Dienstag, 1. Dezember 2009

Tag 277: In China essen wir Hunde.

Nachmittags steht die erste Vorlesung an. Rein theoretisch können wir lange ausschlafen, aber das interessiert Jiang Lei nicht, sie ruft mich schon um halb zehn (!) an. Die letzten Prüfungen sind am 11. und 15., heute findet keine Vorlesung statt, die morgen früh um acht auch nicht, dafür aber um zehn.
Na toll, wieder habe ich einen ganzen Tag vor mir, an dem es draußen nicht wirklich hell wird, es sehr kalt ist und die Aussichten auf große Abwechslung ausbleibt. Also tippe ich wieder fleißig Zeichen ein, bis abends Jojo und Mini vorbeikommen. Die können das viel schneller und vor allem fehlerfreier, ich glaube, ich sollte sie kurzzeitig einstellen.
Zum Dank geht es dann ins kleine Zechuan-Restaurant. Ich lese einmal laut das Plakat vor, das Hundefleisch anpreist und Jojo und Mini sind recht schnell überzeugt, dass das schmecken könnte. Denis nicht, aber dafür bestellen wir ja immer eine der Anzahl an Menschen entsprechende Menge an verschiedenen Gerichten. Der Hund wird in einer scharfen Suppe gereicht und sieht recht gut aus. Große Fleischstücke ohne Knochen oder Fett. Dennoch brauche ich einige Überwindungskraft und ~zeit, bis ich das erste Stück zwischen die Kiefer schiebe. Und die Töhle schmeckt sogar sehr gut. Eine Mischung aus Rind und Hühnchen, sogar noch zärter als letzteres.
Natürlich weiß ich, dass ich mich jetzt bei vielen unbeliebt mache, aber der Hund war ja schon tot. Und sowas nennt man dann wohl recyclen. Außerdem bekomme ich auf Anfrage gesagt, dass der Hund zu Lebzeiten keinen Namen hatte. Ein anonymes, ungeliebtes Geschöpf also. Und jetzt bin ich vollends davon überzeugt, dass der kleine Felix, wie ich ihn im Nachhinein taufe, an einem besseren Ort ist. In meinem Bauch.
Hundefleisch soll den Körper innerlich aufheizen, sagt man. Und so kommt es, dass Mini anschließend unablässlich tanzt und Jojo sich überreden lassen kann, sich von uns einen Irokesen schneiden zu lassen. Sieht gut aus, das müssen mehr sehen und so sitzen wir kurz darauf im Taxi und besuchen die einzige Disco auf, in der zur Zeit noch was los ist, das 1+1.
Eigentlich soll es ein günstiger Abend sein, wir haben noch einen Biergutschein und wollen nicht so lange bleiben. Dennoch geben wir unsere Jacken ab und ich komme auf die Idee, mein Geld vielleicht aus den Taschen zu entfernen. In der Hose scheint es mir sicherer.
Beim Tanzen bin ich überrascht, dass so viele Herren der Schöpfung (mindestens drei) bereits gleich zu Beginn meinen Po so begehren, dass sie ihn anfassen müssen. Ich geh also weiter, aber das Gegrabsche hört nicht auf, auch das Gedrängel nicht. Und kurz darauf weiß ich auch, warum mein Schinken so begehrenswert war. Es ist nicht mein Po, nicht mein Schenkel, sondern meine Tasche, in dem noch ein Bündel Scheine steckt. Das 1+1 scheint heute ein Taschendieb-Special zu haben (nach dem Michael Jackson-, Halloween- und HipHop-Special mal was neues). Die Erkenntnis kommt mir aber zu spät. Scheiße. Und dabei passe ich doch immer auf. Nur heute habe ich die dumme Idee, etwas in der Hintertasche zu verstauen. Die ist zwar einigermaßen tief und eng, dennoch scheint das kein Problem zu sein. Und ich weiß sogar, nach etwas Nachdenken, wer es war. Ein blödes Paar, das mich angerempelt hat und als ich mich umdrehte schnell, durch ihre Initiative, in der Masse verschwand, um kurz darauf einen Freund zu schicken, der mir, scheinbar sich entschuldigend, die Hand reichte. Ich gab auch ihm die Hand. Ich habe mich also nicht einmal bestehlen, sondern auch verhöhnen lassen.
Meine Laune ist im Eimer. Nicht des Geldes wegen, sondern wegen meiner eigenen Dummheit. Nach der Rosen-Mafia bin ich also auf die nächste kriminelle Organisation reingefallen.
Zwar sagt man hier, wenn man Geld verliert, so hat man schon für ein in naher Zukunft eintreffendes Unheil bezahlt und bleibt von diesem verschont, aber so kann man natürlich auch das Problem der hohen Taschendieb-Rate schönreden.

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