Ich habe ihr gestern bereits geholfen, etwas Kontakt aufzunehmen, aber da war sie noch sehr verschüchtert, hat es gerade einmal zur Handy-Nummer geschafft.
Heute bittet er sie dann, doch bitte wieder herzukommen. Aber J traut sich noch nicht so wirklich. Also muss der Papa wieder herhalten und die gute begleiten. Am Sonntag! Aber da wir ab dieser Woche nur noch pro Tag maximal eine Vorlesung haben und die morgige erst nachmittags stattfindet, kann man das mal machen.
In der Disco wartet bereits Mini, die auch meinen Gutschein über ein paar Flaschen Bier, die gestern nicht vertrunken wurden, schon eingelöst hat, sodass für mich ein Tisch bereitsteht, während die beiden Damen ab und zu zum DJ-Pult rübermarschieren.
Während meine Begleitungen aber abwesend sind, wittern andere Gäste ihre Chance. Und so kommt es nicht nur einmal vor, dass ich von Damen heimgesucht werde. Die erste nennt sich DJ Anna, hat mit Musik aber nichts am Hut, das DJ steht nur für die Initialien des chinesischen Namens. In unserem zehnminütigen Gespräch, währenddessen sie mir wahrscheinlich 15 Mal die Hand schüttelt, lässt sie mich wissen, dass sie heute Geburtstag hat. Ich gratuliere und frage denn, der wievielte es wohl sein möge. Der 15.. Ich denke kurz nach. Ich bin acht Jahre älter. Also mehr als 1,5 Mal älter. DJ Anna sagt, sie müsse nicht zur Schule. Sie sei dort sowieso die beste und werde deshalb gemobbt. Außerdem erbt sie wohl noch ein Hotel am Glockenturm. Also wär sie doch eigentlich eine gute Partie... Aber nein, heute nicht. J und Mini kommen zum Glück zurück und DJ Anna muss dann doch schon kurz nach Mitternacht nach Hause. Wird auch Zeit. Die Gute ist rotzevoll.
Die zweite Dame stellt sich mir gar nicht vor. Sie lallt nur irgendwas auf Englisch, während ich auf Chinesisch antworte. Von ihren Reaktionen her weiß ich, dass sie mich versteht. Dennoch fragt sie mich etwas später, ob ich Chinesisch sprechen könnte. Aber das ist eigentlich auch nur nebensächlich, eigentlich ginge es um ihre Freundin, die mich schon die ganze Zeit anschaut. Die Dame will sie holen gehen, fliegt aber aus der Kurve und ist erst einmal ausgeknockt. Ich bin nicht sonderlich böse drum, ja ganz und gar froh, dass J irgendwann sagt, dass wir nicht mehr bis drei Uhr warten müssen, weil der DJ dann erst Feierabend hat.
Für die Zukunft weiß ich, dass ich an einem Sonntag nicht mehr unbedingt diesen Amüsierschuppen aufsuchen muss. Denn es kommt alles noch viel schlimmer: Auf der Rückfahrt vergesse ich im Taxi meinen Hut! Und warum? Weil Mini sagt, ich solle ihn mit in die Tüte zu ihren Sachen stecken. Und J vergisst beim Bezahlen nach der Rechnung zu fragen, obwohl jeder Taxomat einen darauf hinweist.
Ich trauere um meinen Hut, da er mich schon sehr oft und sehr weit begleitet hat. Nun ist er in den Händen eines schmierigen Taxifahrers, der das edle Schmuckstück bestimmt nicht zu schätzen weiß.

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