Philipp hatte Montag Geburtstag, was wir Sonntag schon im kleinen Kreise gefeiert hatten, aber um unseren chinesischen Kommilitonen auch etwas Abwechslung im grauen Uni-Alltag zu bieten, sollte das ganze noch einmal etwas größer nachgeholt werden, zum Beispiel heute.
Allerdings haben unsere Nachbarn sich mal wieder hintenrum über unsere Betreuerin beschwert, dass wir zumindest in der Woche nach 22 Uhr zu laut seien. Kann ich nicht nachvollziehen, aber wir müssen uns es ja nicht weiter mit ihnen verscherzen, also fällt eine Feierlichkeit im Wohnheim aus.
Auch in Clubs wollen wir nicht ziehen, da gingen schließlich nur unartige Menschen hin und hier hält man sich für artige, fleißige Studenten.
Draußen wird es immer kälter, also wär ein Park auch die falsche Location, warum feiern wir also nicht einfach in einem Bus!? Einfach reinsetzen, losfahren und, sofern möglich, im Kreis fahren, bis wir müde sind.
Letzteres galt als Schnapsidee, allerdings als eine ziemlich gute und realisierbare und schon war Philipp gleich am Dienstag bei der Busgesellschaft (ein Endbahnhof ist gleich neben dem Campus) und hat mal gefragt, was es wohl kostete, einen Bus zu mieten. Für 100 Yuan pro Stunde könnten wir einen fahrbaren Untersatz bekommen, darin ist dann alles enthalten: Fahrer, Sprit. Es kostet ihm viel Überzeugungskraft, aber letztendlich kann er das Unternehmen davon abbringen, einen guten Reisebus zu Verfügung zu stellen, sondern den schäbigsten, den sie besitzen: Alter Linienbus, eine während der Fahrt aufspringende Hintertür und ein Getriebe, dass sich dem Beat unserer Musik anpasst. Das ganze dann bitte für heute von 21 Uhr bis morgen früh um 3 Uhr.
Mit einem Bus alleine ist es aber natürlich noch nicht getan und da wir mit einer Gruppe von 40 Leuten rechnen plus eventuel welche, die wir während der Fahrt aufgabeln, mussten wir in der Woche täglich den Supermarkt aufsuchen und den Biervorrat wegkaufen. Zudem werden profihaft Mischgetränke zubereitet und in große Flaschen abgefüllt. Und Deko besorgen Philipp und Hanna: blinkende Leuchtstäbe und Kunststoff-Blumen kaufen sie, dazu die Musikanlage plus einen großen Haufen Batterien. Die halbtägige Odyssee, die sie dafür hinlegen, ist es wert. Und heute lassen wir noch zwischen den Vorlesungen ein 1,50 x 0,50 Meter großes Banner drucken mit der Aufschrift: "Philipps Partybus - 陪我们吧!" (macht mit!). Unsere BWL-Nachhilfe-Stunde fällt mangels Schlüssel für den Raum aus und so haben wir schon um vier Uhr Feierabend, genug Zeit für alle Vorbereitungen.
Dass es nochmal knapp wird, liegt natürlich daran, dass die meisten von uns noch einmal schlafen wollen, aber wir kommen pünktlich am Tor an, schmücken den Bus und machen uns auf zur ersten Station, dem alten Campus, um einige Leute aufzugabeln.
Der Busfahrer ist einer der besseren, macht, trotz Ausschlagen unseres Bestechungsversuchs, alles mit und hält auch mal auf der rechten Spur einer gut befahrenen Straße, blockiert sie für eine Viertel Stunde, bis sämtliche Passagiere ihre Notdurft in einem Fast-Food-Restaurant erledigt haben. Er wartet auch gerne im Bus, während wir die, heute spärlich besetzte, Moonkey-Bar stürmen. Hier wittert man das Geschäft des Lebens, als dreißig Leute den Laden betreten und auf die Bar zustürmen. Kurz vor der Bar biegen sämtliche Personen allerdings ab, um auch hier einem gewissen Druck nachzukommen, es gehen lediglich 10 Bier über die Theke, und zwar die günstigsten. Lediglich die dort spielende Band kann sich freuen, dass die Tanzfläche vor ihnen flashmäßig für zwei Lieder gerockt wird, bevor alle wieder in den Bus gehen.
Wir drehen eine 8:Von der Oststraße geht es, vorbei am Glockenturm, gerade weiter in die Weststraße, aus dem Mauertorr raus, nach links gen Süden, an der Mauer entlang, wieder nach links gen Osten, dann wieder links durch das Tor, die Südstraße hoch, am Glockenturm vorbei in die Nordstraße, dann nach rechts gen Osten, nochmal rechts gen Süden und nochmal rechts durch's Tor in die Oststraße. Vielleicht drehen wir diese Runde auch zwei Mal, ich weiß es nicht, guck ja nicht nur durch's Fenster.
Die Oststraße, die belebteste von allen, scheint während wir sie passieren, für einen Moment still zu stehen, denn sämtliche Leute wenden nur die Köpfe und schauen dem blinkenden, jubelnden, mit Ausländern gespickten Bus hinterher. So ist es gewollt.
Wir halten noch am Youth-Hostel, um die Bar auf einen Absinth zu stürmen. Es ist gegen zwölf und irgendjemand hat Geburtstag, also gleich. Wir zünden also seine aufgefahrene Torte an und sind die ersten, die gratulieren dürfen. Ein Stück Torte gibt es noch und dann sind wir auch schon wieder weg.
Am Bahnhof gibt es später noch was zu Essen und ein wenig Getränke-Nachschub, das letzte Bier dann in gediegener Atmosphäre an der großen Wildganspagode, hier stößt auch unser treuer Fahrer mit uns an.
Wir überziehen eine halbe Stunde, aber das ist wohl egal. Aus Dankbarkeit räumen wir noch, gegen des Fahrers willen, unseren schäbigen Party-Express auf und dann geht es ausnahmsweise in keinen Club mehr, sondern ins Bett, oder auf die Sofas, sofern man Chinese ist und es bis zum Ende mit uns ausgehalten hat.



hammerherrlich :-)
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