Dienstag, 10. November 2009

Tag 255: Chinesisches Krankenhaus.

Heute Abend sind wir eigentlich mit sämtlichen Leitern des China-Projekts zum Essen verabredet, weil Frau Diao, für das China-Projekt an der HdM verantwortlich, uns besuchen kommt.
Ich weiß schon beim aufstehen, dass ich nicht teilnehmen werde. Denn das Fieber ist wieder da, stärker als gestern. Mein Thermometer zeigt 38,5 °C an, am Nachmittag beim Campus-Arzt sind es glatte 39 °C. Ja, ich gehe heute tatsächlich zum Arzt. Eigentlich finde ich, man kann ein wenig Fieber auch gerne mal so durchstehen, aber da auch hier so viel Panik mit der Schweinegrippe gemacht wird, man an jedem Tag Fieber messen soll und bei Temperaturen jenseits der 37,5 °C doch bitte umgehend einen Arzt aufsuchen soll.
Und das mach ich also. Dort werde ich nach Symptomen befragt, die ich aber schon alleine wegen der undeutlichen Worte, die die blöden Mundschutzmasken bedingen, nicht wirklich verstehe und nach dem Zufallsprinzip mit Ja und Nein beantworte. Dann heißt es: Jetzt gehen sie mal zum Krankenhaus. Drei Stationen mit dem Bus. Wie, Bus? Ich dachte, ich bin vielleicht schweinegrippe-verdächtig. Und da soll ich in einen möglicherweise überfüllten Bus steigen und meine Viren verbreiten? Wo ist denn bitte Tatütata der Rettungswagen? Denke ich.
Ich steige also brav in den Bus, fahre zum empfohlenen Krankenhaus, die auch schon mit einem großen rot-weißen Banner für H1N1 werben. An der Tür zeige ich den Zettel von der Frau Doktoren, der meine Symptome beschreibt. Nö, wir sind ein Militär-Krankenhaus, nicht für sie zuständig, fahren sie doch bitte weiter ins nächste Krankenhaus. Da ich den Namen jenes Hospitals aber nicht ganz verstehe (des Mundschutzes wegen) erfrage ich lieber die Bus-Nummer und suche mir auf dem Plan selber das Krankenhaus raus.
Dort angekommen habe ich schon keine Lust mehr, mich untersuchen zu lassen. Gleich nach der Eingangstür stehen viele Menschen in mehreren Schlangen. Viele nicht sehr glücklich und vor allem nicht sehr gesund aussehende Menschen.
Ich sage einem Herren in Uniform im Eingangsbereich, dass ich Fieber habe, leicht erhöhtes, und frage, ob ich mich auch anstellen muss. Nö, ohne diesen und jenen Zettel muss ich nicht anstehen. Bringt nämlich nichts. Aber er weiß auch nicht, wohin ich dann soll. Also frage ich eine Krankenschwester. Die weist mich in gen Westen in einen Gang. Und da stehen dann auch Ärzte und Schwestern und Rezeptionistinnen, lesen am Tresen meinen Zettel und fragen ungläubig, für wen das denn sein soll. Jo, für mich. Sie sind falsch, das hier ist die Kinderabteilung. Hätte mir auch auffallen können. Aber ich soll in den zweiten Stock gehen. Der zweite Stock hier liegt aber brach. Alles ist recht heruntergekommen, Gitterstäbe verweigern mir zumeist den Durchgang.
Also geh ich mal wieder raus und rufe Jiang Lei an. Ich sage ihr, ich sei im 西北 Xibei-Krankenhaus, hier hat keiner ne Ahnung, also sagt sie, ich solle bitte ins 西京 Xijing-Krankenhaus fahren. Ich habe das Taxi gerade herbeigewinkt, da drehe ich mich noch einmal um und sehe, dass ich das zweite Zeichen einfach nur falsch gelesen habe und eigentlich schon richtig bin. Also gebe ich dem Laden noch eine zweite Chance und gehe zum selben Sicherheitsbeamten, diesmal mit den Worten: H1N1-Zentrum. Wo? Und jetzt versteht er. Bitte gen Osten gehen in den zweiten Stock. Ich gehe ins Treppenhaus in den zweiten Stock. Da ist zunächst nichts, aber hinter einer verschlossenen Tür kann ich reges Treiben erkennen. Also geht's die Treppen wieder runter, unten entlang weiter gen Westen und dann finde ich auch endlich den Anmeldeschalter. Ich fülle ein Formular aus, erhalte dafür ein Heftchen, einige Zettel und eine Magnetkarte und darf von außen den zweiten Stock betreten. Dieser ist also Quarantänezone.
Und wer denkt, mein bisheriger Aufenthalt hier war chaotisch, der darf sich eines besseren belehren lassen. Zunächst darf ich Schlange stehen, um im Voraus meine Untersuchung zu bezahlen (86 Yuan). Da ich während des Wartens bemerke, dass viele Menschen wie wild von einem Raum in den nächsten wandern und das ganze ein wenig kompliziert scheint, merke ich mir einfach das Jacket des Herren vor mir, um ihm später einfach zu folgen.
Die erste Station ist die Probenentnahme. Dazu wird einem ein ziemlich langer Wattestab in die Nase gerammt um Proben vom Gehirn zu nehmen. So fühlt es sich zumindest an. Nein, so fühlt es sich nicht nur an, so sehr schmerzt es auch. Aber wenn ich als Arzt im Akkord kranken Menschen Schnotten aus der Nase ziehen müsste, würde ich wohl auch nicht mehr viel Wert auf Vorsicht nehmen. Die einzigen Worte, die ich hier vernehme, sind: Drei Stunden! Drei Stunden muss ich also auf diese blöden Laborergebnisse warten. Ich dachte eigentlich, das ginge hier schnell.
Das Jacket habe ich aus den Augen verloren, gehe aber auf gut Glück in den nächsten Raum, stehe brav in der Schlange, vor dem Schreibtisch eines Arztes, nur um zu bemerken, dass jeder Hans und Franz nich gerade der Schlangen-Steh-Typ ist. Also donner auch ich dem Herren im Kittel nach gefühlter Ewigkeit mein Heftchen nur noch auf den Tisch und komme dann auch bald dran. Er erwähnt die 39 °C und fragt im selben Atemzug irgendwas. Verstehe ich natürlich nicht, weil es verdammt laut ist bei so vielen Menschen, der Arzt ne Maske trägt und kurz vor seinem Feierabend sehr genervt ist. Nein, habe ich noch nicht, sage ich einfach mal auf gut Glück, da ich denke, dass es sich um irgendetwas fiebersenkendes handelt. Na dann gehen sie mal zurück.
Aber zurück wohin? Kann er mir nicht erklären. Nein, will er nicht. Er ist ziemlich gereizt. Also geh ich auch nicht zurück. Zumindest zunächst nicht, denn ich habe Zeit. Ich hocke mich also auf einen Stuhl und penn eine Stunde. In dieser Zeit ist Arztwechsel und die Menschenansammlung wird etwas kleiner. Die nächste Ärztin fragt mich das gleiche, ich verneine abermals, sie erklärt mir aber, dass es sich um die Probenentnahme handelt. Die habe ich natürlich hinter mir, sollten die Torfköpfe auch an dem Stempel sehen, der mir dort gegeben wurde. Aber der ist schwach und nicht auf der ersten Seite platziert, also übersieht man ihn schnell. Ich bekomme also ein Rezept aufgeschrieben und den Hinweis erster Stock, also Erdgeschoss. Dass dieses groß ist, schein aber auch nur ich zu wissen.
Hier stehe ich dann erstmal überall dort an, wo sich Menschen mit Mundschutz anstellen. Und ich stehe ziemlich lange, bis mich das zuständige Personal darauf hinweist: Hier nicht! Bitte weiter gen Westen gehen. Das ergeht mir an ein paar Schaltern so, bis ich endlich bei der Medizinausgabe lande. Die bringt mir aber nichts, solange ich das Rezept noch nicht bezahlt habe. Das macht man an der Stelle, wo die Schlange am längsten ist. Aber hier werde ich dann tatsächlich meine zwei Yuan los und weiß zumindest, wohin ich anschließend mit dem Beleg muss.
Zwei Röhrchen Medizin werden mir gereicht und da gerade sonst niemand da ist, frage ich nochmal in Ruhe nach, ob sie wüssten, wo ich jetzt hin müsste. Jo, da wo die roten Stühle sind. Ich schaue nach links. Ich schaue nach rechts. Ich schaue hinter mich. Rote Stühle. Aha. Die gibt es hier nicht. Zumindest sind mir noch keine aufgefallen. Also überlegen sie etwas weiter. Ach ja, dritter Stock.
Dort angekommen frage ich oberhalb der Quarantänezone mal nach. Nein, dritter Stock sei richtig, aber eher oberhalb der Medizinausgabestation. Und nachdem ich ganz am Anfang in der Kinderabteilung gelandet bin, kommt nun zum Yin auch noch das Yang und ich lande in der Altenstation. Und da kenn die Chinesen nichts, die konfrontieren einen gleich mit der ganzen Realität: Die ganze Flurwand ist tapeziert mit abschreckenden Beispielen von Dekubiti, also wundgelegenen Stellen. Bis auf die Knochen kann man da schauen.
Nein, auch hier bin ich nicht richtig. Natürlich muss ich wieder in den zweiten Stock, in die Quarantänezone. Fantastisch. Meine Atmung ist heut heute sowieso schon ziemlich kurz und mit dieser Maske noch eingeschrenkter, da laufe ich gerne die Treppen rauf und runter.
Nach ziemlich langem Warten dort drücke ich irgendwann einer Schwester mein Tütchen mit den Röhrchen in die Hand, deren Inhalt sie gekonnt in eine Spritze zieht und diese dann in das Prachtexemplar meines Allerwertesten rammt. Was auch immer es ist, was sie dort reinrammt.
Danach schau ich auf die Uhr, es ist achte. Genau drei Stunden ist es her, dass mir etwas aus der Nase gezogen wurde. Also gehe ich zum Labor und lege sämtliche Zettel vor, die ich besitze. Ich hoffe, dass sie nicht die Magnet-Karte brauchen, denn die habe ich unlängst verloren. Nö, hier nicht. Dritter Stock.
Pff, dritter Stock. Da war ich. Da haben die mit Schweinegrippe nicht viel am Hut. Dennoch warten im Treppenhaus ziemlich viele Menschen. Ich brauche ein wenig bei dem schummrigen Licht, um zu realisieren, dass diese unter sich immer Stapel Papier hin- und herreichen und diese nach etwas suchend durchblättern.
Das müssen also die Probeergebnisse sein, die vertraulich im Gespräch unter tausend Augen mitgeteilt werden. Ich gesell mich einfach mal dazu und blätter diesen und jenen Stapel durch, wahrscheinlich ein paar auch doppelt und dreifach, bis ich irgendwann meinen Namen erspähe.
Die Zeichen darauf sagen mir nicht sonderlich viel, also frage ich mal bei einem Patienten nach und mir scheint, als hätte das erste Mal jemand hier eine richtige Ahnung: Mein Ergebnis ist negativ.
Ich darf endlich gehen. Glaube ich. Hoffe ich. Denn ich will nicht noch einmal einen Arzt aufsuchen. Also entferne ich mich, so schnell es geht, esse noch etwas und nehme dann ein Taxi, weil ich Menschenmengen heute nicht mehr sehen kann.
Jetzt kann ich nur hoffen, dass die Spritze hilft, und dass mich der Stress und all diese Menschen, unter denen bestimmt jemand nicht ganz gesund war, letztendlich nicht doch noch krank gemacht haben.
Denn ich habe nicht vor, jemals wieder ein solches Krankenhaus betreten zu müssen.

3 Kommentare:

  1. Hans Kastner

    Wenn man bis jetzt kein Mitleid mit Mirko hatte (sh. Skype-Hiweis), so eschlägt einem das Mitleid aber jetzt umso stärker nach lesen dieser Krankenhaus-Odyssee, ehrlich.
    Gute Besserung Mirko und es ist gut, dass Deine Kreativität nicht darunter leidet.

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  2. denen im krankenhaus hätte ich aber was erzählt!
    warst wohl zu krank um dich richtig aufzuregen. armer mirk - gute besserung!

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  3. Sorry, aber du hast zu hohes Fieber für Schweinegrippe. Hätte ich dir auch vorher sagen können^^

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