Ich habe in letzter Zeit schon ein kleines schlechtes Gewissen ob der Bevorzugung des Chefs uns gegenüber angedeutet. Und es geht immer weiter.
Wir dürfen jetzt wegen des langen Weges eine halbe Stunde als der Rest der Belegschaft erscheinen. Wir werden stets zum Essen geladen, sofern wir einladen wollen, werden wir grob weggeschickt. Im Gegensatz zu den anderen Druckern habe ich nur eine 8-Stunden-Schicht, der Rest muss zehn Stunden schuften. Uns werden feinste Bücher geschenkt, von denen die Firma selber sehr wenige besitzt und die nur für ganz besondere Freunde gedacht sind. Und heute darf ich erfahren, dass ich mein Wochenende bekomme, alle anderen aber durcharbeiten. Sie haben im Monat einen Tag frei. Das müsste genügen.
Ich bringe es nicht fertig, Schadenfreude zu entwickeln. Aber gut, es ist alles für das Wirtschaftswunder.
Was passiert sonst so? Ich darf Druckplatten wechseln, zumindest vormittags. Mein heutiges T-Shirt wird also endlich als schon dreckig befunden. Nach dem Mittag ist irgendwie ein Saugnapf des Anlegers kaputt und es wird den ganzen Nachmittag darum gekämpft, ihn mit irgendwelchen Mitteln zu reparieren. In dieser Zeit gibt es für mich nicht viel zu tun. Ich helfe beim Putzen der Maschine. Zweimal. Da sie, obwohl nicht in Bewegung, einfach wieder zustaubt. Uns wird angedeutet, beschäftigt zu wirken, weil der richtige Chef (unser Chefe ist 'nur' Geschäftsführer) sich die Ehre gibt vorbeizuschauen. Ich bekomme ihn nicht zu Besuch, ebensowenig wie Philipp, dessen Firma bei uns Filme bezieht.
Da es morgens regnet, fahren wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (offiziell, also eigentlich mit Taxi) hin- und zurück, was aber viel zu lange dauert, sodass ich in Zukunft auf stets gutes Wetter hoffe. Der Regen wär nicht unbedingt das Problem, aber unser Rad hat kein Schutzblech und eine zuvor zugestaubte, jetzt benässte Straße, wirbelt nicht gerade die angenehmsten Partikel durch die Luft.
Einen Freitagabend haben wir selten lockerer gestaltet. Es geht in keine Disco. Es gibt kein Bier. Nur uns und Tischtennis und das Bett. Also fast. Gegen zwölf kommt die verzweifelte Frage von LiYuan, ob sie bei uns nicht TV schauen könnte. In ihrem Wohnheimszimmer ist niemand. Wir haben also Schlafbesuch. Ich bin sehr, sehr aufgeregt.

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