Heute erleide ich auf meinem Weg zur Arbeit einen herben Rückschlag. Ich habe bisher immer gedacht, dass ich wohl der Verkehrsteilnehmer mit der größten Rück-, Vor- und Nachsicht bin und das geringste Hindernis darstellen würde: Ich sehe Bushaltestellen voraus und wechsle auf die mittlere Spur, um den Bussen Platz zu machen. Ich bin der einzige, der den Schulterblick dabei vollzieht. Ich suche mir rechtzeitig die Spur zum Abbiegen. Und nach einer roten Ampelphase bin ich der erste, der die Kreuzung überquert hat und keiner kann sich ob meines zu langsamen Anfahrens beschweren.
Und dann kommt heute das: Ich bin kurz vorm Ziel, muss von der zweispurigen Straße nach der Kreuzung mit der 100 Sekunden-Ampelschaltung nur noch links in die Seitenstraße der Firma einbiegen und fahre also gleich ganz links, bis von rechts ein Auto neben mir fährt und zwei entgeisterte Insassen mir klarmachen wollen, dass das eine Autospur wäre und ich sollte gefälligst ganz rechts fahren. Da ich es natürlich besser weiß, setze ich ein Lächeln auf, fluche auf Deutsch 'Yak, halt die Klappe, bitte' und füge ein '谢谢', 'Danke' in der hiesigen Sprache an, um gleich darauf links einzubiegen. Dennoch bin ich erbittert.
Bei der Arbeit ist die Chefin der zur Firma gehörenden Werbeargentur anwesend und registriert als einzige, dass ich das meiste doch wirklich schon kann und ich werde mal gut gefordert, auch, was die Sprache angeht, denn sie redet ununterbrochen mit mir. So geht die Zeit gut rum.
Lukas wird heute von einem Kollegen zum Essen nach Hause eingeladen und ich werde von Jojo in die Kalligraphie-Straße zitiert, da er gerade Besuch von einem Franzosen hat. Ich erfreue mich an der Herausforderung, mal wieder eine andere Fremdsprache zu probieren, muss aber feststellen, dass in meinem Kopf momentan nur noch Platz für Chinesisch ist. Die Kommunikation hakt zum Teil schon an leichten Vokabeln wie dem Wort 'ich'. Zwar verstehe ich alles, was er mir sagt, aber ich kriege keine Antwort raus, die nicht irgendwann automatisch fließend von Französisch auf Chinesisch wechselt. Mein, man möge mir dieses Selbstlob verzeihen, eigentlich ziemlich gutes Französisch weicht also einem noch immer recht erbärmlichen Chinesisch. Ein Jammer. Ein Tag voller Rückschläge.

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