Dienstag, 14. Juli 2009

Tag 118: Abenteuer Essen gehen.

Heute wird uns mal wieder eindrucksvoll bewiesen, dass Essen hier in China das Grundbedürfnis schlechthin ist und schlichtweg zur Kultur gehört. Dass es mit Spaß und Freude nicht unbedingt viel zu tun hat, bemerken wir beim Mittagessen, das wir aus einer kleinen Suppenküche nebenan beziehen. Diese ist heute gerammelt voll und jeder will, sei es aus Hunger oder aus Geiz an der Pausenzeit, so schnell wie möglich sein Gericht zusammengestellt bekommen und aus dem stickigen Raum wieder verschwinden. Bei dem ganzen Treiben ist eine Schlange, in der man anstehen könnte, von vornerein nicht zu erkennen, also zählt das Gesetz des Stärkeren, bzw. man hofft, dass die eigene Niedlichkeit die starken dazu bewegt, einen vorzulassen.
Mein Arbeitskollege steht vor mir und hat kein weiches Herz, sodass er eine Frau, die sich vorbeizuschmuggeln versucht, lautstark auf die Reihenfolge hinweist, sodass sie die Ohren zuhält. Da die beiden jetzt so abgelenkt sind, ist die gute Frau auf der anderen Seite der Speisen so freundlich und bevorzugt mich, sodass mein Warten nur von sehr kurzer Dauer ist. Kurz nachdem ich wieder an der frischen Luft bin (heute bei 40 °C) wird es in dem Raum plötzlich ziemlich laut und es kommt ein Herr, eine Dame fest im Griff und laut fluchend raus. 'Du schlägst mich, dann schlag ich dich!' brüllt er (das kann ich sogar verstehen) und hat Mühe, die Frau, die den Tränen nahe ist, im Griff zu halten, da sie wild mit allen Körpergliedern umherwirbelt. Kurz darauf kommt auch Lukas heraus, mit Reis besudelt und klärt mich auf, dass nach einem kleinen Geschubse der Mann einfach mal die Faust ausgepackt hat und ohne Rücksicht auf das schwächere Geschlecht einen Treffer im Gesicht gelandet hat, welcher gleich erwidert wurde. Das nenn ich mal Emanzipation! Ein bisschen Reis flog dann noch, was Lukas aber egal war, da sich jetzt auch für ihn eine Lücke in der Schlange gebildet hat.
Während wir draußen essen, lädt uns unser Vorgesetzter noch zu einem friedlichen Dinieren am Abend ein. Das ganze findet dann in einem wirklich mal stilvoll eingerichteten Restaurant (eigentlich hat man es hier mit schöner Deko nicht so, Hauptsache alles ist bunt und kitschig und leuchtet und ist aus Kunststoff) statt. Es gibt Fisch, im Feuertopf am Tisch gekocht. Lukas fischt sich irgendwann den Kopf raus und gönnt sich neben den guten Backen nacheinander mit Schwinden der Hemmungen Zunge, Gehirn (welches er aus irgendeiner Öffnung saugt) und Augen. Wahnsinn. Einen ganzen Fischkopf verputzt er. Das könnte ich nicht, schließlich handelt es sich um einen Artgenossen.
Auch wenn dieses Essen eigentlich recht harmonisch abläuft, handelt es sich doch inoffiziell auch um einen Kampf. Gerne wird einem immer etwas mehr von der ziemlich scharfen Soße aufgetan und natürlich muss man austesten, ob die Deutschen wirklich so trinkfest sind, wie man es immer hört, sodass gerne und häufig angestoßen wird und das Glas nach jedem Mal leer sein muss, sodass unbemerkt viele Flaschen geleert werden, wobei sich die Chinesen auch gerne mal mit dem Trinken abwechseln. Aber was soll man machen, wir sind ja eingeladen.
Und als wir uns dann vom Tisch erheben, muss ich zugeben, dass ich ganz schön einen im Kahn habe. Lukas geht es nicht besser, aber das Wegbier wird noch dankend eingepackt. Unser Rückweg dauert dann auch gleich dreimal so lange wie sonst, sodass es fast Mitternacht ist, als wir ankommen.
Bis dahin hat Theresa schon sieben SMS geschrieben und genauso häufig angerufen. Zuerst berichtet sie, dass sei heute Geburtstag hat. Ich gratuliere artig, bzw. lass meinen Vorgesetzten anrufen, ihr gratulieren und ausrichten, dass ich nicht kommen kann, da mein Chef mich zum Essen eingeladen hat. Dann sagt sie allerdings, sie hätte doch erst morgen Geburtstag. Was für ein Glück, dass ich um Mitternacht noch wach bin und in der Stimmung, selber anzurufen und zu singen. Sie wirkt etwas verwundert und behauptet abermals, dass sie erst morgen Geburtstag hat. Im Laufe des Abends hat sie also dreimal die Meinung über ihr Geburtsdatum geändert. Beim nächsten Besuch möchte ich dann gerne ihren Pass sehen.

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