Sonntag, 7. Juni 2009

Tag 97: Klogeschichten

Lieber Leserinnen und Leser, dieser Tagesbeitrag tanzt mal wieder etwas aus der Reihe, da es sich nicht direkt auf den heutigen unspektakulären Tag bezieht, sondern auf die Erfahrungen bisher bezüglich eines leidigen Themas: die chinesische Toilette.

Zartbesaiteten Menschen und solchen, die vorhaben, vielleicht mal das Land zu besuchen, insbesondere Frauen, möchte ich nahelegen, diesen Beitrag zu überspringen, da ich es mir natürlich nicht nehmen lasse, scheinbar alltägliche Situationen schriftlich auszuschmücken, des Entertainments wegen.

Anders als in Europa ist der Toilettengang kein Tabu-Thema, man spricht es gerne offen an, da auch Verdauungsprobleme Krankheitsfall Nummer 1 sein müsste, was ab und zu bei der Lagerung von Nahrungsprodukten verbunden mit der Hitze und dem Insektenaufkommen nicht verwunderlich ist. So wird, sofern man krank ist oder es einem nicht gut geht, von Dritten stets darauf geschlossen, dass man 拉肚子, Durchfall, hat.

Diesen Fakt will Lukas sich heute zunutze machen, um der Arbeit fern zu bleiben. Ich spüre eigentlich schon beim Aufwachen, als er bereits emsig in der Küche am Frühstück zubereiten ist (normalerweise bin ich früher wach), dass es sich bei Lukas heute um einen Simulanten wird (außerdem hat es sich in den letzten Tagen etwas angedeutet), aber ich spiel einfach mal mit, als er mit leiser aber ernster Stimme berichtet, dass etwas nicht in Ordnung sei mit Darm- und Speisetrakt.

Um bei mir auch gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, geht er sogar zum campusansässigen Arzt, um Medikamente zu bekommen. Armer Lukas. Er hat außer Acht gelassen, dass nicht nur schlechtes Essen, sondern auch Viren eine Ursache sein könnten, und so wird auf eine Stuhlprobe bestanden. Furchtbar. Sowas könnte ich nicht. Das ist also der Preis für einen freien Tag.

Aber wenigstens darf er das dafür nötige Geschäft alleine und in aller Ruhe verrichten, was sonst nicht der Fall ist. In der Firma beispielsweise gibt es nur eine Sorte Toilette, und zwar das östliche Plumpsklo, der sind es gleich zwei. Was nicht schlimm wär, wären sie nicht zum einen nebeneinander und zum zweiten nicht nicht von Trennwänden geschweige denn abschließbaren Türen getrennt. Es kann also sein, dass man nur schnell seinen getrunkenen Tee wegbringen möchte, und dann hocken da schon zwei, sich unterhaltend, dich aber freundlich grüßend. Es fehlt nur noch die Zeitung in der Hand zum vollkommenen Glück.

Ein weiterer Makel ist, dass eventuell nötige Hygieneartikel selber mitzubringen sind. Allerdings sehe ich nie jemanden damit rumlaufen und Handtaschen, in der sie versteckt sein könnten, sehe ich auch nirgendwo. Sofern benutzt sind diese Produkte dann nicht im Entledigungsbecken zu platzieren, sondern im Mülleimer, da die Abflussrohre nicht europäischem Standard entsprechen und es leichter mal zu Verstopfungen kommen kann, was schnell zur Flutung des ganzen Raums kommen kann. Das ist nicht gerade feierlich.

Wahrscheinlich auch aus Angst, Schuld an einer solchen Sintflut zu tragen, halten es viele nicht nötig, zu spülen, sondern hinterlassen dem Nachfolger ein nettes Präsent, scheinbar um zu sagen: "Seht her, ich habe einen Haufen gemacht!"

Diese Tatsache plus die vollen Mülleimer lassen die Toilette schon aus einiger Entfernung riechen, weshalb es in Restaurants von Vorteil ist, sich etwas weiter davon wegzusetzen. Oder man lebt einfach schon seit drei Monaten hier, dann gewöhnt man sich an vieles.

Wie schon erwähnt, macht es hier niemanden etwas aus, die Privatsphäre des anderen zu verletzen, denn auch in moderner eingerichteten Gebäuden ist es in Einzelkabinen auch zu zweit oft am schönsten, sodass man in der Disco gerne mal auch von Wildfremden begleitet wird, egal, welchen Geschlecht sie angehörig sind. Aber als Gast in diesem Land, wird einem gerne der Vortritt gewehrt.

Da dieser unkomplizierte Umgang aber von Kleinauf gelernt wird, kann ich niemandem einen Vorwurf machen. Denn, an Windeln und Stoff sparend, tragen Kinder bis zum stubenreinen Alter ausschließlich Hosen mit Schlitz, der den Bobelles beim Hocken freilegt, was eine schnelle Entledigung an welchem Ort auch immer, und sei es der Eingang des Supermarktes auf dem Campus, ermöglicht. Allerdings sorgen aufmerksame Mütter und Großmütter schnell für die Entfernung jeglicher Spuren.

Wie man also liest, haben wir hier nicht nur Spaß (wie ich oftmals zu hören bekomme). Jeder Tag will zwecks Toilettengänge wohl geplant sein und bei jedem Bissen Nahrung isst die Angst mit, etwas schlechtes zu sich zu nehmen, was einen dringlichen Stuhlgang bedingen könnte. Denn alleine schon das Hocken halte ich als Kreuzbandgeschädigter nicht gerade lange aus. Was aber wohl das kleinste Übel ist.

2 Kommentare:

  1. Bisher eindeutig mein Lieblingsartikel von Dir! Er zeigt wunderbar die unterschiedlichen Kulturen auf. Wenn ich mich mal mit einem Chinesin in der Uni anfreunde, werde ich ihn fragen ob er mit mir eine Kabine teilt, danke für diese interkulturelle Kompetenz!

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