schmankerl einfallen lassen: Zwar umfassen die Fenster die gesamte Front des Hotels, sind aber mit schweren Vorhängen bedeckt. Ein besserer Ausblick befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers, da man, um Steine zu sparen, die Wand zwischen Bett und Dusche einfach ebenso mit Glas gezogen hat. Zwar gibt es hier auch noch einen Vorhang, dieser ist aber größtenteils durchsichtig.
Das ganze klingt sehr romantisch, ist aber nicht unbedingt das, was ich brauche, wenn ich mir das Zimmer mit Thomas und Jie teile. Der einzige Vorteil ist, dass man von der Dusche aus (und auch von der Toilette) Fernsehen schauen kann.
Nach Frühstück und Dusche geht's dann auch schon auf die Messe. Diese bietet nicht unbedingt viel mehr als die DRUPA im letzten Jahr in Düsseldorf, sondern eher weniger. Weniger Technik, weniger Modernität, der Umgebung angepasst. Ich bin von der teilweisen Improvisation sehr begeistert.
Abends sind wir von der Firma E+L, deren Vortrag wir letzte Woche anhören durften, zum Essen eingeladen. Und danach war's das auch schon für den Tag.
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