Montag, 2. November 2009

Tag 247: Es ist Halloween. -II-

Um halb zwei schlage ich die Augen auf und blicke auf die Uhr. Jetzt muss es schnell gehen, der Prof ist bestimmt nicht begeistert, wenn wir in einer halben Stunde nicht in seinem Büro sind. Uns ist das Wasser ausgegangen. Ich habe aber Durst. Der Brand. Im Kühlschrank ist noch Bier, das Cathrin aus dem Ai Shang mitgehen lassen hat. Hilft ja nichts. Die Dehydration muss verhindert werden. Ich kippe es in einem Zug. Hilft aber nichts, die Vorlesung bringt nicht gerade das mit, was man als spannend bezeichnen kann.
Und dann ist es schon wieder Abend. Und um sieben Uhr müssen wir eigentlich in einem leerstehendem Gebäude auf dem Campus sein, weil hier die Feier des Jahrhunderts stattfinden soll. Eigentlich sollen wir Musik mitbringen. Und einen kurzen Gruselfilm. Und Arne soll einen Vortrag halten. Über Halloween. Nö. Machen wir nicht. Und warum nicht? Weil wir keine Zeit haben. Wir müssen uns ja wieder schminken und heute soll es etwas ausgefallener sein.
Ich bilde um halb acht die Vorhut und gehe alleine los. Ein aufgeregter Deutschclub-Leiter erwartet mich schon sehnsüchtig. Wir sind Ehrengast, das Highlight des Abends. Und ehe ich mich verseh steh ich auch schon auf der Bühne, mit dem Mikro in der Hand und bekomme das Zeichen, jetzt Action zu machen. Manchmal kotzt mich die chinesische Spontanität und Nichtweitergabe von Informationen ein wenig an. Denn spontan und auf Druck geht gar nichts. Ich bringe gerade mal ein "你好" raus. Aber da kocht schon die Menge. Und dann bin ich auch schon erlöst. Es folgt eine halbe Stunde Fotoshooting. Ich hasse Mobilfunktelefone mit Kameras dafür. Anschließend geht es weiter im straff durchgeplanten Abendprogramm. Ich glaube, wenn den Leuten hier nicht gesagt wird, was sie machen müssen, gehen die ein. Man kann sie nicht einfach in einem Partyraum platzieren und sich selbst überlassen. Deshalb ist der Deutschclub-Leiter auch ein wenig verzweifelt, als wir ihm beibringen, dass Arne garantiert keine Präsentation halten wird. Ist schließlich eine Party. Und Filme haben wir auch nicht gefunden. Und nein, auch keine Musik. Aber immerhin ein Party-Spiel. Und uns. Geschminkt und verkleidet. Muss reichen.
Die Party ist dann um zehn Uhr beendet. Kurz zuvor verlieren wir unsere Bierstaffel. Eine Schande. Also verkriechen wir uns schnell in die Hostel-Bar. Hilft ja nichts.
Auf dem Weg dahin haben wir sehr viel Spaß, ahnungslose Passanten zu erschrecken, indem wir uns langsam anschleichen und hinter ihnen stehen bleiben, sehr dicht. Oder indem wir laut schreiend vor sie springen. Von Halloween haben hier die Leute, die Bars fernbleiben, nicht die geringste Ahnung. Erwähnenswert ist, dass die Männer der Schöpfung lauter schreien und schneller das Weite suchen, als die Damen. Treffen wir auf ein Paar, so ist es stets der Fall, dass die Dame nach drei Metern anhält und sich beruhigt, während der Mann schon dreißig Meter weiter gesprintet ist. Ohne seine bessere Hälfte.
In der Bar passiert hingegen nichts erwähnenswertes. Dafür ruft der DJ aus dem Ai Shang oft an. Er verspricht Freibier. Ich bin ja so käuflich.
Dort erkennt man uns natürlich sofort. Und ich darf heute auch direkt rein, trage wegen des kalten Wetters heute keine Flip Flops. Sobald wir den Laden betreten, stehen auch schon zwei Service-Kräfte hinter uns, bepackt mit zwei Koffern Bier. Zwei große. À 24 Flaschen. Das nenn ich mal Freibier. Bei der Ersparnis (48 Flaschen x 15 Yuan ergeben 720 Yuan) könnte ich mir glatt das Kostüm noch kaufen und öfters losziehen, da werde ich fast noch reich. Aber auch die Rechnung der Betreiber geht auf: Denn ich nutze kaum etwas von unserem Freibier (dafür aber die zehn anderen), denn ich werde von Tisch zu Tisch gezerrt und muss überall eine Runde mittrinken. Und diese Leute müssen investieren dann ja quasi anstatt meiner.
Zunächst kriegen wir einen Tisch etwas weiter Abseits, aber nach einem kurzen Klogang meinerseits finde ich unseren Bier-Vorrat in bester Lage wieder. Da hat der DJ wohl ein paar Einheimische verscheucht. Ist mir aber egal.
Wir bedanken uns wieder mit heißen Tänzen.
Der Abend könnte perfekt sein, aber ein Tropfen Wehmut bleibt: Meinen Hahn finde ich nicht wieder.








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