Samstag, 5. Dezember 2009

Tag 280: Vorlesungsende.

Eigentlich ist es kaum noch der Rede wert, da die letzten Wochen sowieso viel ausgefallen ist, aber heute ist tatsächlich unsere allerletzte Vorlesung in China. Und die hat es noch einmal in sich. Vier Stunden statt zwei, es werden gleich drei Kapitel durchgeknallt und Denis und ich verzweifeln an falsch bzw. ganz unbeschrifteten Graphen und Tabellen sowie überhaupt am Thema.
Aber unsere Hoffnung beruht auf der letzten halben Stunde, in der bestimmt gesagt wird, was wichtig ist und was vielleicht weggelassen wird in der Prüfung. Leider stirbt diese Hoffnung. Denn stattdessen wird ein Vortrag darüber gehalten, wie wichtig es doch sei, alles zu wissen, dann könnte man eine gute deutsche Firma in Shenzhen oder Shanghai finden und gutes Geld machen. Dieser Vortrag gilt natürlich nicht uns, sondern den Chinesen.
Und mit diesem Vorlesungsende haben wir endlich wieder einen Grund zu Feiern. Nicht, dass wir auch sonst fast jeden nichtigen Grund dafür nutzen, auszugehen. Aber heute haben wir es uns endlich mal wieder wirklich verdient. Es geht, na klar, ins 1+1. Das haben wir gestern der Rezeptionöse versprochen, die etwas wehleidig zugeben musste, dass sie in ihren vier Jahren hier nie dort war.
Heute will ich mich nicht ausrauben lassen. Auch nicht verarschen. Nein, heute will ich zurückschlagen. Mit voller Wucht. Also muss ein altes Skript dafür herhalten, dass ich aus dem Papier geldscheingroße Fetzen raustrenne, um auf jeden einzelnen eine Beleidigung, die sich gewaschen hat, zu schreiben oder schreiben zu lassen. Dieses Bündel Falschgeld knicke ich in der Mitte und füge einen 10 Yuan-Schein hinzu und stopfe alles in meine hintere Hosentasche.
Im 1+1 bin ich aber leider zu aufgeregt, will natürlich nicht den Blick des Taschendiebs verpassen, also drehe ich mich jedes Mal um, wenn ich mal wieder kontaktiert werde, taste zudem häufig nach dem Bündel. So wird mir heute nichts geklaut.
Aus Frust und aus Ärger über mich selbst, möchte ich mich bestrafen und esse das, was ich sonst immer ausgeschlagen habe: Hühnerfüße. Diese gibt es eingeschweißt und mit Gelee ummantelt, man könnte die zähe Haut jetzt einfach abknabbern, aber ich nehm mir einfach jeden Zehen einzeln vor. Ist ja nur Knorpel, zudem hohl von innen. Es schmeckt gar nicht mal so schlecht, aber ich brauche es nicht jeden Tag.
Gesättigt und mit vollen Taschen geht's heim. Das Bündel werde ich aufbewahren, auch wenn ich Andreas mir sagt, dass es auch richtiges Falschgeld zu kaufen gebe, des Toten-Tags wegen.

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