Mittwoch, 9. September 2009

Tag 193: Fisch.



Über unangebrachte Tierhaltung, erst recht Fischen gegenüber, habe ich mich schon öfters geäußert. Heute fällt es einmal mehr auf, als wir auf dem alten Campus in den Supermarkt gehen. Dieser hält sich nämlich einen Wach-Fisch. An der Wand zwischen den beiden Eingangstüren befindet sich nämlich ein Aquarium mit, auf dem ersten Blick, einer dickflüssigen, grünen Brühe, die sich Wasser schimpft. Und bei genauem Hinsehen kann man ab und zu etwas gülden schimmerndes Erkennen. Das ist Fisch. Laut den Supermarktangestellten hat auch er keinen Namen, aber es gehe ihm auch ohne Namen gut.
Ob es ihm wirklich so gut ist, wagen wir zu bezweifeln. Das Wasser steht, es gibt keine Pumpe und ich weiß nicht, ob er sich gerne von Algen ernährt. Und Freunde hat er auch keine. Brauchen Fische vielleicht auch nicht, aber wenn er sähe, wie sich andere Fische verhalten, so wäre er bestimmt nicht so gestört.
Fisch nämlich, und da muss man ihm sehr gute Augen attestieren, rastet nämlich voll aus, wenn er, von welchem Fleck des Aquariums aus auch immer, an der Oberfläche etwas erspäht. Bei Futter ist es verständlich, aber sobald nur ein Finger sich einen halben Dezimeter der grünen Brühe nähert, schießt er herbei und springt, den Mund geöffnet, entgegen. Uns macht er damit Angst und garantiert kann er auch jeden Einbrecher so vertreiben.
Bald soll Fisch, so wird uns versprochen, Freunde bekommen. Und dann sei auch das Aquarium sauber. Ich bin gespannt. Sollte das nicht eintreffen, so haben wir uns überlegt, dass Fisch auch sehr gut bei Thomas im Pool wohnen könnte.

Tag 192: Unerwähnenswerter Sonntag.

An diesem Sonntag ist nicht wirklich viel erwähnenswert. Das Wetter lässt zu wünschen übrig, die Agilität der Hausbewohner ebenso, im Hinterkopf klopfen immer wieder der morgen stattfindene Vokabeltest und sein guter Freund, die Lichtempfindliche Materialien-Hausaufgabe, an, aber beide werden gut ignoriert und zwar solange, bis dann doch was passiert, nämlich bis zu dem Zeitpunkt, an dem Jae, die Koreanerin sagt, sie habe koreanisch gekocht.
Und das hat sie heute gut gemacht. Sushi und andere kleine Snacks gibt es. Es ist meine erste richtige Mahlzeit heute, was sogar bei mir persönlich die Frage aufwirft, was ich anstatt zu essen denn sonst den ganzen Tag getrieben habe.
Ein Highlight von heute ist noch, dass unsere Betreuerin uns anruft, da die Campus-Polizei sich gemeldet hätte. Und zwar nicht wegen des Lochs in der Hecke, in das Denis und Nadine gestern in der Früh gefallen sind, sondern wegen des fliegenden Teppichs aus Cathrins Wohnung. Besser gesagt wegen der beiden fliegenden Teppiche. Denn Cathrin schafft heute Sperrmüll nach unten. Nach offiziell zwei Wochen gibt es also den ersten Mahn-Anruf für die Dame. Ein guter Einstand. Wir haben dafür länger gebraucht.
Und letztendlich wird zumindest dem Vokabeltest doch noch Zutritt gewehrt. Bis spät am Abend. Als Student hat man manchmal ein sehr hartes Leben.

Tag 191: Indisch.

Aus Erfahrung und Rücksicht wurde dieses Wochenende extra uns überlassen, wann wir denn unser Fußballspiel haben wollen. Tag ist egal, aber Hauptsache am Nachmittag, sagten wir.
Vor allem war dies Denis' Wunsch.
Und dieser Wunsch soll erfüllt werden. Heute. Um 16 Uhr. Was, mit etwas Lebenserfahrung und Nachdenken weiß man das, bedingt, dass wir so gegen drei Uhr los sollten. Um halb drei schläft der gute Herr mit den langen Haaren aber noch seelenruhig und jetzt binnen einer halben Stunde fertig werden?! "Vergesst es!", lautet die knappe Antwort. Nachkommen, das will er.
Tut er aber nicht. Hätte aber locker geklappt, da, mit etwas Chinaerfahrung und Nachdenken weiß man das, eine abgemachte Zeit nicht unbedingt wirklich abgemacht sein muss. Um vier Uhr ist der Platz noch belegt. Und es fehlen Gegner und Schiri. Über eine Stunde später ist Denis immer noch nicht da, aber das Spiel wird zumindest angepfiffen. Sieg.
Abends zieht es uns ins indische Restaurant. Es ist meine erste richtige Mahlzeit des Tages. Wir erfahren hier, dass wir noch gerade im Radius der kostenfreien Lieferungsservice-Region liegen und da wir als Ausländer auch noch Rabatt erhalten, kann es passieren, dass wir uns in Zukunft gar nicht mehr die Mühe machen, hier her zu fahren, sondern uns einfach mal was liefern lassen.
Und irgendwie ist es das dann auch schon mit dem heutigen Tag. Motivation, um irgendwas zu machen, ist bei keinem erkenntlich. Ich fürchte, wir werden langsam alle alt und zweimal am Wochenende loszuziehen ist nicht mehr drin.

Sonntag, 6. September 2009

Tag 190: Dancing-King.

Um es vorweg zu nehmen: Ich habe es wieder geschafft. Das dritte Wochenende am Stück. Bam! Ich bin wieder der letzte auf der Tanzfläche, wieder im Salsa. Dabei sieht es zunächst nicht danach aus: Nach einer kleinen Einweihungsfeierlichkeit bei Cathrin und Jay in der Wohnung ziehen Andy, Thomas und ich erst alleine los, da das in der großen Gruppe, erst recht mit Denis ("jaaa, ich muss mir eben noch ein T-Shirt anziehen. Und noch duschen und Zähne-Putzen. Altaschalta, was macht ihr auch jetzt schon wieder so viel Stress? Das hättet ihr mir auch mal vor zwei Stunden sagen können, dass wir jetzt los wollen!") und Lukas ("Ich habe noch zwei gleiche Socken an, brauche aber zwei unterschiedliche.") immer etwas lange dauert. Das SongSong ist im China-Grooves-Magazine (englischsprachiges Magazin für Leute wie uns in Xi'an mit Veranstaltungs-Tipps und dergleichen) angepriesen, letztendlich ist es aber auch nur der Loco-Club unter neuem Namen und als wir ankommen, verlassen viele Leute den Schuppen. Im Salsa ist dann auch noch nicht so viel los, weshalb wir nur mal kurz ins 1+1 marschieren, allerdings ist das hiesige Publikum abermals so penetrant auf der Balz, dass wir uns das hier auch schenken und zurück ins Salsa fahren.
Nach diesem Tripp sind wir allerdings schon recht müde. Verständlich. Außerdem liegt eine harte Woche Studium hinter uns. Heute sogar bis sechs Uhr abends. Das hätte ich mir in Stuttgart nie gegeben, da war der Freitag doch schon der erste Tag vom Wochenende, aber hier ist man ja artig. Wir wollen also eigentlich zurück, aber ich habe noch einen Auftrag zu erfüllen und kann bei den anderen noch einen Zeitaufschub von zwei Songs erkämpfen.
Die Tanzfläche ist allerdings noch recht gut gefüllt; die letzten Gäste, hauptsächlich Ausländer, treiben sich hier noch rum und ich sehe mein Ziel in Gefahr. Aber dann gebe ich dem DJ ein Zeichen. Ich zwinker ihm zu, mach mit der Hand ein paar Bewegungen. Er guckt nicht hin. Dennoch tut er das, was ich will und legt eine gute, alte Schnulze auf. Das Rausschmeißer-Lied. Und es wirkt. Nach den ersten paar Takten ist die Fläche leer. Thomas und ich stehen die zwei Minuten durch und sind glücklich und zufrieden, denn wir haben es wieder geschafft.
Thomas, du bist ein Teufelskerl. Und Mirko, du erst recht.
Die anderen treffe ich heute Abend übrigens nicht mehr wieder, da sie ihren ganz eigenen Irrweg durch die Club-Szene Xi'ans gelaufen sind.

Tag 189: Chinesische TV-Werbesendungen.

Das chinesische Schönheitsideal ist, wie schon oft erwähnt, weiß und mager. Je dünner und farbloser eine holde Maid daherkommt, als desto schöner gilt sie. Nicht gerade bei uns Austauschstudenten, aber wir stellen ja auch nur einen Bruchteil der Bevölkerung da, unsere Meinung dazu wird zwar zur Kenntnis genommen, das war es dann aber auch schon.
Außerdem hat unsere Meinung einen noch viel größeren und mächtigen Gegenpart, als eine Person jemals darstellen könnte, nämlich das Fernsehen.
Im TV laufen gerne Werbesendungen über Produkte, die entweder sehr schlank machen oder sehr weiß oder beides. Normale Filme werden mittendrin unterbrochen und in einer 15minütigen Sendung wird diese und jene Wunderwirkung einer Pille, einer bestimmten Kleidung oder irgendwelcher elektronischer Mittel angepriesen.
So kann man beispielsweise einen BH kaufen, der sämtliches Fett aus Bauch und hüften wie ein Magnet anzieht und hoch in die Brust hievt. Ich habe ihn jetzt noch nicht gekauft oder ausprobiert, aber ich stelle jetzt mal die Hypothese auf, dass das nicht funktionieren kann.
Dann wiederum gibt es weißheitsgradsteigernde Pillen und Crèmes, die super angesagt sind. Laut der Werbung scheinen sie auch zu wirken, wenn man den via Photoshop schlecht retuschierten Vorher- / Nachher-Bildern Glauben schenken darf. Und tatsächlich; europäische Frauen werden hier gerne mal gefragt, welchen Whitening-Faktor ihre Sonnencrème denn besitzt. Und mein weißes Bäuchlein ist auch sehr angesagt und wird oft für Vergleiche herbeigezogen, wenn uns eine Dame ihre hässliche Bräune demonstrieren möchte.
Sehr schlecht ist auch die Werbesendung, in der ein Elektronischer Schmetterling verkauft werden soll, den man sich an den Bauch klebt und der dann automatisch jegliches Fett in Muskeln verwandelt oder es einfach verschwinden lässt. Hier macht man sich gar nicht die Arbeit, bei den Vergleichsbildern etwas zu retuschieren, sondern man tauscht die Personen einfach aus; Aus der korpulenten Schwarzafrikanerin wird eine grazile Araberin, aus dem bierbäuchigen Mitt-Vierzigjährigen ein junger Sprössling mit Waschbrettbauch und der Italiener ist auch schnell ein Schwede. Aber das ist egal, da für Chinesen die Westler einfach gleich aussehen (wie umgekehrt für ungeschulte europäische Augen auch alle Asiaten gleich zu sein scheinen).
Interessant ist auch, dass laut TV Volley-Ball mit einem Ei gespielt wird, denn das Fernsehbild vom Spiel ist stark verzerrt, sodass alle, sowieso schon schlanken Spielerinnen noch viel schlanker wirken, später die Werbung oder die Kommentatoren jedoch sind wieder proportional richtig eingeblendet.
Trotzdem dieser gigantische Gegner, das TV, so offensichtlich manipuliert und schummelt, fallen die jungen Damen reihenweise darauf rein und verfallen diesem Beauty-Wahn. Ich sehe persönlich keine Chance, das zu ändern, dennoch kämpfen wir weiter, wie Don Quichotte gegen die Windmühlen, gegen diesen Trend an und verbreiten die Kunde, dass zu schlank und zu weiß eher kränklich als schön rüberkommt.

Tag 188: Vortrag.

Heute muss ich in Chinesisch einen Vortrag halten. Auf Chinesisch. Über meinen Urlaub. Gutes Thema, da gibt es viel zu berichten. Und alles aus dem Stehgreif. Lediglich ein paar Folien habe ich gestern noch vorbereitet, aber dann musste ich ja zu den anderen zum KTV stoßen. Das Karaoke-Singen ist auch daran Schuld, dass meine Schlafenszeit nur 3 Stunden beträgt. Aber letztendlich ist das gut, denn das beruhigt mich morgens. Bekannterweise bin ich nämlich nicht der Vortrags-Mensch; egal, wie klein oder groß die Gruppe ist, ich bekomme immer schwitzige Hände, eine wackelnde, meist hohe Stimme (wie damals im Stimmbruch) und komme aus dem Konzept, klammer mich an meinen Zettel mit Stichworten, die Stichsätze sind, zitternd. Heute nicht. Heute bin ich zu müde. Aber der Vortrag läuft wie geschmiert, keine Probleme.
Ich sollte öfter so eine Vorbereitung machen, nehme ich an.
Im Vokabeltest habe ich auch 100 Punkte. Genauso wie Lukas. Wir sollten uns "Superbrain-WG" nennen. Das wär abgefahren, Menschenskind.
Im Vortrag habe ich übrigens auch mal meine Reiseroute aufgemalt, welche ich euch hier nicht vorenthalten möchte.

Mittwoch, 2. September 2009

Tag 187: RMB aka Yuan aka Kuai aka Spielgeld

Vielleicht kommt dieser Eintrag etwas spät, aber besser als nie. Heute geht es hier um das gute, alte Geld.
Chinas Währung heißt Renminbi, die Einheiten heißen (offiziell) 1 Yuan = 10 Jiao = 100 Fen oder (umgangssprachlich) 1 Kuai = 10 Mao = 100 Fen.
1 Yuan, bzw. 1 Kuai ist ungefähr 0,10 Euro wert, dementsprechend ist 1 Jiao, bzw. 1 Mao 0,01 Euro wert und 1 Fen 0,001 Euro, also ein Zehntel Cent, ein Tausendstel Euro.
Banknoten sehen wie folgt aus: Es gibt gerade Mal Münzen für 1 Fen, 1 Jiao und, eher selten, 1 Yuan. Letzter ist wohl am häufigsten in der Shanghaier U-Bahn im Umlauf, denn über die Hälfte der dortigen Ticketautomaten nimmt nur Münzen. Und wenn man doch mal mit einem Schein bezahlt und als Wechselgeld viele Münzen bekommt, kommt gleich einer zu dir und tauscht sämtliche Münzen wieder in Scheine um.
Scheine gibt es dafür umso mehr: 1 Jiao, 2 Jiao, 5 Jiao, 1 Yuan, 5 Yuan, 10 Yuan, 20 Yuan, 50 Yuan und 100 Yuan. Ab einer Wertigkeit von 10 Euro gibt es dann aber auch keine höheren Beträge mehr und ein Bankautomat gibt ausschließlich 100 Yuan-Noten raus. Wenn man jetzt in ein Elektronikgeschäft geht und zu europäischen Preisen eine Elektronik-Gerät erwirbt und dieses bar zahlen möchte, läuft man mit einem Batzen Geld rum, der seinesgleichen sucht.
Da es aber lästig ist, so viele Scheine, erst recht von kleiner Wertigkeit, mit sich rumzutragen, habe ich von Anfang an eine kleine Prolltasche angelegt, die zuhause, im Schreibtisch sämtliche Scheine unter 5 Yuan beinhält. Zusammengepresst war dieses Bündel zuletzt über 5 cm dick und ich habe schon den Reisverschluss der Prolltasche deshalb zerstört, sodass ich mich zum Handeln gezwungen sah und jetzt nach und nach alle Scheine im Campus-Supermarkt gegen Ware eintausche. Zuletzt habe ich zwei Eis' in einer Wertigkeit von 0,30 Euro bezahlt. Mit 30 Banknoten. Die Supermarkt-Fachkräfte, bei denen wir einschlägig bekannt sind, waren entzückt. Meine Tasche war dennoch nicht halb geleert, sodass ich am Abend noch einmal über 50 Scheinchen in Getränke investierte.
Nun ist die Tasche wieder gut geleert, aber ich bin schon wieder ordentlich am Nachfüllen.

Tag 186: Strom- und Wasserrechnung.

Schon letzte Woche sollten wir eigentlich, sofern Zeit da war, zum alten Campus und unsere Wasser- und Stromrechnung bezahlen. Heute wollen wir den Plan auch in die Tat umsetzen. So eine Rechnung ist ja schnell bezahlt. Die steht irgendwo im Computer, zusammengerechnet, man legt nur noch seine Moneten auf den Tresen und verabschiedet sich.
Aber hier muss natürlich alles anders laufen. Hier ist alles unübersichtlich auf ein Papier mit Durchschlag gekritzelt und die Zahlen müssen noch einmal mit irgendeinem Faktor multipliziert und dann per Taschenrechner aufsummiert, wobei es gerne mal zu Tippfehlern kommt.
Während die erste Wohnung, Arne und Philipp, einen sehr schönen Betrag von 230 Yuan für ein halbes Jahr aufweisen, liegt der von Denis' Wohnung bei weit über 1000 Yuan. Denn die gute Dame hat in diesem Fall die Rechnungen für ein ganzes Jahr zusammengezählt, da unsere Vorgänger wohl vergaßen, zu bezahlen. Und gerade die Wintermonate hauen hier rein, was die Preise angeht. Es sei nicht ihr Problem, sagt sie. Wir wohnen jetzt da und würden dementsprechend selbstverständlich für die Rechnungen aufkommen. Wir protestieren.
Also machen wir erstmal mit Thomas weiter. Bei ihm passt der Strom auch nicht ganz, aber er wird entschädigt, indem man ihm sagt, dass die Wasseruhr zu kompliziert abzulesen sei und man ihm dieses deshalb nicht in Rechnung stellen könnte. Er jubelt. Schließlich ist er es, der in seinem Wohnzimmer einen großen Pool stehen hat, den er gerne mal befüllt mit 200 Litern. Allerdings kostet der Kubikmeter kühlen, chlorversetzten Nass' auch nur 29 Yuan.
Thomas erhält seine Rechnung, da sind wir auch schon eine Stunde in dem kleinen Kabuff, das sich Büro nennt. Und eigentlich hätte die Frau schon Feierabend, aber heute will sie wohl nicht. Außerdem stehen mit Denis' Wohnung ja noch drei aus.
Und dann fällt ihr auf, dass Ende September ja sowieso wieder abgerechnet wird und ob es nicht schöner wär, wenn wir dann alles bezahlten.
Mit diesem Einfall kommt sie sehr früh.

Tag 185: Mustache-Power.

Heute fällt der Strom aus. Von zehn bis fünf. Was macht man in so einer Zeit? Man ist vollkommen aufgeschmissen.
Wir haben Glück, einen Gasherd zu besitzen, denn so kann uns Cathrin oben, in ihrern neuen, sauberen Wohnung, ein sehr gutes Frühstück zubereiten. Sogar mit Kaffee.
Aber irgendwann hat es sich ausgefrühstückt, und dann? Zudem kommt noch die Müdigkeit aufgrund der letzten Nacht. Und draußen ist es grau, was auch nicht zur Aufmunterung anregt. Und durch das Grau ist es auch im Raum viel zu dunkel, da kann man nicht mal lernen. Vokabeln wären nämlich angesagt, jetzt beginnt wieder die unsegliche Zeit, in der jeden Montag ein Vokabel-Test ansteht. Aber bei den Lichtverhältnissen macht man sich ja die Augen kaputt.
Während der Hauptteil es vorzieht, zu schlafen, haben Denis und ich einen genialen Einfall: Da Denis' Freundin Jule sich die Haare färben möchte, genau wie Hannas Schwester Verena, zwacken wir uns ein wenig von dieser Farbe ab und färben uns unseren Oberlippenbart. Braun. So wirkt er dichter. Unsere Gene meinen es nämlich noch nicht so gut mit uns und entgegen unserer richtigen Haarfarbe ist der Bart in dieser Region sehr hell.
Wir machen das weiß Gott nicht, weil es gut aussieht. Wir sehen unseren Aufenthalt hier drüben eher als Experiment, wie weit man mit schlechtem Geschmack und Aussehen dennoch gut ankommt. Und bisher laufen wir ganz gut.
Auf die Idee mit dem Mustache hat uns unser Idol Peter Griffin aus der Comedy-Serie Family Guy, die zum Zeitvertreib gerne über DVD läuft, gebracht. Und da Thomas sich immer ein wenig ziert, obwohl er locker einen solchen Bart in drei Stunden haben könnte, ergreifen wir heute die Initiative.

Tag 184: Oktoberfest in Xi'an.


Es hat die ganze Nacht geregnet und das Umschalten von einem trockenen, stumpfen Kunstrasenplatz auf einen nassen, zumindest für den Ball rutschigen scheint vielen meiner Mannschaftskameraden nicht wirklich zu gelingen. Und so erlebe ich das wohl schlechteste Fußballspiel hier in China und ich bin mitten drin, zusammen mit Lukas und erstmals wieder mit Denis.
Dass das alles andere als dolle ist, sieht auch unser neuer Trainer ein, der mitten in der zweiten Halbzeit kommentarlos das Weite sucht. Ich bin gespannt, ob er je wieder kommt.
Dennoch sind die Oberschenkel anschließend hart wie Stein, nicht zuletzt wegen des harten Trainings am Donnerstag noch. Dennoch gilt es, der Einladung des Paulaner-Vertriebschefs für China zu folgen und am Abend in den Hof des edlen Sofitel-Hotels zu fahren. Dort wird Oktoberfest gefeiert, vier Tage lang, mit Paulaner-Bier, bayerischem Essen à la carte, stilechten Bierzelt und extra eingeflogener bayerischer Kapelle mit Gaudi-Musik.
Mit 188 Yuan Eintritt und 90 Yuan pro Liter Bier sind selbst die Preise deutsch, aber die Rechnung, dass wir ja dieses Jahr sowieso den Cannstatter Wasen, das Münchener Oktoberfest und den Bremer Freimarkt verpassen, ist Grund genug, dennoch hinzugehen. Und das Essen ist wirklich sehr gut. Und natürlich die Musik. Außerdem haben wir zwei Freikarten, weshalb wir Spätzle und Wels mitnehmen, wobei ersterer sich extra aus dem Bett quält, seine Kopfschmerzen aber nicht runterspülen kann und somit keinen sehr schönen Abend verlebt.
Das Festzelt ist halb mit Chinesen, halb mit Europäern, hauptsächlich Deutschen von irgendwelchen Firmen gefüllt. Diese halten uns übrigens durchweg für Engländer. Ich weiß nicht, ob wir uns wirklich so verändert haben im letzten halben Jahr.
Für jeden Tisch ist ein Trainee abgestellt, eine kleine, verschüchterte Chinesin, die ihren Job möglichst gut machen möchte und viel zu aufmerksam ist: Hat man gerade den letzten Bissen Essen vom Teller auf die Gabel befördert, ist der Teller auch schon weggeräumt. Thomas und ich wissen die Unsicherheit der Service-Kräfte zu unserem Spaß auszunutzen und spießen gerne das letzte Stück Leberkäs' auf, führen es in Richtung Mund und dann blitzschnell, kurz bevor das zarte Pfötlein da ist, zurück auf den Teller. Und nicht nur einmal. Außerdem schauen wir ihnen lange in die Augen; ein Blick, den keine standhält. Und wir weiten unseren wirklich gekonnten Tanz auf den Gang aus, sodass keiner mehr an uns vorbeikommt und nach anfänglichen zarghaften Versuchen und längerem Warten einen großen Umweg in Kauf nimmt.
Aber ich wette, sie haben auch ein wenig Spaß.
Bier, Musik und Essen sind also original Deutsch, die Bierzelt-Garnitur kann das leider nicht behaupten, denn an diesem Abend gehen mehrere Bierbänke zu Bruch. Aber darauf ist man vorbereitet, es werden postwendend neue gebracht. Und man muss sie nicht einmal bezahlen.
Um elf ist leider schon alles vorbei, nachdem die Musik schon kurz nach zehn aufhört. Schade, aber jetzt kann es ja weiter in den Salsa-Club gehen. Komischerweise führe in auf dem Weg dorthin ein wirklich schönes Blumengesteck vom Hotel mit, weil Thomas zuvor mit dem Zeigefinger drauf zeigte und sagte: "Da!". Und ich verstand.
Es ist auch kein Problem, dieses Gesteck, ohne Fragen, in der Garderobe abzugeben und das kostet nicht mal was. Dabei ist es viel sperriger als eine Jacke, kann nicht mal an den Haken gehängt werden.
Die harten Oberschenkel habe ich schon längst vergessen oder wieder weich getanzt, denn ich gehe wieder ab. Um vier Uhr machen sich alle anderen auf den Weg, Thomas und ich haben aber noch einen Auftrag zu erfüllen. Und den erfüllen wir: Wir sind wieder die letzten auf der Tanzfläche. Das zweite Mal hintereinander und mindestens schon das fünfte Mal insgesamt.
Teufelskerle, so kann man uns nennen!

Sonntag, 30. August 2009

Tag 183: Bergfest.

Wer in der Schule in Mathe gut aufgepasst hat und sich dazu noch ein wenig mit dem Kalender auseinandergesetzt hat, der weiß, dass 2 x 183 = 366 ergibt und dass ein normales Jahr 365 Tage hat. Und so dürfte jetzt auffallen, dass wir uns bereits in der zweiten Hälfte unseres Auslandsjahres befinden, wenn man jetzt mal behauptet, dass wir auch wirklich ein ganzes Jahr bleiben.
Viele sagen "erst", ich sage "schon", da es mir nach wie vor sehr viel Spaß hier macht.
Da dieser Tag auch noch ein Freitag ist, sollte man meinen, dass eine Feierlichkeit vorprogrammiert ist. Ist es aber nicht. Eine Woche Studium kann ganz schön schlauchen, wirklich alt werden wir heute nicht und auf die Pirsch geht es erst recht nicht.
Man muss auch nicht immer feiern!

Tag 182: Möbel kaufen.

Seit letztem Wochenende ist auch die sechste (und damit letzte) für uns Austauschstudenten reservierte Wohnung in unserem Haus bewohnt, und zwar durch Cathrin und Jae, eine feine Südkoreanerin.
Die Wohnung ist allerdings noch recht sperrlich eingerichtet, da sie in den letzten Jahren nie benutzt wurde und so gilt es, Möbel zu besorgen. Die kosten hier ja nicht viel.
Lukas, als guter Liebhaber Cathrins, und ich, als hilfsbereiter, gutherziger Mensch, begleiten die beiden Damen zum Möbel-Garagen-Verkauf. Aber nicht zu dem, wo wir damals waren (der lag am anderen Ende der Stadt), sondern in den ein paar Nebenstraßen vom Campus. Dieser ist neuer und irgendwie bilden sich die Verkäufer auch ganz schön was darauf ein, denn kaum einer ist wirklich verhandlungsbereit, Preise bleiben Preise, das bin ich gar nicht mehr gewohnt. Lediglich bei großen Abnahmen kann man etwas an der Summe schrauben und durch die Tatsache, dass wir so nah entfernt wohnen, erspart uns wenigstens die Transportkosten.
Und weil es gerade so schön ist, leisten Lukas und ich uns noch zwei Sessel in der Form einer Hand. Diese sind leider alle eingeschweißt und später, zuhause, wissen wir dann auch, warum: Durch die gespannte Folie ist ein Sitzen im Laden nicht möglich und man bemerkt erst zuhause, sehr spät, dass die 90 °-Lehne nicht unbedingt die bequemste ist. Aber irgendwie kriegen wir das schon hin.
Letztendlich kaufen wir in drei Garagen etwas und bestellen alle auf vier Uhr zum Campus. Sie kommen, leicht versetzt, um fünf. Wir haben ja schon bezahlt, also ist das mit der Pünktlichkeit nicht mehr so ernst zu nehmen.
Durch die Verspätung kommen Lukas und ich (Denis ist verschnupft und hat dann Angst, sich zu bewegen) etwas verspätet zum Fußballtraining. Unser Kader scheint aufgrund einer uns bevorstehenden langen und harten Saison auf 50 Spieler aufgestockt zu sein, zumindest kenn ich die Hälfte der Buben noch nicht. Und auch der Trainer ist neu. Und der meint es gut mit uns. Scheuchen tut er uns. Zwei Stunden lang. Und das, obwohl ich seit mehr als sechs Wochen sportlich nichts mehr gemacht habe.
Abends sind wir zu nicht mehr viel zu gebrauchen. Ein Muskelkater der feinsten Sorte ist vorprogrammiert. Aber wenn's hilft.

Donnerstag, 27. August 2009

Tag 181: Es hat sich austheresiert.

Ein Name ist in meinen Memoiren seit langer Zeit nicht mehr gefallen: Theresa. Das hat vor allem den Grund, das ich nicht mehr viel Kontakt zu ihr hatte in der letzten Zeit. Einmal nur, ich bin gerade aus Japan wieder in in Shanghai angekommen, da hat sie mich angerufen und, wie üblich, gebenten, ins Nono zu kommen. Ich habe ihr angeboten, nach Shanghai zu kommen. Wollte sie nicht. Ging nicht. Dann war Funkstille, obwohl ich ihr aus jeder Stadt auch nur auffordernd geschrieben habe, dass sie vorbei kommen soll. Ohne Antwort. Ich habe dann mal versucht, sie anzurufen. Und nochmal. Und dann nochmal. Und eine Woche später nochmal. Aber es ist wie verhext. Es kommt immer eine Fehlermeldung. Wahrscheinlich ist ihr Handy kaputt.
Heute, es ist chinesischer Valentinstag und morgen haben wir erst spät Vorlesung und Hannas Freundin Annemarie verlässt uns morgen, es könnte also keine besseren Gründe geben, machen wir uns dann mal alle gemeinsam auf den Weg ins Nono, zu Theresa.
Im Club ist das Entsetzen groß. Ich erkenne nur noch ein mir bekanntes Gesicht, es ist ein Kellner. Männlich. Keine weibliche Managerin. Auch keine weibliche angebliche Managerin. Er wüsste auch nicht, wo Theresa sei. Aber hier arbeiten tut sie nicht mehr.
Trauer. Und Leere. Was mach ich denn nun?

Tag 180: Mückenaufzuchtstation.

Ich weiß gar nicht, was die alle haben. Ich habe keine Probleme. Vielleicht stink ich nicht so doll, wie alle anderen. Aber allmorgenlich beklagt man sich hier über die Mücken (fälschlicherweise im Schwaben-Deutsch Schnaken genannt), deren Stiche, den daraus resultierenden Juckreiz, das daraus resultierende Kratzen und die dadurch resultierenden aufgekratzten Körperglieder. Wie gesagt, ich habe damit kein Problem.
Nachdem wir wieder in einer Vorlesung, BWL, eher wenig verstanden haben und in "Lichtempfindliche Materialien" sogar Extra-Unterricht bekommen, weil selbst die Chinesen das Fach für zu schwer halten, machen wir uns am Nachmittag dann mal auf die Ursache für das hohe Mückenaufkommen.
Diese finden wir sehr schnell. Es ist die Baustelle, die ich von meinem Fenster aus sehe und von der wir nicht wissen, was es werden soll. Auf einer kleinen Erhebung wurde schon vor Monaten eine Kuhle ausgehoben. Dann wurden Wende aus Beton gegossen. Zwischendurch wurde eine Wand wieder gesprengt, weil man wohl fälschlicherweise was falsch gemacht hat. Oder weil man Dynamit testen wollte. Oder weil man Spaß am Knall hatte. Auf jeden Fall ist diese Wand während meines Urlaubs wieder gegossen worden und auch der Boden. Und dieses Becken ist nun mit Regenwasser und vielleicht auch anderem Wasser leicht gefüllt. Es ist ein sehr schön stehendes Gewässer, zumindest auf dem ersten Blick, bei näherer Betrachtung bewegt sich die Oberfläche aber doch wegen vieler kleiner Mücken.
Diese Ursache haben wir also nun gefunden. Die Ursache, warum ich von ihnen nicht attackiert werde, aber nicht.

Tag 179: Studienbeginn.

Was haben wir ihn vermisst! Diesen schönen Raum ohne Fenster, in dem die Luft steht, wo aber dennoch auf das Lüften durch die Türe verzichtet wird, da stickige Luft besser ist als die urinzersetzte auf dem Flur, die derer in einer Autobahnraststätte gleicht. Kurzum, unseren Deutschclub.
Hierhin führt uns heute unser Weg zu unserer ersten Vorlesung im neuen Semester. Chinesisch ist angesagt, drei Stunden, und es geht weiter im Takt im Buch. Es ist nicht der schnellste Takt, der vorgelegt wird, das ganze kommt sehr schwerfällig in die Gänge. Unsere Prüfungsergebnisse vom April (!) bekommen wir dann auch heute. 82 %. Nicht sehr gut. Allerdings war die Prüfung auch nicht gerade dem Vorlesungsniveau angeglichen.
Dass das Niveau des Chinesisch-Unterrichts auch höher ausfallen dürfte, zeigt uns bereits die nächste Vorlesung am Nachmittag; Ein hoher Klassenraum verschluckt leider die Stimme des Professors recht leicht, gibt dafür aber jedes Rascheln und Tuscheln der Studenten umso lauter wieder. Dazu kommt ein Skript und ein Buch mit Sachtexten, in denen das Chinesisch nicht gerade viel mit unseren Texten aus dem Chinesisch-Unterricht zu tun hat. Kurzum: Trotzdem das Thema nicht das schwerste ist, hapert es dennoch in allen Belangen gut am Verständnis.
Da ist jetzt selbstständiges Reinknien angesagt. Irgendwie wird das schon laufen. Wir sind ja nicht doof.

Unverhofft kommt dann meistens doch recht oft. Wegen der Besprechung unseres Stundenplans werden wir ins Büro unserer Betreuerin gebeten. Und diese überreicht uns insgesamt drei Pakete. Lukas bekommt auch eins. Von Cathrin. Die ist mittlerweile hier eingezogen. Das Paket ist ebenso von Anfang April. Es hat also nur über vier Monate gedauert. Während die Fußballschuhe (Lukas besitzt derer nun drei) weiterhin in Top-Qualität sind, kann man das vom Parmesan-Käse leider nicht sagen. Für Experimentierzwecke wird er trotzdem aufgehoben.

Dienstag, 25. August 2009

Mirko Tag 178: Kurzes Strohfeuer der Liebe.

Am Morgen erreicht mich eine SMS von einer mir unbekannten Nummer. Es ist die 3400. seit meiner Zeit in China. In dieser Nachricht steht „Mirko, ich mag dich!“ auf Chinesisch. Nicht die (oder der, ich wurde während des Urlaubs dreimal gefragt, ob ich nicht zufällig homosexuell sei) erste. Aber trotzdem kann ich ja mal hinterfragen, wer sie ist.
Sie ziert sich ein wenig bei der Antwort, gibt mir nur das Stichwort „Qingdao“ und ich muss stark nachdenken. Nein, da habe ich eigentlich nur einmal meine Nummer vergeben, an Shushen, und lediglich einmal in der Bierstraße mit einer anderen Gruppe geredet. Aber da war eine junge Frau unter ihnen, die mir ab und zu Blicke zu warf. Möglicherweise ist es sie.
Aber sie ist nicht ganz mein Fall. Und was bringt es, knapp zwei Wochen später sich zu melden, wenn ich zu weit weg bin. Dennoch möchte sie wissen, ob ich sie nicht auch mag oder ob es da eine Dame in meinem Leben gäbe. Die SMS bombardieren mich beinahe sekündlich. Viel zu stressig. Ich sage, dass es da jemanden gäbe. Ist aber mein Geheimnis. Aber sie gibt nicht auf. Also sage ich ihr, dass ich Hutschmiknik mag. Ah, eine Deutsche. Die ist bestimmt sehr hübsch. Und da hätte die sie ja wahrscheinlich erst recht keine Chance. Nein, Deutsche ist sie nicht. Sie ist Uigurin und nicht besonders hübsch. Aber ihr Vater hat Geld, er ist Yak-Händler.
Sie mag es nicht, dass ich anscheinend mehr das Geld als die Liebe liebe. Sie schreibt mir, dass ich ein Herzensverschwender bin, und sie hat bereits angefangen, mich nicht mehr zu mögen. Das ging schnell. Jetzt frage ich mich, wer der Herzensverschwender ist. Sie schreibt ein letztes Mal. Es ist Nachricht Nummer 3500.
Abends grillen wir mal wieder. Bietet sich an, wir haben 5 kg Fleisch. Und genügend Menschen zu Besuch, die mitessen. Und dann geht es schon gegen zwölf Uhr ins Bett. Ich kann nicht schlafen. Jetlag-Feeling. Und als ich dann doch schlafe, um zwei, erhalte ich einen Anruf von Yiva Xiamen. Sie ist aufgelöst und angetrunken. Wann käme ich wieder nach Xiamen? Scheinbar bin doch ich der Herzensverschwender.

Tag 177: Urlaubsende.

Xi’an – Peking: 1100 km
Peking – Shanghai: 1250 km
Shanghai – Tokyo: 1800 km
Tokyo – Kyoto: 500 km
Kyoto – Nara: 50 km
Nara – Osaka: 30 km
Osaka – Shanghai: 1600 km
Shanghai – Hangzhou: 180 km
Hangzhou – Ningbo: 160 km
Ningbo – Xiamen: 840 km
Xiamen – Hongkong: 1400 km
Hongkong – Guangzhou: 140 km
Guangzhou – Qingdao: 2200 km
Qingdao – Shanghai: 780 km
Shanghai – Xi’an: 1400 km
All diese Distanzen machen ergeben eine Strecke von 13430 km, die ich in den letzten Wochen zurückgelegt habe. Was bin ich doch rumgekommen! Und schön war’s. Aber es ist auch angenehm, jetzt endlich wieder eine Konstanze zu haben und nicht nur aus dem (kaputten) Rucksack zu leben. Und dass das Lotterleben mal aufhört ist auch ganz wichtig. Streng genommen werde ich jetzt wahrscheinlich erstmal einen kleinen Jetlag durchleben, denn meine innere Uhr dürfte sich so sechs Stunden hinter der Zeit und dem Tagesrhythmus befinden, der mir in Xi’an wieder bevorsteht.
Vorbei ist also erstmal die Zeit, in der man abends erst spät losgeht, am frühen Morgen wiederkommt und dann bis zum Mittag schläft, um am Nachmittag appetitlos ein Frühstück reinzuprügeln. Ab spätestens übermorgen zählt wieder eiserne Disziplin.
Aber erst ab übermorgen. Denn da wir nun fast alle (die Ausnahme bildet Philipp, der noch in Shanghai steckt) in Xi’an eingetroffen sind und dazu noch die Familien und Freunde von Lukas, Nadine und Hanna vor Ort sind, was eine stolze Anzahl von 18 Deutschen hervorruft, sollten wir uns dem hiesigen Volke noch einmal im ganzen präsentieren.
Und so geht es abends ins KTV. Ich habe mich besonders herausgeputzt, denn ich trage ein quietschgelbes Hemd, auf dem Kühe und Bierkrüge so wie die Aufschrift „Beer“ zu lesen ist, das ich in der Brauerei in Qingdao gekauft habe, weil es einfach so stillos ist, dass es schon wieder toll aussieht, dazu trage ich meine Pinke Hose, auf der sowas wie Tiger drauf sind und das chinesische Wort für „hübsch“, dazu habe ich weiße Socken an, die aber nicht mehr weiß sind, weil ich sie einst mit einem roten T-Shirt gewaschen habe, und somit schön rosé schimmern und da das noch nicht genug ist, finde ich zum Glück noch Cathrins bunten Chucks in unserer Wohnung. Die sind zwar ganz neu und eigentlich noch zu klein für meine Füße, aber da muss ich durch.
Der Taxifahrer lacht mich aus. Zweimal. Also er würde nicht zugeben, dass er über mich lacht, aber ich spür das ja. Das ist mir aber egal. Ich seh toll aus und das weiß ich und ich spüre auch viel Rückendeckung in unserer Gruppe.
Leider verschwinden später auch die Damen in der Disco, als ich sie antanze. Oder es versuche. Sie kommen aber irgendwann wieder, weil mein Tanzstil zur Kleidung passt und es so insgesamt wieder stimmig wirkt.
Ich bin am Ende der letzte auf der Tanzfläche. Das wollte ich so, weil ich das im Salsa fast immer bin. Anschließend gibt es noch frittiertes Fleisch in frittiertem Brötchen mit scharfer Soße von der Straße. Anschließend haben wir mal wieder einen typischen Taxifahrer. Er weiß natürlich nicht, wo unsere Uni liegt. Und deshalb will er nicht losfahren, sondern so lange in seinem Gehirn kramen, bis ihm eine Erleuchtung erscheint. Die kommt. In Person von mir. Ich geleite ihn und Hanna, ihre Schwester und ihre Freundin sicher durch den Straßen-Dschungel Xi’an.
Mit Hannas Schwester Verena spring ich dann noch in die Hecke. Das haben Thomas und ich schon mal gemacht. Damals war die Hecke weich und wir haben über Monate ein schönes Loch als Andenken erkennen können. Das ist leider jetzt zugewachsen und muss erneuert werden. Leider hat die Hecke an Kraft gewonnen. Wir springen, aber am Ende liegen wir oben auf. Auf ziemlich spitzen Ästen und Dornen. Das war ein Schuss in den Ofen. Das raus klettern schmerzt am meisten.
Es ist halb sechs. Aber es ist ja auch noch ein typischer Ferientag. Aber Akklimatisation sieht anders aus.

Tag 176; Ordentlich abschnorcheln.

Letzter Tag fernab von Xi'an, wird langsam Zeit, fit und munter für die Vorlesungszeit zu werden. Also schnorchel ich den Hauptteil des Tages so richtig im Bett ab. Wenn ih nicht gerade schlafe, lese ich das von Torben mitgebrachte und sehr empfehlenswerte Buch "Für Uwe" von Christian Ulmen. Und ich lese es durch. Ich brauch sonst Monate für ein Buch, heute scharf ich es am zweiten Tag. Was aber auch wieder etwas blöd ist, denn so habe ich nun streng genommen Altpapier im Gepäck nach Xi'an.
Ich wage mich mittags mal nach draußen, um was zu Essen zu finden. Und dann noch in die Stadt, in der Hoffnung, einen internationalen Buchladen zu finden. Find ich nicht. Dafür eine zunächst nettaussehende Gasse. Als ich sie aber betrete, folgt mir ein Mob. Ich habe ein wenig Angst, aber es sind nur die Warchbagdvd'ler, die hier ihre überaus kostbaren Produkte verticken.
Abends ess ich im Hostel. Eigentlich aber hat Philipp mich in die Pflicht genommen, mich mit ihm und seinen Leuten in der Stadt zu treffen. Dabei habe ich schon fast geschlafen, aber gut, ab vor die Tür. Sämtliche Taxifahrer meinen, auf ihrer Straßenseite sei es blöde, einzusteigen, denn es gäbe keine Wendemöglichkeit. Baustelle. Eine von 2000 momentan.
Aber eben wegen der schlechten Wendemöglichkeit fahren auf der anderen Straßenseite keine Personentransporter. Und wenn doch, dann muss ich mich den quirligen Chinesen geschlagen geben, die irgendwie vor mir die Türklinke betätigen.
Nach über einer halben Stunde gebe ich auf. Ich schwitze und bin müde und muss morgen früh raus.

Sonntag, 23. August 2009

Tag 175: Wieder alleine(?)

Mirko Tag 175: Wieder alleine(?)
Torben und Toni sind letzte Nacht aufgebrochen, zurück geht's ins gelobte Heimatland. Und ich bin wieder alleine. Aber bin ich das wirklich? Nein, das war ich im Urlaub noch nie, glaube ich. Der Grundstein dafür liegt heute darin, dass ich unsere Luxusabsteige verlasse und 50 Hausnummern weiter in der selben Straße ein Vierbettzimmer im Hostel beziehe. Und da spann ich erstmal den ganzen Tag aus. Lesen, schlafen und leider, mangels Klimaanlage, auch schwitzen. Gegen acht Uhr abends wird es laut, da die beiden Südamerikaner, die ebenso den Nachmittag verschlafen haben, von den Damen ihrer Freundesgruppe geweckt werden. Nach kurzem Smalltalk und beschnuppern fällt dann der entscheidende Satz: "Hey German Guy, you should join us making Party." Eigentlich wollte ich ja mal einen ruhigen Abend verleben. Aber beim Hundeblick des Nicaraguas werde ich dann doch schwach und schon sitze ich mit der bunt gemischten Gruppe internationaler Studenten aus HongKong im Taxi auf dem Weg in den Sky-Club. Man kann diesen Club umsonst betreten und dann für jedes Getränk einzeln teuer zahlen, oder man zahlt umgerechnet acht Euro und hat dann den ganzen Abend freie Getränke. Zudem erhält man ein pinkes Armband, damit alle wissen, dass man für lau säuft. Wir nehmen das Angebot an. Wegen des pinken Armbands.
Qualität steckt nicht gerade in den freien Getränken und so schmeckt weder Bierchen noch Mischgetränk wirklich. Wenn es hoch kommt, habe ich am Ende gerade mal meinen Eintritt rausgetrunken. Ich besinne mich also voll und ganz auf meine Stärken: Tanzen. Und beobachten. Und heute beobachte ich, dass ich mit kurzer Leinenhose und T-Shirt ziemlich underdressed bin. Denn vor allem die chinesischen Frauen sind aufgebrezelt wie auf einem Galaabend. Aber was soll ich machen? Mit meinen Haaren versprühe ich schon genug Glamour. Und ich trage ein pinkes Armband. Sie nicht.
Ich beobachte des weiteren, dass es zwei Tanzflächen gibt. Und zwar, weil die Chinesinnen sich nicht wirklich gerne mit den Ausländern mischen. Sie tanzen also langsam und gesittet im Mittelgang, alle in Reih und Glied nebeneinander mit Blick zur Tanzfläche. Und auf der ist dann der Rest der Welt zu finden. Im Vergleich tanzen diese wie Barbaren, wild und freudig mit regem Interesse am interkulturellen Austausch in jeglicher Hinsicht.
Ich tanze irgendwo dazwischen. Alleine (?).

Tag 174: Shanghais Taxifahrer.

Mirko Tag 174: Shanghais Taxifahrer.
Shanghais Taxifahrer sind die schlimmsten. Also verallgemeinert, ich will gute Beispiele nicht verleugnen.
Gerade in einer international und wirtschaftlich so bedeutsamen Stadt wie Shanghai sollte man eigentlich davon ausgehen, dass ein bisschen Englisch verstanden wird. Oder dass zumindest bedeutsame Plätze bekannt sind. Zumal der Hauptanteil der Kunden aus Touristen aus dem Westen besteht. Aber hier nicht. Hier kennt man gerade einmal große Straßen und es liegt am Kunden, den Weg zu beschreiben.
Heute wollen wir in die französische Konzession, ein bisschen auf Kultur machen und uns anschauen, wo die Kommunistische Partei gegründet wurde. Nun hat eines meiner Familienmitglieder leider die Karte im Hotel vergessen (vielleicht absichtlich, denn er will kein Packesel sein) und es liegt an mir, zu beschreiben, wo wir hinwollen. In meiner Beschreibung fallen folgende Schlagwörter, selbstverfreilich auf Chinesisch: "Französisches Viertel", "Konzession", "Mao", "Museum", "Geburtstag Kommunistische Partei". Ich ernte zum Teil Gelächter. Gibt es hier nicht. Aber wir fahren erstmal los. Der Fahrer telefoniert viel mit Kollegen und versteht zumindest das mit dem französischen Viertel. Aber das ist groß. Dennoch könnten wir ja mal die Straßen durchfahren. Torben ruft dann mal die Service-Nummer an und erklärt dort auch nochmal unser Wunschziel. Am anderen Ende der Leitung hat man dann eine Idee. Wir sollen es mal mit dem Schlagwort "erster Kongress" versuchen. Klappt. Die Reise kostet dann nur 48 Yuan. Der Rückweg mit Wegbeschreibung 13... Und alles nur, weil man zu unflexibel ist, sich aus ein paar Wörtern das Ziel zusammenzureimen. Ist ja nicht so, dass es sich um einen unbedeutenden Ort handelt.
Ein weiteres Manko ist die Datenverarbeitung der Fahrer. Mal ist es First In First Out, mal ist es Last In First Out. Wenn ich also mein Ziel revidiere und doch woanders hin will, wird das erst registriert, wenn ich beim ersten angekommen bin. Und dann wiederum, wenn ich noch eine Hilfestellung biete und einen bekannten Ort in der Nähe nenne, geht es erst dahin.
Manchmal aber denken sie weiter, wenn sie aus einem Gespräch erfahren, wo wir hinwollen. "Nanjing West Road, ich sag dann Stopp!" lautet meine Anweisung zunächst. Und im Gespräch erfährt er, dass wir in eine Bar wollen. Zum Glück kennt er da eine. In der Nähe. Dass diese aber nicht in der gewünschten Straße liegt, ist Nebensache. Er steuert sie einfach an und muss nur noch die Gegenfahrbahn überqueren. Ich schreite ein und sage, dass es nicht richtig ist. Er is schockiert und bleibt stehen. Einfach so. Da soll sich der Gegenverkehr, dreispurig, sich mal schön selber den Weg um unsere Karosserie bahnen.
Auch der Fahrstil lässt öfter mal verzweifeln. Zwar wird der Fahrer stets erfurchtsvoll "Meister" genannt, aber das ist er im Normalfall nicht. Grundsätzlich wird wohl angenommen, dass ein ruckelndes Fahrzeug toll ist und zeigt, wie viel Kraft in ihm steckt und so lässt man es immer fast absaufen. Kurz davor schaltet man aber doch noch einen Gang höher und schwupps ist man schnell im fünften Gang. Bei Tempo 38.
Gerne wird auch immer im Takt zur Musik Gas gegeben, sodass man am Ende fast ein Schütteltrauma davonträgt, weil man erst in den Sitz gepresst wird und kurz darauf wieder nach vorne fliegt, weil die Beschleunigung schlagartig verpufft.
Aber gut, letztendlich habe ich sie alle lieb.

Tag 173: Schrecken aller Watchbagdvd'ler.

Mirko Tag 173: Schrecken aller Watchbagdvd'ler.
Es gewittert heute zunächst, wir kommen spät raus und gehen in die NanjingLu, die große Fußgängerzone. Eigentlich um zu essen, aber wenn man schon da ist, kann man ja auch noch Shoppen, zumal wir Jule dabei haben. Eine Frau. In den Geschäften ist es recht angenehm; kühl, geordnet, die Verkäufer sind zurückhaltend. Sobald man aber auf die Straße geht, kann es nervig werden; heiß und schwül, chaotisch, alle zehn Meter wird man aufs Neue angesprochen, ob man wirklich nicht doch eine Uhr, eine Tasche oder eine DVD kaufen möchte. Als ob man sich binnen zehn Metern umentscheiden würde. Man kann jetzt jedem Fälschungenverticker genervt sagen, dass man nichts will. Aber genervt ist scheiße. Und langweilig. Also machen wir uns gerne einen Spaß draus, sie schnell stummzuschalten. Mal studieren wir ihre Zettel ganz genau und fragen bei jedem Bild, um was es sich handelt. Dann rennen wir, abgesprochenerweise sofort schreiend in verschiedene Richtungen davon, sobald wir angesprochen werden. Oder wir halten uns die Ohren zu und sagen laut und in hoher Stimmlage "Ich kann dich nicht hören, ich kann dich nicht hören...". Oder wir summen ein Lied und klatschen und tanzen dazu. Oder aber wir versuchen, ihm auch irgendwelche Dinge zu verkaufen.
Meistens verstummen die Heinis dann sofort. Aber trotzdem wir bei den Aktionen viel Aufmerksamkeit ernten, fühlt sich der nächste zehn Meter weiter ebenso berufen, uns anzusprechen.
Lernen werden die es wohl nie.

Tag 172: Hoher Cocktail.

Mirko Tag 172: Hoher Cocktail.
Es ist typisch Denis. Um halb drei kommt der Anruf mit der Anweisung, zu dieser und jener Straße zu gehen. Dort sei es interessant und wir treffen uns dort. Aber wir könnten vorher noch was essen, er müsste nur noch kurz ein Bahnticket besorgn. Im Hotel. Die machen das.
Um halb sieben trifft er dann auch am Treffpunkt ein. Nur vier Stunden später. Aber wir sind ohne ihn ja nicht aufgeschmissen, machen unser eigenes Ding und erkunden die Gegend. Eigentlich wollen wir den Lebensmittelmarkt besuchen, aber der scheint ein Problem mit Nagetieren zu haben, zumindest liegt im Eingangsbereich scheinbar zur Warnung für alle Artgenossen eine Ratte mit halb abgespaltetem Kopf. So kenn ich es nur aus Piratenfilmen, wo am Hafen über lange Zeit Piraten am Galgen baumeln um zu zeigen, was mit Eindringlingen passiert.
Wir betreten den Markt nicht. Zu vieles dort würde uns an das aus dem Kopfe tretende Gehirn der Ratte erinnern und garantiert keinen Appetit bereiten.
Das Viertel bietet letztendlich viele kleine Künstlerläden mit noch mehr Schnickschnack, also genau richtig für Jule. Wir hingegen wissen die Happy Hour der kleinen Lokale mehr zu schätzen.
Dann geht's in die Super Brand Mall zum Sushi essen. Wir bilden einen guten Turm von kleinen Tellerchen und können somit gesättigt in die Bar im Grand Hyatt Hotel im 86. Stock fahren. Hier kostet der Cocktail soviel wie das Bier, nämlich 95 Yuan, aber das ist immer noch günstiger als ein Ticket in für den Fernsehturm oder den Flaschenöffner. Allerdings bietet die Bar auch nicht viel mehr Aussicht, die Luft...
Zum Ausklang besuchen wir abermals das Windows. Stimmungs- und preismäßig ist das die beste Wahl. Und hier macht der Bruder mir mal vor, wie man sich richtig verhält. Wenn ich nämlich nach vier Wochen harten Reisens kurz eine Auszeit auf die chinesische Art brauche und den Kopf kurz auf die verschränkten Arme auf dem Bartisch zum Ruhen platziere, dann haut der nicht einfach ab, sondern rettet erst meine Wertgegenstände und weckt mich dann auf, wenn es zurück zum Hotel geht.
Für den Weg brauchen wir zwei Taxis, da der erste Fahrer wahrscheinlich von unserem Gelaber und den Chinesisch-Versuchen ist und uns gläubig macht, dass wir fast da sein und aussteigen müssten. Toni braucht sogar drei Taxis, weil er sich beim anschließenden Versuch, Brot zu kaufen, verläuft. Zwar findet er frittierte Teigware, aber keine Abnehmer mehr, da Torben und ich längst schlafen.

Tag 171: Wiedertreffen mit der Meute

Mirko Tag 171: Wiedertreffen mit der Meute.
Frühstück gibt es abends um sechs in Altstadtviertel zusammen mit Denis und Jule, die zufällig auch in Shanghai rumlungern. Reichlich spät für die erste Mahlzeit am Tag und der Magen, mangels Füllung zusammengezogen, dankt es mit nur sehr langsamer Aufnahmegenehmigung. So kommen wir erst spät vom Tisch weg und sehen noch ein paar Tempel. Allerdings nur von außen, sie haben nämlich schon geschlossen.
Auf der Dachterrasse der Captain's Bar mit Blick über Fluss und Skyline treffen wir uns dann mit Nadine und der Schwester und der Mama. Und weil es im der Runde so gesellig ist, ziehen wir auch noch in das Zapatas. Wir spacken noch einmal so richtig auf der Tanzfläche ab (Powerdancing, nach drei Liedern ist die Kleidung nassgeschwitzt), dann packen wir auch hier die Sachen. Haben schließlich seit dem Frühstück nichts mehr zu essen gehabt, da bietet sich der Döner-Mann, einer der wenigen in China, an.
Ich befinde mich den ganzen Abend brav an Tonis und Torbens Seite, was bewirkt, dass wir gemeinsam und relativ frühzeitig in der Heia verschwinden.

Mittwoch, 19. August 2009

Mirko Tag 170: Rabenbruder Mirko

Der heutige Tagesbeitrag ist nicht für Leute geschaffen, die viel von
mir halten und mich unter Umständen als Vorbild, Traum-Schwiegersohn
oder fehlerlos betrachten.
Nach einem Schlendergang durch die Stadt und all ihre
Fälscherwerkstätten und einem Vorabend im Hotel zum Fußballschauen
geht es abends in das Windows, eine Bar mit Disco-Charakter zu
günstigen Konditionen. Es ist Samstag, da bietet es sich an, vor die
Tür zu gehen.
Nun befindet man sich also in diesem Club und kommt zwangsläufig mit
anderen Menschen in Kontakt. Und ich persönlich vergesse dann auch
schnell, mit wem ich eigentlich unterwegs bin und nehme auch mal
Angebote an, weiterzuziehen. Und so zieh ich einfach mit den
Thailändern weiter, wortlos, ohne Torben oder Toni auch nur ein
Zeichen zu geben. Zur Verteidigung muss ich aber auch erwähnen, dass
ich die beiden zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr sehe. Sei es, weil sie
auf Klo sind oder aus Herzschmerz eine Bank zum Ruhen aufsuchen.
Dennoch ist es vielleicht nicht ganz in Ordnung, zwei Buben, die weder
Land, noch Leute, noch Sprache, noch den Weg zurück zum Hotel kennen.
Also darf ich mir später die abenteuerlichen Odysseen der beiden
anhören: während Torben eine zeitlang auf der Parkbank ruht und
hellen ein Taxi besteigt, kommt Toni schon früher auf die Idee mit dem
Taxi und der Hotelkarte. Allerdings unterschätzt er dabei die Wirkung
von schlechten Straßenverhältnissen kombiniert mit ruckartigem
Anfahren und Abbremsenauf einen mit Schnaps gefüllten Magen. Aber in
China ist das kein Problem, sich kurz bei voller Fahrt aus dem Fenster
zu beugen. Der Fahrer freut sich regelrecht und lacht herzhaft. Gegen
ein kleines Trinkgeld wischt er dann auch voller Wonne die
Außenkarosserie ab.
Ich verspreche, sie hier nicht wieder allein zu lassen.

Mirko Tag 169: Touristentrottel Torben.

Nach acht Stunden Reisezeit (Flug eigentlich nur eine Stunde, aber
Verzögerungen und ein zwei Stunden-Bustrip durch den Feierabendverkehr
machen daraus einen Tagestrip) darf ich den herzallerliebsten Bruder
in Shanghai wieder in die Arme schließen. Und er bringt den Toni mit.
Torben entpuppt sich als Touristentrottel, der auf viele Fallen
reinfällt. So gibt er gegen meinen Ratschlag gerne mal Bettlern Geld
und wundert sich, dass sie danach mehr fordern. Auch glaubt er,
Rosenverkäufern, hier oft kleine Kinder statt Inder, zu helfen, indem
er ihnen gleich einen ganzen Straus abkauft. Dass diese das gleich den
ganzen Freunden mitteilen und wir kilometerweit von diesen verfolgt
werden, bis wir nachgeben oder ihre Füße zu wund sind, glaubt er mir
auch erst, als es der Fall ist. Zumindest kassieren wir viele Lächeln
von den Frauen, die uns über den Weg laufen und von uns jene Rosen
geschenkt bekommen. Und auf dem langen Weg kann ich den Kindern
hoffentlich ein bisschen ins Gewissen reden, dass es sich mehr
auszahlt, zu Schule zu gehen.
Und leider verschwindet auch die Dame, der Torben in der Bar einen
Orangensaft spendiert, umgehend, als uns die Kellnerin unauffällig
einen Zettel hinlegt, dass sie nicht dafür verantwortlich sind, wenn
sich andere Damen aushalten lassen und gegebenenfalls auf mehr aus
sind als nur einen Saft.
Aber gut, es ist sein erster Tag und er ist noch jung, ich werde ihm
das schon beibringen.

Mirko Tag 168: Bier, Bier, Bier und nochmals Bier.

Heute will ich dann wirklich mal etwas mehr von der Stadt sehen und
Kultur erleben. Also will ich zunächst in ein Museum. Ins Biermuseum.
Da wollte ich schon morgens hin, aber da musste ich noch schlafen.
Also nehme ich, um Zeit zu sparen und da ich nicht wirklich weiß, wo
wo es sich befindet, nehm ich ein Taxi. Und der Fahrer weiß
natürlich, wo er hin muss. Zur Brauerei. Also gurkt er mich eine halbe
Stunde durch die Stadt und lässt mich am Eingang der Beercity raus.
Der Penner. Das Museum is gar nicht da, erklärt man mir. Stattdessen
bekomm ich Wehmut, da hier gerade Festzelte für das übermorgen
startende Bierfest aufgebaut werden. Ich fahre morgen schon wieder.
Schlechtes Timing. Also guck ich mir das Gelände etwas an und denke
mir nur, wie schön es auf dem Bierfest doch sein müsste.
Dann nehme ich ein Taxi zurück. Und der Fahrer weiß, wo ih hin muss.
Zwar gibt es erst ein paar sprachliche Differenzen, weil dass Wort für
Bierstraße bis auf die Betonung genauso ausgesprochen wird wie
Bierfest, aber wir verstehen uns letztendlich doch.
Ich brauche also insgesamt eineinhalb Stunden, um das Museum, das
unweit des Hostels ist, zu erreichen. Verschenkte Zeit. Das Museum
lohnt sich aber allemal. Neben der Braukunst erfahre ich etwas über
die Geschichte und hiesige Trinkkultur. Zum Bierfest beispielsweise
trinkt man aus Behältnissen mit Plastikschlauch und um frisch
gezapftes Bier mitzunehmen, benutzt man klare Plastikbeutel. Man kauft
also keine Flasche, sondern eine Tüte Bier. Wahnsinn.
Leider liegt ein dichter Nebelschleier über der Stadt,
Aussichtsplattformen und Gebäude lohnen sich also kaum zu besuchen.
Ich guck also nur noch das nötigste an, die Bucht mit dem berühmten
Pavillion im Wasser, also das Wahrzeichen der Stadt.
Im Hostel will heute keiner mehr wirklich raus, aber das muss man auch
nicht, da die Lounge auf dem Dach auch sehr einladend ist und somit
zentraler Treffpunkt ist. Ich mag die Atmosphäre und vor allem den
interkulturellen Austausch. Und das alles in einer Stadt, die sich
ganz dem Bier verschrieben hat. Qingdao gehört definitiv zu den
Highlights meiner Rundreise.

Mirko Tag 167: Deutsches Reinheitsgebot?

Trotz einer überschaubaren Menge an Bier und einem frühen Bettgang
brummt mein Schädel heute morgen gewaltig. Muss am unfiltrierten, dass
zu viele Giftstoffe vom Brauprozess enthält. Da hat man sich bei der
Einführung des deutschen Reinheitsgebots also schon was gedacht, nehme
ich an.
Shushen geht es ähnlich. Antriebslos. Appetitlos. Planlos. Der Strand,
wo wir eigentlich den ganzen Tag verbringen wollen, muss warten. Das
Bett hat momentan eine größere Anziehungskraft. Zwei Stunden Schlaf
gewähre ich ihm ab elf Uhr. Um fün wecke ich ihn dann tatsächlich.
Frühstück. Und dann Strand, aber nur gucken.
Und was gibt es da zu gucken? Eine Menschenmasse sondergleichen. War
ich in Xiamen der einzige weit und breit im Wasser, so schwimmt man
hier die ersten 50 Meter durch ein Meer von Menschen. Unter ihnen
tragen viele Männer Schwimmflügel, Frauen tragen Neoprenanzug plus
zurechtgeschnittener Neopren-Maske, damit sie schön weiß bleiben.
Angst haben muss man hier nicht, da die Bucht mit einem Hainetz
versehen ist. Ob es in dieser Region wirklich Haie gibt, bleibt zu
bezweifeln. Und so bleibt eher die Mutmaßung, dass es eher gespannt
wurde, um die Menschen im Land zu halten.
Nach zwei Stunden geht es zurück ins Hostel. Shushen ist müde, geht
um acht schlafen. Ich finde heraus, dass man auf der Dachterrasse in
der Lounge essen kann. Und das gut und günstig bei chilliger Musik und
Billiard und vielen Gleichgesinnten. Westler, allein auf der Reise und
auf der Suche nach Abenteuern. Deshalb bietet es sich an, zusammen
loszuziehen. Ich habe ja den Tag genügend geruht, sodass ich jetzt gar
nicht müde sein kann.
Zwei Amis, drei Franzosen, ein Guatemateco, ich Deutscher sind am
Start, als wir die erste Disco betreten. Allerdings sind die Service-
Kräfte da immer etwas lästig und drängen einen förmlich dazu, sich
zu setzen und etwas zu trinken zu bestellen. Aber wir wollen wirklich
nicht an der Theke sitzen, auf der gerade ein Mann in Frauenkleidung
tanzt, also gehen wir wieder raus und finden in der Nebenstraße eine
Bar mit Tiachkicker und noch mehr Westlern. Briten, Australier, Russen
schließen sich uns an und es gleicht einer weißen Imvasion, als wir
(mittlerweile mehr als 20 Leute) uns vor einem Restaurant
niederzulassen. Wieder Seafood, wieder sehr gut und verdammt günstig.
Wir bleiben zwei Stunden.
In der Disco machen wir den letzten Tanz mit, dann müssen wir gehen.
Man will schließen. Von einem öffentlichen Platz werden wir auch
verscheucht, der Polizist traut uns nicht.
Und man sollte meinen, dass wir die einzigen Dummen sind, die jetzt,
um halb fünf in der Nacht, zum Strand gehen. Aber weit gefehlt. Es ist
eine Pilgerwanderung von hauptsächlich älteren Chinesen, die es sehr
eilig haben, das Wasser zu erreichen. Und somi ist der Strand fast so
voll, wie vor zwölf Stunden, als ich das letzte Mal hier war. Das ist
doch nicht normal! Aber gut für den Körper und den Geist, sagt man
uns.
Als wir zurückkommen, steht Shushen gerade auf. Es ist halb sechs.
Seine Freundin zwingt ihn dazu, einen Berg hier in der Nähe zu
besteigen. Dabei will er doch heute eigentlich nur am Strand liegen.
Armer Bub!
Ich lehne das Angebot, sie zu begleiten, dankend ab.

Mirko Tag 166: Qingdao.

Die letzte Nacht war nicht unbedingt eine der besten. Ein Taifun hat
das Festland erreicht und somit ist es sehr laut, meine Zimmerpartner
brauchen Licht zum Schlafen und einer von ihnen, sehr suspekt mit
Sonnenbrille, Hut und Vollbart kommt immer nur einmal stündlich rein,
legt irgendwas auf sein Bett und verschwindet wieder, was er durch
lautes Türknallen mitteilt.
Wird Zeit, dass ich den Süden verlasse, nicht nur wegen des Unwetters.
Qingdao lautet das Domizil und ich muss sagen: schönes Plätzchen,
dass sich unsere Vorfahren ausgesucht und kolonisiert haben. Direkt an
einer Meeresbucht gelegen, Berge im Rücken, angenehmes Klima.
Im Hostel, das schönste bisher, ein altes Observatorium, surft der
Chinese neben mir auf der deutschen Seite von eBay. Es ist Shushen, er
hat acht Jahre in Deutschland studiert, macht jetzt mit seiner
Verlobten Urlaub und Hochzeitsfotos. Vor der Hochzeit. Zwei Monate
vorher. Und am Strand. Natürlich. Und er hasst diese kitschigen
Bilder. Aber in China ist das ein Muss.
Aber da er die Bilder jetzt hinter sich hat, möchte er feiern. Für
Feiern bin ich ja eher nicht zu haben, im Urlaub will ich meine Ruhe
und viel schlafen. Aber natürlich gehe ich mit.
Wir landen in der Bierstraße. Sie heißt wirklich so. Sie liegt an der
alten Brauerei und jedes der ihr gegenüber liegenden Fischrestaurants
wirbt damit, der "Birthplace of Beerculture" zu sein. Ich komme aus
dem Strahlen nicht mehr raus. Was für eine schöne Straße! Und es
wird noch besser. Nicht nur, dass Fisch und Meeresfrüchte sehr lecker
sind, es gibt auch besonders leckeres unfiltriertes Rohbier aus großen
Fässern abgefüllt. Hier lässt es sich aushalten. Toll ist auch die
Tatsache, dass, ich nenne ihn Hugo, nicht so viel Bier trinken kann
und irgendwann erbrechen muss. Und das macht er geschmeidig unterm
Tisch - und alle finden es toll! Da ekelt sich keiner. So ist das
einfach. Toll.
Um halb zwölf hat es sich dann ausgetrunken. Sowohl Shushen als auch
ich sind müde. Erstaunlich früh, da werde ich morgen endlich mal
richtig fit sein.

Sonntag, 16. August 2009

Mirko Tag 165: Ein bisschen Guangzhou.

Bevor ich Hongkong verlasse, will ich noch auf den Markt. Ich bin
flexibel, was den Aufbruch betrifft, denn Züge nach Guangzhou gibt es
genügend.
Mit dem Markt wird es nichts, da Hongkong von einem Taifun heimgesucht
wird. Also guck ich mich auf dem Fälscherbasar im Erdgeschoss des
Hostels um. Leider kann ich mich nicht entscheiden, ob ich eine
PlayStation Portable, eine "Original iPhone Kopie" mit Antenne zum
analogen Fernsehen oder das Spionage-Gerät, das man sich irgendwo
hinstellt und per Anruf belauscht, was so Sache ist, kaufe und so
bleibt bei mir der Konsum aus. Dabei sind die Preise verlockend.
Ich steige dann eigentlich schon an der richtigen Station aus, glaube
mir selber aber nicht und kaufe ein Ticket um mit der U-Bahn noch eine
Station weiterzufahren. Da muss mich dann erst der Ticket-Verkäufer
überzeugen, dass die Inter-City-Züge tatsächlich bei der vorherigen
Station abfahren. Also wieder zurück.
Die Hongkonger halten sich auch für was ganz besonderes, glaube ich.
Irgendwie sollen sie zwar zu China gehören, haben aber ihre eigene
Währung (wo sich jede Bank mal so richtig austoben durfte, was das
Design und den Bedruckstoff des Scheins (zumindest die Farbe ist
gleich, aber jede Bank darf das Geld als eigene Werbefläche nutzen und
mal ist es Papier und mal Plastikfolie) betrifft) und die
Grenzkontrollen sind strenger als sonstwo. Und nervig. Und diese blöde
Schweinegrippe tut ihr übriges dazu.
Es dauert also etwas, bis ich den Guangzhouer Bahnhof verlassen darf.
Weil man meine Zahlen auf den Papieren nicht lesen kann, anscheinend.
Dabei sind sie es, die eine 9 wie ein P aussehen lassen und eine 7 wie
eine 1. Mir soll es egal sein, zum Glück werde ich nicht zur
medizinischen Nachuntersuchung gebeten, wie viele andere Ausländer vor
mir. Bin nicht heiß genug.
Vorm Bahnhof kann es kein Taxifahrer fassen, dass ich nicht ihr
unschlagbares Angebot von 120 Yuan nutzen möchte, sondern die Bahn.
"Die kostet aber auch 5 Yuan!". Ach was. Zumindest sind sie so nett
und zeigen mir, wie ich fahren muss.
Das Hostel liegt in bester Lage direkt am Fluss, die Nachbarschaft
besteht aus mindestens zehn Bars von hoher Qualität und einigen
Restaurants. In einem bestell ich Lobster, ohne zu wissen, was es
eigentlich ist. Es sind dann wieder Flusskrebse mit Ballonköpfen, was
heißt, dass der Teller am Ende fast so voll ist, wie am Anfang, weil
der essbare Teil ungefähr der Menge von zwei Nordseekrabben
entspricht. Kein Wunder also, dass ich noch einige Schüsseln Reis
kommen lasse, um einigermaßen gesättigt zu sein.
In den Seitenstraße geh ich Shoppen. Ein paar Adidas Schuhe, drei
Unterhosen, eine Tasche von Diesel (mein Rucksack ist zum Bersten
voll, reise jetzt erstmals mit Handgepäck). Das ganze für 120 Yuan,
zwölf Euro. Das Geld hab ich ja beim Verzicht auf das Taxi gespart.
Was es am Ende wert ist, wird sich noch zeigen.
Und dann geh ich noch zum Frisör. Nicht, weil die Haare schon wieder
zu lang sind, sondern des Services wegen. Kaffee, zwanzig Minuten
Haarewaschen, Kopf- und Nackenmassage, Smalltalk und drei Minuten
Haareschneiden bekomm ich für 20 Yuan. Probleme gibt es nur beim
Schließfach für meine Tasche. Das funktioniert nämlich mit
Fingerabdruck-Sensor. Allerdings nicht immer, wie man hier feststellen
muss.
Die Bars locken die Kundschaft mit tollen Angeboten. Und keiner kommt.
Ist Montag. Erst gegen halb zwölf zähl ich jeweils um die fünf
Gäste je Amüsierschuppen. Einer mit 50 Gästen wär da vorteilhafter,
also wird das bei mir heute nichts. Lediglich in der Lobby der
Jugendherberge verweile ich noch etwas. Das Bier gibt es hier nämlich
zum Einkaufspreis.
Letztendlich habe ich also nicht sonderlich viel von der Stadt
gesehen. Aber mein Anliegen war ja auch nur, eine Freundin zu
besuchen, die diese Tage aber doch nicht da ist. Selber Schuld.

Mirko Tag 164: Touristenprogramm alleine?!

Da beide Zimmerkumpanen früh auschecken müssen, steh ich,
gezwungenermaßen durch den Lärm auch früh auf.
Erste Station soll der große Buddha sein, der irgendwo auf der
Nachbarinsel in den Bergen steht. Dahin geht es mit der Seilbahn. Blöd
ist heute nur, dass Sonntag ist. Und da pilgern noch mehr einheimische
Touristen zu den Attraktionen, sodass man überall Schlange steht und
teurere Preise gelten.
Ich steh also fast eine Stunde an, bis ich überhaupt an der Kasse zur
Seilbahn stehe. Dann gebe ich etwas mehr aus für die Kabine mit
gläsernem Boden. Ein Glücksgriff, denn damit fahren nicht so viele
mit, die Schlange jetzt ist deutlich kürzer. Und da ich eine
Einzelperson bin, komm ich noch etwas schneller dran, weil irgendwo
immer noch Platz für mich ist.
Oben angekommen geht es erst durch ein Dorf. Ui, klingt laut Plan so,
als lebten da noch einheimische Buddhisten oder so. Es ist aber
lediglich ein mediterran wirkendes Dorf aus vielen Restaurants und
Souvenirshops. Soll mir egal sein, die Pizza schmeckt dennoch.
Der Buddha steht dann da auf einer weiteren Anhöhe. Von der Größe
her imponiert er schon, aber er steht auch nur und kann nicht tanzen
oder Feuer spucken. Das wär cool. Also ist es verständlich, dass ich
nicht den ganzen Tag bleibe.
Ich fahre dann zum Peak, einen hohen Berg direkt hinter der
Hochhäuserfassade, prima Ausblick. Hinauf geht es mit der Tram, Ende
des 19. Jahrhunderts erbaut. Und wie es da hoch geht. Steigungen bis
100 % nehme ich mit. Abgefahren, was die damals schon bauen konnten.
Oben könnte ich neben der Aussicht bei Bubba Gumps Shrimps in allen
Varianten essen. Mach ich aber nicht. Viel zu teuer. Die Aussicht ist
gut, nur ist die Luft mal wieder eine graue Brühe und es ziehen
Regenwolken auf. Fotos werden also nichts.
Im Hostel lese ich in der Mail von Anna, die hier zwei Jahre gelebt
hat und mir ihre Tipps nun mitteilt, dass es eine deutsche Kneipe
gibt. Hin da.
Das Schnurrbart liegt im Kneipenviertel und wirkt von innen wie direkt
importiert. Allerdings sind heute auch die Gäste von der Gattung
"Dorfkneipenbesucher kurz vor Schluss": Träge Männer gehobenen Alters
über ihren Bieren hängend, vereinzelt mal redend oder mit flachen
Komplimenten das Herz der hübschen aber kühlen Kellnerin zu erobern
versuchend. Und ich mittendrin. Aber nur kurz. Preise und die
Tatsache, dass es hier zu international ist sodass ich nicht leicht
mit anderen in Kontakt komme treiben mich wieder von Hongkong Island
nach Kowloon. Da gibt es nen Supermarkt, wo das europäische Bier
günstiger ist, als das chinesische und es gibt den Hafen und auf der
anderen Seite des Wassers viele Lichter.
Vor meinem Hostel wird nicht nur der Himmel mit zunehmender Tageszeit
dunkler, auch die Menschen. Chinesen findet man nicht mehr, dafür
viele Afrikaner. Sie bieten mir tolle Sachen zum Rauchen an. Ich muss
leider ablehnen. Rauche ja nicht. Das erkennt auch die ältere Dame und
bittet mich, doch in ihre Bar zu kommen. Den Bierpreis handel ich noch
etwas runter, dann willige ich ein. Wenn sie mich schon so bittet...
In der Bar sitzen mir sechs Damen gegenüber. Sonst gibt es da keine
anderen Gäste. Sie kommen alle von den Philippinen und finden mein
Hostel ganz toll. Sie würden es am liebsten sofort sehen, aber aus
Rücksichtnahme auf meine beiden, heute weiblichen, Mitbewohner muss
ich die Führung absagen. Aber Durst hätten sie und die Mami, wie die
alte Dame, die mich reingebeten hat, wünscht sich, dass ich ihnen ein
Getränk spendieren könnte. Das wünsch ich mir auch. Wirklich. Aber
ich bin Student.
Ich entschuldige mich, dass ich wohl nicht der typische Besucher ihrer
Bar bin und mir ist auch keine wirklich böse, dass ich dann gehe. In
anderen Städten Chinas war das schon anders, aber das ist hier ja auch
nicht wirklich China.

Mirko Tag 163: Kurze (?) Reise nach Hongkong.

Die Reise in eine neue Stadt ist bei mir momentan häufig mit der
Hoffnung auf ein Domizil mit mehr Schlaf verbunden. Ist aber auch
heute nicht wirklich drin, da ich immer nur kurz ein Verkehrsmittel
besteige, maximal eine Stunde unterwegs bin, aussteige, warte und
wieder irgendwo einsteige. Nach Shenzhen mit dem Flieger, da in den
Bus, zu Grenze nach Hongkong, Passkontrolle, nächster Bus, City.
Zwar werden mir schon am Flughafen die obligatorischen Zettel zur
Einreise und zur Schweinegrippe zum Ausfüllen gereicht, aber scheinbar
sieht man nicht ein, warum man mir sofort drei Zettel geben sollte.
Soll der Mirko doch mal schön selber rausfinden, oder nach einer
halben Stunde Schlange stehen vom Grenzbeamten aufgeklärt werden.
Herzlichen Dank. Denn so verpass ich auch den nächsten Bus und darf
noch eine halbe Stunde warten. Zudem fährt dieser dann viel zu langsam
und immer ganz rechts auf der Autobahn, allerdings fällt mir dann auf,
dass hier ja Rechtsverkehr herrscht. Der Busfahrer hält es nicht für
nötig, die Haltestellen anzusagen, also steig ich da aus, wo die
meisten aussteigen. Hab sowieso keinen Plan, wo ich hin muss. Hab ja
noch kein Hostel gebucht. Und einen Plan von der Stadt habe ich auch
nicht. Ich fahr sowieso immer ohne großen Plan und Vorbereitung los.
Dann ist die Erwartungshaltung nicht so hoch. Allerdings weiß ich
jetzt nicht, wo ich anfangen soll. Ich bräuchte Internet, um ein
Hostel zu finden. Allerdings brauch ich dafür Geld. Ich weiß
zumindest, dass man hier mit dem Hongkong-Dollar zahlt, aber was ist
der wert? Was hebt man ab? Und wo ist die nächste ATM-Bank?
In einer riesigen Mall werde ich fündig. 400 $, wird passen, ist der
mittlerste Betrag, den man abheben kann.
Vorm Starbuckscafé nutze ich meine 20 freien Internetminuten auf dem
iPod nih gerade intensiv für die Hostelsuche. Wie auch? Ich muss erst
mal wieder das unzensierte Netz genießen und ausnutzen. Aber dann im
nächsten Café werde ich fündig. Hostel in Kowloon. Da bin ich auch
gerade, finde ich heraus.
Also raus aus der Mall, mit der Adresse auf die Suche nach einem Taxi.
Dann fällt mir aber auf, dass ich schon in der richtigen Straße bin.
Hausnummer 700, ich muss zu 36. So weit kann das nicht sein. Aber ich
laufe dennoch eine halbe Stunde. Hauptsächlich, weil die Häuser so
dicht an die Straße gebaut sind, dass kaum Platz für Passanten ist.
Und dann läuft auch keiner in meinem Tempo. Und dauernd bleibt jemand
aus nichtigen Gründen unerwartet stehen. Dazu habe ich Gepäck auf dem
Rücken. Und es ist heiß. Und ich schwitze. Und ich bin mittlerweile
seit neun Stunden unterwegs. Ich muss mich selber beruhigen. Mich
bremsen, dass ich niemanden anschreie.
Mein Hostel umfasst einen Häuserblock. Im Erdgeschoss haben Inder und
Afrikaner ihren Fälschermarkt, im dritten Geschoss ist die Rezeption,
ich wohne im elften. Allerdings ist das Gebäude in sechs Blöcke
unterteilt, für jeden gibt es zwei Aufzüge, der linke fährt die
geraden, der rechte die ungeraden Zahlen an. Und das ganze in einer
Geschwindigkeit, die selbst die Bezeichnung langsam nicht verdient. Zu
Stoßzeiten kann man also auch hier vor eine halbe Stunde warten, auf
der Fahrt nach ganz oben verhungern.
Mit Andrew, meinem malaysischen Mitbewohner geh ich essen und in ein
Internetcafé, damit meine Weiterreise für übermorgen geklärt ist.
Da er Buddhistenschüler ist, fällt ein Clubbesuch flach. Kein
Problem, ich habe sowieso noch etwas Schlaf nachzuholen und morgen ist
Touristenprogramm dran. Dabei hilft mir der australische Mitbewohner
weiter, der mir einen Plan und seine Tipps überlässt.
Und schon bin ich voll und ganz über die Stadt aufgeklärt. Wär ja
nur verschenkte Zeit gewesen, hätte ich mich vorher informiert.

Mirko Tag 162: Anti-touristisches Programm.

Nachdem ich um sieben Uhr in der Früh ins Hotel gelassen werde und
endlich schlafen kann, erwache ich nach zwei Stunden wieder. Ich wecke
die Hotelbetreiberin ebenso auf, da ich eigentlich auschecken müsste,
aber auch gerne noch ne Nacht dranhängen würde. Ist geritzt und jetzt
wird weitergeschlafen.
Um vier treffe ich mich wieder mit Yiva. Sie hat frei, da bietet sich
das an. Und dann besichtigen wir keine Tempel oder andere Attraktionen
oder essen landestypische Gerichte, wie es sich sonst für Touristen
gehört, sondern machen das, was Chinesen so tun. Erst mal werde ich
zum Steakessen eingeladen. Von einer Vegetaröse, wohlbemerkt. Dann
geht es Shoppen, beim Walmart. Obst und so. Die selbe Mall, die
Walmart beherbergt, sonst aber ziemlich leersteht (in Deutschland wäre
das ein Skandal, wenn ein so großes Einkaufscenter keine Geschäfte
böte), bietet im obersten Stock eine Eislaufbahn. Sie wollen mir da
erst Schlittschuhe mit Zacken vorne andrehen, die aber ziemlich
unbequem sind und überall drücken, sonst aber zu locker sitzen, weil
die anderen Eishockeyschuhe kaputt seien. Alle. Später erfahre ich,
dass die nur an Leute vergeben werden, die das schon können. "Lass
rüberwachsen da! Ich bin Mirko, eines Wintertages am Mackenstedter
Rixmoor geboren, bevor ich überhaupt stehen konnte, lief ich schon auf
Kufen.", protestiere ich. Erfolgreich. Dass ich aber als
Kniegeschädigter seit knapp drei Jahren nicht mehr gelaufen bin,
verheimliche ich mal lieber. Und dann dreh ich meine Piruetten und
polarisiere die freudig erregten Blicke der Massen. Läuft also. Auch
mit dem Knie. Ich bin sehr stolz auf mich.
Dann wird Billiard gespielt. Kann ich nicht wirklich, Yiva auch nicht.
Und dann geht es an den Strand in eine Art Freizeitpark mit Karussels
und so. Es ist. Bereits nach Mitternacht, aber das hält niemanden
davon ab, die Fahrgeschäfte weiterhin fahren zu lassen.
Um halb drei bin ich im Hotel. Und das ziemlich reibungslos. Zwar hat
Echo, die Betreiberin, die mir zur Vorsicht ihre Nummer gegeben hat,
ihr Handy ausgestellt, aber die Eingangstür ist nur angelehnt.
Von der Dusche aus kann ich im TV den Bundesliga-Start mitverfolgen.
Von der Dusche aus. Geil. Könnte perfekt sein, aber es spielt ja nur
der VFB. Ich schlafe also irgendwann, mittlerweile nicht mehr in der
Dusche, ein, werde aber kurz danach wieder geweckt, per Telefon. Yiva
ist am Strand in meiner Nähe. Hat sich mit der Mitbewohnerin
gestritten und will nicht dahin zurück. Ich soll vorbeikommen. Da
starker Wind weht, ist das Bild vom Bildschirm, auf dem eben noch
Fußball lief, schwarz, also gehe ich die paar Meter vor die Tür.
Völlig aufgelöst werde ich aufgefordert, morgen nicht zu gehen. Man
wird mich vermissen. Ich mutiere hier auch irgendwie Widerwillen zum
Herzensbrecher. Ich fühle mich schlecht dabei. Dennoch setze ich sie
in ein Taxi.
Dann ist es fünf. Herzlichen Glückwunsch, Mirko, in drei Stunden
klingelt der Wecker. Dann geht es über Shenzhen nach Hongkong.
Im Sinne eines erholsamen Urlaubs waren die Tage in oder auf Xiamen
(mangels Stadtplan weiß ich bis heute nicht, ob es sich um Festland,
eine Insel oder zwei Inseln handelt), aber schön allemal. Im Sinne des
Mirko.

Mirko Tag 161: Sonne, Strand und Sonnenbrand.

Da ich im dritten Stock unterm Dach wohne, sie Fenster offen stehen
und die Klimaanlage irgendwie auf 32 •C eingestellt ist, wache ich
nicht unbegründet am frühen Vormittag sehr geädert auf. Und zwar
hungrig. Aber hier in der Gegend gibt es ja nichts, außer das
Fischrestaurant. Mein Frühstück fällt also in der Luxusvariante aus,
das gleiche wie vorgestern.
Dann zum Strand. Ja, Mama, ich habe mich eingecrèmet. Und nein,
natürlich schwimm ich nicht zu weit raus, die Strömungen. Das Wasser
ist eigentlich ganz nett, keine Brühe, wie in Shanghai, eher wie die
gute Nordsee, allerdings muss man dazu erst den ersten Müllgürtel
durchqueren.
Am Strand widme lese ich. Hört, hört. Oder ich schlafe. Oder ich
beobachte die einzigen anderen Gäste neben mir, die ab und an mal
aufkreuzen. Das sind dann Hochzeitspaare, ganz in weiß, die jetzt
kitschige Bilder direkt am Wasser machen wollen. Ich hoffe, sie werden
nach der Hochzeit gemacht denn sauber bleibt die Kleidung bestimmt
nicht. Und wenn ich "ganz in weiß" sage, meine ich das auch so:
Brautkleid weiß, Braut ganz weiß geschminkt, Bräutigam ganz in
weiß. Bei allen zehn Paaren sieht das so aus.
Egal, ob ich nun lese, schlafe oder beobachte, ich tu es zu lange. Zu
lange, als dass die Sonnencrème Joh weiter Schutz böte. Und so werde
ich rot. Besonders in den Kniekehlen. Aber egal, wie wir alle wissen,
wird das braun. Später. Erstmal tut es leicht weh.
Um sieben bin ich mit Yiva verabredet, meiner heutigen Reiseführerin.
Sie lässt mich wegen des zu langsamen Busses eine halbe Stunde warten,
aber seit Theresa kenne ich das ja. Während ich da also so stehe,
umkurven mich drei kleine Halbstarke auf ihren Gelenk-Skateboards. Sie
rufen mir abwechselnd etwas zu und amüsieren sich köstlich darüber,
dass ich nichts verstehe. Aber ich verstehe. Und das gebe ihn ihnen zu
spüren, indem ih den Lümmeln an die Ohren packe und zu ihren Müttern
schleife. Sie bekommen alle drei Hausarrest über zwei Tage.
Mit Yiva geht es durch ein paar nette Straßen, etwas essen (sie ist
zufällig Vegetarierin, aber auch sie kann mich nicht umstimmen), an
den Hafen und dann doch wieder in die gestrige Bar. Irgendjemanden
kennt sie dort und so müssen wir nichts bezahlen. Schon wieder eine
Parallele zu Theresa. Und wenn es dann schon halb zwei ist, können wir
ja noch an den Strand gehen und auf denn Sonnenaufgang warten,
gemeinsam mit etwas Bier und Chips. Aber sie hält es nicht durch. Es
wird kalt und Regen kündigt sich an, also geht es dann doch schon um
halb fünf zum Hotel. Heute wird nicht auf mein Klingeln reagiert. Aber
die Hollywood-Schaukel ist ja auch besonders gemütlich und so schlafe
ich dort, bis man mich um sieben hereinbittet.

Mirko Tag 160: Xiamen.

Gestern saß ih im Flugzeug in Reihe 9. Das war ganz hinten. Und die
Stühle waren nur zur Hälfte besetzt. Für so wenig Passagiere lohnte
es sich also nicht, die Heizung anzuschalten. Wenn ich nicht alles
falsch gemacht habe, droht mir morgen eine Erkältung. Nach dem
Einschecken im Hotel beging ich mich auf die Suche nach einem
Abendessen. Das konnte mir nur das Fischrestaurant bieten. Und dabei
hab ich es mit Fisch doch gar nicht so. Erst recht nicht, wenn er
schon den ganzen Tag da rumliegt. Mir blieb keine Wahl. Fisch und
Muscheln und Gemüse und Reis. Und es schmeckte vorzüglich,
erstaunlicherweise. Mit 60 Yuan hatte es dann auch seinen Preis.
Die Nacht musste ich in Angst verbringen, denn beim Öffnen des
Rucksacks flog mir eine Zykade entgegen. Zykaden sind bis zu 15 cm
lange Insekten, braun, und zur Paarungszeit besonders laut. Sie
platzierte sich auch gleich im Lampenschirm über meinem Kopfkissen.
Bestimmt wartete sie darauf, dass ich schlafe, um mir in den Mund zu
krabbeln und dort Eier zu legen. Die Angst davor und die Tatsache,
dass direkt vor meiner Zimmertür zwei Katzen am Kämpfen waren,
ließen mich erst sehr spät schlafen.
Ich habe Glück, die Zykade landet zu lautstark auf meinem
Nachbarkopfkissen. Ich kann sie locker aus dem Fenster schmeißen. Soll
sie ihre Zykadenspiele doch woanders fortführen.
Mein Hotel liegt in einem kleinen Kaff fast direkt am Meer. Nur fast,
da sich jetzt jemand gedacht hat, man könnte einen schönen
Hotelkomplex dazwischenbauen. Oder damit anfangen, denn gebaut wird da
nichts mehr. Aber zum Meer kann ich sowieso noch nicht, ich brauch
noch eine Badehose. Für die Lauf ich ein paar Kilometer durch die
Gegend, erfolglos. Dann hüpf ich also nur in Unterhose rein, am Strand
ist sowieso niemand außer mir.
Nach Rückkehr zum Hotel und einer Dusche fahr ich mit dem Bus Richtung
Stadt und steige zufällig an der Hauptattraktion aus, einem
buddhistischen Tempel. Ich bin wieder der einzige Ausländer, was aber
niemandem auffällt, da es wohl brauch ist, sich vor jeder der
schätzungsweise 500 bronzenen und steinernen Bhuddas mit einem
Räucherstäbchen bewaffnet zu verbeugen und ein Gebet zu sprechen. Ich
belass es einfach bei einem knappen "Moin!". Hab mit den Knaben ja
nichts am Hut.
Dann sehe ich hinter der letzten Tempelanlage einen Weg in den Wald.
Es geht den Berg rauf. Nicht weit. Nur bis zum güldenen Pavillion auf
einer Anhöhe. Denke ich. Aber eine Treppe könnte ich ja jeweils noch
laufen. Nur befindet sch hinter jeder Treppe noch eine und irgendwann
bin ich auf dem höchsten Punkt der Insel. Mein Körper zeigt mir
stolz, dass er mittlerweile an sämtlichen Stellen Schweißdrüsen
entwickelt hat. Beruhigend stell ich aber fest, dass auch bei den
Chinesen kein Kleidungsstück trocken bleibt. Wir schmoren alle im
eigenen Sud. Und dann fangen meine Beine an zu zittern.
Unterzuckerung. Stimmt, das Frühstück habe ich ja ganz vergessen. Und
da es schon fast vier Uhr ist, fiel das Mittagessen auch aus. Ich
erinnere mich an die Empfehlung des Reiseführers, das Tempelessen zu
probieren. Ist zwar vegetarisch, aber das Entenfleisch ähnelnde Tofu
soll toll sein. Geb ich den Vegetariern doch mal die Chance, mich zu
überzeugen. Und was sagt die dann zu mit? "Nein, so ein Tofu gibt es
hier nicht. Und überhaupt, kommen sie um fünf wieder." Um fünf. In
einer Stunde. Hallo?! Hab ich gefrühstückt?! Liebes Vegetariervolk,
ihr könnt euch bei diesem Tempel bedanken, dass ich aus stillem
Protest im ortsansässigen Fast-Food-Restaurant eine Burger mit der
Extraportion Fleisch verzehre.
Es ist mir zuwider, im eigenen nunmehr kalten Schweiß zu hocken, also
wieder Hotel, dritte Dusche für heute, schlafen. Später zurück in
die Stadt, essen und einen Amüsierschuppen finden. Im ersten Rockcafé
bin ich der einzige, in der Bar gegenüber kann ich froh sein, dass mir
der Spiegel, also das Magazin, etwas Unterhaltung verschafft und so
bin ich jetzt wieder voll und ganz aufgeklärt, was im März so los war.
Ich steige ins Taxi ein. "Zurück zum Hotel", denke ich. "Kennen Sie
noch eine gute Bar?", frage ich.
Und schon stehe ich vor einer durch und durch rotbeleuchteten Fassade
mit der Aufschrift "True Love". Ist aber kein Bordell oder so. Das
Bier kostet trotzdem stolze 40 Yuan, da bin ich froh, dass sich
verschiedene Gruppierungen betrunkener Geschäftsmänner darum battlen,
an wessen Tisch der Ausländer mit den coolen Haaren darf. Mir fehlt es
an nichts: Obstteller, Gegrilltes und zu jeder Zeit ein kaltes
Getränk. Im Gegenzug muss ich es nur ertragen, dass sie sehr
anhänglich sind und möglichst lange meine Hand schütteln oder meine
Schulter klopfen wollen, sowie dass sie zum Teil so rotzevoll sind,
dass nicht nur ein Glas umkippt und mich besudelt.
Am Ende, zwei Gruppierungen wollen das jetzt draußen miteinander
regeln, lande ich bei Onkel John aus Hongkong am Tisch. Seinen Sohn
hat er jetzt schon dazu abkommandiert, in einigen Tagen meinen
Reiseführer in seiner Heimatstadt zu spielen. Ich glaube, von der
Gastfreundschaft hier kann man noch einiges lernen.
Zwischendurch werden mir zudem noch einige Nummer zugesteckt und was
wäre ich für ein Mann, wenn ich darauf nicht reagieren würde. So
habe ich für morgen auch einen, diesmal weiblichen, Reiseführer.
Es ist vier, als ich wieder beim Hotel ist. Das hat natürlich, als
kleiner Familienbetrieb, die Pforten verriegelt. Ich habe aber nichts
in den Bedingungen darüber gelesen, wann man spätestens zurück sein
muss und so klingel ich unverblümt. Die Tür wird geöffnet. Prima.

Mirko Tag 159: Regenschauer, Sonnenschein, Schweiß.

Das Wetter zur Zeit in der Region von Shanghai, Hangzhou und Ningbo
gehört nicht gerade zum angenehmsten. Gerade scheint noch die Sonne,
schon zieht eine große Regenwolke auf und regnet sich aus, nur um
danach gleich wieder der Sonne Platz zu machen. Und die lässt den
Regen dann wieder verdampfen. Dadurch ist die Luft so gesättigt, dass
die vom Regen nasse Kleidung gar keine Gelegenheit bekommt, um zu
trocknen. Ich weiß insgesamt gar nicht, ob ich gerade schwitze oder ob
es nur die Wasserpartikel der Luft sind, die sich an mir ablagern. Und
dann kommt man in ein Geschäft und wird von der Klimaanlage
kaltgepustet. Kein Wunder, dass sämtliche Rezeptionsdamen des Hostels
um die Wette husten.
Dennoch muss ih vor die Tür, wenigstens etwas von Ningbo sehen. Diese
Stadt soll Shanghai etwas ähneln, durch einen Fluss geteilte Stadt mit
einer farbenfroh beleuchteten Skyline. Aber der großen Metropole auf
der anderen Seite der Meereseinschneise kann Ningbo keine Konkurrenz
machen, viel zu klein sind die Gebäude.
Ich besuche noch ein altes Anwesen, das Tianyige, das die älteste
Bibliothek Chinas beherbergen soll und auch die einzige
Mahjongausstellung der Welt. Wow. Dafür zahlt man dann auch 30 Yuan
Eintritt. Nicht wenig für China. Die Bibliothek verfügt über eine
nicht sehr große Auswahl an Kopien von Kopien der aus dem 9.
Jahrhundert stammenden Bücher und aus den Schildern wird klar, dass
sie erst 1980 neu aufgebaut wurde. Ganz schön alt also. Die
Mahjongausstellung ist jetzt auch nicht die größte, allerdings für
mich auch nicht so Interesse. Viel spektakulärer ist der sprechende
Vogel, der einen auf drei Sprachen begrüßt.
Für eine kleine Besucherin hat sich das Kommen dennoch gelohnt. Stolz
erzählt sie ihren Eltern, dass ich der erste Ausländer bin, den sie
je gesehen hat. Auch ich bin zu Tränen gerührt. Sie darf auch mal
anfassen.
Auf dem Rückweg laufe ich über eine lange Brücke. Eine Passantin ist
mir sympatisch, denn auch zeigt deutlich, wie genervt sie von den
Mofafahrern ist, die den Gehweg als ihren Weg deklarieren und uns nur
ungern Platz machen. Ich hätte nicht auf die Frage, wo ich herkomme,
reagieren sollen, denn nun wird mir ein halbstündiger Monolog über
die Ungerechtigkeit auf der Welt und die Ausbeutung Chinas
vorgetragen. Das alles auf Chinesisch, sodass ich oft nur erahnen
kann, was sie gerade sagt. Aber ich bekomme am Ende nochmal eine
Zusammenfassung in gutem Englisch. Sie scheint nicht ungebildet zu
sein und deutet an, dass sie wohl ein paar mal zu oft ihre Meinung
gesagt zu haben, denn Arbeit habe sie wohl seit kurzem keine mehr und
bei genauerer Betrachtung trägt sie auch ihren ganzen Hausrat mit sich
rum. Natürlich würde ich ihr gerne weiter lauschen, aber leider
leider ziehen schon seit einiger Zeit Gewitterwolken auf. Und Mama
sagt, was auch das Fernsehen bestätigt, dass man bei Gewitter alles
ander als auf einer Brücke stehen sollte.
Ich lasse mich noch eine Stunde im Hostel trocknen, dann geht es zum
Flughafen. Da will ich einen Gürtel oder zumindest ein Band kaufen,
damit nichts durch den kaputten Reißverschluss rutschen kann. Aber
Gürtel wir genauso ausgesprochen, wie Tragetasche, und irgendwie
erschwert das die ganze Suche. Zum Glück werde ich beim Samsonite-
Laden selber fündig, leide hat die Marke auch wieder ihren Preis. Aber
sicher ist sicher, denn ich will bis nach Xiamen im Süden nicht das
halbe Gepäck verloren haben.
Ich könnte übrigens auch mit dem Zug dorthin fahren, allerdings gilt
es abzuwägen, ob 300 Yuan für 24 Stunden Fahrt oder 500 Yuan für
eine Stunde Flug günstiger sind. Denn Ferienzeit ist eine kostbare
Zeit.

Mirko Tag 158: Ningbo.

Heute verschlafe ich eine Dreiviertel Stunde. Aber gut, die hatte ich
eingeplant, vor vier Stunden, als ich den Wecker stellte. Dennoch
verfalle ich in eine Hektik und zerstöre mit nur einer Bewegung den
Reißverschluss meines Rucksacks.
Ohne Frühstück geht's ins Taxi. Ich sage zweimal, dass ich zum
Ostbahnhof möchte und zeige zur Klarstellung auch nein Bahnticket. Hat
er verstanden.
Als wir beim Hauptbahnhof sind, hinterfrage ich, ob das so seine
Richtigkeit hat. Nein. Natürlich sind wir falsch. Aber keine Panik,
wir werden schon pünktlich kommen. Ich schieb auch keine Panik, bin
noch zu müde dafür. Der Fahrer dann allerdings schon. Denn er fährt
ziemlich dicht auf und nimmt die lediglich zum Schalten von der Hupe.
Letztendlich ist die Aufregung umsonst, denn wir kommen sehr pünktlich
an. Ich muss die Kosten für das Bahnticket (25 Yuan) also nicht von
seinem Lohn abziehen.
Mein Hostel macht beim Empfang einen guten Eindruck. Aber in meinem
Zimmer scheinen einige schon länger zu leben, denn sie haben es sich
dort einigermaßen eingerichtet. Und sie mögen den herben Geruch von
Kleidung, die zu lange nass auf einem Haufen liegt und zu faulen
beginnt. Dennoch bleibe ich dort erstmal für zwei Stunden. Schlafen.
Als ich dann durch den Park vor der Tür Richtung Stadt laufe, werden
ein paar Fotographen auf mich aufmerksam. Sie rufen mir, des Scherzes
wegen, auf chinesisch hinterher, ich solle mal herkommen. Sie wissen
nicht, dass ich verstehe. Und gehorhe. Und dann habe auch ich den den
ersten Modelauftritt meines Lebens in der Tasche. Ich soll diese und
jene Kleidung tragen und so und so posieren. Natürlich wirke ich dabei
sehr professionell, hab mir im Fernsehen schließlich schon viele
Tricks abgeguckt. Bald werde ich also in irgendeinem Modemagazin
erscheinen. Und dann tanz ich mi meinem Anwalt an, denn der
Veröffentlichung habe ich nicht zugestimmt. Und dann winkt das ganz
große Geld. Und da ich dieses Geld schon förmlich riechen kann, gönn
ich mir Pizzahut ein Festmahl. Spaghetti mit Räucherlachs und grünem
Spargel in Dillsoße. Bekomm ich zu Hause von Lukas nie serviert.
Da es anschließend regnet, mal wieder, nur jetzt sehr doll, und da die
einzige Alternative, das Teemuseum, schon geschlossen hat, zieh ich
mich ins Hostel zurück. Auch abends geh ich nur noch zum Essen raus.
Ich schlafe früh ein. Das soll man im Urlaub nämlich auch mal machen.

Dienstag, 4. August 2009

Mirko Tag 157: Hangzhou.

Es ist ja so klar: alle anderen Zimmergenossen müssen nicht nur früh aufstehen, sondern auch noch auschecken, was bedeutet, dass sie ihre Koffer packen müssen und sobald sie dann raus sind, kommen die Putzfrauen, um die Betten neu zu beziehen. Bei fünf Gästen neben Hu Jie und mir macht das gleich zehn mal Halligalli zwischen sieben und zehn Uhr. An Schlaf ist also erst wieder ab nach zehn Uhr zu denken. Dann aber auch bis halb eins.
Nachmittags dann etwas shoppen. Ich schaue mir gerade Hosen an, bis der Verkäufer herbeieilt und meint, dass meine Größe nicht dabei ist. "Weil mein Arsch zu dick ist, oder?", frage ich. "Ja!", sagt er. Ich liebe diese direkte Art.
Hu Jie verlässt mich danach, sein Heimweg dauert nämlich über zwei Stunden.
Ich irre also alleine umher und mir fällt auf, dass es hier etwas gibt, was Shanghai nicht wirklich zu bieten hat: Natur. Okay, man darf sie nicht betreten, die Grünflächen. Und im See treibt der ein oder andere Fisch oben, womit sich auch die Frage erübrigt, ob jemand darin schwimmen geht. Ich glaube, deshalb kann auch kein Chinese schwimmen (die meisten lernen es erst auf der Uni. In der Prüfung gibt es 100 Punkte, wenn man 25 Meter durchschwimmt). Die ganzen Gewässer sind zu dreckig. Wahrscheinlich ist es da gleich, ob man im Notfall ertrinkt oder später an den Folgen der Vergiftungen dahinrafft.
Ich schlafe noch zwei Stunden und will dann eigentlich nur was essen gehen. Aber gut, ein Bier in der Bar von gestern kann ja nicht schaden. Ich kaufe sechs zum Preis von dreien. Ist somit von den Kosten wie ein Bier in Deutschland oder wie ein halbes in Japan. Und ich kaufe sie, weil man dann immer noch eins verschenken kann. So lernt man Leute kennen.
Die ersten drei trinke ich alleine. Es dauert, bis der Rest des vollen Ladens seine Scheu überwunden hat und mich anspricht. Ich bin da ja viel zu schüchtern, spreche selber niemanden an. Zu viel Angst.
Die zwei ersten Knaben sind sehr angetan von mir. Und natürlich verspreche ich, dass wir Freunde auf Lebenszeit bleiben. Dann werde ich rumgereicht, von Frau zu Frau. Einer erzähle ich, dass ich die beiden gerade erst kennengelernt habe. Das wird mir übel genommen, ich habe die Freundschaft geleugnet, wirft man mir vor. Ich kann besänftigen.
Dann kommt eine weitere Dame zu mir. Um anzustoßen. Läuft. Doch gerade setze ich das kühle, nasse Glas von den Lippen, spüre ich schon etwas anderes, weiches auf ihnen. Es sind die ihren, die sich zärtlich aber doch mit einer Druckbeistellung von beachtlichen müMetern an die meinen schmiegen und auch ich denke in diesem Moment: die musst du heiraten. Aber anstatt dass wir zusammen zum Standesamt gehen, verlässt sie den Laden. Alleine. Ich wurde also benutzt.
Aber wozu brauch ich diese Frau, wenn ich doch schon Freunde auf Lebenszeit habe? Dem Frust, der sich aufbauen könnte, biete ich keine Gelegenheit, sich zu entfalten.
Es ist wieder halb vier, als ich zurückkomme. Das Zimmer ist leer. Gut so. Allerdings bin ich es morgen, der um acht Uhr mit dem Auschecken beginnen muss, damit ich den Zug um zehn Uhr nach Ningbo erwische. Wenn ich da bin, muss ich bestimmt wieder ein Schlafdefizit ausgleichen.


Von meinem iPod gesendet