



Es hat die ganze Nacht geregnet und das Umschalten von einem trockenen, stumpfen Kunstrasenplatz auf einen nassen, zumindest für den Ball rutschigen scheint vielen meiner Mannschaftskameraden nicht wirklich zu gelingen. Und so erlebe ich das wohl schlechteste Fußballspiel hier in China und ich bin mitten drin, zusammen mit Lukas und erstmals wieder mit Denis.
Dass das alles andere als dolle ist, sieht auch unser neuer Trainer ein, der mitten in der zweiten Halbzeit kommentarlos das Weite sucht. Ich bin gespannt, ob er je wieder kommt.
Dennoch sind die Oberschenkel anschließend hart wie Stein, nicht zuletzt wegen des harten Trainings am Donnerstag noch. Dennoch gilt es, der Einladung des Paulaner-Vertriebschefs für China zu folgen und am Abend in den Hof des edlen Sofitel-Hotels zu fahren. Dort wird Oktoberfest gefeiert, vier Tage lang, mit Paulaner-Bier, bayerischem Essen à la carte, stilechten Bierzelt und extra eingeflogener bayerischer Kapelle mit Gaudi-Musik.
Mit 188 Yuan Eintritt und 90 Yuan pro Liter Bier sind selbst die Preise deutsch, aber die Rechnung, dass wir ja dieses Jahr sowieso den Cannstatter Wasen, das Münchener Oktoberfest und den Bremer Freimarkt verpassen, ist Grund genug, dennoch hinzugehen. Und das Essen ist wirklich sehr gut. Und natürlich die Musik. Außerdem haben wir zwei Freikarten, weshalb wir Spätzle und Wels mitnehmen, wobei ersterer sich extra aus dem Bett quält, seine Kopfschmerzen aber nicht runterspülen kann und somit keinen sehr schönen Abend verlebt.
Das Festzelt ist halb mit Chinesen, halb mit Europäern, hauptsächlich Deutschen von irgendwelchen Firmen gefüllt. Diese halten uns übrigens durchweg für Engländer. Ich weiß nicht, ob wir uns wirklich so verändert haben im letzten halben Jahr.
Für jeden Tisch ist ein Trainee abgestellt, eine kleine, verschüchterte Chinesin, die ihren Job möglichst gut machen möchte und viel zu aufmerksam ist: Hat man gerade den letzten Bissen Essen vom Teller auf die Gabel befördert, ist der Teller auch schon weggeräumt. Thomas und ich wissen die Unsicherheit der Service-Kräfte zu unserem Spaß auszunutzen und spießen gerne das letzte Stück Leberkäs' auf, führen es in Richtung Mund und dann blitzschnell, kurz bevor das zarte Pfötlein da ist, zurück auf den Teller. Und nicht nur einmal. Außerdem schauen wir ihnen lange in die Augen; ein Blick, den keine standhält. Und wir weiten unseren wirklich gekonnten Tanz auf den Gang aus, sodass keiner mehr an uns vorbeikommt und nach anfänglichen zarghaften Versuchen und längerem Warten einen großen Umweg in Kauf nimmt.
Aber ich wette, sie haben auch ein wenig Spaß.
Bier, Musik und Essen sind also original Deutsch, die Bierzelt-Garnitur kann das leider nicht behaupten, denn an diesem Abend gehen mehrere Bierbänke zu Bruch. Aber darauf ist man vorbereitet, es werden postwendend neue gebracht. Und man muss sie nicht einmal bezahlen.
Um elf ist leider schon alles vorbei, nachdem die Musik schon kurz nach zehn aufhört. Schade, aber jetzt kann es ja weiter in den Salsa-Club gehen. Komischerweise führe in auf dem Weg dorthin ein wirklich schönes Blumengesteck vom Hotel mit, weil Thomas zuvor mit dem Zeigefinger drauf zeigte und sagte: "Da!". Und ich verstand.
Es ist auch kein Problem, dieses Gesteck, ohne Fragen, in der Garderobe abzugeben und das kostet nicht mal was. Dabei ist es viel sperriger als eine Jacke, kann nicht mal an den Haken gehängt werden.
Die harten Oberschenkel habe ich schon längst vergessen oder wieder weich getanzt, denn ich gehe wieder ab. Um vier Uhr machen sich alle anderen auf den Weg, Thomas und ich haben aber noch einen Auftrag zu erfüllen. Und den erfüllen wir: Wir sind wieder die letzten auf der Tanzfläche. Das zweite Mal hintereinander und mindestens schon das fünfte Mal insgesamt.
Teufelskerle, so kann man uns nennen!

