Kaum haben wir hier zu viel Freizeit, kommen wir auf ganz schöne Schnapsideen. Um rauszukommen und was von China zu sehen, wollen wir mal in die Berge fahren, die Xi'an umgeben und ab und zu bei guter Luft im Hintergrund erahnbar sind. Arne hat von seinem Bruder erfahren, dass es wahrlich eine Wonne (und für Stadtbewohner und Besucher Pflicht) sei, mit dem Bus gen Osten zu fahren und den 华山 (Berg Hua) zu ersteigen. Und das am besten so, dass man den Sonnenaufgang beobachten kann, der von dort wirklich schön sein soll. Also läuft man am besten abends, bzw. ab Mitternacht los. Der Aufstieg nimmt ca. vier Stunden, der Weg auf dem Berg eine Stunde in Anspruch. Sagt der Reiseführer.
Ich blicke der Idee zwar etwas skeptisch entgegen, da ich aber selber eine eigene Meinung habe, stimm ich einfach mal zu. Denn sonst würden wir am Abend sowieso nur wieder in einem Club landen. Und ein wenig Abwechslung kann nicht schaden.
Nach dem gestrigen Disco-Besuch wird heute länger geschlafen, sodass die Zeit fast knapp wird, denn um 16 Uhr wollen wir schon los. Trotzdem es recht kurzfristig ist, stimmen Jojo und Bierchen (zuvor als 刘荣, LiuRong bekannt) zu, uns zu begleiten. Trotz Vorlesungen. Die Schlingel.
Was nimmt man aber mit auf so eine Nachtwanderung? Und wie wird die überhaupt aussehen? Mit Opa bin ich ja oft gewandert und habe somit Erfahrung: Man wandert gemütlich durch einen schönen Laubwald, nimmt ein paar Steigungen mit und irgendwann ist man auf dem Hügel, wo man sich bei gutem Wetter ins Gras legen kann und dort ein wenig ruht, bis die Sonne aufgeht. Für uns sollten also gute Wanderschuhe, vielleicht ein Schlafsack zum Unterlegen, Wechselklamotten und etwas Wasser sowie Energie-Nahrung genügen.
Die Fahrt Richtung Berg nimmt alleine schon fünf Stunden in Anspruch, da wir erst quer durch die Stadt zum Bahnhof mit dem Bus müssen, um dort in einen anderen zu steigen, der aber erst eineinhalb Stunden nach unserer dortigen Ankunft losfahren würde. Die Zeit wird bei McD mit Essen totgeschlagen, denn für eine kleine Wanderung braucht man ja etwas im Bauch.
Am Rande des Hügels angekommen werden wir mal wieder von alten Damen, die irgendeinen Schnickschnack verkaufen wollen, belagert. Klar, ein rotes Rambo-Stirnband und die weißen Handschuhe sind ein Muss, denn man will cool aussehen.
Der erste Kilometer ist noch recht angenehm, vom Laufen her zumindest. Es geht immer in einer leichten Steigung eine gepflasterte, beleuchtete Straße entlang, mit uns sind einige andere Gruppen Einheimischer unterwegs. Eigentlich wär das nichts schlimmes, wenn nur die Luft ein wenig angenehmer wär. Denn trotzdem die Anstrengung überschaubar ist, schwitz ich wie sonstwas und kann mein T-Shirt fast auswringen, als wir die erste Rast machen. Ein wahrlich ekelhaftes Gefühl und ich sehne mich bereits jetzt nach einer Dusche. Wenn doch wenigstens etwas Wind oder Regen käme.
Nach diesem noch angenehmen Pfad beginnen wir, Treppen zu steigen. Und nicht nur ein paar, sondern eigentlich alle, bis zum Gipfel. Was logisch ist angesichts der Tatsache, dass wir von 400 Metern über Normal Null gestartet sind und rauf müssen auf ca. 2100 Meter. Zum Glück wusste ich über diese Fakten im Voraus nicht so viel und so ist lediglich der Weg das Ziel und nach jeder erneuten Steigung erkeimt die Hoffnung, den Gipfel doch endlich erreicht zu haben.
Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil. Die in den Fels gehauenen Treppen werden immer steiler, 100 % Steigungen sind noch wenig. Ab und an kann man sich überlegen, ob man die neue, angenehmere Treppe nehmen soll, oder doch lieber die alte. Bei dieser ersteigt man schnell mal seine 80 Höhenmeter bei einem Winkel von 50 bis 70 °. Ich verfüge gerade leider über keinen Taschenrechner, sonst hätte ich hier natürlich ausgerechnet, wie viel Wegersparnis das gegenüber des leichten Weges wär.
Alle paar hundert Meter findet man einen kleinen Stand mit Lebensmitteln, an dem ich mir gerne eine Gurke und neues Wasser gönne, da dieses inflationär von meinem Körper zur Abkühlung verschwendet wird. Ich frage mich allerdings jedes Mal, wie die ganze Ware auf den Berg geschleppt wird, denn es gibt nur diesen einen Weg. Weiterhin ist der Pfad mit Lampen gesäumt, man trifft immer mal auf pausierende Chinesen in FlipFlops und auf jene, die Weinen, sei es ob des Anblicks unserer Staturen oder einfach aus Verzweiflung, weil die Anstrengung zu hoch ist.
Ich verfluche so langsam meinen Rucksack, der meinem schon nicht ganz so leichten Körper noch mehr überflüssige Pfunde hinzufügt. Zwar weiß ich, wofür ich ihn mitschleppe (Wechselklamotten; jede Stufe wird mit der Motivation überwunden, bald endlich aus dem Nassen Sack namens Kleidungsstück schlüpfen zu können), dennoch hätte ich gerne so ein Körper-Muskel-Verhältnis wie Jojo oder Bierchen, die recht unkompliziert von Stufe zu Stufe hüpfen.
So laufen wir auch die meiste Zeit getrennt, treffen uns nur ab und an bei gemeinsamen Pausen. Lukas und ich bilden die letzte Gruppe, da wir beide kniegeschädigt und überladen sind und auch einfach die Lust fehlt, Gas zu geben.
Pünktlich, da wir dann den Gipfel nach ca. 9000 Stufen fast erreicht haben (um vier, nach sechs Stunden Fußmarsch) ziehen Wolken und hoher Wind auf. Letzterer ist erstmal so stark, dass uns viele entgegenkommen, da er zu stark sei, um noch weiter hochzulaufen. Nun gut, es geht an einigen Stellen auf dem zum Teil sehr schmalen weg tatsächlich einige hundert Meter steil in die Tiefe, allerdings sieht man das ja nicht, weil es zu dunkel ist. Dennoch legen auch wir eine Pause ein und tun das, was wir uns ersehnt haben: frieren. Ist aber unangenehm, wenn man ausgelaugt ist, die Kleidung nass und der Boden felsig, also unbequem.
Was bin ich froh, jetzt einen Schlafsack dabeizuhaben.
Nach einer Stunde leichtem Anruhen geht's dann weiter. Wir entschließen uns, nicht mehr den allerhöchsten Punkt zu nehmen, sondern einen anderen kleinen Gipfel, der nur noch eine halbe Stunde entfernt ist. Auf die Idee kommen auch andere, sodass das Plateau irgendwann komplett überfüllt ist. Aber was tut man nicht alles für einen Sonnenaufgang?
Dieser enttäuscht mich dann aber schon. Ich will der Sonne daran aber keine Schuld geben, sondern nur den Regenwolken, die mir kühles Nass ins Gesicht peitschen und den Blick auf den lebenswichtigen, Energie bringenden Planeten versprerren und erst freigeben, als letzterer schon recht hoch steht.
Das schönste am ganzen Aufgangsprozedere ist der außerplanmäßige Anruf meines ehrenwerten Bruders, dem Prachtbuben, der mir mit freudig erregter Stimme verkündet, das mein geliebter Fußballverein, Werder, einfach so in Hamburg gewonnen hat und somit zum UEFA-Cup-Finale nach Istanbul fahren darf.
Ist das nicht wundervoll?
Es gelingen noch einige Fotos und dann geht es endlich zurück. Zwar war der Plan, dass wir die Morgenstunden noch nutzen, um die anderen vier Gipfel, aus denen der Berg besteht, zu erkunden, aber das hieße wieder, ein Stück bergab zu steigen und mindestens ein gleich hohes Stück wieder emporzustiefeln.
Nein, das muss nicht sein. Es geht nur noch zur Seilbahn, die uns unkompliziert (und Gelenke schonend) zurück ins Tal bringt. Unser von Nadine versprochenes Gipfelbier bekommen wir erst hier, um halb acht morgens. Anschließend wird die Busfahrt durchgeschlafen, sofern das möglich ist, da erst kurz vor Ankunft die Klimaanlage angeschaltet wird und die Sitze auseinanderfallen.
Einer fröhlichen Dusche folgt eine ausgiebige Schlafdefizitausgleichjagd im viel zu heißen Wohnheimzimmer, dessen Klimaanlage seinen Namen nicht verdient hat.
Das war nicht Wandern in Opas Sinne. Aber eine Erfahrung war es wert.
Nicht zuletzt aus Sarkasmus kann ich jedem diese Tour nur wärmstens empfehlen!