Dienstag, 2. Juni 2009

Tag 92: Shanghai Tag 2

Ich scheine das Glück gepachtet zu haben, in jeder fremden Stadt krank zu werden. Nach schlechtem Magen in Peking geht es mir dieses Mal an und in den Kopf, aber da muss man irgendwie durch. Ich verdränge auch schnell den Gedanken, eine Apotheke zu suchen und wir besteigen gleich den Fernsehturm. In diesem kann man sich je nach Besucheransturm fast einen ganzen Tag aufhalten, die meiste Zeit steht man allerdings an verschiedenen Fahrstühlen an. Um hoch zu gelangen, muss man zwei verscheidene nehmen, für den Weg runter gar drei. Dafür lohnt sich die Aussicht von den einzelnen Etagen und das Highlight ist die Außenstelle mit dem Boden aus Glas. Trotz eigentlicher Höhenangst wage ich mich rauf, der Schmerz im Kopf ist noch immer größer als der notwendige Schutzimpuls namens Angst.

Da wir heute in kleinen Gruppen losgehen (weil zu große einfach ätzend sind; dauernd muss man auf jemanden warten), ziehe ich heute mit der Fraktion 'die Chiller' um Lukas, Cathrin und Denis umher und wir wollen uns um halb sechs mit den anderen am Stadion treffen. Wir liegen gut in der Zeit, machen uns auf den Weg zur S-Bahn und dann kommt der fatale Ausruf Cathrins: 'Ohh, guck mal, da gibt es Sushi!'. Und na klar, da wir so gut in der Zeit liegen, gehen wir noch kurz in das japanische Restaurant. Und da jetzt bestimmt keine Apotheke mehr kommt, vertraue ich auf das familiär geheime Allheilmittel namens Bier (zumindest wird es in der Generation nach mir als Allheilmittel gelten). Es hilft. Mit jedem Schluck ein Bisschen. Und auch das Sushi ist gut. Jetzt haben wir noch zehn Minuten und ein paar Stationen U-Bahn. Und Lukas hat ja einen ach so tollen Plan, mit welchen Bahnen wir am schnellsten ankommen. Nämlich anscheinend der Route, die zweimal Umsteigen umfasst, von denen das eine Mal alleine elf Minuten Wartezeit benötigt.

Fazit ist, dass wir 75 Minuten zu spät kommen. Ein neuer Rekord!

Am Stadion geht es munter weiter mit Büchsenbier und Stimmung. Ich trage die große Schrubberstab-Fahne schon den ganzen Tag mit mir rum und habe Blasen am Daumen, aber was tut man nicht alles für sein Vaterland und für Poldi. Die anderen haben die Zeit auch schon gut genutzt und wurden vom chinesischen Fernsehen interviewt und der Hauptteil der heute an mich gehenden SMS' hat die Gratulation zur Ausstrahlung der beiden Damen, die sich auch gerne Mütter der Gruppe schimpfen, in der Vorberichterstattung. Somit haben sie es binnen drei Monaten schon in die Printmeiden und ins TV geschafft.

Ich dagegen nur in viele private Fotoalben, was auch heute nicht anders ist: Man scheint uns mit der Mannschaft zu verwechseln, denn zu Stoßzeiten sind mindestens 20 Kameras auf einmal auf uns gerichtet und wir müssen mit diesen und jenen Personen noch einmal Modell stehen. Und ich würde lügen, wenn ich behauptete, es nicht immer noch zu genießen.

Leider ist das mit der Stimmung im Stadion dann eher Mau. Denn bei Preisen von 180 bis 1200 Yuan (und die im Verhältnis dazu stehenden Monatsgehälter, die ich in den letzten Tagen erwähnt habe) ist es verständlich, dass das Stadion nur mit 25.000 anstatt möglicher 80.000 Zuschauern gefüllt ist. Dazu kommt ein schlechtes Spiel und die blöden Ordner, die uns das ein um das andere Mal ermahnen, als wir die als Dach dienenden, verdammt verstaubten Plexiglasscheiben als Trommeln benutzen. Individuelle Stimmung hat man nicht so gern und so sind die Schlachtrufe der Chinesen, wie ich beim Sportfest schon befürchtet habe, auf das zweisilbige '加油' (JiaYou - füge Öl hinzu) beschränkt. Lediglich die Welle können sie ganz gut machen. Und um den letzten Funken Stimmung zu rauben, wird im ganzen Stadion kein Bier ausgeschenkt. Dass zu einer gelungenen Fußballatmosphäre Bier gehört, scheint sich hier noch nicht rumgesprochen zu haben. Aber gut, von Fußball im Allgemeinen hat man ja nicht so viel Ahnung, so wird zum Beispiel auch auf der Anzeigetafel hinter die Teams geschrieben, in welcher Farbe sie spielen. Was wiederum aber wieder verständlich ist, da im deutschen Fanblock beim Führungstor mindestens ein Drittel der weißgekleideten aufspringt und jubelt. Zwiegespaltene Erfolgsfans!

Nach dem Spiel wird meine Befürchtung, dass, wenn wir jetzt erst zum Hotel zurückkehren, es garantiert nichts mehr mit einem Amüsierabend wird, nicht ernstgenommen, aber hoffentlich doch in Zukunft, da ich Recht habe.

Aber gut, dem Kopfe zuliebe lass ich das heute durchgehen.

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