Sonntag, 7. Juni 2009

Tag 99: Der Arbeitsweg. Ein Eindruck.

Ich erwache, trotz nächtlicher Störung, fit und ausgelassen und freue mich, die Musik (momentan sehr preferiert: 'Guten Morgen' von Alexander Marcus) richtig aufzudrehen, da Lukas mir gestern noch angedeutet hat, dass er wohl lieber liegen bleiben würde, da die Dame ja bald geht.

Somit ermögliche ich ihm also, diese Zeit länger mit ihr bewusst zu erleben. Dann geht mein Streichzug durch das Haus und mit einem Klopfen, dass mir danach die Hände schmerzen, trommel ich alle raus, um ihnen einen schönen Tag zu wünschen.

Dann wird gefrühstückt und nicht zu leise das Haus verlassen, was ich auch nicht muss, weil man mich sowieso nicht hört, da die Musik natürlich laut weiterläuft und man mein Entschwinden somit nicht mitbekommt. Zwei Stunden später fällt anscheinend auf, dass ich nicht mehr da bin.

Der Weg zur Arbeit ist abermals einer der schönsten. Es ist erst nach acht, dennoch lässt es sich die Sonne nicht nehmen, besonders stark zu knallen. Die Hitze des Vortags ist noch immer gespeichert, sodass schon beim Aufsteigen auf das Rad sich der erste Schweißtropfen abzeichnet. Dann geht es auf die Hauptstraße und man bahnt sich den Weg vorbei an langsamen Radfahrern, zumeist nicht viel schnelleren Bussen und ständig die Bahn wechselnden Taxis. Es ist laut, staubig und stickig. Da kommt der Anblick der auf den Bus wartenden Mäuschen sehr entgegen, gerade recht, ebenso das kleine süße Babykätzchen, nicht viel größer als meine Hände mit so einem süßen platten Stupsnäschen. Leider überfahren.

Im Betrieb angekommen, ist das erste Ziel, den Flüssigkeitshaushalt intakt zu halten, denn das erste T-Shirt ist schon durchnässt und der Tag verspricht mit seinen 38 °C nicht gerade kühler zu werden.

So ist es dann auch zum Feierabend, als ich wieder auf das Rad steige. Die Idylle ist abermals himmlisch, genauso wie der Verkehr steht auch die Luft in den Straßen. Aus vierspurigen Straßen werden sechsspurige, aus sechs- werden achtspurige, um sämtlichen Autos genügend Platz zu gewehren. Leider stehen die dann so dicht, dass ich mit dem Rad kaum durchkomme und somit viele Auspuffgase inhalieren darf. Zum Glück sind die Ampelphasen mit zweimal 100 Sekunden rot so lange, dass ich am Ende doch ganz vorne steh und mit dem besten Antritt vorpreschen kann und eine recht freie Straße vor mir sehe. Ich trete schnell in die Pedale, um möglichst viel kühlen Fahrtwind zu erhaschen, werde aber sogleich enttäuscht, da dieser ungefähr so kalt ist, als wenn man einen gut vorgeheizten Umluft-Backofen öffnet.

Trockene Kehle und ein nasser Rücken treiben mich zu einer letzten Verzweiflungstat, da ich mir denke, dass es doch noch irgendwie eine Abkürzung geben muss. Also biege ich ab und folge der Straße, die leider nur bergauf geht. Zum Glück habe ich dann einen guten Ausblick und kann die Uni sehen, leider viel weiter weg, als erhofft und auch ohne dahinführende Straße. Es gilt also, die halbe Abkürzung zurückzufahren, in eine andere Straße einzubiegen und dann steh ich vor ihm: Dem Dorf! In jenes habe ich mich bisher nur einmal mit Lukas getraut, heute muss ich es alleine wagen. Mit teuer aussehendem Fahrrad, Mobilfunktelefon, iPod und Geld. Krampfhaft wird der Lenker umklammert, durch verwinkelte Gassen finde ich letztendlich in Panik verfallen doch noch den Weg nach draußen und dann bin ich endlich fast da. Ich falle Lukas aus Erleichterung um die Arme und bitte ihn, mich nie wieder alleine fahren zu lassen.

Mein T-Shirt ist ungefähr genauso durchnässt, wie nach einer Stunde wandern auf dem 华山 (Huashan) und so darf ich duschen und schlafen, während Spätzle für uns kocht. Es schmeckt sehr gut und ich danke ihm herzlich dafür.

Wir sind mit dem Essen sogar so pünktlich fertig, dass Thomas, Andy und ich unseren Plan, mal früher ins 1+1 zu gehen (Zitat Thomas: "Ich will endlich mal nüchterne Chinesen sehen!"), in die Tat umsetzen können und um kurz nach neun im Taxi sitzen. In der Disco spacken wir dann so richtig ab und dürfen erleben, dass die dortigen Sicherheitsbeamten einen wahnsinnigen Respekt vor uns Ausländern haben. So kommt es vor, dass einer unsere Frage, ob wir in den kleinen flachen Pool springen dürfen, zwar verneint, bei der Gegenfrage, warum nicht, dann aber die Flucht ergreift. Und dann wird uns das Trinken auf der Tanzfläche erst indirekt untersagt, als Spätzle die Flasche zum Trinken ansetzt. Diese wird ihm dann aus der Hand genommen und ihm wird angedeutet, dass er den Laden verlassen soll. Das muss er dann letztendlich nicht, als ich zum Sicherheitsmann gehe, ihm die Flasche wiederum entwende, sage, dass sei meine und daraus trinke. Spätzle ist also wieder frei.

Auf dem Heimweg erfreuen wir uns an einem Sprung zunächst über den Zaun und dann in den Campus-Pool. Zwei Bahnen werden geschwommen, dann geht es halb nackt ins Wohnheim. Wir wissen nicht, wer mehr erschrocken ist: Die Männer in Uniform, die gleich neben dem Schwimmbad unter den Stadiontribünen ihr Lager aufgeschlagen haben, oder wir. Da sie uns aber nichts sagen, sehen wir es als Erlaubnis an, auch in nächster Zeit dem nächtlichen Schwimmen nachzukommen.

1 Kommentar:

  1. süßes plattes Stubsnässchen :D Gott habe ich herrlich gelacht :D

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