Dauernd hört man etwas über das ach so tolle Wachstum Chinas in der jüngsten Zeit. Ein toller Aufschwung soll das sein. Allerdings betrifft das in erster Linie die Wirtschaft.
Nicht so toll kommt es, wenn sich das Wachstum auch auf die Menschenanzahl auswirkt. Vor allem nicht auf die derer, die in irgendeiner Weise Interesse an mir haben. So wird mein Schlaf heute des Öfteren unterbrochen. Zunächst von LiYuan, die das mit dem Schwimmen für bare Münze gehalten hat und dann leider vor verschlossenen Türen stand. Also von innen. Im Wohnheim. Das macht nämlich erst zwischen sechs und sieben wieder auf. Dann klingelt ab halb elf ein paar Mal mein Handy, es ist Spätzle. Zum Glück kann ich mittlerweile auch mit geschlossenen Augen den Bimmelkasten auf lautlos stellen. Und dann klopft es auf einmal an der Tür. Es ist wieder Spätzle. Und er ruft gleichzeitig an. Die Kombination von Klopfen und Klingeln bringt mich leider zu sehr durcheinander, sodass ich in der Hektik das Telefonat annehme. Und jetzt hab ich verloren.
Er will nur kurz in unserer Wohnung auf Audrey, seine Freundin warten. Und zwar, weil es draußen zu heiß ist und er letzte Woche sein Wohnheimszimmer räumen musste, sodass wir jetzt der einzige Zufluchtsort sind. Ich dürfte aber natürlich weiterschlafen, weil ich anscheinend erbärmlich aus der Wäsche schau.
Als ich das erste Mal die Augen wieder öffne, ist er nicht mehr im Wohnzimmer. Er steht stattdessen vor der Klimaanlage in meinem Zimmer. Aber das soll mich ja nicht dran hindern, die Augen wieder zu schließen. Dann wird es wieder laut und ich sehe, dass nun auch Audrey angekommen ist und sich beide begrüßen. Meinen Augenaufschlag bemerken sie nicht und ich simuliere weiterhin den Schlafenden. Als es dann wieder still wird, schaue ich mal wieder auf und sehe nun auch die kleine Dame, die mir später als Audreys Schwester vorgestellt wird. Und nachdem ich dann das vierte Mal aufwache und auch noch Automn, eine Freundin Audreys, genauso schweigend die Klimaanlage anhimmelnd mitten in meinem Zimmer steht, ziehe ich die Notbremse und steh einfach mal auf. Wer weiß, wie viele sonst noch kommen.
Ich bin aber niemandem deswegen böse, erst recht nicht, da ich kurz darauf zum Essen eingeladen werde, was auch gleich sämtliche Kater-Ansätze vertreibt. Ich fühle mich also gerüstet für eine Shoppingtour mit den Häschen aus der Druckvorstufe. Leider muss ich mal wieder kundtun, dass Lukas heute 'wirklich krank' ist. Woran genau das liegt, weiß ich nicht, da Thomas und mir der Nudelsalat bekommen ist und Lukas die Flasche Whisky, die er aus dem 1+1 geschmuggelt hat, in den frühen Morgenstunden wie einst Robin Hood an die um Almosen bittenden verteilt hat. Fakt ist, dass sein Körper vom ständigen Rennen zur Örtlichkeit sehr ermattet ist.
Leider finden wir in der Stadt keine Hawaii-Hemden, lediglich Hosen in selbigem Muster. Um meine Kolleginnen aber nicht zu enttäuschen, kaufe ich mir eine fantastisch aussehende pinke Chiller-Hose.
Bei der Wiederankunft im Wohnheim ist dann nicht mein Zimmer überlaufen, sondern mein Email-Postfach, da die Chinesinnen, die jetzt nach Deutschland fahren dürfen, noch ein 'Motivationsschreiben' für ihren Auslandsaufenthalt schreiben müssen. An wen das geht, weiß ich nicht, aber ich sollte doch bitte mal drüberlesen und korrigieren. Am besten das ganze in roter Schrift. Und reicht man einer Dame den kleinen Finger, packen die anderen die restlichen, sodass ich, anstatt noch etwas zu auszuruhen, sechs dieser Schreiben unter die Lupe nehme.
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