Es ist ja so klar: alle anderen Zimmergenossen müssen nicht nur früh aufstehen, sondern auch noch auschecken, was bedeutet, dass sie ihre Koffer packen müssen und sobald sie dann raus sind, kommen die Putzfrauen, um die Betten neu zu beziehen. Bei fünf Gästen neben Hu Jie und mir macht das gleich zehn mal Halligalli zwischen sieben und zehn Uhr. An Schlaf ist also erst wieder ab nach zehn Uhr zu denken. Dann aber auch bis halb eins.
Nachmittags dann etwas shoppen. Ich schaue mir gerade Hosen an, bis der Verkäufer herbeieilt und meint, dass meine Größe nicht dabei ist. "Weil mein Arsch zu dick ist, oder?", frage ich. "Ja!", sagt er. Ich liebe diese direkte Art.
Hu Jie verlässt mich danach, sein Heimweg dauert nämlich über zwei Stunden.
Ich irre also alleine umher und mir fällt auf, dass es hier etwas gibt, was Shanghai nicht wirklich zu bieten hat: Natur. Okay, man darf sie nicht betreten, die Grünflächen. Und im See treibt der ein oder andere Fisch oben, womit sich auch die Frage erübrigt, ob jemand darin schwimmen geht. Ich glaube, deshalb kann auch kein Chinese schwimmen (die meisten lernen es erst auf der Uni. In der Prüfung gibt es 100 Punkte, wenn man 25 Meter durchschwimmt). Die ganzen Gewässer sind zu dreckig. Wahrscheinlich ist es da gleich, ob man im Notfall ertrinkt oder später an den Folgen der Vergiftungen dahinrafft.
Ich schlafe noch zwei Stunden und will dann eigentlich nur was essen gehen. Aber gut, ein Bier in der Bar von gestern kann ja nicht schaden. Ich kaufe sechs zum Preis von dreien. Ist somit von den Kosten wie ein Bier in Deutschland oder wie ein halbes in Japan. Und ich kaufe sie, weil man dann immer noch eins verschenken kann. So lernt man Leute kennen.
Die ersten drei trinke ich alleine. Es dauert, bis der Rest des vollen Ladens seine Scheu überwunden hat und mich anspricht. Ich bin da ja viel zu schüchtern, spreche selber niemanden an. Zu viel Angst.
Die zwei ersten Knaben sind sehr angetan von mir. Und natürlich verspreche ich, dass wir Freunde auf Lebenszeit bleiben. Dann werde ich rumgereicht, von Frau zu Frau. Einer erzähle ich, dass ich die beiden gerade erst kennengelernt habe. Das wird mir übel genommen, ich habe die Freundschaft geleugnet, wirft man mir vor. Ich kann besänftigen.
Dann kommt eine weitere Dame zu mir. Um anzustoßen. Läuft. Doch gerade setze ich das kühle, nasse Glas von den Lippen, spüre ich schon etwas anderes, weiches auf ihnen. Es sind die ihren, die sich zärtlich aber doch mit einer Druckbeistellung von beachtlichen müMetern an die meinen schmiegen und auch ich denke in diesem Moment: die musst du heiraten. Aber anstatt dass wir zusammen zum Standesamt gehen, verlässt sie den Laden. Alleine. Ich wurde also benutzt.
Aber wozu brauch ich diese Frau, wenn ich doch schon Freunde auf Lebenszeit habe? Dem Frust, der sich aufbauen könnte, biete ich keine Gelegenheit, sich zu entfalten.
Es ist wieder halb vier, als ich zurückkomme. Das Zimmer ist leer. Gut so. Allerdings bin ich es morgen, der um acht Uhr mit dem Auschecken beginnen muss, damit ich den Zug um zehn Uhr nach Ningbo erwische. Wenn ich da bin, muss ich bestimmt wieder ein Schlafdefizit ausgleichen.
Von meinem iPod gesendet
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