Dienstag, 26. Mai 2009

Tag 81: Praktikumsbeginn?

Nach der glorreichen Pekingwoche steht heute unser Praktikumsbeginn an. Zwar waren wir alle mehr oder weniger erfolgreich bei der Suche nach einem geeigneten Platz (nur Philipp und Arne sind bislang versorgt, beim Rest hagelte es Absagen), aber glücklicherweise hat die Uni genug Kontakte in der Stadt und das ist alles gar kein Problem.

So sieht es dann auch aus, als wir das Büro von JiangLei betreten (um 10 Uhr - schöner erster Arbeitstag!), die emsig am Telefonieren ist und von drei oder vier Firmen sowas wie Zusagen für ab den nächsten Tagen einheimst. Damit der Tag aber nicht ganz frei ist, fahren wir noch eine Firma in einem Industriegebiet im Osten der Stadt.

Dieses ist nur mit speziellen Bussen vom Busbahnhof zu erreichen und die Fahrer dafür sind speziell ausgebildet, hauptsächlich im Hupen. Unser Fahrer ist nämlich so schnell, schneller als Lichtgeschwindigkeit, dass er sich immer mit Hupen, also Schallgeschwindigkeit ankündigen muss. Alle halbe Minute wird also jedes Auto in der Nähe gewarnt, befinde es sich nun vor uns, neben uns oder auch mal hinter uns.

Die Firma lassen wir an dieser Stelle einfach mal eine Firma sein, interessant am Besuch ist nur, dass via Kurzmitteilungen und Anrufen Absagen von oben genannten Firmen eintreffen. Aber da ergibt sich bestimmt noch was, heute Abend, denn sowas wie Feierabend kennt man nicht wirklich.

Und zumindest Lukas und ich werden gewarnt, dass wir morgen früh eine Firma, ebenfalls etwas außerhalb, besuchen werden, denn die ist überraschenderweise recht angetan von der Idee, jemanden aufzunehmen.

Tag 80: nichts neues.

Wir kommen um halb sechs morgens in Xi'an an und ich wunder mich mal wieder, wie viel auf den Straßen in dieser Herrgottsfrühe los ist. Da uns der erste Taxifahrer nicht nach Hause bringen will, weil es anscheinend zu weit ist, zahlen wir es einfach gleich seiner ganzen Genre heim und frühstücken solange im amerikanischen Fastfood-Restaurant, bis die Busse fahren.

Um zwanzig nach sechs frage ich unseren Captain per SMS, ob wir ein Spiel haben. Er antwortet drei Minuten später (am Sonntag) und verneint die Frage. Allerdings nur, um mich um zehn aus dem Bett zu klingeln, dass doch eins stattfindet. Um zwei. Daheim.

Kaum wieder eingeschlafen steigt der Geräuschpegel abermals ins Unermessliche. Der kurze Blick aus dem Fenster verrät mir, dass acht kleine Enkel zusammen mit jeweils einem Großelternpaar im Hof Radau machen. Es ist also alles beim Alten geblieben.

Auch nichts neues ist, dass das Spiel doch auswärts stattfindet. Um halb zwei ist Treffen. Die Erfahrung zeigt uns, dass es sich eher lohnt, just in time anzukommen. Der Coach quittiert dieses Verhalten mit einer jeweilig maximalen Einsatzzeit von zehn Minuten für Denis und mich. Da wir auf Lukas als Torhüter nicht verzichten können, darf er durchspielen.

Ein Vergeudeter Nachmittag.

Und auch der Abend bringt nichts neues ein; Frauenaufstand in und um die Wohnung, das ist dann auch schon alles.

Morgen beginnt das Praktikum. Nur wo?

Montag, 18. Mai 2009

Kampf Rind gegen Kleintier. Ein Verlierer. Ich.

Gegen manche Naturereignisse kann man nichts machen, sie passieren einfach. Man darf auch nichts dagegen unternehmen, denn sonst würde man Gott spielen.
Heute ist so ein Tag, bei dem ich schon während des Schlafes in den frühen Morgenstunden bemerke, dass ich mich höheren Gewalten auszusetzen habe. Und ich muss sie über mich verwalten lassen, denn so will es das ungeschriebene Gesetz.
Ja, bereits um sechs Uhr merke ich, dass etwas nicht stimmt. In mir brodelt es. Etwas, was jetzt schon länger tief in mir ist und nunmehr ans Licht drängen möchte. Ein innerer Kampf.
Der heutige Sonntag steht im Namen des Kampfes zwischen dem Rind in Form eines Steaks und einer kleinen Armee aus dem Bündniss von Skorpionen und kleinen Raupen, die ihres Lebensraumes, dem Cocon, der ihnen die Chance geben sollte, zu einem wunderschönen Schmetterling heranzureifen, beraubt wurden. Das Schlachtfeld ist mein Magen.
Das dicke, behäbige Rind mag zwar gegen eine kleine Streitmacht der exotischen Kleintiere ankommen, nicht aber gegen die ganze Armee. Eine Stunde gelingt es ihm, sich zu wehren, aber um sieben Uhr Ortszeit ergreift der große, mutlose Teil, die Flucht und sucht schleunigst das Weite. So gut wie unverdaut. Welch eine Schande für das Rind. Auch die kleine Nachhut, die eine Stunde später das Schlachtfeld Magen durch den geheimen Weg Speiseröhre verlassen kann, ändert nichts am Ausgang.
Wer nun glaubt, der Krieg wäre vorüber, der hat falsch gedacht. Denn die Territoriumssäuberung beginnt erst jetzt.
Kurz und knapp: das in diesem Hotel nicht gerade schöne Badezimmer ist für den Morgen mein bester Freund, bis es durch das im Kaufhaus abgelöst wird. Statt den schönen Sommerpalast zu besuchen, erfrage ich mir den Weg zur Apotheke. Das Essen der leckeren japanischen Nudelsuppe entpuppt sich zum Geduldsspiel, da das Visum für den Magen sich als genauso schwierig gestaltet, wie damals unseres für China. Und anstatt mich auf die Heimkehr zu freuen, habe ich panische Angst vor der dreizehnstündigen Zugfahrt in einem schaukelnden Zug bei östlichem WC, benutzt von 200 weiteren Passagieren.
Glücklicherweise helfen die Tabletten und ich schlafe tatsächlich sehr gut in meiner Koje. Ich sterbe vor Hunger, gleichzeitig schaff ich aber nur etwas Reis und Bananen und viel Cola.
Dennoch steht eins Fest: Nicht das Rind, dass jetzt vor Freude juksend in einem Pekinger Kanal badet, ist der wahre Verlierer, sondern ich, Mirko.

Sie haben ihn

Liebe Gemeinde der Leserinnen und Leser,

Es ist soweit. Mirko fiel der chinesischen Justiz zum Opfer. Er kann seinen Blog seit heute morgen nicht mehr aufrufen.
In einem selbstlosen, mutigen und liebevollem Akt der Hilfsbereitschaft sprang ich, Torben, fuer ihn ein, und versorge euch mit seinem Neuesten.

Tag 78: Peking. Und Cocon. Und Socken.


Wir dürfen heute letztendlich doch in ein neues Hotel ziehen, eines in der Stadtmitte, in der Nähe des Platz' des Himmlischen Friedens. Dieser wird dann auch gleich als erstes besichtigt. Und spontan für hässlich und langweilig befunden. Das mag zum einen daran liegen, dass er sich farblich dem Himmel anpasst. Denn in Peking ist alles noch viel mehr Grau in Grau, als in Xi'an und man kann schätzungsweise nur halb so weit gucken. Das, in Verbindung mit ein paar Tagen Messe, stickiger Luft und menschenüberrannten (zumeist Westler) Plätzen und einem leeren Magen, da es nach dem Aufstehen mit dem Frühstück nicht mehr klappt, drückt auf's Gemüt, sodass wir uns das Innenleben der verbotenen Stadt schenken. Ist ja sowieso verboten. Auch sämtliche Statuen und Säulen machen keinen großen Eindruck, die Luft ist raus.
Stattdessen laufen wir in irgendeine Richtung, da wir meinen, dass bald das Zentrum wieder erreicht sein müsste, geben aber an einer U-Bahn-Station auf und fahren den Rest. In der Stadt täuschen wir Shopping vor, kaufen aber letztendlich nichts. Außer schönen Socken im Fünferpack, da bei uns das Sockenmonster sehr oft im Einsatz ist und einem Partner sein Pendant klaut. Gegessen wird auch gut, was allerdings nicht davon abhält, in die feine Fressgasse zu gehen. Hier kann man so ziemlich alles verzehren, was irgendwie (auch in Mengen) auf einen kleinen Shashlik-Spieß passt; Hühnerfleisch, Rinderfleisch, Schweinefleisch, Grashüpfer, Skorpione, Seesterne, Seepferdchen, Maden, Cocons, Wachteln, Hühnerherze...
Aus Mitleid, da die Viecher lebendig aufgespießt sind, gönne ich mir vier Skorpione. Für die Erfahrung sind sie toll, für den Gaumenschmaus eher eine Niete, denn sie schmecken nach nichts. Lediglich nach dem Fritösenfett, in dem schon sämtlich anderes Getier baden durfte.
Anschließend soll es für Andy und mich noch ein Spieß mit etwas sein, das wir später als Cocon definieren. Und dieser ist wirklich ekelig. Zunächst ist das knapp hühnereigroße Schalenetwas gut anzuschauen, aber sobald es heiß wird, dehnt sich das Innere, das keinen Blick wert ist, aus und platzt etwas heraus. Mit dem semigen Gemisch kommt einem auch gleich ein ganz hässlicher Geruch entgegen, der gleichzeitig der Geschmack ist. Ich muss schon vorher Würgen und mein Bauch verkrampft beim ersten Cocon. Ich will eigentlich aufgeben, aber der zweite rutscht dann ohne Probleme. Im nächsten Podcast wird mit Sicherheit das dazu gedrehte Filmchen gezeigt.
Nach dem kulinarischen Abenteuer geht es mit einer dürftigen Wegbeschreibung von Arnes Freundin in einen anderen Teil, einem ziemlich modernen, der Stadt, da hier ein großes Kaufhaus vorhanden ist, das gute Marken-Elektronik-Artikel führt und gleichzeitig das gefälschte Pendant. Man kann also gleichzeitig einen iPod für 150 und für 1500 Yuan erwerben. Leider ist neben der Wegbeschreibung auch die Öffnungszeit nicht korrekt, sodass uns nur eine Viertel Stunde im Kaufhaus bleibt. Es reicht für neue iPod-Kopfhörer, da sich meine auflösen. Und mit 100 Yuan beim Original-Zubehör-Verkäufer mache ich einen ganz guten Deal.
Auf dem Rückweg durch das wie gesagt moderne Viertel treffen wir auf das einzige, was wirklich in Peking imponiert: Es nennt sich 'The Place' und ist ein Platz mit Cafés und Bars und einer Lego-Welt, überdacht mit einem ca. 70 Meter langen Bildschirm. Da wir aber nicht auf dem Boden liegen dürfen und uns auch keine Nackenstarre einfangen wollen, bleiben wir leider nicht sehr lange, sondern setzen uns zum Mexikaner.
Es gibt ein fantastisches Steak. Und da wir draußen sitzen, bieten uns Straßenverkäufer auch noch eine Menge Spaß, da sie uns Socken andrehen wollen. Lukas hat heute Mittag nicht zugeschlagen, also bekommt er zehn Paar für 30 Yuan, wie hoch der Anfangspreis ist, weiß ich nicht mehr. Kaum ist diese aber weg, haben andere den Braten (nicht das Steak) längst gerochen und kommen zu viert bis an die imaginäre Grenze des Restaurant-Grundstücks. "Same price, same price!" lautet der allgemeine Slogan. Und nur, um es Lukas zu zeigen, schreie ich einfach mal "20!" in die Runde. Es wird sofort angenommen. Leider ist die Dame nicht wirklich dazu bereit, meine 50 Yuan in Volkswährung kleinzumachen und drückt mir stattdessen den ganzen Bestand Socken in die Hände.
Lukas und ich sind jetzt also stolze Besitzer von 35 Paar Socken. Zum größten Teil identische. Da hat das Sockenmonster eine ganze Weile dran zu knabbern.

Freitag, 15. Mai 2009

Tag 77: Messe und Bier.

Heute kommt dann auch endlich der Philipp, der noch sowas wie ein Bewerbungsgespräch in Xi'an hatte, nach Peking, weshalb ich ungefähr nochmal das gleiche auf der Messe zu entdecken bekomme, wie schon zuvor.
Ob der günstigen, kleinen und doch funktionierenden Maschinen lokaler Hersteller sind wir ernsthaft am Überlegen, ob wir uns nicht eine kleine Druckmaschine kaufen sollten. Entweder eine Einfarben-Offset mit einem Plattenbelichter in Form eines Tintenstrahldruckers, deren maximales Papierformat das einer Visitenkarte ist, oder eine Vier- bis Sechsfarben Flexodruckmaschine, bei der die Platten hintereinander angebracht sind und die Farbauftragswalzen drum herum laufen (Foto folgt), um richtig tolle Aufkleber herzustellen. In unser Wohnheim würden diese Maschinen locker passen und zusammen finanziert sind sie sehr erschwinglich.
Heute werden wir nicht zum Essen geladen, da sämtliche Profs ankündigen, abzureisen, es dann irgendwie doch nicht tun und nur in ein anderes Hotel ziehen. Letzteres ist übrigens schwerer, als gedacht; auch wir sollten morgen eigentlich umziehen, es war auch alles gebucht, aber da sie jetzt erfahren haben, dass wir Ausländer sind, ist unsere Reservierung ruck zuck gecancelt worden. Schweinegrippe und so. Auch am Flughafen und auf der Messe stehen jetzt überall Wärmebild-Kameras, um die Körpertemperatur zu erfassen und notfalls die eine oder andere Person in Quarantäne zu stecken. Zudem wird man aufgefordert, bei einer Körpertemperatur jenseits der 37,5 °C selbstständig zum eigenen Schutze und dem der Allgemeinheit den Arzt aufzusuchen.
Wir sind noch alle gesund.
Mein Mittag besteht erst aus Subway und dann aus McDonald's. Endlich ist mein Hunger nicht mehr so schnell gestillt und mit etwas Glück bekomm ich das hier verloren Gewicht wieder drauf, damit die Hosen nicht so schlabbern.
Am Nachmittag bricht die eine Gruppe Richtung Innenstadt auf, ich bleibe mit Philipp, Thomas, Luke und Denis noch. Warum genau, weiß ich auch nicht, da ich mittlerweile schon in allen Hallen mindestens einmal war, aber es soll sich noch lohnen. Nachdem uns manroland nicht auf ein Weizen einlädt, kommen wir bei einer japanischen Firma auf leichten Wegen schnell dazu: Wir machen sie erst darauf aufmerksam, dass bei der deutschen Übersetzung auf einem kleinen gelben Warnungsschildchen auf ihrer Maschine zwei Fehler zu finden sind und sagen anschließend, dass ihre Produkte dennoch sehr toll sind. Man fühlt sich geehrt und wir bekommen ein sehr gut gekühltes (oft gibt es hier nur warmes), frisch gezapftes Asahi in die Hand gedrückt.
Und kurz vorm Ende beschweren wir uns noch lautstark vorm Stand des Deutschlandpavillons, dass es hier auch nichts zu trinken gibt. Der dortig sitzende Standbetreuer ist ob mangelnder Beschäftigung sofort Ohr und lädt uns auch noch ein. Weiter so.
Der Rückweg im Shuttlebus ist dann zunächst recht angenehm. Wir kommen mit ein paar Chinesen in ein Disco-Geschwätz (Reden einfach nur des Redens wegen, ohne Inhalt), sodass die Fahrt recht schnell vorübergeht. Leider bemerken wir erst viel zu spät, dass Philipps Koffer noch im Bus verweilt. Trottel.
Aber ein weiteres Hoch auf die chinesische Zuverlässigkeit: nach ein paar Telefonaten wird uns versprochen, sich darum zu kümmern und abends sitzt Philipps Hab und Gut in einem Taxi vorm Hotel.

Tag 76: Messe

Ich komme mir wie im falschen Film vor, als ich von den zimmerflutenden Sonnenstrahlen erwache und nach einem Blick auf das Mobilfunktelefon feststelle, dass es erst fünf Uhr ist. Da man sich nämlich in China auf nur eine Zeitzone geeinigt hat und Peking ziemlich weit östlich liegt, ist es kein Wunder, dass die Sonne viel früher aufgeht als in Xi'an.
Nach kümmerlichen Wiedereinschlafversuchen geht es gegen halb neun in das Zimmer der Damen. Denn die Hanna ist wieder da und hat viel Platz ihres Koffers mit anständigem Brot, Käse und Wurst gefüllt, welches sie gerne mit uns teilt. Herzlichen Dank, es war köstlich.
Anschließend steht der Tag im Rahmen der Messe. Jie, der mit uns schon in Deutschland war, will den Morgen nutzen, seine Bewerbungsunterlagen unter die Firmen zu bringen. Aber anstatt zur Job-Suche wird er zur Restaurant-Suche zitiert, da das Auslandsamt ein Mittagessen springen lässt.
Bis dahin nutzen wir die Zeit, wegen Praktikumsplätzen anzufragen. In Xi'an gibt es einige interessante Firmen deren Chefs Absolventen der Technischen Uni und somit gerne bereit sind, auch mal uns alle zu beschäftigen. Es lebe die chinesische Spontanität und Improvisation!
Beim Essen gesellt sich der Institutsleiter, der schon beim Jubiläum des Studiengangs ordentlich am Zechen war, zu uns. Und trotz der frühen Tageszeig, 12 Uhr, gibt es für ihn nur Bier. Und das wird geext. Selbstverfreilich. Und weil es so schön ist, gibt es noch ein paar Trinkspiele.
Diese und die extrem knallende Sonne senken den Munterheitsfaktor drastisch, aber wir halten es durch. Wir brechen unsere Zelte auf der Messe etwas früher auf, machen uns frisch und nach einem schnellen Abendessen geht's in den Olympia-Park.
Dieser ist dann kleiner als erwartet; Vogelnest und Schwimmhalle liegen sich direkt gegenüber, nur getrennt durch einen beleuchteten Boulevard. Ersteres ist wenig spektakulär, da nur schwach beleuchtet, aber wir waren da.
Um zehn Uhr wird auch hier pünktlich das Licht ausgemacht und es geht, vor Souvenirverkäufern laut kreischend flüchtend, mit der U-Bahn zurück.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Tag 75: Eine Bahnfahrt.

Obwohl dieser Abschnitt noch zu gestern zählt, berichte ich so, als ob es sich um heute handelt.
Abends um sechs erreichen wir außergewöhnlich pünktlich den Hauptbahnhof Xi'ans. Der Unterschied zu deutschen Bahnhöfen ist, dass man als normaler Pöbel gar nicht in die heiligen Hallen kommt, sondern mindestens ein Ticket vorzuweisen hat. Und dann muss man noch durch die Sicherheitskontrolle, die ähnlich streng ist, wie am Flughafen.
Ich habe schon einiges über Bahnfahrten in China gehört und mir somit folgendes Bild im Kopf zusammengebaut:
Man sitzt zusammengekauert Schulter an Schulter mit dauerhaft essenden (und somit auch schmatzenden) Menschen, die Sitzgelegenheiten sind heruntergekommen und riechen, es gibt keine Klimaanlage, weshalb alle schwitzen und stöhnen, mangels Müllbehältnisse wird alles fallen gelassen und die Toiletten sind kein Ort der Freude.
Umso erfreulicher bin ich jetzt da ich in diesen ziemlich modernen Zug steige, wir ein Liegeabteil für uns haben plus ein halbes direkt nebenan, die Bettwäsche ist frisch, es ist keinesfalls warm, da eine Klimaanlage vorhanden ist, Mülleimer sind bereitgestellt und die Toiletten sind geputzt und riechen tatsächlich neutral (ansonsten kommt es mir überall so vor, dass eine Toilette auch unbedingt so streng riechen muss, damit jeder sie finden kann).
Etwas komisch wird es mit den Tickets gehandhabt: die Papierkarten werden vom Schaffner eingesammelt, in ein Mäppchen gesteckt und als Gegenleistung erhält man eine Hartplastikkarte. Auf diese muss man aber auch aufpassen, da man am Ende der Fahrt mal wieder tauschen muss.
Die Bahnfahrt ist lustig, zumal wir uns noch mit einem altbekannten Koffer Bier eingedeckt haben und, natürlich nur für den Fall, dass jemand nicht schlafen kann, mit tollem Peking-Schnaps (für die sich sorgenden Mütter: für neun Personen ist das bezogen auf zwölf Stunden Schlaf nicht wirklich viel).
Nun, da wir da in gut gelaunter Runde so sitzen, kommt auf einmal ein Polizist vorbei und bleibt recht lange stehen. Mit strengem Blick mustert er uns, bis er plötzlich in hartem Tonfall folgende Worte findet: "Take care of your luggage!". Geht klar. Ein bisschen bekomm ich es dann aber doch mit der Angst zu tun, als im Laufe des Abends noch zwei weitere Polizisten uns genauso warnen. Der Zug scheint ein kriminelles Pflaster zu sein, quasi ein Ghetto.
Angenehmer ist dann stets das Erscheinen des mobilen Zugbistros, das ziemlich viel feste und flüssige Nahrung zu bieten hat. Die Verkäuferin meint es gut mit uns und ist stets besorgt, dass wir zu wenig trinken. Gegen zehn Uhr verleiht sie ihrer Aufforderung, noch ein Bier zu kaufen, besonderen Nachdruck und wir hätten mal lieber auf sie hören sollen, denn nun kommt die langweilige Zeit der Fahrt: Das Licht wird ausgeschaltet. Und zwar das komplette. Nichts mehr mit Lesen, nichts mehr mit laut sprechen, nichts mehr mit Bistro.
Beim Versuch, einem Hörbuch zu lauschen, finde ich dann recht schnell in den Schlaf, wache in den folgenden Stunden aber recht paranoid und schreckhaft auf, stoße mir dabei fast den Kopf und durchsuche ersteinmal sämtliche Hosentaschen nach ihrem Inhalt. Die Warnung der Polizisten hat gesessen.
Irgendwann in der Nacht stehen sämtliche Passagiere zur gleichen Zeit auf und erstaunlicherweise verspürt jeder den Drang, die Zähne zu putzen. Pro Abteil gibt es aber nur zwei Waschbecken, weshalb für den Rest der Fahrt im Gang kein Durchkommen mehr ist. Ich ertrage also in meiner Koje sämtliche Geräusche, die es macht, wenn man versucht, den letzten Brocken Fremdkörper aus seinem Hals zu entfernen und mit Schwung ins Waschbecken, in den Mülleimer oder auch auf den Boden zu fetzen.

Gegen sechs Uhr morgens erreichen wir, obwohl die Nacht gut war, leicht gerädert den Bahnhof, dürfen aber noch recht lange laufen und U-Bahn fahren, bis wir unser Hotel finden. Dieses befindet sich zwischen leicht heruntergekommenen (wobei das nichts zu bedeuten hat; jedes Gebäude wirkt nach zwei Jahren baureif) Hochhäusern in einem Hinterhof. Mit nur zwei Stöcken passt es ganz und gar nicht in die Gegend.
Im Zimmer hat man sich mangels der schlechten Aussicht auch ein besonderes Schmankerl einfallen lassen: Zwar umfassen die Fenster die gesamte Front des Hotels, sind aber mit schweren Vorhängen bedeckt. Ein besserer Ausblick befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers, da man, um Steine zu sparen, die Wand zwischen Bett und Dusche einfach ebenso mit Glas gezogen hat. Zwar gibt es hier auch noch einen Vorhang, dieser ist aber größtenteils durchsichtig.
Das ganze klingt sehr romantisch, ist aber nicht unbedingt das, was ich brauche, wenn ich mir das Zimmer mit Thomas und Jie teile. Der einzige Vorteil ist, dass man von der Dusche aus (und auch von der Toilette) Fernsehen schauen kann.
Nach Frühstück und Dusche geht's dann auch schon auf die Messe. Diese bietet nicht unbedingt viel mehr als die DRUPA im letzten Jahr in Düsseldorf, sondern eher weniger. Weniger Technik, weniger Modernität, der Umgebung angepasst. Ich bin von der teilweisen Improvisation sehr begeistert.
Abends sind wir von der Firma E+L, deren Vortrag wir letzte Woche anhören durften, zum Essen eingeladen. Und danach war's das auch schon für den Tag.

Montag, 11. Mai 2009

Tag 74: Peking, wir kommen.

Trotzdem wir kein Projekt oder sonstiges haben, geht es früh raus aus den Federn, wir müssen noch Sachen packen. Am Abend geht es mit dem Nachtzug nach Peking.
Zuvor fällt auf, dass uns für die dortige Druckmesse noch angemessene Kleidung fehlt, also wird eben welche in der Stadt gekauft.
Ich bin jetzt stolzer Besitzer eines Playboy-Sakkos.

Lange Rede, kurzer Sinn - Wir sind weg.

Tag 73: Muttertag.

Heute ist Muttertag, doch Mütter sind hier weit und breit nicht zu finden.
Dennoch sei Ihnen, jenen welchen, die uns diesen Schritt nach Fernost erst ermöglicht haben, rechtherzlich gegrüßt. Ihr habt mit uns einen sehr großen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet und könnt stolz auf euch sein.
Und um die Mutti noch stolzer zu machen, kann ich berichten, dass ich heute mein Zimmer aufräume. Gründlichst. Mit staubwischen und feudeln. Feudeln ist übrigens ein Wort, das hier kaum einer kennt. Eine Schande, zumal es dazu noch das Substantiv gibt, den Feudel.
Aber ich schweife ab. Der Morgen wird verschlafen, am Mittag geputzt, am Nachmittag Karten gespielt, abends ein Film geschaut.
Zwischendurch erhalte ich ein paar verzweifelte SMS, da es morgen nach Peking geht. Und ich darf doch nicht gehen. Es wird langsam ein wenig nervig.
Nervig ist auch das Wetter: Es regnet abermals den Tag über durch und wegen der Bodenversiegelung (eine sehr große Bedrohung, auf die mich schon mein Bio-Lehrer stets hingewiesen hat; möge er in Frieden ruhen) läuft nichts ab.
Ein recht trostloser Sonntag, der aber noch gerettet wird, da ich im Heimatradio den weiteren Triumph Werders über Hamburg mitverfolgen kann.

Sonntag, 10. Mai 2009

Tag 72: Wasserschlacht.

Was für ein Glück, dass man hier so spontan lebt, sonst wüssten Denis und ich mit dem heutigen verregneten Samstag nicht viel anzufangen.
Ich erhalte um halb elf die Mitteilung, dass wir doch ein Spiel hätten, im zentralen Stadion von Xi'an. Da Lukas es noch in den Beinen hat, sagen die oben genannten Personen spontan zu und ab geht es in die Arena, die über viele Tribünen und eine Leinwand sowie einen qualitativ guten, aber sehr unebenen Kunstrasen verfügt. Leider sind die Tribünen verwaist, die Leinwand ausgeschaltet und der Platz gleicht eher einem Schwimmbad, da er voll und voll mit kühlem Nass benetzt ist.
Der Gegner lässt mal wieder eine Stunde auf sich warten, was mir vorm Captain mal wieder recht gibt, dass wir das nächste Mal bitte auch eine Stunde später erscheinen sollten.
Bereits nach dem Warmmachen laufe ich mit einem mobilen Fußbad herum, das man Schuhe nennt. Das Spiel gleicht einer Wasserschlacht, ist aber eigentlich sehr lustig, bis unser Trainer zur Pause das bis dato gut funktionierende System zerpflückt, wir neue Positionen zugeteilt bekommen, welche dann aber während des Anstoßes noch einmal geändert werden, sodass keiner mehr weiß, wer wo spielt. Wir werden gnadenlos auseinandergenommen und verlieren. Schon wieder. Das geht doch nicht.
Warm duschen, essen und den Abend planen heißt es dann. Arne sagt, es geht um acht Uhr zum KTV (Karaoke) mit einigen Chinesen. So früh, da diese dann rechtzeitig zurück in ihr Wohnheim fahren können und wir die Chance haben, noch weiterzuziehen, anstatt die ganze Nacht im stickigen Raum mit schlechtem Gesang zu versauern.
Um halb zehn treffen wir ein und bleiben länger, als gedacht. Ein wenig müßig ist es, dass schnelle Musik nicht unbedingt die Erfindung der Chinesen ist, sondern eher langsame, melancholische. Ich bin froh, dass Denis und Thomas motiviert sind, zwischendurch noch was rockiges von sich zu geben, sodass ich nicht einschlafe.
Nach einem kleinen Mitternachtssnack bei McD, das hier den Namen Fast-Food-Kette nicht so verdient, zumindest nachts nicht, teilt sich die Gruppe auf. Während die einen auf ein Getränk und eine Runde Billiard noch in die Moonkey-Bar (ist das jetzt ein Schreibfehler und heißt Affenbar oder soll die Übersetzung tatsächlich Mondschlüssel sein?!) geht, zieht es Thomas, Andy und mich noch ins 1+1. Da es schon zu spät ist und viele gegangen sind, haben die Bediensteten leider schon genug Zeit und Platz gehabt, die Tische abzuräumen, sodass mein Trick mit dem Freibier nicht mehr so funktioniert. Es wird nur getanzt und geht dann recht zügig nach Hause.
Eigentlich will ich schon im Bett verschwinden, als Denis noch mit drei Chinesen aufkreuzt. Und dann unterhalten wir uns doch noch bis sechs Uhr.

Tag 71: Bubu machen.

Was erwartet ihr, soll ich hier schreiben? Was sollte ich nach einer durchwanderten Nacht bei Wind und Wetter und verdammter Höhe, nach einer Rückkehr gegen Mittag schon machen? Denkt ihr, jeder meiner Tage könnte aufregend sein?
Nein, dass kann er weiß Gott nicht. Und so lautet die Devise für die weiteren Stunden auch nur: Bubu machen. Bis abends, dann essen, dann Film gucken. Rausgehen kann man sowieso nicht mehr, da man mal wieder denkt, wenn es schon einmal regnet, dann doch bitte gleich das ganze Wochenende.
Erstaunlicherweise fühlen sich die Beine nicht schwer an und Thomas und mich überkommt gegen Mitternacht noch ein Anflug von Motivation, noch einmal loszuziehen. Dieser verschwindet aber, sobald ich mich umgezogen habe und wir bleiben doch zuhause.
Das Fußballspiel morgen soll wegen des schlechten Wetters ausfallen. Zumindest werden wir mal rechtzeitig informiert.
Gute Nacht.

Freitag, 8. Mai 2009

Tag 70: Nachtwandern

Kaum haben wir hier zu viel Freizeit, kommen wir auf ganz schöne Schnapsideen. Um rauszukommen und was von China zu sehen, wollen wir mal in die Berge fahren, die Xi'an umgeben und ab und zu bei guter Luft im Hintergrund erahnbar sind. Arne hat von seinem Bruder erfahren, dass es wahrlich eine Wonne (und für Stadtbewohner und Besucher Pflicht) sei, mit dem Bus gen Osten zu fahren und den 华山 (Berg Hua) zu ersteigen. Und das am besten so, dass man den Sonnenaufgang beobachten kann, der von dort wirklich schön sein soll. Also läuft man am besten abends, bzw. ab Mitternacht los. Der Aufstieg nimmt ca. vier Stunden, der Weg auf dem Berg eine Stunde in Anspruch. Sagt der Reiseführer.
Ich blicke der Idee zwar etwas skeptisch entgegen, da ich aber selber eine eigene Meinung habe, stimm ich einfach mal zu. Denn sonst würden wir am Abend sowieso nur wieder in einem Club landen. Und ein wenig Abwechslung kann nicht schaden.
Nach dem gestrigen Disco-Besuch wird heute länger geschlafen, sodass die Zeit fast knapp wird, denn um 16 Uhr wollen wir schon los. Trotzdem es recht kurzfristig ist, stimmen Jojo und Bierchen (zuvor als 刘荣, LiuRong bekannt) zu, uns zu begleiten. Trotz Vorlesungen. Die Schlingel.
Was nimmt man aber mit auf so eine Nachtwanderung? Und wie wird die überhaupt aussehen? Mit Opa bin ich ja oft gewandert und habe somit Erfahrung: Man wandert gemütlich durch einen schönen Laubwald, nimmt ein paar Steigungen mit und irgendwann ist man auf dem Hügel, wo man sich bei gutem Wetter ins Gras legen kann und dort ein wenig ruht, bis die Sonne aufgeht. Für uns sollten also gute Wanderschuhe, vielleicht ein Schlafsack zum Unterlegen, Wechselklamotten und etwas Wasser sowie Energie-Nahrung genügen.
Die Fahrt Richtung Berg nimmt alleine schon fünf Stunden in Anspruch, da wir erst quer durch die Stadt zum Bahnhof mit dem Bus müssen, um dort in einen anderen zu steigen, der aber erst eineinhalb Stunden nach unserer dortigen Ankunft losfahren würde. Die Zeit wird bei McD mit Essen totgeschlagen, denn für eine kleine Wanderung braucht man ja etwas im Bauch.
Am Rande des Hügels angekommen werden wir mal wieder von alten Damen, die irgendeinen Schnickschnack verkaufen wollen, belagert. Klar, ein rotes Rambo-Stirnband und die weißen Handschuhe sind ein Muss, denn man will cool aussehen.
Der erste Kilometer ist noch recht angenehm, vom Laufen her zumindest. Es geht immer in einer leichten Steigung eine gepflasterte, beleuchtete Straße entlang, mit uns sind einige andere Gruppen Einheimischer unterwegs. Eigentlich wär das nichts schlimmes, wenn nur die Luft ein wenig angenehmer wär. Denn trotzdem die Anstrengung überschaubar ist, schwitz ich wie sonstwas und kann mein T-Shirt fast auswringen, als wir die erste Rast machen. Ein wahrlich ekelhaftes Gefühl und ich sehne mich bereits jetzt nach einer Dusche. Wenn doch wenigstens etwas Wind oder Regen käme.
Nach diesem noch angenehmen Pfad beginnen wir, Treppen zu steigen. Und nicht nur ein paar, sondern eigentlich alle, bis zum Gipfel. Was logisch ist angesichts der Tatsache, dass wir von 400 Metern über Normal Null gestartet sind und rauf müssen auf ca. 2100 Meter. Zum Glück wusste ich über diese Fakten im Voraus nicht so viel und so ist lediglich der Weg das Ziel und nach jeder erneuten Steigung erkeimt die Hoffnung, den Gipfel doch endlich erreicht zu haben.
Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil. Die in den Fels gehauenen Treppen werden immer steiler, 100 % Steigungen sind noch wenig. Ab und an kann man sich überlegen, ob man die neue, angenehmere Treppe nehmen soll, oder doch lieber die alte. Bei dieser ersteigt man schnell mal seine 80 Höhenmeter bei einem Winkel von 50 bis 70 °. Ich verfüge gerade leider über keinen Taschenrechner, sonst hätte ich hier natürlich ausgerechnet, wie viel Wegersparnis das gegenüber des leichten Weges wär.
Alle paar hundert Meter findet man einen kleinen Stand mit Lebensmitteln, an dem ich mir gerne eine Gurke und neues Wasser gönne, da dieses inflationär von meinem Körper zur Abkühlung verschwendet wird. Ich frage mich allerdings jedes Mal, wie die ganze Ware auf den Berg geschleppt wird, denn es gibt nur diesen einen Weg. Weiterhin ist der Pfad mit Lampen gesäumt, man trifft immer mal auf pausierende Chinesen in FlipFlops und auf jene, die Weinen, sei es ob des Anblicks unserer Staturen oder einfach aus Verzweiflung, weil die Anstrengung zu hoch ist.
Ich verfluche so langsam meinen Rucksack, der meinem schon nicht ganz so leichten Körper noch mehr überflüssige Pfunde hinzufügt. Zwar weiß ich, wofür ich ihn mitschleppe (Wechselklamotten; jede Stufe wird mit der Motivation überwunden, bald endlich aus dem Nassen Sack namens Kleidungsstück schlüpfen zu können), dennoch hätte ich gerne so ein Körper-Muskel-Verhältnis wie Jojo oder Bierchen, die recht unkompliziert von Stufe zu Stufe hüpfen.
So laufen wir auch die meiste Zeit getrennt, treffen uns nur ab und an bei gemeinsamen Pausen. Lukas und ich bilden die letzte Gruppe, da wir beide kniegeschädigt und überladen sind und auch einfach die Lust fehlt, Gas zu geben.
Pünktlich, da wir dann den Gipfel nach ca. 9000 Stufen fast erreicht haben (um vier, nach sechs Stunden Fußmarsch) ziehen Wolken und hoher Wind auf. Letzterer ist erstmal so stark, dass uns viele entgegenkommen, da er zu stark sei, um noch weiter hochzulaufen. Nun gut, es geht an einigen Stellen auf dem zum Teil sehr schmalen weg tatsächlich einige hundert Meter steil in die Tiefe, allerdings sieht man das ja nicht, weil es zu dunkel ist. Dennoch legen auch wir eine Pause ein und tun das, was wir uns ersehnt haben: frieren. Ist aber unangenehm, wenn man ausgelaugt ist, die Kleidung nass und der Boden felsig, also unbequem.
Was bin ich froh, jetzt einen Schlafsack dabeizuhaben.
Nach einer Stunde leichtem Anruhen geht's dann weiter. Wir entschließen uns, nicht mehr den allerhöchsten Punkt zu nehmen, sondern einen anderen kleinen Gipfel, der nur noch eine halbe Stunde entfernt ist. Auf die Idee kommen auch andere, sodass das Plateau irgendwann komplett überfüllt ist. Aber was tut man nicht alles für einen Sonnenaufgang?
Dieser enttäuscht mich dann aber schon. Ich will der Sonne daran aber keine Schuld geben, sondern nur den Regenwolken, die mir kühles Nass ins Gesicht peitschen und den Blick auf den lebenswichtigen, Energie bringenden Planeten versprerren und erst freigeben, als letzterer schon recht hoch steht.
Das schönste am ganzen Aufgangsprozedere ist der außerplanmäßige Anruf meines ehrenwerten Bruders, dem Prachtbuben, der mir mit freudig erregter Stimme verkündet, das mein geliebter Fußballverein, Werder, einfach so in Hamburg gewonnen hat und somit zum UEFA-Cup-Finale nach Istanbul fahren darf.
Ist das nicht wundervoll?
Es gelingen noch einige Fotos und dann geht es endlich zurück. Zwar war der Plan, dass wir die Morgenstunden noch nutzen, um die anderen vier Gipfel, aus denen der Berg besteht, zu erkunden, aber das hieße wieder, ein Stück bergab zu steigen und mindestens ein gleich hohes Stück wieder emporzustiefeln.
Nein, das muss nicht sein. Es geht nur noch zur Seilbahn, die uns unkompliziert (und Gelenke schonend) zurück ins Tal bringt. Unser von Nadine versprochenes Gipfelbier bekommen wir erst hier, um halb acht morgens. Anschließend wird die Busfahrt durchgeschlafen, sofern das möglich ist, da erst kurz vor Ankunft die Klimaanlage angeschaltet wird und die Sitze auseinanderfallen.
Einer fröhlichen Dusche folgt eine ausgiebige Schlafdefizitausgleichjagd im viel zu heißen Wohnheimzimmer, dessen Klimaanlage seinen Namen nicht verdient hat.
Das war nicht Wandern in Opas Sinne. Aber eine Erfahrung war es wert.
Nicht zuletzt aus Sarkasmus kann ich jedem diese Tour nur wärmstens empfehlen!

Donnerstag, 7. Mai 2009

Tag 69: Feierabend.

Wir schaffen es! Unser Projekt wird heute fertig. Zwar nicht so, wie angedacht, aber es funktioniert. Statt schönem Offsetdruck läuft alles über den Digitalkopierer, der allerdings auch einige Probleme mit sich zieht. Statt Falzmaschine müssen wir mit unseren Händen die Seiten knicken. Statt Rückendrahtheftmaschine mit guter Anlage nutzen wir eine mit schiefer Anlage. Lukas beweist hier aber sehr gutes Augenmaß und alle Tacker sitzen mittig. Da diese Handarbeit länger dauert, schrumpft die Auflage auch von 250 auf etwas über 100 Exemplare, allerdings sind die dann ja noch viel mehr wert.

Es ist zwar ein harter Kampf durchzusetzen, dass wir die Mittagpause im Raum bleiben dürfen, um nicht nachmittags wiederkommen zu müssen. Die Mittagspause ist nämlich ein Heiligtum, wir werden zumeist schon um elf Uhr darauf hingewiesen, dass in einer Stunde Pause angesagt ist und es sich deshalb ja kaum noch lohnt, etwas anzufangen.

Aber wie gesagt, wir schaffen es heute und sind um halb zwei fertig. Ein gutes, füllendes Mittagessen ist angesetzt zur Feier des Tages. Fertiggegessen erhalten wir dann einen Anruf, dass eine deutsche Firma in der Uni noch einen Vortrag hält und es doch schön wär, wenn wir kommen könnten. Wird gemacht.

Im zwölften Stock, direkt unterm Dach der Uni, wo die Sonne am schönsten brutzelt, in einem vollgefüllten, stickigen Vorlesungssaal lauschen wir unserem Mitbürger und präsentieren uns von unserer besten Seite, da wir still sind. Allerdings schlafen wir auch alle. Ungewollt. Aber die Luft und der gefüllte Magen lassen ein Wachbleiben einfach nicht zu.

Die Müdigkeit lässt sich auch irgendwie nicht mehr abschütteln, der Rückweg mit dem Rad bei 31 °C ist eine Qual, zumal auch die Autofahrer heute besonders einen Schaden haben und sich erst mitten auf der Kreuzung entscheiden, wo sie eigentlich langfahren wollen.

Also wird angeruht, gegessen und der Abend geplant, da wir jetzt ja zwei Tage Urlaub haben, bevor das Wochenende beginnt. Um neun Uhr wollen wir in die Barstraße gehen. Bis alle soweit sind, wird aus neun Uhr elf und wir treffen auf recht geleerte Bars. Aus der Yoyo-Bar flüchten wir leider viel zu schnell, da Gläser in unsere Richtung fliegen. Allerdings liegt das nicht an unserem Auftreten, sondern am Unvermögen eines Gastes, der es nicht schafft, sein angetrautes Weib aus zwei Metern entfernung zu treffen. Dreimal nicht. Dabei hat er gar keinen Grund, böse zu sein, denn er hat angefangen. Aber wir mischen uns lieber mal nicht ein.

In der Moonkeybar, die von unseren Vorgängern angepriesen wurde, ist auch tote Hose, sodass wir uns noch in die Loco-Disco begeben. Auf dem Weg dorthin wird ein um Geld bittender Mann von einem seiner Mitbürger lautstark darauf hingewiesen, dass er die Gäste nicht belästigen sollen. Schon wieder Streit. Was ist denn los am Mittwoch Abend? Wahrscheinlich habe die Studenten, die uns abends nicht begleiten, doch Recht, wenn sie sagen, dass abends nur Verrückte auf der Straße sind.

Die Disco ist ganz cool, gute Stimmung, gute Luft und es läuft sogar ein deutsches Lied, das aber keiner von uns kennt. "Ist mir doch scheißegal" lautet der Refrain, vielleicht sagt es einem ja was.

Der Papa landet heute also erst sehr spät, trotz hohem Müdigkeitsfaktor, im Bett.

Mittwoch, 6. Mai 2009

Tag 68: Shopping olé

Da wir gestern feststellen mussten, dass unser Projekt nicht ganz nach unseren Vorstellungen gestaltet werden kann, haben wir nicht mehr wirklich viel Lust darauf und entscheiden uns für die einfache Variante, alles im einfachen Digitaldruck durchzuführen.
Leider stellen wir heute fest, dass die Maschine den ganzen Tag belegt ist (sowas kommt hier auch vor) und somit erst morgen was gemacht werden könnte. Einen Probedruck gewehrt man uns glücklicherweise noch, dann machen wir aber schon um zehn Uhr Feierabend.
Nach einem europäischen (bzw. amerikanischen) Frühstück im neuen Stammcafé nahe des alten Campus nutzen wir die freie Zeit zum Einkaufen, da unsere Klamotten aufgrund der Hitze immer schneller durchgeschwitzt werden oder auch mal wegen anderer Umstände, zum Beispiel der Waschmaschine, den Geist aufgeben.
Der Kauf chinesischer Kleidung ist insofern interessant, da es sich rein theoretisch nur um Handarbeit handeln kann, denn jedes Teil ist scheinbar mit der Auflage 1 hergestellt: es gibt nur eine Größe, ein Muster und eine Farbe, sodass schon der Zufall helfen muss, bis man erfolgreich ist.
Erfolgreich sind wir letztendlich und das war es auch schon für heute. Abends wird noch ein wenig Tischtennis gespielt, wobei ich eigentlich zwei Meter nebenan wieder zum Trösten gefordert wäre. Ich tu aber so, als ob ich nicht bemerke, dass Michelle weint, weil ich lieber Sport mache, anstatt daneben zu stehen und zu reden.
Ich glaube, gerade weil ich nichts sage, beruhigt sie sich auch schnell wieder und reißt sich zusammen. Ich sollte in Zukunft stets so handeln.

Montag, 4. Mai 2009

Tag 67: Drucken auf Chinesisch.

Bevor ich Worte über mich verlier, möchte ich meinem treuen Leser und Freund Bünyamin rechtherzlich zum heutigen Ehrentage gratulieren. Auf dass ihm dieser Tag viel Freude und Liebe beschert.

Mein Tag ist heute recht stressig. Bzw. das weniger, dafür aber anstrengend aufgrund hoher Langeweile und vielerlei Probleme. Und da es heute stickig heiß ist und noch Pollen fliegen, die mir die Rotze und den Verstand in die Nase locken, kommt es zu einem Novum: Ich schreibe mal nicht selber, sondern bediene mich uneigennützig an Philipps Niederschriften. Dieser hat seine Aufgabe nämlich sehr gut gemacht und besser hätte ich den Verlauf unseres heutigen Projekttages auch nicht ausdrücken können.

Heute war es soweit, endlich wollten wir unser mühsam erstelltes Projekt in eine gedruckte Form bringen. Geplant hatte ich dafür nach deutschen Maßstäben (mal 3) und dachte, dass wir hiermit in einem Tag fertig werden können. Pünktlich eine viertel Stunde zu spät, die wir vorsichtshalber dem Druckprofesor schon mitgeteilt hatten, stand unser Team mit Druckplatten an der Maschine. Schon jetzt kündigte sich die erste Terminverschiebung an. Die Druckplatten waren noch nicht gestanzt und der Hüter über den Schlüssel zur Schatzkammer mit der Stanze war noch nicht eingetroffen. Während noch diskutiert wurde ob wir den Druck jetzt auf den Nachmittag oder gleich auf den nächsten Tag verschieben sollen, traf der Held der Stunde zum Glück doch noch ein und wir konnten durch auf dem Boden fließende Wassermassen uns einen Weg zur Stanze bahnen.

Nachdem das Problem gelöst war schon die nächste Schockmeldung. Das gutgläubig von einer Chinesin gemessene Papierformat stimmte nicht ganz mit der Realität überein und unsere überschwinglich beendete Diskussion mit dem Prof für die Druckplatten rächte sich. Die Überschrift lag entgegen unseren genialen Berechnungen doch außerhalb des Papierrandes.

Nach einer kleinen Kriesensitzung entschieden wir uns aus einem fast 4 mal so großen Papier ein Filetstück herauszuschneiden. Auch wenn der Planschneider selbster eine digitale Messeinrichtung hatte entschied der Professor viel lieber mit seinem Metalllinial nachzumessen und jedes Mal das Papier wieder einen tausenstel Millimeter zu verschieben. Wie auch immer Papier und Druckplatten waren bereit und wurden in die Maschine verfrachtet. Vorher noch die Farbe von 1992 wegputzen, die ist bestimmt schon abgelaufen und muss raus bevor wir neue einfüllen.

Eigentlich stand der saubesten Maschine der ganzen Hochschule jetzt nix mehr im Wege aber ab hier ging eine Odysee sondergleichen los. Davon mal abgesehen das es mich immernoch wundert, dass der Professor nicht selbster merkte, dass wir mit den hellgrauen statt scharzen Flächen nicht so ganz zufrieden waren hatte er entweder mit seinem Geiz beim Thema Papier zu kämpfen oder mit dem Unverständnis des Druckprinzips. Das unsere Wunderdruckmaschine die normalerweise 10.000 Bogen pro Stunde druckt und aus schätzungsweise 25-30 Walzen konstruiert ist nicht nach dem ersten Bogen eine respektable Farbdeckung produziert ist sehr verwunderlich. Auch der Prof konnte sich das nicht erklären, lies sich aber nur schwer dazu überreden den Dingen ihre Lauf zu lassen und sich erst den 5. Bogen anzuschauen der wundersamer weise viel besser ausssah. Nach 2 Stunden Try und Error lief dann der erste anständige Druck aus der Maschine.

Mit viel Euphorie teiltem wir dem Professor mit, so könnten wir gerne weiter machen. Dummerweise hatte sich durch den Stop der Maschine wieder Farbflecken auf Platte und Gummituch abgesetzt und das ganze musste geputzt werden. Um es kurz zu machen, das Ganze wiederholte sich noch 12-15 mal, jedes mal wenn wir dachten jetzt kann es losgehen hatte entweder der Professor die Maschine angehalten oder sie hatte es selber getan weil der Bogenlauf fehlerhaft war. Danach galt es wieder zu putzen und das ganze nochmal zu probieren. Machmal schmissen wir danach die Maschine auch selber in Gang da wir die 4 Knöpfe inzwischen kannten, und waren damit sogar mittelmäßig erfolgreich, kamen damit zwar zu mehr als einem gedrucktem Bogen aber zu keinem ansehnlichen Ergebnis. Stattdessen gab es neue Ideen seitens des Professors. Warum nicht einfach mal ein paar Walzen des Feuchtwerkes wechseln, was für ein Zufall, dass die Maschine daneben vom gleichen Modell ist und gerade seit ein paar Jahren nicht gebraucht wird.

Noch mehr Tick 17 und der Werkzeugkasten konnten leider auch nicht helfen und nach 7 Stunden hatten wir ganze 8 perfekte Drucke in der Hand und geschätze 120 Blatt Abfall. Aufgrund der hohen Verlustrate empfahl uns unsere Betreuerin nochmal über das Druckverfahren nachzudenken, und überhaupt kam der Fehler ja nur deßhalb weil wir die Dumme Idee hatten vom Standartformat um 2 cm abzuweichen, damals vor 12 Jahren lief die Maschine das letzte mal damit noch super und ohne Probleme.

Wie auch immer wir geben auf, morgen läuft das Projekt auf dem Farbkopierer oder wenn das auch Probleme macht darf sich ein lokaler Copyshop über eine neue Einnahmequelle freuen. Immerhin habe ich jetzt die Gewissheit mit genug Zeit und Abstrichen bei der Qualität sogar einem chinesischen Maschinenmodell ein paar Drucke entlocken zu können, ich würde sagen das is als sogenannter Softskill bei einer Bewerbung doch nicht zu verachten.

Tag 66: Mir reicht es hier. Menschenskind.

Jeden Morgen die gleiche Scheiße. Ich stehe auf, mach mich fit, überspiele meine Müdigkeit erfolgreich (und verdränge sie bis zum Abend) mit Charme und Humor und wecke dann die Kleinen in Person von Denis und Lukas, die einen sehr hohen Schlafbedarf haben. Des Rauchens wegen, schätze ich.
Und was bekommt man als Dank? Man wird angemeckert und indirekt dafür verantwortlich gemacht, dass ihre Nacht so kurz war. Sofern die Gemüter sich etwas beruhigt haben und die beiden genannten Herrschaften tatsächlich aus der Waagerechten emporsteigen, folgt meist die Frage: "Und wo ist der Kaffee?".
Ich bin doch keine Maschine. Man stelle sich mal vor, ich wäre morgens genauso griesgrämig. Da gäb's hier wahrscheinlich Tote. Oder man hätte uns schon lange nach Deutschland zurückgeschickt, um noch einmal etwas über Pünktlichkeit zu lernen.
Manchmal macht es mich ein wenig wütend und traurig, wenn man mich so behandelt, obwohl ich doch nur das Beste will. Dann weine ich. Heimlich und ganz kurz.
Heute ist also wieder so ein Morgen. Nach langer Nacht klingelt der Wecker um halb zehn. Wir haben noch Jojo und Spätzle als Schlafbesuch im Wohnzimmer, also schleiche ich mal rein und drehe die Musik gut auf. Spätzle erschrickt sich zu Tode und auch Lukas schießt aus dem Zimmer, zischt mir entgegen "Du hast doch nen Arsch offen, denk mal an die Nachbarn!". Wenn es die gleichen Nachbarn sind, die ihre Kinder ab halb acht im Hof lautstark spielen lassen haben, dann habe ich sehr wohl an sie gedacht. Dann ist mir das nämlich egal.
Während Luke sich wieder hinlegt, kriege ich Denis erstaunlicherweise einfach aus den Federn. Er versteht, dass heute Sonntag ist und dass wir somit ein Spiel haben. Zwar habe ich gestern unserem Kapitän gesagt, dass wir nicht pünktlich kommen werden, da ein Spiel, das für zehn Uhr angesetzt ist, sowieso erst viel später stattfinden wird, aber er versprach mir, dass es diesmal wirklich pünktlich angepfiffen wird.
Und doch, es ist immer wieder die gleiche Scheiße: Kaum angekommen am Sportplatz finden wir keine Menschen vor, dafür aber eine Kunstrasenfläche, die übersäht ist mit Müll und Wohnheimshockern. Alles noch vom vorgestrigen Fest. Und Tore sind auch nicht installiert. Ich nehme an, dass das der Grund ist, warum hier kein Fußballspiel stattfinden kann und auf Nachfrage erhalte ich auch die Bestätigung per SMS (hier habe ich gestern übrigens wieder Jubiläum gefeiert, der Stand beträgt 1111 Mitteilungen).
Mir fehlt noch etwas die Kraft, um böse zu sein, also genehmigen wir uns schnell ein kurzes dürftiges Frühstück im ausverkauften Supermarkt und schlafen anschließend. Bis vier oder fünf.
Dann bereiten wir Pizzateig vor. Dieser muss aber zu lange gehen, sodass wir noch kurz, vom Hunger getrieben, eine Kleinigkeit in der Mensa zu uns nehmen wollen. Diese fällt aber leider, da die Kellnerin es sehr gut mit uns meint und drei statt der gewünschten einen Kelle Reis auftut, viel zu groß aus, sodass der Pizzateig noch lange warten muss, bis er verarbeitet wird. Bevor er mit Zwiebeln, Salamie und Kartoffelchips belegt wird, darf ich abermals die Michell trösten, der ich gleich zu Anfang des von ihr gewünschten Gesprächs mitteile, dass ich nächste Woche in Peking bin und dann vielleicht zwei Monate in Guangdong.
Der notwendige Weg zurück ins Bett wird trotz großer Müdigkeit leider erst sehr spät gefunden.

Tag 65: Tourismus.

Da der Papa so schlau war, und gestern relativ früh im Bett verschwunden ist, ist das Aufstehen, um sieben Uhr, am Samstag, nicht das größte Problem. Um acht müssen wir wieder auf dem alten Campus sein (zum Glück fahren so früh schon Taxis dahin), um mit den anderen Deutschen zur Terrakotta-Armee zu fahren. Zumindest wissen wir nur von dieser.
Aber zunächst halten wir in einem, ich sage einmal, nicht sooo interessanten Park, der anscheinend für seine 'warmen Quellen' bekannt ist. Von diesen seh ich aber nichts, anscheinend hätte man dafür noch einen Berg hochfahren sollen. Auch den einheimischen Touris, derer es dieses Wochenende wegen des gestrigen Feiertages besonders viele sind, scheinen nicht so angetan zu sein und finden mit zunehmender Begeisterung ihre preferierten Fotomotive in uns. Zuerst sehr schüchtern, indem sie einen von sich zufällig vor unsere Gruppe stellen, später aber, als sie merken, dass wir uns hinzgesellen, immer mehr. "再来一个" ("noch eins") lautet die Parole und sobald einer die Erlaubnis hat, strömen die Massen auf dich zu und du hast aus sämtllichen Generationen Leute im Arm. So kann es sein, dass einige Minuten vergehen, die man grinsend verbringt, bis man sich loseisen kann.
Ich wäre ein Schelm, wenn ich behauptete, es nicht zu genießen. Und so drehe ich jetzt auch gerne mal den Spieß um und fordere Fotos mit skurrilen einheimischen Gestalten.
Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen einem Mann und einem ganzen Volk.
Nach dem Essen in einer Touristengruppen-Absteige à la Guilin (große Halle mit vielen großen runden Tischen, lieblos eingerichtet, Standard-Essen) geht's dann auch schon zum neuen Wahrzeichen Xi'ans, der Terrakotta-Armee. Alle, die mich in den ersten Tagen meiner Ankunft gefragt haben, warum ich noch nicht da war, können sich jetzt beruhigen, denn ich bin es tatsächlich. Spektakulär ist das ganze allerdings nicht so, da ich das meiste schon auf Bildern gesehen habe. Spektakulär ist nur der Menschenandrang und unsere Gruppe, wobei sich hier auch erstaunlich viele Westler tummeln.
Die Zeit auf dem großen Areal vergeht recht schnell, sodass wir mal wieder viel zu spät auf dem Campus abgesetzt werden und zur 10-Jahr-Feier des Studiengangs eine halbe Stunde (allerdings gerade noch rechtzeitig) erscheinen.
Das Essen steht zwar schon lange auf dem Tisch, dennoch müssen wir erst noch das Abendprogramm (moderiert von Nadine) anhören, welches neben einer kleinen musikalischen Einlage aus vielen (Lob-)Reden besteht. Während dieser tut man, was man hier während Reden am besten kann: Selber reden. Ist für uns recht unverschämt, aber hier Gang und Gebe, solange man nicht in der Vorlesung sitzt.
Das Essen hätte besser sein können, ist aber auch egal, da man animiert wird, viel Flüssignahrung zu sich zu nehmen: Der Institutsleiter lässt es sich nicht nehmen, mit einem Glas und einer Flasche (und einer zweiten... und einer dritten...) des lokalen Schnapses von Tisch zu Tisch zu wandern und einmal (und auch zweimal... und auch dreimal...) anzustoßen. Und das mit ziemlich hoher Schlagzahl. Über den Geschmack des Gesöffs lässt sich streiten, aber es erfüllt seinen Zweck: Rektoren und Professoren geht es gut.
Und zwar so gut, dass unser Rektor uns seine Sekretärin (gestern erwähnt) es sich nicht nehmen lassen, noch mit uns in eine Disco, dieses Mal das Salsa 莎莎, zu gehen. Und da bleibt man dann auch gerne mal bis vier Uhr, auch wenn sie morgen um acht ihr Hotel verlassen müssen.
Guter Mann!
In diesem Club funktioniert mein Trick mit dem günstigen Trinken leider nicht soo gut, wobei ich fast umsonst davon komme. Das ist aber auch nicht schlimm, da die Musik (gut, da DJ europäisch) mich die meiste Zeit auf der Tanzfläche hält. Hier wird man gerne mal angesprungen von kleinen Buben (diese schubst man weg) und feinen Deerns (diese lässt man gewähren), man trifft auf Europäer (bzw. viele Russen) und Chinesen, die Deutsch können, weil sie in Bochum oder Holland studieren.
Am Ende des Abends kann ich mal wieder sagen: Mirko, du hast es geschafft und deine Energie ist unglaublich; du verlässt die Tanzfläche mal wieder als letzter.

Sonntag, 3. Mai 2009

Tag 64: Nur Superlative.

Seit Beginn des Semesters hat die ganze Uni auf diesen heutigen Tag hingefiebert und nun ist er endlich da; der erste Mai, Tag der Arbeit und gleichzeitig 60. Geburtstag der 西安理工大学, unserer Universität.
Es ist wahrlich an alles gedacht worden; der große Springbrunnen wurde verschönert, die Außenfassaden der Gebäude entweder erneuert oder geputzt, wo nur Erde lag sind nun schöne Parkanlagen entstanden, es wurde neuer Rasen gesäht (wenn auch recht mangelhaft), hier und da stehen neue Denkmäler und Statuen, überall gibt es fliegende große Luftballons und Banner der ganzen Studiengänge mit den besten Wünschen und Liebesbekundungen an ihre Lehreinrichtung und in den letzten Tage wurde auch noch mit einem großen Blumenmeer für viel Farbe gesorgt. Man macht auch keinen Hehl daraus, dass es nur für das Fest ist und wahrscheinlich in den nächsten Tagen wieder entfernt wird, da sämtliche Blumen in den Beeten noch in ihren Töpfen stehen und so locker wieder entfernt und verkauft oder dem Blumen-Leihgeschäft zurückgegeben werden können.
Also gut, um fünf vor neun werde ich heute von unserer Betreuerin per Telefon geweckt (nachdem ich sie, genau wie den Wecker, dreimal weggedrückt habe) um fünf Minuten vor neun geweckt. Irgendwie kommen wir tatsächlich pünktlich, müssen aber die Verluste von Denis und Lukas bedauern, die morgens gerne Mal länger liegen bleiben und dann sowas wie Übelkeit oder Magenprobleme inszenieren, damit sie eine Ausrede haben, fernzubleiben.
Wir sitzen also irgendwo in den fordersten Reihen (leider etwas verstreut, da nicht ganz pünktlich), da wir einen VIP-Pass haben (ein buntes T-Shirt, wie sämtliche Studenten es tragen, wär mir lieber) und lauschen irgendwelchen Reden, klatschen zwischendurch anstandshalber mal. Aber eigentlich sitzen wir nur apathisch gelangweilt da und machen es wie unsere Vorder-, Hinter- und Nebenmänner und reden selber. Bei einem mit 10.000 Menschen gefüllten Stadion entsteht so ein guter Grundgeräuschpegel, gegen den die Boxen aber gut ankommen. Nach zwei Stunden ist diese erste Tortur überstanden und ich freue mich auf die Wiederaufnahme des Schlafens.
Daraus wird aber nichts, weil ich erst noch die Delegation in den Deutschclub begleite, der extra nochmal in den letzten Tagen gesäubert wurde (wobei ich den fleißigen Studenten beibringen musste, dass die Deutschen sehr groß sind und auch die dicke Staubschicht auf den Regalen sehen). Neben vielen Bildern und Pflanzen lebt hier jetzt auch ein kleiner Goldfisch namens Fisch in einer Blumenvase. Ich gebe ihm keine hohe Überlebenschance, bin trotzdem etwas neidisch, dass wir das vorher während des Sprachkurses noch nicht hatten. Damals gab's nur Toilettengeruch. Penetranten.
Ich gelange, auch weil ich später viel zu langsam esse, nur zu einer halben Stunde zum Ausgleich meines Schlafdefizits, da wir schon gegen zwei wieder am alten Campus sein müssen, das sehr wichtige Fußballspiel steht an. In Sportklamotten rücken wir an und fühlen uns sehr underdressed, da alle, auch die anderen Studenten, in feinster Kleidung anmarschieren. Wir haben nämlich irgendwie nicht ganz mitbekommen, dass ein Professor noch irgendeine Auszeichnung erhalten soll.
Aber anschließend wird dann gespielt. Mit Ehrentribüne für sämtliche Professoren und Rektoren, einer ansonsten lausig besuchten Pöbel-Tribüne, dafür aber mit einer großen Trommel und enthusiastischen deutschen Fans. Der Rasen gleicht einem Acker und ist so lang, dass man die stählernen, festen Sprenkelanlagen, derer es acht sind, die sich über das Feld verteilen, nicht sieht. Ein paar darauf platzierte Wasserflaschen müssen dafür sorgen, dass keiner mit dem Fuß dagegen rennt.
Es endet langweilig, aber der Freundschaft dienend mit 0:0, trotz allerbester Chancen und unsere Professoren und Rektoren sind sehr begeistert, da das deutsche Team in den letzten zehn Jahren stets sang und klanglos zweistellig (in zweimal 20 Minuten Spielzeit) untergegangen ist. Ein kleiner Achtungserfolg ist es also doch, aber wir wollen hier nichts schön reden und werden in den nächsten Tagen klären, ob der Trainer noch tragbar ist.
Zum Glück müssen wir nicht dem äußerst vollgestopftem Zeitplan folgen und ins nächste Hotel zum nächsten Essen gehen, sondern können in Ruhe duschen und sind dann pünktlich zur Abendveranstaltung auf unserem Campus. Sogar so überpünktlich dass wir die Hyperspitzenmegaplätze, in der unweit der Bühne mit Rückenlehne und eigenem Tisch (alle anderen hocken auf niedrigeren Holzhockern und ab der Mittellinie des Feldes sieht man eigentlich nicht mehr viel). Die Delegation kommt hingegen viel zu spät und muss irgendwo Platz nehmen. Natürlich hätten wir aus Respekt vor den hohen Tieren unseren Platz räumen können, aber sorry, lieber Minister, lieber Rektor, lieber Studiengangsleiter, nicht ihr wart es, die nach einer durchzechten Nacht in der prallen Sonne auf dem Fußballplatz gerackert habt. Das waren wir. Und da siegt jetzt einfach mal der Egoismus. Man muss auch einfach mal wissen, wann man pünktlich kommt und wann man zu spät kommen darf.
Die Show ist sehr fein inszeniert und aufgezogen. Neben 'Laien', die ihre Sache sehr gut machen, kommen auch hoch angekündigte Superstars. Ich kenn sie nicht, aber die Menge tobt, ständig werden Schilder mit den abgedruckten Antlitzen der Stars hochgehalten, Blumen überreicht, gekreischt... Mir gefällt's, wenngleich aber alles recht militärisch ausgerichtet ist, da oben genannte Herrschaften in Uniform singen. Zugaben geben sie übrigens nur, wenn die Menge lautstark verspricht, immer gut zu lernen und artig zu sein.
Das ganze ist also ein buntes und lautes Spektakel, das es in Deutschland so nicht geben würde. Zwar sagen mir später viele Chinesen, dass es eigentlich nicht gut war, aber die hatten auch keine VIP-Sitze und konnten wahrscheinlich nicht viel sehen.
Auffällig ist noch, dass der Applaus am lautesten ist, wenn am Ende eines Auftrittes ein kleines Feuerwerk gestartet wird. Gegen elf ist das ganze beendet und noch während der Abmoderation ströhmen alle aus dem Stadion. Da der Supermarkt sowohl ausverkauft als auch überfüllt ist, geht es auch für uns schleunigst ins Wohnheim und ich schlafe früher als an jedem anderen Wochentag, da es morgen schon wieder viel zu früh raus geht.

Für die folgenden Bilder bedanke ich mich bei Frau Moroff, unserer Rektoratssekretärin, die ebenso Reisetagebuch führt. Möge sie mir verzeihen, dass ich sie ohne zu fragen verwende.


Pure Spannung bei der Morgenveranstaltung.


Deutsche Kampfmaschinen gegen kleine chinesische Techniker


Bunt und schrill.

Tag 63: Die Deutschen sind da.

Anlässlich der Ankunft der deutschen Delegation werden wir heute ab neun Uhr in den Bibliotheks-Hörsaal am alten Campus gebeten, um an einem Symposium über die Entwicklung der Druck-Branche teilzunehmen. Die ersten Redner sind unser Rektor und unser Studiengangsleiter, danach sollen bis fünf Uhr nur Chinesen folgen, eine Übersetzung ist nicht angedacht.
Da ich in den ersten Vorträgen nicht viel Neues erfahre, bin ich umso erfreuter, dass wir schon um elf anstelle unverständlicher Reden eine Campus-Führung bekommen. Jetzt weiß ich zum Glück auch, wo wir im nächsten Semester hin müssen. Danach bekommen wir im Gasthaus der Uni, einem recht guten Hotel, ein Essen und freuen uns anschließend über den unerwartet freien Nachmittag, da wir, die wir schon länger hier sind, nicht mit zur Stadtführung fahren.
Für den Abend verabreden wir uns wieder auf dem alten Campus, um von dort mit denen, die Lust haben, die Nachtclubs aufzusuchen. Wir landen wieder im 1+1 und hier kann ich leider nur darüber berichten, was ich gemacht habe, da ich die anderen nur selten sehe.
Zu allererst bestellen wir (noch zu dritt) ein Bier und eins für die Reserve. Bis das kommt, laden uns allerdings gleich ein paar Inländer auf eins und noch auf ein zweites ein, bei denen wir mit den Worten 干杯 (ganbei -> Becher leer -> Prost und dann sofort weg) zum Exen des Edelgetränks aufgefordert werden, wenngleich es auch nicht so gut schmeckt.
Ich stelle also mal wieder schnell fest, dass es die pure Geldverschwendung ist, den unverschämt hohen Preis von 30 Yuan (3 Euro) pro Flasche zu bezahlen, da ich sowieso hier und da eingeladen werde und später auf jedem Tisch noch ein großes Lager vorhanden ist, da man für die Sitzgelegenheiten einen Grundverzehrpreis entrichten muss, der so hoch ist, dass man für den Abend locker ausgesorgt hat.
Die beiden sind also die ersten Freunde, die ich heute mache, auch wenn ich ihre Namen und Telefonnummern gar nicht erst hinterfrage, da ein junger Sprössling, angetan von meinem Antlitz und meiner Statur sich meiner annimmt, um mein emsiger Gehilfe für den Rest des Abends zu werden scheint. Auch wenn er nicht immer anwesend ist, so ist er doch stets da und taucht hier und dort mal wieder auf.
Er sorgt auch dafür, dass mein Durst stets gestillt ist, da ich durch ihn von Tisch zu Tisch geleitet werde, damit jeder mal den großen trinkfesten Westler einladen kann. Bei einem Tisch bleibe ich etwas länger hängen, da mir ein gnädiges Fräulein sehr anmutet.
Von ihr entreißt mich allerdings wenig später mein kleiner, treuer Gehilfe, da er sehr aufgebracht mitzuteilen versucht, dass er etwas sehr seltenes und interessantes entdeckt hat: andere Weiße. Sie sind Amis und versuchen auch, etwas zu bestellen. Das gute Benehmen und das gleiche Schicksal, das wir teilen, verlangen es von mir, ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Sie sind auf der Suche nach Flüssignahrung, die Kellner scheinen sie aber nicht zu verstehen. Ich will ihnen cool meinen Trick mit den Tischen zeigen, scheiter aber gleich beim ersten, da dessen Besitzer noch gewillt ist, selber alles zu trinken. Nach etwas Hin- und Her kaufen die beiden Buben aus noch viel weiter westlich zwei Flaschen zum Originalpreis ab und danken mir trotzdem höflich für meine Hilfe.
Zurück bei der Dame bin ich etwas überrascht und erschrocken, wie sie mich vermisst zu haben scheint, da ihre Hände stets überall, zumeist in der Gesäß-Gegend zu sein scheinen und das, obwohl diese Stelle eigentlich aufgrund der Distanz zwischen mir und ihr schier unerreichbar ist. Fast zu spät merke ich, dass es sich auch nicht um ihre kleinen Patschepfoten handelt, sondern um die großen Pranken des einen Amerikaners, dem ich nun anscheinend sehr anmute.
Mir gelingt es nur mit Müh' und Not, ihm aufzuzeigen, dass ich nicht an ihm interessiert bin. Und überhaupt: Wo ist mein kleiner Padawan, der kleine Sprössling, der doch sonst immer da war?
Nach der Diskussion mit ihm ist leider das Weibchen verschwunden, was dem Abend für mich aber keinen Abbruch tut. Ich führe meinen Gang von Tisch zu Tisch fort, tanze ein wenig und fahr viel zu spät in der Früh mit den letzten unserer Gruppe heim.
Jetzt ist ein dreistündiges Power-Bubu angesagt, denn es ist der erste Mai und um neun Uhr sind wir auf dem Sportplatz zwecks Lauschen langweiliger Reden gefordert. Und da wir VIP-Karten haben, sollte man da schon erscheinen. In welchem Zustand auch immer.

Donnerstag, 30. April 2009

Tag 62: 1000

Prima, wir machen endlich unsere Druckplatten fertig und das, obwohl wir noch einmal Fehler und Satz korrigieren müssen, weil uns hier und da noch etwas auffällt. Morgen ist Druck-Symposium mit der deutschen Delegation, übermorgen erster Mai, dann Wochenende, wir können Montag also drucken.
Den Nachmittag nutzen wir etwas, um einen Bruchteil unserer Dosensammlung mittels Kleister zusammenzukleben. Jetzt sind wir im Besitz einer wunderschönen Säule, die von Boden bis Decke geht und jetzt unser Toilettenpapierhalter ist. Morgen folgt eine zweite Säule.
Da die Dämpfe des Klebstoffs uns zu Kopfe steigen, schauen wir mal auf den Sportplatz, der seit Tagen komplett belagert ist, da alles für den großen Empfang am Freitag, 1. Mai, gerichtet werden muss. Eine große Bühne, viele Lichtanlagen, jetzt bereits Stühle stehen schon und es muss das koordinierte Platz belegen und Platz räumen geübt werden. Langweilig.
Wir werden hier von bekannten aber nicht erwähnten Damen und Herren entdeckt und speisen mit ihnen zu Abend. Dies erweist sich als Fehler, da bei allen dreien später mindestens einmal die Tränen fließen: Beim einen, weil er mit einer der beiden Damen anbändeln möchte. Diese will aber nicht, vermag es ihm aber auch zunächst nicht zu sagen und als sie es dann doch tut, fühlt sie sich so schlecht, weil er so gut zu ihr war, dass auch bei ihr die Tränen fließen. Und als ich dann irgendwann spaßeshalber erkläre, dass ich mit der deutschen Delegation nächste Woche zurück nach Deutschland fliege, gibt es auch bei der zweiten kein Halten mehr.
Echte Gefühle oder Kindergarten, ich weiß es nicht. Mit Mühe und Not besänftige ich die Weibchen mit netten Sätzen, den Knaben mit Schnaps.
Das Tränenmeer macht mich so sentimental, dass ich mein heutiges Jubiläum kaum richtig feiern kann:
Um 23:03 Uhr piepst mein Handtelefon und was lese ich da: es ist meine 1000. (in Worten eintausendste) erhaltene Kurzmitteilung. Und das alles seit dem 18. März (um 17:46 Uhr). Somit habe ich, sofern alles richtig berechnet ist, pro Stunde 0,987 Kurzmitteilungen erhalten.
Man ziehe hiervon mal schätzungsweise acht Stunden Schlafenszeit ab und schon sind es 1,4 pro Stunde. Da weiß man, was in den Stoßzeiten so alles auf mich zugekommen ist.
Meine Freude über diese Zahl hält allerdings nur eine kurze Zeit, denn schon als ich mit erhobenen Fäusten triumphierend bei Lukas im Zimmer stehe, und die Worte "Lukas, da ist das Ding, 1000..." brülle, werde ich je durch ein wohlbekanntes Piepsen unterbrochen und muss meinen Satz mit "... und eins SMS!" beenden.
Dennoch lasse ich einen Koffer springen und alle sind glücklich. Bis auf jene welche, die da weinen.

Tag 61: Verkehr.

Wie gestern schaffen wir auch heute nicht viel beim Projekt. Das Ausschießschema steht eigentlich schon lange, wird aber gerne mal wieder schnell zerrissen, weil man doch größere Platten und Papierformate findet, sodass auf einen Bogen zwei Signaturen passen. Dann fällt einem aber auf, dass es doch ein wenig zu knapp ist, weil ganz am Rand nicht gedruckt werden kann. Dass wir am Rand aber nichts zu Drucken haben, ist erstmal egal.
Heute kommt die deutsche Delegation an, zwecks sämtlicher Jubiläen in den nächsten Tagen (60 Jahre Uni Xi'an, 35 Jahre Studiengang Druck, 10 Jahre deutsch-chinesischer Studiengang). Die Delegation besteht aus vier Profs (Rektor, Studiengangsleiter, etc.) und 25 Studenten. Von chinesischer Seite aus werden wir gebeten, zwei von uns mit zum Flughafen zur Begrüßung zu schicken. Eigentlich habe ich mich dafür bereiterklärt, verspüre aber überhaupt keine Motivation mehr und bin froh, dass Andy und Arne das für mich übernehmen. Dort angekommen ernten beide vom Studiengangsleiter aber erstmal ein "Ach, was machen Sie denn hier?". Diesen Mangel an Freude weiß Arne auszunutzen und behauptet einfach mal, dass die beiden für die nächsten Tage nach Hainan fliegen würden, weil es beim Projekt nichts für sie zu tun gäbe. Das wird erstmal hingenommen, später aber noch etwas stärker mit den für uns zuständigen Personen in China diskutiert.
Lukas und ich fahren jetzt täglich mit dem Rad zum alten Campus. Wir sind dadurch nicht nur sportlich, sondern auch viel schneller, als wenn wir den Bus (inkl. Weg zur Haltestelle) nähmen.
Wir nutzen hierfür die Straße, da die Fußwege viel zu überfüllt sind. Die Straße ist zwar auch vollgestopft, allerdings fahren die dortigen Vehikel ungefähr unser Tempo, mal etwas schneller, mal etwas langsamer.
Ich habe bereits öfters erwähnt, dass es nicht gerade ein Verkehrssystem gibt, den Führerschein kann man für Geld und dem Beantworten einiger kinderleichten Fragen beantworten. Aber so langsam steigen wir hier durch.
Fakt ist in erster Linie: Dreistigkeit siegt. Sobald man etwas zu eingeschüchtert an die Sache rangeht, hat man verloren. Die Devise lautet somit: Rauf auf die Straße und nach mir die Sintflut. Bei Spurwechseln darf man ruhig mal jemanden etwas schneiden, das ist der einfachste, auf die gewünschte Bahn zu kommen. Zwar kann man mit dem Rad nicht so viel Macht ausüben, aber jeder hier weiß, dass ein angefahrener Ausländer der Stadt nicht gut tut und zudem bringen die langsame Geschwindigkeit und die guten Bremsbeläge jeden Wagen schnell zum Stillstand, man hat also nicht viel zu befürchten. Das klappt sogar im vierspurigen Kreisel.
Wird man von einem anderen Verkehrsteilnehmer angehupt, sollte man das nicht sofort persönlich nehmen. Ich werde bisher auf jeder Fahrt angehupt, winke dann aber stets freundlich zurück. Hupen ist hier eine Art Hobby, jeder liebt es, jeder tut es. Auch mein linker Daumen bildet langsam Hornhaut, weil ich meine Klingel ausgiebig benutze.
Wenn man einen Radfahrer überholen will, sollte man dies links tun. Denn dieser erwartet einen nicht auf der Seite und könnte einen dann schneiden, oder was noch schlimmer ist, er scheidet seinen Speichel schwungvoll in diese Richtung aus. Diese Erfahrung darf Lukas heute machen. Im Gesicht. Er hat nicht gut Lachen.
Bei Ampeln zählt die Farbe eigentlich nicht sehr viel. Ist die Masse an Fahrzeugen, die mit einem in die gleiche Richtung fahren, kleiner als die, derer dich kreuzen, braucht man Geduld, bis man eine geeignete Lücke findet. Es ist manchmal sicherer, bei Rot über die Kreuzung zu fahren oder zu laufen, als bei Grün. Denn sobald ein anderer hupt, erwartet er die Vorfahrt, die man ihm auch besser lässt.
Die letzte Straße, die zum Campus führt, ist mit einer Mittelleitplanke getrennt. Da die Uni jenseits der dieser Leitplanke liegt, muss man die Straße also erst ganz durchfahren, bis die nächste Kreuzung zum Wenden kommt, oder die Fußgängerbrücke nehmen. Oder man fährt an der ersten Kreuzung einfach auf die andere Fahrspurt und bahnt sich dort seinen Weg auf der noch einmal abgetrennten Busspur. Diese wirken zwar sehr imposant, wenn sie auf dich zurollen und vortäuschen, keinen Platz zu lassen, aber letztendlich scheren sie doch noch etwas aus und man kommt problemlos an ihnen vorbei.
Der Hinweg ist somit fast ohne Stopps bewältigt, lediglich am Tor des Campus' muss man, weil es irgendein Gesetz so verlangt, absteigen, sonst wird der Wachmann böse.
Für den Rückweg zum Wohnheim gebe ich folgenden Tipp.
Um dem Smog etwas zu entfliehen, sollte man bei einer Kreuzung, die einem abschüssigem Hang folgt, etwas taktisch vorgehen und bei Grün genügend Schwung mitnehmen, sodass man als erster über sie jagt, am jetzt steigenden Hang seinen Vorsprung verteidigt (die Busse fahren fast Schritttempo, da sie kaum genügend Kraft besitzen) und das letzte Stück bis zum Campus locker bei verhältnismäßig guter Luft ausrollen kann.
Wer diesen Ratgeber liest und beherzigt, hat locker das Zeug zum Überleben im Xi'an'schen Straßenverkehr.

Tag 60: Waschtag

Der heutige Tag bringt nicht wirklich viel ein, da wir beim Projekt vor uns herdümpeln, weil keiner weiß, wie die Maschinen zu bedienen sind, sei er oder sie Deutscher oder Chinese (Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, lassen wir leider die mit zwei Stunden viel zu lange Mittagspause uns noch eineinhalb Stunden auf den zuständigen Professor verstreichen, sodass wir erst spät am Nachmittag zurück auf unserem Campus sind, später als jemals zuvor in China haben wir Feierabend).
Also plag ich mal über unsere Waschproblemen: Zwar besitzen wir den Luxus, eine Waschmaschine zu besitzen, allerdings arbeitet die manchmal nicht so, wie sie soll. Dies mag zum einen an der Technik, viel mehr allerdings wahrscheinlich am Unvermögen des Bedieners liegen.
Ein Nachteil der Maschine ist, dass sie selber nur kaltes Wasser reinpumpen kann. So muss man sie zunächst neben der Wäsche auch mit heißem Wasser aus der Dusche befüllen, wenn man Glück hat, reicht das für den Waschgang. Ansonsten wird, wie gesagt, kaltes nachgepumpt.
Leider rastet der Schalter unserer Maschine nicht mehr ein, sodass wir als angehende Ingeniöre uns bereits in den ersten Tagen gezwungen sahen, uns etwas einfallen zu lassen. Wir befüllten eine Flasche mit Wasser, die nun schwer genug ist, um den Knopf unten zu halten. Mittlerweile haben wir für das positionieren ein so gutes Fingerspitzengefühl, dass sogar während des Schleudergangs die Flasche stabil steht. Als sie das noch nicht tat, musste ein Waschvorgang ziemlich häufig wiederholt werden, um ihn abzuschließen.
Man kann zwar zwischen verschiedenen Waschprogrammen auswählen, allerdings erkennen wir bisher noch nicht den Unterschied zwischen ihnen. Die Wassertemperatur wird von der Dusche geregelt und von der Waschzeit nimmt es sich nicht viel. Also kann man auch gleich alles zusammen waschen, Hemden, Hosen, Handtücher. Das schenkt sich nichts, irgendwie wird alles sauber und nicht zerstört.
Problematisch ist es mit der weißen Kleidung: Irgendwie scheint sich von draußen viel Staub in die Maschine zu schleichen, denn meine weiße Kleidung ist durch und durch ergraut, bzw. es gibt schwarze Flecken, die zuvor noch nicht vorhanden waren. Oder sie erpinkt, da das Studiengangs-T-Shirt, das man uns zum Sportfest gegeben hat, noch ein wenig Farbe übrig hatte. Trotz meines rosa T-Shirts, das ich als Warnung in die Stube gehängt habe, hat Luke es sich nicht nehmen lassen, einfach den gleichen Fehler zu begehen.
Ein weiteres Manko ist, dass ich im Handgepäck das Sockenmonster durch den Zoll geschleust zu haben schein. Es ist schon wieder unglaublich, wieviele nicht zueinanderpassende Socken sich in meinem Schrank befinden.
Zum Glück kostet das alles recht wenig Geld, sodass ich mich leicht wieder mit neuen Socken und farbigen T-Shirts (zumeist bedruckt mit sehr phantasievollem Englisch) eindecken kann. Und ich muss nicht ins Dorf zum Waschen. Das hat doch auch schon was.

Montag, 27. April 2009

Tag 59: Massage.

Bevor ich mich abermals künstlich aufrege und mal wieder erwähne, dass, wenn man uns um halb neun zum Treffpunkt bestellt, weil um zehn Uhr das Spiel stattfinden soll, welches dann aber doch erst um nach elf angepfiffen wird, und dass ich mal wieder am Auftreten des Teams verzweifle, weil alles nur hektisch abgeschlossen wird, filtere ich einfach mal das Positive heraus: Es ist schönes Wetter, der Bus bringt uns bis vor die Tür der scheinbaren Elite-Uni, die sich außerhalb der Stadt erhöht, am Rande der Berge in wunderbarer Idylle mit schöner Parkanlage und schönen Frauen ausgestattet, befindet, ich schieße endlich wieder ein Tor und wir sind dann doch schon recht früh mittags fertig, sodass Denis und ich, trotzdem wir noch in die Mensa gehen, wieder da sind, bevor Lukas, der heute den Kranken simuliert, sich überhaupt mal aus dem Bett bewegt hat.
Wenn Lukas so lange schlafen darf, dann kann ich das auch und so wird geruht, bis der Rest zum Marsch in die Mensa ruft. Die Eitelkeit erfordert vorher noch einen Griff zum hier erworbenen Haar-Wachs, welches meine doch recht borstigen Haare mit nur wenig Masse in sämtliche Formen und Richtungen verbiegen. Inspiriert durch die Dragonball Z-DVD gönne ich mir eine ganz und gar prächtige Frisur.

Denis und ich verfolgen schon seit mehreren Wochen den Plan, uns eine Massage zu genehmigen. Nachdem diesem immer durch den Satz "Jo, machen wir morgen." Aufschub gewehrt wurde, kommen wir heute nicht drum rum und fahren an den von unseren Vorgängern in der Karte markierten Ort, zwei Stationen mit dem Bus entfernt. Dort finden wir an den kitschig beleuchteten Häuserfassaden leider nicht die von uns gesuchten Zeichen 按摩, also fragen wir mal nach und werden in einen einem Hotel ähnelnden Eingangsbereich geführt. Aufgebrachte Damen im Kimono kreischen uns ein '你好,欢迎你' (Hallo und herzlich Willkommen) entgegen und dann heißt es 'Schuhe aus' und rein in die Schlappen. Wir werden nach oben geführt, vorbei an den noch viel mehr aufgebrachten Damen, die die Dienste verrichten in einen Raum, ausgestattet mit zwei Liegen, einem Tisch und einigem Schnickschnack. Nach Aushandeln unserer Wünsche (Ganzkörper für 80 Yuan und Tee für 58 Yuan) , wird uns von den beiden glücklichen Damen, die nun die westlichen Prachtkerle bearbeiten dürfen, ein Fußbad gereicht und die ganze Prozedur beginnt.
Der Tee ist seinen stolzen Preis wert, was er nach der Prozedur auch sein muss: Es werden erst die Tassen mit dem Wasser ausgewaschen, dann mit der ersten Ladung Teearoma benetzt, anschließend ausgegossen, die Blätter noch einmal aufgebrüht und dann das ganze nochmal... es dauert also ziemlich lange, scheint aber zu funktionieren.
Die Massage ist auch prima, nur Denis wird komisch angeguckt, als er sich seines T-Shirts entledigen möchte. Allerdings stellt er hier die auf mich sehr philosophisch wirkende Frage "为什么我们穿衣服?" ("Warum tragen wir Kleidung?" Ja, warum wohl? Weil wir kein Fell mehr haben und Warmblüter sind? Weil das in der Zivilisation nunmal Standard ist?). Er darf sich dennoch entkleiden.
Wie schon in Guilin kommt man bei der Behandlung der Schenkel kritischen Regionen sehr nah, sodass ich befürchte, verführt zu werden. Grundsätzlich könnte man darüber ja reden, aber nicht unbedingt, wenn Denis neben mir liegt.
Da Ganzkörper nun einmal Ganzkörper bedeutet, geht es letztendlich noch an die Bauchregion. Nach dem für uns beleidigend wirkenden Kompliment, einen sehr schön weißen Bauch zu haben, wird dieser geknetet und geschlagen. Auch hier wird mir etwas Bange, denn es lösen sich nicht nur muskulöse Blockaden, sondern auch eingeschlossene Lüfte, die nur allzu menschlich, dennoch von der Gesellschaft noch nicht so akzeptiert sind. Mit einiger Konzentration und Beherrschung meistern wir diese Situation aber glänzend und schon ist die eine Stunde auch schon um.
Jetzt dürfen auch nochmal alle anderen Damen den Raum betreten und Erinnerungsfotos von denn tollen Buben machen, die selbstredend versprechen, baldigst wiederzukehren.

Tag 58: Nicht viel los am Samstag.

Gestern lief nichts, also ist es für mich auch nicht so schlimm, dass die Kinder im Hof mal wieder ab acht Uhr Radau machen. Man sollte eigentlich glauben, hier hätte die die Ein-Kind-Politik Einzug genommen, aber hier wird scheinbar geworfen, wie bei den Kaninchen. Ich werde mich damit arrangieren müssen.
Da Lukas zum einen sein Bett an der anderen Seite seines Zimmers stehen hat und sich zudem noch zwischen Zimmer und Fenster noch der verschließbare 'Wintergarten' befindet, pennt er ungehindert bis mittags weiter (was er diese Woche desöfteren mal tut), sodass es mich zu langweilen droht.
Michells Hungerklagen kommen da gerade richtig, sodass ich abermals mit einer weiteren Dame speisen gehe. Selbstverfreilich nur des Lerneffekts wegen. Naja, und als Wiedergutmachung für meine gestrige scheinbare Ignoranz ihr gegenüber, die Tränen in ihre Augen brachten.
Mittags haben wir Fußballtraining. Der Coach ist nicht da, sodass Denis und ich das erstmal übernehmen, allerdings mit ziemlich wenig Erfolg, da keiner kapiert, wofür das von uns angestrebte Flügelspiel mit Doppelpass und Hinterlaufen gut sein soll.
Nutzen können wir auch nur den halben Platz, weil auf der einen Seite aus Metallstreben eine hohe Bühne gebastelt wird. Am 1. Mai ist nämlich erstens Feiertag und zudem wird die Uni ja noch 60. Und da werden richtige Superstars erwartet, sagt man uns. Selbst von der Navy kommt nicht der erste, nicht der zweite, nein, es kommt der dritte Boss. Spätzle ist sehr aufgeregt, wir sind es auch.
Da an diesem Wochenende der Campus recht leergefegt ist, treibt uns die Langeweile dazu, mal zu gucken, wie viele Buben und Damen hier so wohnen. Und siehe da: 6 (Stockwerke) x 18 (Zimmer auf einer Seite des Gangs) x 2 (Seiten des Hauses) x 6 (Zimmerbewohner) machen mal schnell um die 1200 Bewohner pro Wohnheim. Und die sehen nun wirklich nicht so groß sein. Jetzt können wir auch die finsteren Mienen der 阿姨's ('Tante' = Damen, bzw. Onkel, die ihr Zimmer an der Eingangstür haben und ab halb zwölf, manchmal auch erst um zwölf abschließen), die wirklich genervt sein müssen, wenn nur ein Bruchteil der Wohnheimsbewohner am Abend zu spät erscheint und mindestens eine Viertel Stunde damit zubringt, mit Klopfen und einem verzweifelten "阿姨" ihr Gehör und ihre Gnade erbitten.
Am Abend sind wir endlich mal wieder kreativ und gestalten unseren Podcast. Dieser jener darf baldigst auf www.chiina.info zu begutachten sein.

Samstag, 25. April 2009

Tag 57: Es lebe die Anonymität.

Um neben dem SMS (momentaner Status: 856 Mitteilungen) und Telefonkontakt mein Chinesisch noch weiter zu schulen, habe ich mich jetzt bei XiaoNei (chinesisches Facebook) und QQ (chinesisches ICQ) angemeldet. Es ist ein bahnbrechender Erfolg, denn stündlich erhalte ich neue Freundschaftseinladungen.
Während in Deutschland alle über das Internet fluchen, weil es einem die Anonymität raubt, braucht man hier hingegen (außer mir) nicht wirklich darum zu fürchten. Denn: jeder benutzt hier nicht wirklich seinen Namen (zumindest im QQ) oder wenn doch, dann nur, weil der öfters vorhanden ist. So soll ich beispielsweise schon einen gewöhnlichen Namen suchen. Ich finde den Namen, leider etwas zu oft. Nachdem zwei Seiten durchstöbert sind, fällt mir auf, dass es alleine auf dieser Universität über 500 Studenten mit dem identischen Namen gibt. Erschwert wird die Suche noch dadurch, dass besonders die Damen des Photoshops mächtig zu sein schein und dort ihre Hautfarbe nachträglich besonders bleichen und auch sonstige vermeintliche Mängel retuschieren.
Mit dem Verfluchen dieser Seiten und den Fragen danach, wer denn überhaupt wer ist, verbringe ich den heutigen Freitagmorgen. Die Zeit dafür habe ich, da für unser Projekt sämtliche Texte fertig geschrieben sind und nicht jeder bei Satz und Layout dabei sein muss. Heimlich ist diese Aufgabe bereits Philipp zugeteilt worden, der bereits ein Buch selber gestaltet und auch unsere wunderschöne Internetpräsenz entworfen hat.
Am Nachmittag gehen Lukas, Nadine, Andy und ich in Begleitung von Spätzle in die Stadt, um ein Fahrrad zu finden, da Busfahren nicht immer so toll ist. In der Nähe des alten Campus werden wir fündig; in einer einzigen Straße scheinen sich sämtliche Fahrradhändler Xi'ans zu befinden, mindestens 20 Läden reihen sich aneinander.
Für ein Jahr soll es kein zu teures, allerdings auch kein zu schlechtes Rad sein. Uns wird zwar gesagt, dass man für 300 Kuai (dreißig Euro) locker was findet, die von uns angestrebten Zweiräder liegen dann aber doch eher bei 1000 Kuai.
Spätzle sei Dank werden wir endlich im letzten Shop fündig und gönnen uns ein Rennrad. Der eigentliche Preis von 1200 Kuai wird auf 75 % runtergeschraubt (wieviel mag das wohl sein?) und für einen kleinen Obulus gibt's noch Licht, Schloss und einer formschönen Klingel mit Kompas (der sogar richtig läuft).
Der Rückweg wird dann nochmal richtig gefährlich, weil wir uns erstmal dem Verkehrssystem, das gar kein System hat, anpassen müssen. Mit viel Dreistigkeit und etwas Weitsicht meistern wir das aber ganz wunderbar, auf der letzten Steigung vorm Campus überholen wir zwei Busse und ein paar Mopedfahrer (die anerkennend den Daumen ausstrecken und unsere Schenke zu bewundern scheinen) und sind so 15 Minuten vor Nadine da, die mit dem Bus unterwegs war.
Kurzum: Am Fahrrad sind kaum Mängel zu finden, es ist leicht und gut zu bewegen und mit der Garantie von drei Jahren können wir nicht viel falsch gemacht haben. Zudem darf man für 95 Euro nicht wirklich mehr erwarten.
Da wir so günstig davongekommen sind, laden wir Spätzle selbstverfreilich zum Essen ein, spielen Tischtennis und lassen den Abend bei fröhlichen Disney-Filmen ausklingen.

Tag 56: Filmstars

Wir werden früher denn je zum alten Campus, nämlich um 8h15, bestellt, da irgendein Kamera-Team uns bei der Arbeit über die Schultern schauen will. Natürlich weiß ich bei dieser Uhrzeit sofort, dass es sich um einen Trick unserer Profs handelt, uns endlich mal pünktlich um halb neun alle anwesend zu haben. Es klappt bedingt, mit einer Streuzeit von knapp 30 Minuten (15 Minuten vor und 15 Minuten nach Treffpunkt) trudeln fast alle ein, nur Lukas scheint irgendwas an der Ente nicht so bekommen zu sein und er bleibt bis fünf im Bett.
Da die Filmaufnahmen auf sich warten lassen, nutze ich schonmal die Zeit, um für unser neues Projekt zu arbeiten. Wir dürfen uns jetzt nämlich selber etwas aussuchen und entscheiden uns für ein Büchlein mit den wichtigsten Dingen, die vor China und in den ersten Tagen dort erledigt werden müssten. Unsere Nachfolger sollten uns sehr dankbar sein.
Das Kamera-Team kommt endlich und das ganze ist dann auch mal wieder kleiner, als es großgeredet wurde. Es wird eine Vorlesung simuliert, von ein paar Stellen aus für ein paar Sekunden gedreht und das war's dann auch schon.
Prima, ich habe Feierabend. Und da ich als einziger schon gearbeitet habe, bin ich auch der einzige.
Spätzle läd mich dann bereits um elf zum Mittagessen ein, weil es leckeren Fisch in der Mensa gibt. Und ja, er schmeckt und ich mache Spätzle mal wieder froh, indem ich alles aufesse.
Nachmittags gehe ich auf gut Glück zum Sportplatz zum Fußballspielen, habe aber schnell keine Lust mehr, da ich an der Eigensinnigkeit und dem fehlenden Konzept beim Spiel verzweifle.
Zum Glück muss ich nicht zu lange bleiben, da mich diesmal 刘荣 zum Essen erwartet. Gleichzeitig auch noch die Michelle zum Tischtennis, aber da das Mittagessen so lange zurückliegt, muss der Sport warten.
Fast zu spät erfahren wir am Abend auf der Homepage einer großen deutschen Boulevard-Zeitung, dass heute der Tag des Bieres ist. Und dem gebührt es zu fröhnen. Im Camping-Stuhr. Jener hat übrigens die Eigenschaft, viel zu bequem zu sein, sodass man schnell einschläft. Das muss nicht schlecht sein, passiert mir aber in dieser Woche viel zu häufig.

Tag 55: Dem Regen getrotzt.

Andy und ich sind heute von ein paar Damen eingeladen, mit zu einer anderen Uni im Nordwesten zu fahren, um deren Sportfesteröffnungsfeier zu begutachten. Ist das Wetter morgens noch recht schön, so fängt es leider ab Mittag an, ununterbrochen zu regnen. Dennoch soll das der ganzen Sache keine Abbruch tun.
下午, also nachmittags soll es losgehen, man ist aber schon leicht erbost, weil wir um zwölf Uhr noch nicht Feierabend haben. Ich bringe den Damen bei, wie der chinesische Tag eingeteilt ist. Denn ich hab's ja erst vor kurzem im Sprachunterricht gelernt. Und ich habe Recht.
Auf dem dortigen Campus angekommen, soll's in die Kantine zum Essen gehen, denn wir 饿死了,wir sterben vor Hunger. Für das Sportfest wird aber anscheinend sämtlicher Strom gebraucht, sodass sämtliche Mensen ohne darstehen und nur spärlich mit Kerzenlicht (schön heißes Wachs über den nicht abgedeckten Töpfen mit Nahrung) beleuchtet werden. Dieser Ort ist dann vielleicht doch etwas zu romantisch und wir müssen den ganzen Weg zurück (25 Minuten bis zum Tor (!)) durch Wind und Regen laufen, um in einem Fastfood-Restaurant zu landen. Zur Abwechslung schmeckt das aber auch mal sehr gut. Und gegen unseren Willen wird mal wieder für uns bezahlt. Ich wüsste nicht einmal, wie ich das verhindern könnte, ohne Gewalt, so flink ist die Rechnung abgearbeitet und für erledigt geklärt.
Beim Sportfest gibt es dann neben den normalen Tänzergruppen noch TaiQi und recht spektakulären Armee-Kampfsport zu sehen. Ein Highlight sind sicherlich die weißen TaiQi-Anzüge aus Seide(nreplikat) der Damen, die nach wenigen Minuten Regens durchnässt und durchscheinbar sind. Besonders toll ist auch, dass der Platz aus richtigem Rasen und die Laufbahn aus richtiger Aschebahn besteht, sodass sich das ganze schnell in eine Schlammschlacht entwickelt.
Meine Schuhe sind bereits nach einer Stunde durchnässt und das Wasser krabbelt so langsam an der Jeans bis zu den Knien hoch. Stark bleiben, Mirko, bloß keine Schwäche zeigen. Denn es geht jetzt wieder zum Essen und wieder bleibt mein Geld in meiner Tasche.
Wir sind erst gegen sieben wieder zurück, zu spät, um mit den anderen noch Peking-Ente essen zu gehen (das sei anscheinend länger geplant gewesen, ich habe nichts davon gehört). Aber gut, ich habe sowieso erstmal keinen Hunger und heiß duschen muss ich auch noch.
Sonst gibt's Schnupfen.

Donnerstag, 23. April 2009

Tag 54: Touristenprogramm





Mein früherer im Hinterkopf steckender Plan, nicht sofort in den ersten Tagen die ganze Stadt mit ihren Attraktionen zu besuchen, zahlt sich heute aus. Da der Mane nicht mehr lange hier ist und auch gerne was von Xi'an sehen würde, planen wir eine kleine Stadttour.
Es geht zunächst auf die Stadtmauer zum Fahrradfahren. Für eine Kaution und eine geringe Leihgebühr erwerben wir für die nächsten hundert Minuten tolle, ungefederte, unaufgepumpte Tandems, um die zwölf Kilometer hinter uns zu bringen. Radfahren läuft gut, die Sicht lässt allerdings etwas zu wünschen übrig. Entlang der Mauer befinden sich nämlich mit Ausnahme einiger Tempel, dem Bahnhofsvorplatz und eins zwei Parks zumeist nur Wohnbarracken, die nicht unbedingt eine Aussicht wert sind. Und weit gucken kann man ja auch nicht, was weniger an den ganzen Hochhäusern drum herum liegt als vielmehr der Luft.
Andy und ich gönnen uns noch ein Eis, das so teuer wie der Eintritt ist und kommen gerade so in der Zeit an. Haben wir ein Schwein, dass wir nicht den doppelten Preis bezahlen müssen.
Anschließend besichtigen wir mal wieder die Kalligraphiestraße, wo der angehende Diplomkünstler Mane sich voll mit Pinseln und anderen Utensilien eindeckt.
Der Abend wird an der 大雁塔, der Wildganspagode, verbracht, die abends für die Licht- und Wasserspiele sehr bekannt ist. 很好看, sehr schön anschaubar.
Neben der Wildganspagode befindet sich das Reichenviertel mit schönen Bauten und vielen schönen Bars. Der Zufall will es so, dass wir in eine gelangen, die Paulaner ausschenkt. In 5 l-Fässern.
Es geht erst recht spät nach Hause.

Tag 53: Angrillen.

Es ist pünktlich Feierabend, der Nachmittag ist zum Ausruhen genutzt worden, die Sonne scheint, der Grill ist gekauft, das Fleisch ist frisch... die Voraussetzungen könnten nicht besser sein für unser diesjähriges Angrillen.
Zwar gibt es an jeder Straßenecke gebratenes Fleisch, aber an einen guten deutschen Grillabend kommt das nicht ran. Um an die Dicke eines unserer herrlich zwarten, saftigen, gut marinierten Rinderlendenfilets zu kommen, müsste man zehn auf der Straße gekaufte übereinanderlegen.
Eigentlich habe ich befürchtet, dass die 2,5 kg nicht reichen würden, da wir neben uns auch noch viele chinesische Freunde (hauptsächlich Freundinnen) eingeladen haben, aber diese sind, da sie ja alle 怕胖, dick werden befürchten, recht schnell zurückgeschreckt und kommen behaupten, schon gegessen zu haben.
Ich schenke ihnen Glauben und esse ohne Gewissensbisse auf.
Zwar kaufen wir den Supermarkt auf dem Campus was das Bier betrifft fast leer (eine Anstandsdose lassen wir dort), getrunken wird aber nicht mehr so viel. Ich bin zu müde und schlafe bis halb vier im Campingstuhl, bevor ich ins Bett gehe, während die anderen Buben noch bis halb sechs in die Stadt ziehen. Es soll dort sehr lustig zugehen, aber da ich kein Augenzeuge bin, kann ich hier nicht berichten.
Morgen ist frei, da beim Projekt nichts mehr für uns zu tun ist. Es sickert durch, dass wir jetzt doch noch etwas anderes machen sollen. Ich bin gespannt. Wie in Flitzebogen.

Mittwoch, 22. April 2009

Tag 52: Keep on Germanizing

Wie bereits erwähnt, ist der Mane momentan zu Besuch und bestrebt, uns wieder ein wenig deutscher zu machen. Brot wurde schon gebacken, heute findet er, dass in ein gutes Stadion auch Bier gehört. Und so schaut er uns sitzend mit ein paar Dosen (bzw. zwei Trägern) im Campusstadion der Architekturuniversität beim Fußballmatch zu. Wir verlieren heute, unsere Serie ist gerissen. Viel schlimmer ist allerdings, dass ich seit ca. 270 Minuten ohne Torerfolg bin (wobei ich wegen der Größe des Kaders (mittlerweile 35) sowieso nicht auf viel Einsatzzeit komme). Ein Jammer. Genauso wie das Spiel unserer Mannschaft. Pfui. Die verstehen meine Anweisungen einfach nicht.
Nach dem Spiel bleiben wir noch lange sitzen und beobachten die Studenten, wie sie ihr Sportfest organisieren (hauptsächlich marschieren), das ganze bei feinem Bier, bis es wieder sieben Uhr ist (wir haben um zwei Uhr angefangen) und uns einfällt, dass wir eigentlich noch zur Metro wollten.
Dort kommen wir gegen acht Uhr an und errechnen uns, dass wir uns bei der Miete, die wir in Deutschland sparen, locker mal was gönnen können und so ist der Grill und die vier Camping-Stühle ruckzuck eingepackt. Auch bei der 1,5 kg-Schweinelende für 6 Euro und dem gleichschweren Pendant des Rinds für 15 Euro lassen wir uns nicht lumpen.
Zwar verfliegt unser Plan, heute noch zu grillen aufgrund der späten Zeit, die Schweinelende im Speckmantel (dazu Rettichsalat und Olivenbrot gereicht) schmeckt aber auch so noch um 00h15. Der Mane dessen Eltern kommen nämlich aus dem Gastronomiegewerbe. Ich glaube, ich kann den Mane gut leiden.