Thomas muss heute arbeiten, Flo hingegen hab Urlaub, kennt die Stadt und will einkaufen. Nach dem Mittagessen (Spieße) besteigen wir ein Taxi und verlassen es am Seidenmarkt. Dieseris gespickt mit vielen kleinen Läden, die Kleidungsstücke jeglicher Art zu scheinbar guter Qualität feil bieten. Thomas kommt zweimal im Jahr her und erhandelt sich Anzüge, wurde bisher nie enttäuscht. Neben uns sind noch viele andere Ausländer, zumeist Frauen im Pelsmantel, einen riesigen Koffer hinter sich herziehend. Ob die gar keine Angst vor einer Zollkontrolle haben?
Nun, bisweilen habe ich gedacht, ich wäre nicht so schlecht im Runterhandeln, aber gegen Flo sehe ich aus wie ein dümmlicher Anfänger. So besorgt er sich erst zwei Anzüge, runtergehandelt von je 2000 Yuan auf 250. Die Verkäuferin kennt ihn noch vom letzten Mal und ihre Anrede "My good friend" wandelt sich mit der Zeit. Mit einem zähneknirschenden "F*** you" geht der Deal über die Bühne. So geht es weiter. Einen Pullover bekommt er nicht sofort zum gedachten Preis, er verspricht aber, wiederzukommen und seine Vorstellung durchzusetzen. Anschließend bin ich dran. Ein paar Shirts und ein Pullover sollen es zunächst sein, mit etwas Hilfe bekomme ich die Teile zu gewünschten Preisen, wenngleich ich aus Mitleid zunächst zu schnell hochgehe. Wenn sie sofor annehmen, habe ich etwas falsch gemacht, wenn sich ihre Miene verschlechtert und man als 'tough' bezeichnet wird, is man in der richtigen Richtung, aber erst wenn sie beleidigend oder traurig werden, dann hat man ungefähr den Einkaufspreis erwischt. So ist Flos Leitsatz.
Als nächstes nehm ich eine Jeans in Angriff. Über 1000 Yuan ist das Angebot. Utopisch, da die Marke garantiert nicht echt ist. Allerdings kann man beim Stoff nicht meckern. Mein Anfangsangebot liegt bei 70 Yuan. Wir treffen uns nach zwanzig Minuten, viel Gemecker, gespielten Fluchtversuchen meinerseits und verzweifelten Gesichtsausdrücken seitens der Verkäuferin bei 85 Yuan, wobei ich ihrer Bitte nach 5 Yuan für ein Eis noch nachkomme. Dennoch zahl ich noch weit unte 10 % des Ausgangspreises. In meinen Taschen landen noch ein paar Shirts und ein Schal, bis wir im dritten Stock in der Seidenabteilung landen. 100 Yuan für eine Seidenkrawatte verlangen die. Wir hingegen wollen dafür fünf haben. Kriegen wir nicht im ersten und auch nicht im zweiten Laden, aber im dritten, nachdem wir erzählen, dass wir notfalls auch auf einem anderen Markt suchen. Aber ihre Auswahl an Farben ist nicht so groß oder weist Mängel auf, wir finden nur drei. "Ich such bestimmt nicht bei den anderen Ständen nach anderen Farben!" "Gut, dann kaufen wir nicht." Zwei Minuten später steht sie mit den zwei fehlenden Krawatten wieder im Laden, setzt einen ungläubigen Gesichtsausdruck auf und erklärt, sie müsse über sich selbst lachen. Unsere Verabschiedung erwidert sie mitnichten. Unten widmet Flo sich wieder dem anfangs genannten Pullover. Aber er bekommt bei bestem Willen nicht mehr viel raus. Drum will er dazu noch einen Pullover zu günstigen Konditionen erwerben. Ein ähnliches Modell gab es zuvor für 60 Yuan, er sagt aber, er hätte nur 40 bezahlt. Für den Preis würde die Verkäuferin ihn glatt abkaufen. "Läuft!"
Jetzt folgen ungläubige Blicke, Qualitätskontrollen und Rücksprache mit anderen Verkäufern, dann geht der Deal über die Bühne. Beim anderen Laden wird uns nicht gerade wohlwollend abermals der gleiche Pulli zu vorherigen Preisen verkauft, gleichzeitig heult mich die Nachbarverkäuferin voll, warum ich die Jeans nicht bei ihr gekauft habe. Sie liegt mir in den Armen und da kann ich gar nicht anders, als auch hier noch eine abzukaufen. Mit triumphierenden Schritten geht es vorbei an der 40 Yuan-Käuferin zum Ausgang in ein Taxi.
Wir wollen zu Siemens, Thomas abholen. Da wir aber nicht wissen, über welchen Ring wir fahren müssen, denkt sich der Fahrer, es nicht ganz genau nehmen zu müssen mit dem direkten Weg. Das bemerken wir aber, den Turm sieht man nämlich schon von Weitem und als wir es letztendlich anmerken, wird uns ein Sechstel erstattet.
Spät abends im Club diskutieren wir ein wenig und müssen so nicht 100 Yuan Eintritt zahlen.
Ich habe mich heute förmlich reich gespart, Dreistheit ist manchmal von Vorteil.
Von meinem iPod gesendet
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