Nach 15 Minuten klingelt der Wecker. Das war eine kurze Nacht und geschlafen habe ich am Ende nicht mal in dieser Viertel Stunde. Ich gehe in Denis' ehemalige Wohnung und genehmige mir eine letzte Dusche. Anschließend verstaue ich die letzte gebrauchte Wäsche im großen und meinen Laptop im Handgepäck-Koffer. Dann steht Jojo auch schon vor der Tür, um meine alten, nicht in den Koffer passenden Kleidungsstücke entgegenzunehmen. Er wird sie bedürftigteren überliefern. Ganz in meinem Sinne.
Und dann ist es auch schon 7:20 Uhr. Vor zwanzig Minuten wollten wir eigentlich schon im Taxi von Jojos Onkel sitzen, der uns günstig zum Flughafen bringt. Ich soll mich nicht sorgen, auf den Straßen ist wegen der Feiertage nichts los.
Gegen 7:55 Uhr sind wir dann auch da. Jetzt habe ich noch 15 Minuten, um meinen Koffer abzugeben. Aber die Schlange macht nicht den Anschein, als hätte sie sich in dieser Zeit abgebaut. Ein wenig Schweiß steht mir auf der Stirn. Dann kommt ein Aufruf. Man könne auch an einen anderen Schalter gehen. Der ist dann aber auch schnell voll. Der Schweißpegel steigt. Ich gehe einfach zum 1. Klasse-Schalter. Und ich werde abgefertigt. Einfach so. Nicht mal die 4 kg Übergepäck werden moniert (den schweren Handgepäck-Koffer habe ich lieber vorher bei Mini gelassen). Der Schweiß trocknet wieder.
Nun heißt es Abschied nehmen. Fällt mir schwerer, als gedacht. Nach einem Jahr hängt man doch sehr an der Stadt, an den Umständen, den Freunden und der Freundin. Leicht ist es nicht. Und so fällt der Abschied etwas länger aus. Kann ich mir aber leisten, habe nämlich schon einen Security-Check-Schalter für zu-spät-Kommer ausfindig gemacht.
Dennoch ist so ein Security-Check nervig, erst recht, wenn man aus einer der zwei Taschen noch einen Laptop friemeln muss, der gerade so in die Mitte, unter dem komprimierten Wäschestapel, über den Büchern. Und dann muss man das ganze wieder ordentlich einräumen.
Der Weg danach zum Gate ist länger, als er auf den Schildern erscheint. Am Gate steht dann auch kein Passagier mehr, ich bin der letzte. Aber im Flieger stehen sie bestimmt wieder und räumen erst mal ihr Handgepäck gemächlich ein, bevor sie Platz für weiter hinten sitzende machen. Das wird also passen. Würde passen. Wenn ich nicht irgendwo auf dem Weg meine Boarding-Karte verloren hätte. Nun brauchen die Herrschaften aber mein Ticket, sonst komme ich nicht rein. Ich frage, ob ich zurückgehen und es suchen soll. Aber sie sehen selber ein, dass der Weg bis zum Security-Check und zurück zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Der Schweiß auf der Stirn steigt. Und unter den Achseln auch. Unschön. Ich drücke noch etwas auf die Tränendrüse, sag, dass ich nach Hause muss und schon kann man mir ein neues Ticket ausdrucken. Und dann, anstatt mich zu bestrafen, lässt man mich nicht auf einem der mittleren Plätze sitzen, sondern bittet mich in die letzte Reihe, die komplett frei ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich dort Frühstück und Trinken als erster serviert bekomme. Trotzdem ich jetzt sitze und nicht mehr viel schief gehen kann, schwitze ich weiter und frage mich, warum ich überhaupt geduscht habe. Ich ziehe meinen Pullover aus und bemerke, dass es vielleicht nicht so von Vorteil ist, wenn auf meinem T-Shirt "Mr. Jihad" steht und ich zudem einen zwei-Monats-Bart trage.
In Beijing lande ich ausgeruht und der Schweiß ist getrocknet, die Drüsen nehmen allerdings wieder Fahrt auf, als ich in der Schlange zum erneuten Check-In stehe. Denn ich habe, streng genommen, über 20 kg Übergepäck. Wenn die Lufthansa heute auf Geld aus ist, können sie an mir 600 Euro verdienen. Also könnten sie. Wenn ich das zuließe. Aber dann würde ich eher sämtliche Bücher rausschmeißen, denn die sind insgesamt lange nicht so viel wert, wie ein Kilo Übergepäck ausmacht (30 Euro).
In der Schlange am Check-In komme ich immer weiter voran, was daran liegt, dass sich viele davon überzeugen lassen, dass es verdammt wichtig ist, seinen Koffer gegen plötzliches Aufspringen zu versichern und einen Gürtel drum bindet. Dieser Gürtel ist dann aber vier Meter lang und nur mit einer bestimmten Technik, die erst langsam von den Massen verstanden wird, kriegt man das ganze dann auch fest und dicht.
Wie der Zufall es will, werde ich dann wieder an den 1. Klasse-Schalter gewinkt (ja, es heißt gewinkt!). Und der Dame sind meine 4 kg Übergepäck und meine Handgepäckstücke ebenfalls komplett egal. Der Lufthansa geht es also anscheinend sehr gut, sind auf meine weitere Kohle nicht angewiesen. Gut so.
Auf dem Flug sollte ich eigentlich schlafen. Habe ich in den letzten 24 Stunden nicht. Aber da ist leider das zu gute Service-Angebot (hat sich im Vergleich zum Hinflug stark verbessert); es gibt wirklich gutes Essen, feines, herbes Wahrsteiner, derer ich gerne einige bestelle, bis es irgendwann heißt, sie seien alle und ich auf Wein umstelle und man hat einen eigenen Bildschirm und eine Auswahl an Filmen. Ich schlafe während der zehn Stunden maximal zwei, und zwar immer, als ich den neuen Matt Damon-Film (der Informant) sehe (ich fang ihn drei Mal an). Aber das ist kein Wunder, die Kritiken und die Vorschau des Films sind eher vernichtend.
In München darf dann nochmal die Schweißproduktion angetrieben werden, aber letztendlich ist die Zollkontrolle ungefährlich, zumal vor mir auch ein paar Chinesen nicht wussten, wie viele Zigaretten sie wohl mitnehmen dürften und sie hier erfahren, dass vier Stangen zu viel sind.
Allerdings muss ich abermals durch einen Security-Check. Vor mir legt eine vierköpfige chinesische Familie 17 Handgepäckstücke auf das Band, da darf ich mit drei Teilen (in Beijing habe ich noch mein letztes Geld für guten Tee verprasst) jawohl keine Probleme bekommen. Lästig ist nur der Laptop, der wieder ausgepackt werden will. Aber da habe ich die Rechnung ohne die deutsche Sorgfalt gemacht. Zwar sieht man nicht mein T-Shirt, aber der Bart und die tief ins Gesicht gezogene Mütze lassen mich wohl musulman erscheinen, zumindest werde ich hart kontrolliert. In Beijing war alles egal, Gürtel, Wanderschuhe, Geldklammer, aber hier muss ich alles ablegen. Und dann wird mir der Handscanner, nachdem ich zuvor schon überall abgetestet werde, und zwar an jedem Quadratzentimeter meines Körpers, fast, einfach, die Hose anlupfend, von oben in den Genitalbereich geschoben, als könnte es sich auch um eine Stange Dynamit handeln und nicht um ein Organ. Anschließend gibt es in meiner Tasche noch Batterien. Jo. Vom Handy. Und von der Kamera. Jeweils zwei. Jeweils eine im Gerät und eine als Ersatz. Und der Laptop-Ersatz-Akku. Und im anderen Koffer ist ganz unten noch so eine Schachtel, die direkt zwischen die Schiene des Haltegriffs passt. Da sind Steine oder so drin. Jo. Steinstempel. Geschenke für die Familie. Können Sie sich ja mal anschauen. Ach, und Shakespeare lesen sie also auf Chinesisch? Werde ich verachtend gefragt. Jo. Sie nicht? Es braucht eine ganze Zeit, bis man mir dann doch das Einverständnis erteilt, weiterfliegen zu dürfen. Und dann braucht es noch eine ganze Zeit, bis ich alles wieder eingeräumt habe.
Dann bin ich ausgepowert und brauche Stärkung. Ich finde sie in zwei Weißwürsten und einem Weizen. Für 8,40 Euro. Ich danke dem Flughafen München sehr, dass man mir mit dieser Sorgfältigkeit und den horrenden Preisen ganz klar deutlich macht, dass ich wieder in Deutschland bin. Für den Preis hätte ich in China fünf Leute satt bekommen. Aber da bin ich jetzt nicht mehr.
Von München nach Bremen setzt es dann noch ein Wahrsteiner, die Zollbeamten dort sind auch nicht mehr wirklich interessiert, was bei der späten Ankunftszeit auch kein Wunder ist und hinter den Toren wartet dann ein Teil meiner Familie mit ein paar Flaschen Haake Beck.
Dieses Bier steht dann auch zuhause auf dem Tisch samt Zutaten für Matjes- und Mett-Brötchen. Ein Gaumenschmaus. Ich sitze bis vier Uhr desnachts. In China wär es 11 Uhr morgens. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, dann komm ich in den letzten 48 Stunden auf 2 Stunden und 15 Minuten Schlaf.
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Da siehst du mal was ich über mich ergehen lassen muss wenn ich eine flugreise antrete :D
AntwortenLöschenSchön das du wieder hier bist ;)