Gestern saß ih im Flugzeug in Reihe 9. Das war ganz hinten. Und die
Stühle waren nur zur Hälfte besetzt. Für so wenig Passagiere lohnte
es sich also nicht, die Heizung anzuschalten. Wenn ich nicht alles
falsch gemacht habe, droht mir morgen eine Erkältung. Nach dem
Einschecken im Hotel beging ich mich auf die Suche nach einem
Abendessen. Das konnte mir nur das Fischrestaurant bieten. Und dabei
hab ich es mit Fisch doch gar nicht so. Erst recht nicht, wenn er
schon den ganzen Tag da rumliegt. Mir blieb keine Wahl. Fisch und
Muscheln und Gemüse und Reis. Und es schmeckte vorzüglich,
erstaunlicherweise. Mit 60 Yuan hatte es dann auch seinen Preis.
Die Nacht musste ich in Angst verbringen, denn beim Öffnen des
Rucksacks flog mir eine Zykade entgegen. Zykaden sind bis zu 15 cm
lange Insekten, braun, und zur Paarungszeit besonders laut. Sie
platzierte sich auch gleich im Lampenschirm über meinem Kopfkissen.
Bestimmt wartete sie darauf, dass ich schlafe, um mir in den Mund zu
krabbeln und dort Eier zu legen. Die Angst davor und die Tatsache,
dass direkt vor meiner Zimmertür zwei Katzen am Kämpfen waren,
ließen mich erst sehr spät schlafen.
Ich habe Glück, die Zykade landet zu lautstark auf meinem
Nachbarkopfkissen. Ich kann sie locker aus dem Fenster schmeißen. Soll
sie ihre Zykadenspiele doch woanders fortführen.
Mein Hotel liegt in einem kleinen Kaff fast direkt am Meer. Nur fast,
da sich jetzt jemand gedacht hat, man könnte einen schönen
Hotelkomplex dazwischenbauen. Oder damit anfangen, denn gebaut wird da
nichts mehr. Aber zum Meer kann ich sowieso noch nicht, ich brauch
noch eine Badehose. Für die Lauf ich ein paar Kilometer durch die
Gegend, erfolglos. Dann hüpf ich also nur in Unterhose rein, am Strand
ist sowieso niemand außer mir.
Nach Rückkehr zum Hotel und einer Dusche fahr ich mit dem Bus Richtung
Stadt und steige zufällig an der Hauptattraktion aus, einem
buddhistischen Tempel. Ich bin wieder der einzige Ausländer, was aber
niemandem auffällt, da es wohl brauch ist, sich vor jeder der
schätzungsweise 500 bronzenen und steinernen Bhuddas mit einem
Räucherstäbchen bewaffnet zu verbeugen und ein Gebet zu sprechen. Ich
belass es einfach bei einem knappen "Moin!". Hab mit den Knaben ja
nichts am Hut.
Dann sehe ich hinter der letzten Tempelanlage einen Weg in den Wald.
Es geht den Berg rauf. Nicht weit. Nur bis zum güldenen Pavillion auf
einer Anhöhe. Denke ich. Aber eine Treppe könnte ich ja jeweils noch
laufen. Nur befindet sch hinter jeder Treppe noch eine und irgendwann
bin ich auf dem höchsten Punkt der Insel. Mein Körper zeigt mir
stolz, dass er mittlerweile an sämtlichen Stellen Schweißdrüsen
entwickelt hat. Beruhigend stell ich aber fest, dass auch bei den
Chinesen kein Kleidungsstück trocken bleibt. Wir schmoren alle im
eigenen Sud. Und dann fangen meine Beine an zu zittern.
Unterzuckerung. Stimmt, das Frühstück habe ich ja ganz vergessen. Und
da es schon fast vier Uhr ist, fiel das Mittagessen auch aus. Ich
erinnere mich an die Empfehlung des Reiseführers, das Tempelessen zu
probieren. Ist zwar vegetarisch, aber das Entenfleisch ähnelnde Tofu
soll toll sein. Geb ich den Vegetariern doch mal die Chance, mich zu
überzeugen. Und was sagt die dann zu mit? "Nein, so ein Tofu gibt es
hier nicht. Und überhaupt, kommen sie um fünf wieder." Um fünf. In
einer Stunde. Hallo?! Hab ich gefrühstückt?! Liebes Vegetariervolk,
ihr könnt euch bei diesem Tempel bedanken, dass ich aus stillem
Protest im ortsansässigen Fast-Food-Restaurant eine Burger mit der
Extraportion Fleisch verzehre.
Es ist mir zuwider, im eigenen nunmehr kalten Schweiß zu hocken, also
wieder Hotel, dritte Dusche für heute, schlafen. Später zurück in
die Stadt, essen und einen Amüsierschuppen finden. Im ersten Rockcafé
bin ich der einzige, in der Bar gegenüber kann ich froh sein, dass mir
der Spiegel, also das Magazin, etwas Unterhaltung verschafft und so
bin ich jetzt wieder voll und ganz aufgeklärt, was im März so los war.
Ich steige ins Taxi ein. "Zurück zum Hotel", denke ich. "Kennen Sie
noch eine gute Bar?", frage ich.
Und schon stehe ich vor einer durch und durch rotbeleuchteten Fassade
mit der Aufschrift "True Love". Ist aber kein Bordell oder so. Das
Bier kostet trotzdem stolze 40 Yuan, da bin ich froh, dass sich
verschiedene Gruppierungen betrunkener Geschäftsmänner darum battlen,
an wessen Tisch der Ausländer mit den coolen Haaren darf. Mir fehlt es
an nichts: Obstteller, Gegrilltes und zu jeder Zeit ein kaltes
Getränk. Im Gegenzug muss ich es nur ertragen, dass sie sehr
anhänglich sind und möglichst lange meine Hand schütteln oder meine
Schulter klopfen wollen, sowie dass sie zum Teil so rotzevoll sind,
dass nicht nur ein Glas umkippt und mich besudelt.
Am Ende, zwei Gruppierungen wollen das jetzt draußen miteinander
regeln, lande ich bei Onkel John aus Hongkong am Tisch. Seinen Sohn
hat er jetzt schon dazu abkommandiert, in einigen Tagen meinen
Reiseführer in seiner Heimatstadt zu spielen. Ich glaube, von der
Gastfreundschaft hier kann man noch einiges lernen.
Zwischendurch werden mir zudem noch einige Nummer zugesteckt und was
wäre ich für ein Mann, wenn ich darauf nicht reagieren würde. So
habe ich für morgen auch einen, diesmal weiblichen, Reiseführer.
Es ist vier, als ich wieder beim Hotel ist. Das hat natürlich, als
kleiner Familienbetrieb, die Pforten verriegelt. Ich habe aber nichts
in den Bedingungen darüber gelesen, wann man spätestens zurück sein
muss und so klingel ich unverblümt. Die Tür wird geöffnet. Prima.