Dienstag, 14. Juli 2009
Tag 118: Abenteuer Essen gehen.
Mein Arbeitskollege steht vor mir und hat kein weiches Herz, sodass er eine Frau, die sich vorbeizuschmuggeln versucht, lautstark auf die Reihenfolge hinweist, sodass sie die Ohren zuhält. Da die beiden jetzt so abgelenkt sind, ist die gute Frau auf der anderen Seite der Speisen so freundlich und bevorzugt mich, sodass mein Warten nur von sehr kurzer Dauer ist. Kurz nachdem ich wieder an der frischen Luft bin (heute bei 40 °C) wird es in dem Raum plötzlich ziemlich laut und es kommt ein Herr, eine Dame fest im Griff und laut fluchend raus. 'Du schlägst mich, dann schlag ich dich!' brüllt er (das kann ich sogar verstehen) und hat Mühe, die Frau, die den Tränen nahe ist, im Griff zu halten, da sie wild mit allen Körpergliedern umherwirbelt. Kurz darauf kommt auch Lukas heraus, mit Reis besudelt und klärt mich auf, dass nach einem kleinen Geschubse der Mann einfach mal die Faust ausgepackt hat und ohne Rücksicht auf das schwächere Geschlecht einen Treffer im Gesicht gelandet hat, welcher gleich erwidert wurde. Das nenn ich mal Emanzipation! Ein bisschen Reis flog dann noch, was Lukas aber egal war, da sich jetzt auch für ihn eine Lücke in der Schlange gebildet hat.
Während wir draußen essen, lädt uns unser Vorgesetzter noch zu einem friedlichen Dinieren am Abend ein. Das ganze findet dann in einem wirklich mal stilvoll eingerichteten Restaurant (eigentlich hat man es hier mit schöner Deko nicht so, Hauptsache alles ist bunt und kitschig und leuchtet und ist aus Kunststoff) statt. Es gibt Fisch, im Feuertopf am Tisch gekocht. Lukas fischt sich irgendwann den Kopf raus und gönnt sich neben den guten Backen nacheinander mit Schwinden der Hemmungen Zunge, Gehirn (welches er aus irgendeiner Öffnung saugt) und Augen. Wahnsinn. Einen ganzen Fischkopf verputzt er. Das könnte ich nicht, schließlich handelt es sich um einen Artgenossen.
Auch wenn dieses Essen eigentlich recht harmonisch abläuft, handelt es sich doch inoffiziell auch um einen Kampf. Gerne wird einem immer etwas mehr von der ziemlich scharfen Soße aufgetan und natürlich muss man austesten, ob die Deutschen wirklich so trinkfest sind, wie man es immer hört, sodass gerne und häufig angestoßen wird und das Glas nach jedem Mal leer sein muss, sodass unbemerkt viele Flaschen geleert werden, wobei sich die Chinesen auch gerne mal mit dem Trinken abwechseln. Aber was soll man machen, wir sind ja eingeladen.
Und als wir uns dann vom Tisch erheben, muss ich zugeben, dass ich ganz schön einen im Kahn habe. Lukas geht es nicht besser, aber das Wegbier wird noch dankend eingepackt. Unser Rückweg dauert dann auch gleich dreimal so lange wie sonst, sodass es fast Mitternacht ist, als wir ankommen.
Bis dahin hat Theresa schon sieben SMS geschrieben und genauso häufig angerufen. Zuerst berichtet sie, dass sei heute Geburtstag hat. Ich gratuliere artig, bzw. lass meinen Vorgesetzten anrufen, ihr gratulieren und ausrichten, dass ich nicht kommen kann, da mein Chef mich zum Essen eingeladen hat. Dann sagt sie allerdings, sie hätte doch erst morgen Geburtstag. Was für ein Glück, dass ich um Mitternacht noch wach bin und in der Stimmung, selber anzurufen und zu singen. Sie wirkt etwas verwundert und behauptet abermals, dass sie erst morgen Geburtstag hat. Im Laufe des Abends hat sie also dreimal die Meinung über ihr Geburtsdatum geändert. Beim nächsten Besuch möchte ich dann gerne ihren Pass sehen.
Tag 117: China deine Englischkenntnisse
Jaja, die Chinesen und ihr Trend zur Benutzung von Anglizismen. Noch kommt dabei viel Scheiße raus. Und zwar deshalb, weil kaum einer richtig Englisch kann und somit Worte und Texte hauptsächlich kopiert werden. Und da die ganzen Buchstaben sich ja so ähnlich sehen, werden sie auch gerne mal vertauscht. So will unsere Praktikantin heute zum Beispiel das nicht wirklich schwere und häufig vorkommende Wort 'Real' schreiben, heraus kommt ein 'Beai'. Und natürlich heißt es hier auch 'Mvchlnery' und nicht 'Machinery'. Und selbst Werbeanzeigen im Bus für ein Krankenhaus bleiben von Kopierfehlern nicht verschont, so heißt es dann auch 'hospiatl'. Zu all diesen kleinen Schreibfehlern kommen dann noch mehr oder minder gravierende typographische Fehler, besonders bei der Wort- und Satztrennung.
Dass das ganze auch Vorteile haben kann, sieht man bei der Produktpiraterei. Keiner kann behaupten, dass diese oder jene Kleidung den Namen eines großen Designers ziert, denn wer bitte kennt schon einen 'Calvln Kleln'. Und mein Levi's-Gürtel schließt gleich aus, dass er original ist, denn auf der Schnalle steht 'Levi's Origihal Riveteo'.
Fantastisch ist auch, dass alle das Wort 'Hallo' für Englisch halten. Ich war am Anfang immer überrascht, dass sämtliche Leute (auf der Straße wird uns dauernd nur 'Hallo' hinterhergerufen, oder, hauptsächlich von kleinen Kindern, '老外' ('Laowai', 'Ausländer'), als ob wir uns unserer nicht chinesischen Herkunft nicht bewusst seien.) gleich merken, dass wir Deutsch sind und uns also so begrüßen, bis man mir verständnislos mitteilte, dass das Englisch sei. Letztendlich ist ein Ort, der so ähnlich ausgesprochen wird, Grund für die Verwandlung vom 'e' zum 'a'. Oder doch ein Druckfehler?
Tag 116: Morgenmuffel wohin man schaut.
Und ich? Ich erfreue mich wie üblich an diesem neuen Tag, lege Alexander Marcus auf, meine Zunge ist beladen mit Sprüchen, die gerne ins Gehör der anderen dringen wollen, und das ganze nur zu einem Zwecke: Zum Wohlergehen meiner Kommilitonen. Womit wird es gedankt? Mit verschlechterter schlechter Laune, mit Kopf schütteln, mit Augen verdrehen, mit genervtem Gestöhne, mit der Bitte, die, Pardon, ich werde zitieren, 'die Fresse' zu halten.
Aber gut, damit ist jetzt Schluss. Ich bin doch kein Don Quichotte, der gegen die Windmühlen der Griesgrämigkeit kämpft. Ich bin auch nur ein armer Kommilitone, der morgens auch lieber liegenbliebe, aber sich verpflichtet fühlt, auch mal aufzustehen. Ab heute, so nehme ich es mir vor, wird mein Tag auch nur aus einer bösen Miene bestehen, mit dem Hang zur Genervtheit. Ich werde ein Morgenmuffel sondergleichen werden.
Aber heute bleibe ich zunächst noch nett. Ich warte, ein Frühstückssteak verzehrend, sogar mit Lukas die halbe Stunde, bis die Medizin (die er erst nach Aufforderung nimmt) wirkt und er wirklich leer ist. Und dann folgt er mir tatsächlich mit dem Rad zur Arbeit. Und er steht sie durch. Ein Teufelskerl.
Abends möchte ich dann eigentlich früh ins Bett. Aber erstmal müssen wir kochen, gute Schweinesteaks müssen weg. Und dann muss ich mein Handy aufladen, geldmäßig. Wir nähern uns übrigens Mitteilungszahl 2500. Und dann kommt Spätzle. Und dann geh ich doch noch Tischtennis spielen. Und dann kommen noch Bierchen und Frank the Tank. Und als sie gehen, kommt Jojo, und belagert noch meinen Computer. Gerne auch mal länger, weil er fälschlicherweise denkt, dass wir alle nicht bei der Arbeit gewesen wären. Der gute hat nämlich selber erst um sieben Uhr abends den Weg aus dem Bett gefunden. Und dafür, dass er gerade erst aufgestanden ist, ist er verdammt gut drauf.
Wenigstens einer!
Tag 115: Jojo feiert Geburtstag.
Obligatorisch wird heute also ausgeschlafen, die Metro besucht und anschließend das Fleisch angemacht, heute sind es über sechs Kilo, da während der Taxifahrten noch fieberhaft Leute eingeladen werden.
Letztendlich kommen auch mehrere, aber viel Hunger bringen sie nicht mit. Neben chinesischen Freunden kommen auch noch zwei Deutsche, deren Vater Jojo mal kennengelernt hat. Allerdings erweisen sich die Knaben als ein wenig anders gestrickt, als wir, was auch am zarten Alter von 18 und 14 Jahren liegen mag, zumindest haben nicht viele etwas dagegen, als sie etwas früher wieder aufbrechen. Komischerweise betrachtet man die anderen 老外, Ausländer, in der Stadt sowieso rasch mal sehr argwöhnisch, wobei ich die Ursache hierfür noch nicht erforscht hat. Vielleicht machen sie einem den Exotenstatus streitig.
Letztendlich sind gegen elf alle verschwunden, nach dem Aufräumen ist es aber schon gegen zwölf, sodass wir noch reinfeiern können, zumal Jojo nicht ins Wohnheim zurück muss, weil er Denis' Zimmer übernommen hat, solange der sich woanders rumtreibt. Es gibt noch guten Kuchen (der auch alle wird, aber 25 Schweinesteak habe ich umsonst durchgegrillt, die dienen für's morgige Abendessen) und dann kommen wir wieder auf die glorreiche Idee, den Körper von sämtlichen Rußpartikeln zu befreien, am besten im Pool.
Zu viert ziehen wir los, leider bemerken nur Thomas und ich den blauen, immer wiederkehrenden Lichtschimmer an der Wand und wissen sofort, dass der Security-Golfwagen auf unseren Fersen ist, was uns schnell ins Gebüsch treibt. Es ehrt Hanna und Jojo, dass sie anscheinend sehr anständige Kinder waren, denn sie fliehen nicht sofort. Das ist aber eigentlich doof, da ein Security-Mensch vom Wagen abspringt und jetzt in ihrer Nähe bleibt. Das wissen nur Thomas und ich nicht, sodass wir nach einer Sicherheitsviertelstunde im Schatten doch in die Falle springen.
Der Sicherheitsbeamte ist aber dann doch ganz locker drauf. Er wüsste, wohin wir gehen wollen, er könnte das auch verstehen, da auch er am liebsten schwimmen würde. Aber solange seine Kollegen unterwegs sind, geht das nicht und die bleiben am Wochenende gerne in Poolnähe. Den Grund dafür erzählt er uns aber nicht.
Dienstag, 7. Juli 2009
Hallo Gefolge
aufgrund von Arbeit und Prüfungen hatte ich wenig Zeit den Blog auf aktuellem Stand zu halten. Geht doch bitte auf www.chiina.info
hegdl,
Torben
Sonntag, 21. Juni 2009
Tag 114: Ausbeutung geistiger Kräfte.
Gestern ging es nicht zu lange, wir waren auch nicht mehr schwimmen, unser heutiges Spiel beginnt erst um sechs Uhr abends, jetzt muss ich nur noch am Tag gut ausruhen, mich gesund ernähren und schon dürfte ich perfekt vorbereitet sein für ein gutes Fußballspiel.
Leider habe ich die Rechnung ohne Jie gemacht, der mittags, wie gestern mit mir abgemacht (aber von mir ebenso verdrängt), mit Essen ankommt und mich so aus dem Bett holt. Es gibt Ente und zwar eine ganze. Frittiert nehme ich an. Schmeckt sehr gut, ist gut fettig und macht gleich so träge, dass man eigentlich wieder ins Bett möchte. Das geht aber nicht, weil es darum geht, seine Bachelor-Thesis zu übersetzen, zumindest teilweise. Zwei Kapitel, acht Seiten, davon viele Bilder.. ich gebe uns eine Stunde, vielleicht zwei.
Das hätte auch geklappt, hätte ich mich mit Backpropagation-neuronalen Netzen, Matlab und der chinesischen Sprache sehr gut ausgekannt. Das tu ich aber nicht und so zieht sich das lange hin, weil ich neben den Wörtern auch noch die Bedeutung begreifen muss.
Mein Kopf ist gegen Abend dann ziemlich matt und mein Bauch meldet auch wieder Hunger an. Aber viel Zeit ist nicht mehr, es reicht nur noch für ein Croissant und dann geht's zum Fußball. Dass wir so verlieren, kann sich wohl jeder ausmalen.
Und heute Abend, man höre und staune, machen wir außer einem Spaziergang zum Pool, um zu schauen, wie er wohl bewacht ist, nicht viel.
Tag 113: Ich sagte radikaler!
Es hat die Nacht geregnet und da wir keine Lust haben, dass uns der ganze Straßendreck via Hinterrad am Körper hochspritzt, genehmigen wir uns ein Taxi. Die Idee hatten aber mehrere, sodass wir auf der ganzen Strecke über 12 Minuten komplett stehen (am Taximeter wird eine derartige Statistik aufgeführt). Dabei kann man dann aber beobachten, wie freie Helfer in FlipFlops versuchen, aus dem sich angestauten Fluss wieder eine Straße zu erschaffen, indem sie Gullideckel anheben und mit gekonnten Fußbewegungen das Wasser in diese Richtung zu befördern versuchen. Oder Verkehrspolizisten, die kurz ihre Stiefel ausziehen, um einen gigantischen Schwall kühlen Nass' hinauszuschütten. Diese verfluchte Bodenversiegelung.
Bei der Arbeit nennt man mich heute einen Simulanten. Unerhört. Dennoch bin ich nicht sehr nachtragend und bring etwas Freude in den Laden, als ich ihnen Heimatbilder zeige. Und Euro-Münzen. Mit etwas Verwunderung höre ich mir Fragen an, ob das mit den Münzen nicht sehr schwer sei, wenn man zum Beispiel mal 100 Euro zahlen muss. Und, wie viel ich denn überhaupt davon für das ganze Jahr mitgenommen hätte und wo man sie umtauschen kann.
Nach der Arbeit gehen Lukas und ich noch zum Frisör. Wie so häufig mal. Und heute denk ich mir, dass es ruhig mal etwas radikaler zugehen könnte und was passt da besser als ein blondgefärbter Irokesenschnitt? Aber wie Philipp vor kurzem beschrieben hat, bekommt man oft nicht das, was man will. Ich will einfach nur den Kamm gefärbt und den Rest recht kurz geschnitten. Es wird schon problematisch bei der Wahl der Färbung. Es gibt zwei koreanische (mittelgut und gut) und eine chinesische (sehr schlecht) und es bedarf harter Verhandlungen, dass ich wirklich nur die mittelgute haben will. Dann zeig ich an den Haaren, was blonder sein darf und was nicht, male es sogar am iPod auf und man versichert mir fünfmal, dass sie wüssten, was ich meine. Man fängt dann aber doch an, den halben Kopf mit dem Wasserstoffperoxid zu bedecken, das dürfen sie dann gleich aber wieder auswaschen, als ich mich beschwere. Der Kamm bleibt zwar zu breit, aber meine Hoffnungen liegen noch auf dem Schnitt. Dieser wird vom Meister persönlich vorgenommen und ich habe noch nie jemanden so lange für einen Maschinenschnitt brauchen sehen. Und das Ergebnis ist, dass oben alles lang bleibt. Radikaler, sagte ich doch, aber das krieg ich heute nicht mehr in den Kopf rein und so darf Lukas zuhause nochmal nach dem Langhaarschneider greifen.
Anschließend geht es in die Stadt. Aus Mangel an guter Alternativen geht es abermals in den Nono-Club. Ich habe mir zwar neben der Frisur noch eine Brille mit neutralen Gläsern und dominantem Rahmen (hat man uns mal im 1+1 geschenkt, passt zu mir nicht wirklich) aufgesetzt, dennoch erkennt Theresa mich sofort und kommt hysterisch "You are handsome, you are handsome!" schreiend auf mich zugerannt.
Das muss wahre Liebe sein.
Tag 112: Kranke Hühner.
Heute ist ein ganz und gar unschöner Tag. Beim Aufstehen geben Lukas und ich uns gegenseitig die Klinke der Klotüre in die Hand, das ganze Fleisch von gestern hat zwar gut geschmeckt, aber ist anscheinend nicht das, was der Körper gerade so brauchte. An Arbeit ist so zumindest erstmal nicht zu denken, was Ersatzpapa aber auch gleich versteht. Zum Arzt sollen wir und uns ausruhen. Aber wir haben ja noch Medikamente hier, die für Beruhigung sorgen, aber eigentlich auch nur die Taktzahl der Gänge herabsetzt.
Der Tag wird dann wider Erwarten langweilig. Ich dachte, man könnte so viel an einem freien Tag machen, so viel interessantes, aber das ist heute definitiv nicht der Fall. Regen ankündigendes Wetter trübt die Stimmung weiter, sodass es heute ein eher verlorener Tag war. Aber glücklicherweise bleiben uns noch so einige, an denen ich das heute verpasste aufholen kann.Donnerstag, 18. Juni 2009
Tag 111: Enzyme. Fehlende.
Da die Wettervorhersage Gewitter ankündigt, nutzen wir mal die öffentlichen Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen. Der Morgen vergeht aufgrund vielen Smalltalks ziemlich schnell und mittags schwenkt das Wetter tatsächlich in Regen um, kurzfristig, bevor es wieder drückend wird. Aber irgendwas liegt da in der Luft, das sich ermüdend auf mich auswirkt. Und dann mache ich es einfach mal einer Kollegin gleich und teste die Oberflächenbeschaffenheit des Tisches mit meiner Stirn. Es ist mir unangenehm, als man mich nach ich weiß nicht wie viel Zeit aus der Traumwelt rausholt (aus der ich nur schwer zu wecken bin), um sich wieder mit mir zu unterhalten, aber da es hier zur Mentalität dazugehört, dass man schläft, wenn einem danach ist (Kunden nutzen oft die Couch in der Firma), schwindet das schlechte Gewissen baldigst.
Sofern ich nicht gute Gespräche führe, nutze ich die Pausen, um Theresas SMS-Anfragen zu beantworten. Sie hat mich schließlich Samstag zuletzt gesehen und es wird mal wieder Zeit. Also will ich eigentlich nach der Arbeit mal kurz auf ein Feierabendbierchen vorbei, um zu gucken, wie mein zukünftiger Club unter der Woche so läuft, aber dann kommt noch ein Kollege dazwischen, der Lukas und mich zum Essen einlädt. Und das kann man ja nicht ausschlagen, also geht es erst mit ihm in eine Fressgasse, es gibt gegrilltes Fleisch. Ausschließlich Fleisch (man möge mir verzeihen, dass ich Magen und Knorpel dazuzähle). Des Kollegen Freundin kommt noch hinzu und es ist recht lustig, zumal wir so gut wie alles verstehen, was sie sagen. Zwar erklärt er uns am Anfang noch, dass er keinen Alkohol trinken kann, weil er ihn nicht verträgt, dennoch lässt er gerne Nachschub an Bier kommen und hält sich selber nur gering zurück. Die Quittung für die fehlenden Enzyme zum Alkoholabbau bekommt er dann prompt, als wir an die frische Luft treten (es ist bereits gegen zehn) und sämtliches verschlungenes Fleisch sich am Fuße eines Baumes wiederfindet.
Anschließend geht es mit einem Taxifahrer, der nicht von der schnellsten Sorte ist (was seine Auffassungsgabe betrifft) für mich in den Nono-Club (während des Essens gab es neun Anrufe, ich sollte mich beeilen) und für Lukas nach Hause. Der Laden ist nicht schlecht besucht, mir werden sechs Bier hingestellt (für einen Preis, für den ich nicht mal drei bekäme, aber wir sind ja Freunde) und einen Obstteller gibt's auch noch geschenkt. Ich bin großzügig und teile alles. Zwischendrin werde ich von anderen Gästen an deren Tische gezogen, um eine Runde Trink-Würfel-Spiel zu spielen. Da ich aber ein Talent dafür habe, wird meine Kehle aber eher selten von ihren Getränken geflutet, auch deshalb, weil ich schon nach kurzer Zeit von einem Kellner gebeten werde, wieder an den anderen Tisch zu gehen, die Theresa erwartet mich. Sehnlichst. Und ein bisschen sauer.
Für einen Mittwoch besteige ich dann ziemlich spät das Taxi, dessen Fahrer erstmal in die andere Richtung fährt und mich sehr verwundert anschaut, als ich ihn frage, wo er denn hin will. Ich geleite ihn dann sicher zum Campus und zum Dank kann er mein Geld nicht wechseln, sodass ich erst hoch in den vierten Stock sprinten muss, um kleinere Scheine zu besorgen.
Dann wird aber geschlafen.
Tag 110: Positives Auffallen?
Lukas und ich kommen heute zu der Erkenntnis, dass wir diese Woche bei der Arbeit wohl nicht am positivsten auffallen, sofern wir überhaupt noch auffallen. In erster Linie gibt es momentan keine Aufträge, oder zu viele auf einmal, sodass morgens kaum jemand in meiner Abteilung anzutreffen ist und nachmittags hingegen alle, jeweils mit einem Kunden auf dem Schoß, der Extrawünsche bei der Produktgestaltung hat. Also nutze ich morgens die Computer, die frei sind (sofern sie nicht gerade mal wieder ausgeschlachtet und ihrer Hardware beraubt wurden) und bearbeite meine China-Bilder. Nachmittags, aus Mangel an Platz in der kleinen Vorstufenabteilung, gehe ich gerne mal Lukas beim Druck besuchen, weise ihn und seine Kollegen auf die Puderschicht auf den Maschinen hin, fachsimpel vor mich hin und bewege Lukas zu einer Raucherpause, die wir dann draußen oder im kühlen Eingangsbereich auf den Ledersesseln verbringen, wo wir der Empfangsdame, die auch eine ganz große im Zeittotschlagen ist, Gesellschaft leisten. Da wir uns aber auch nicht mehr so viel zu sagen haben (nach über drei Monaten aufeinanderhocken gehen auch mal die Themen aus), kann es auch passieren, dass wir jeweils mit unseren iPods da sitzen und Tetris-Rekorde jagen. Bisher bin ich noch der beste!
Man sollte meinen, dass wir nach so einem Tag gut ausgeruht sind, aber abends liegen wir auch nur noch auf der Couch. Im stillen Einvernehmen geloben wir Besserung für die nächsten Tage!
Tag 109: Xi'an nights.
Da Xi'an nicht an einem Meer liegt und auch nicht einer Sandwüste gleicht, besteht kaum die Möglichkeit, dass es nach sehr hohen Temperaturen am Tage in der Nacht auf ein erträgliches Schlafklima abkühlt. Und so kommen wir langsam in die Phase, in der guter Schlaf kostbar und rar wird.
Neben der nicht angenehmen Temperaturen kommen nämlich noch Störeinflüsse wie nächtliche Baustellenarbeiten (ich kann mir vorstellen, dass es angenehmer ist, nachts zu arbeiten und nicht in der prallen Sonne) inklusive Sprengungen und lauten LKW und Parasitenbesuche von Mücken und anderem Getier.
So schläft man immer etappenweise und sorgt in den Pausen immer für ein Stoßlüften durch die Klimaanlage, geht mit der Fliegenklatsche auf die Pirsch (weil Lukas bei sich vergessen hat, das Fliegengitter am geöffneten Fenster zu schließen) und trinkt was, bevor man sich wieder eine kühle Stelle auf dem Bett sucht.
Und dabei plag ich hier auf ganz hohem Niveau. Denn bei mir funktioniert die Klimaanlage und ich kann das Fenster schließen und ich habe Strom, sodass ich einen elektrischen Raumbedufter, der Insekten verscheucht, in Betrieb nehmen kann.
Wenn ich da an die armen Studenten denke, die zu sechst in einem Zimmer schlafen, ohne Klimaanlage, ohne Strom und das alles in ihrer Prüfungsphase.
Gute Nacht.Tag 108: Bullenhitze
Nachdem ich immer wieder samstags am Stock gehe, muss der Sonntag in erster Linie für Entspannung herhalten. Diese beschränkt sich zunehmend auf Tätigkeiten in den eigenen vier Wänden, da es hier noch einigermaßen erträglich ist, was nicht zuletzt an zwei funktionierenden Klimaanlagen liegt.
Draußen haben wir nämlich mal wieder 37 °C, trocken und stickig, schon kurze Wege stimulieren die Schweißdrüsen auf's Äußerste und die diffus streuenden Lichtstrahlen der senkrecht über uns stehenden Sonne reizen die Augen so sehr, dass sie die Klischee-Form der Inländer annehmen, zwangsweise.
Und dann les ich auf der Homepage der allseits beliebten BILD-Zeitung, dass Mallorca-Urlauber gewarnt werden, da auch bei ihnen bis zu 37 °C erreicht werden kann. Sie sollen sich nicht zu viel draußen aufhalten und viel trinken. Wurden wir gewarnt? Wurde uns das Fußballspielen untersagt? Wurde uns gesagt, dass Flüssigkeitsaufnahme gut ist, aber nicht unbedingt die von Bier?
Nein, uns vergisst man hier draußen ganz einfach. Und die Vögel von Mallorca haben wenigstens überall ein Meer zum Abkühlen, wir nur einen Swimmingpool, der eingezäunt ist und nur desnachts, wenn dieser Zaun abgekühlt ist, überstiegen werden kann.
Stinkwütend ob dieser Nachrichten will ich das Netz verlassen und da kommt LiuRongs, also Bierchens Bitte, sie für zehn Minuten zum Arzt zu begleiten, weil sie Angst vor Spritzen hat, genau richtig. Dieser befindet sich 30 Meter neben dem Wohnheim und das ganze soll doch eigentlich kein Problem sein, aber es entwickelt sich dann doch zu einer Odyssee.
Zuerst muss ich bemängeln, dass dieser Arzt nicht gerade krankengerecht ist, zumal die meisten wahrscheinlich Sportunfälle als Grund für ein Erscheinen haben. Denn um zu den zwei Doktorinnen zu gelangen, geht es erstmal eine lange Treppe hinauf und dann steht man vor einer Tür, die nur mit sehr viel Kraft zu öffnen ist und durch die ich gerade so passe. Einige kleine Damen können froh sein, dass ich also über eine Stunde da sitze und ihnen die Türen öffne, während Bierchen und die Ärzte auf der Suche nach ihrer Krankenakte ist (hier haben schließlich so viele den gleichen Namen und dann kommt noch hinzu, dass eine Freundin die Spritzenmedizin von der Apotheke mitgebracht hat, natürlich auf ihren Namen und selbst hier ist das dann wohl kompliziert, als Arzt sowas anzuerkennen).
Irgendwann ist das dann auch zu Ende und ich darf mich zu unseren guten Seelen des Austauschs, den Damen nach oben begeben, da sie Lasagne gemacht haben. Und hier funktionieren beide Klimaanlagen recht bescheiden, weshalb das Essen sich zur anstrengendsten und schweißtreibendsten Aktion des Tages entwickelt.
Sonntag, 14. Juni 2009
Tag 107: Immer wieder samstags.
Wie kommt es eigentlich, dass man mindestens einmal die Woche vollkommen gerädert aufwacht, vorzugsweise samstags, obwohl man am Abend zuvor doch noch vor Energie nur so sprühte. Und warum kommt einem die Erkenntnis viel zu spät, dass das ganze für ein mittagliches Fußballspiel in der prallen Sonne bei 37 °C nicht das förderlichste sein kann?
Ich weiß es nicht. Aber heute ist wieder so ein Samstag. Verkatert, da die Hitze und Kindergeschrei einen durchgängigen Schlaf nicht ermöglichen, müde, leerer Magen, da es zeitlich nur für ein kleines Frühstück reicht und dann das Spiel im Stadtstadion, in dem die Luft steht, genauso wie die Sonne, senkrecht überm Feld, sodass selbst an den Tribünen Schatten Mangelware ist. Und, na klar, eingecrèmet ist man natürlich nicht. Stattdessen nagen noch die Chlorreste aus dem Schwimmbadwasser an der gereizten Haut.
Ich mach zum Leidwesen des Captains keinen guten Eindruck und handel schonmal aus, dass es wahrscheinlich nicht für's ganze Spiel reichen wird, schon gar nicht, wenn man mich als linken Flügelflitzer einsetzt, aber ich rufe zumindest die erste Halbzeit eine ordentliche Leistung ab und wir gewinnen sogar, trotz meiner Auswechslung.
Nichtsdestotrotz versprechen wir, dass wir den nächsten Freitag anders angehen werden, denn das Spiel heute ist nur der Anfang von einem siebenwöchigen Turnier, bei dem jedes Spiel wichtig ist.
Anschließend freu ich mich auf's Bett, aber dann kommt die nächste Erkenntnis: Das Spiel ist gegen halb fünf zuende und zu dieser Zeit, so hat es sich irgendwann mal jemand ausgedacht, dürfen alle Taxifahrer Pause machen. Das einzige Gefährt, dessen Fahrer gewillt ist, uns noch zu fahren, überlassen wir den Damen, die dann schätzungsweise zwanzig Minuten später, fit, den Campus erreichen, während wir uns müde auf der vierzigminütigen Busfahrt abquälen.
Und dann reicht es für eine ganze halbe Stunde Schlafnachholung, da es ab sieben in der Mensa nichts mehr zu essen gibt. Bis zu diesem Essen hat sich Theresa bereits dreimal gemeldet und fragt, wann wir heute kämen. Sie versteht das mit der Müdigkeit nicht so ganz und sieht keinen Grund, warum wir dem Nono fernbleiben sollten. Thomas und ich letztendlich um elf auch nicht mehr und so gönnen wir uns noch einen zweistündigen Aufenthalt, locker, ohne Tanzen, nur im Sitzen, die Tänzerinnen beobachtend. Und ab und zu gesellt sich Theresa dazu. Jene empfängt mich zuvor übrigens mit einer hysterischen Umarmung und den Worten, dass sie uns sehr vermisst hat. Für jede Minute, die sie an diesem Abend nicht da sein kann (da sie ja arbeitet) entschuldigt sie sich fünfmal und letztendlich wirkt sie leicht enttäuscht, dass wir heute nicht für so viel Furore sorgen.
Bei unserer Ankunft auf dem Campus sehen wir, dass sich der Polizei-Golfwagen, der ab und zu rumfährt um nach dem Rechten zu sehen, vor dem Schwimmbad positioniert hat. Ich stempel das mal als Zufall ab.
Tag 106: Des Nono-Clubs Managerin.
Es ist endlich wieder Freitag, es kann endlich wieder abends auf die Pirsch gehen. Und da wir das 1+1 mittlerweile kennen und mal anderen Clubs die Chance geben wollen, lassen wir uns von der Werbeschaltung im Grooves-Magazin (englisches Magazin, hauptsächlich für Austauschstudenten mit Erlebnisdrang gedacht) leiten und planen für heute mal den Nono-Club in der großen Südstraße aufzusuchen. Zuvor muss aber natürlich gearbeitet werden. Dennoch wollen Lukas und ich uns eigentlich schon in der Mittagspause etwas auf das Wochenende einstimmen und gucken, wie viel Bier man in einer Stunde so schafft. Leider haben wir die Rechnung ohne den Chef gemacht, denn, so groß die Auswahl an Restaurants in Firmenumgebung auch ist, Chef und Abteilungsleiter müssen sich natürlich das aussuchen, in dem wir sitzen. Unsere Schnapsidee ist also im Nu zunichte gemacht.
Egal, abends ist die Stimmung dennoch da und wir betreten den Laden. Er ist deutlich kleiner als die altbekannten Discos, dafür ist die Musik besser und man wird herzlicher empfangen. Es kümmern sich gleich mehrere Bedienstete um unser Wohl und auch die englischsprechende Managerin wird herangezogen um festzustellen, ob alles in Ordnung und nach unseren Wünschen ist.
Und diese scheint entweder einen guten Geschäftssinn zu haben oder sie hat sich nur spontan in mich verliebert. Denn Theresa, 21, verlangt umgehend meine Nummer und fordert mich zum Tanz auf der Bühne auf, die eigentlich nur von den Attraktionen des Abends, singenden und tanzenden, angestellten Damen und Herren, genutzt wird. Auf dieser Bühne wird sich unsere deutsche Delegation den ganzen Abend aufhalten und eine Tanzshow par Excellence hinlegen. Und das ganze bis lange nach drei Uhr, obwohl der Club eigentlich ab zwei geschlossen hat und wir das ein oder andere mal auch auf diese Zeit hingewiesen werden. Zwischendurch werden wir noch Theresas Freunden vorgestellt, die sich bei der Getränkebestellung etwas übernommen haben und nun Hilfe von uns brauchen. Dann heißt es aber irgendwann tatsächlich, dass wir gehen müssen und so muss mal wieder der Pool für den Ausklang des Abends hinhalten.
Ich hoffe, dieser wird in Zukunft nicht doller bewacht, denn durch das Hinterlassen von Lukas Boxer-Short dürfte nicht so schwer ausfindig zu machen sein, wer hier Hausfriedensbruch begangen hat.
Vorm Einschlafen erhalte ich noch eine Gute-Nacht-SMS von Theresa, die mich in zuckersüße Träume geleitet.
Tag 105: Die lieben Fremdsprachen
Heute erleide ich auf meinem Weg zur Arbeit einen herben Rückschlag. Ich habe bisher immer gedacht, dass ich wohl der Verkehrsteilnehmer mit der größten Rück-, Vor- und Nachsicht bin und das geringste Hindernis darstellen würde: Ich sehe Bushaltestellen voraus und wechsle auf die mittlere Spur, um den Bussen Platz zu machen. Ich bin der einzige, der den Schulterblick dabei vollzieht. Ich suche mir rechtzeitig die Spur zum Abbiegen. Und nach einer roten Ampelphase bin ich der erste, der die Kreuzung überquert hat und keiner kann sich ob meines zu langsamen Anfahrens beschweren.
Und dann kommt heute das: Ich bin kurz vorm Ziel, muss von der zweispurigen Straße nach der Kreuzung mit der 100 Sekunden-Ampelschaltung nur noch links in die Seitenstraße der Firma einbiegen und fahre also gleich ganz links, bis von rechts ein Auto neben mir fährt und zwei entgeisterte Insassen mir klarmachen wollen, dass das eine Autospur wäre und ich sollte gefälligst ganz rechts fahren. Da ich es natürlich besser weiß, setze ich ein Lächeln auf, fluche auf Deutsch 'Yak, halt die Klappe, bitte' und füge ein '谢谢', 'Danke' in der hiesigen Sprache an, um gleich darauf links einzubiegen. Dennoch bin ich erbittert.
Bei der Arbeit ist die Chefin der zur Firma gehörenden Werbeargentur anwesend und registriert als einzige, dass ich das meiste doch wirklich schon kann und ich werde mal gut gefordert, auch, was die Sprache angeht, denn sie redet ununterbrochen mit mir. So geht die Zeit gut rum.
Lukas wird heute von einem Kollegen zum Essen nach Hause eingeladen und ich werde von Jojo in die Kalligraphie-Straße zitiert, da er gerade Besuch von einem Franzosen hat. Ich erfreue mich an der Herausforderung, mal wieder eine andere Fremdsprache zu probieren, muss aber feststellen, dass in meinem Kopf momentan nur noch Platz für Chinesisch ist. Die Kommunikation hakt zum Teil schon an leichten Vokabeln wie dem Wort 'ich'. Zwar verstehe ich alles, was er mir sagt, aber ich kriege keine Antwort raus, die nicht irgendwann automatisch fließend von Französisch auf Chinesisch wechselt. Mein, man möge mir dieses Selbstlob verzeihen, eigentlich ziemlich gutes Französisch weicht also einem noch immer recht erbärmlichen Chinesisch. Ein Jammer. Ein Tag voller Rückschläge.
Tag 104: Praktikantinnen
Bei der Arbeit bin ich seit dieser Woche in der Vorstufe gelandet, in der vorzüglich Bild- und Textgestaltung am Computer durchgeführt wird. Die Computer sind allerdings so abgezählt, dass für die normale Besatzung schon einer zu wenig vorhanden ist und wenn dann noch ich dabei bin plus zwei Praktikantinnen von einer Schule aus einer anderen Stadt, so herrscht zumeist für vier Leute Beschäftigungslosigkeit, hauptsächlich für uns unbezahltes Personal, was aber natürlich nur allzu verständlich ist.
Wie verbringt man also diese Zeit? In erster Linie mit dem Vortäuschen von Interesse, was die Arbeit der anderen angeht. Dann wird viel Blödsinn geredet und etwas Deutsch beigebracht.Eine große Belustigung für die zwei patenten, jungen Damen ist mein deutscher Name, dessen Aussprache ihnen schwer fällt, bis ich ihnen mithilfe von chinesischen Schriftzeichen eine Art Lautumschrift vorlege. So heiße ich jetzt 米二口, was wortwörtlich 'Reis Zwei Mund' bedeutet. Sie bringen mir im Gegenzug bei, wie man unbemerkt von den anderen im Raum Musik hören kann und erzählen mir, dass sie die sieben Wochen Praktikum nicht nach Hause zurückkehren können und stattdessen in einer der Garagen auf dem Firmengelände nächtigen. Ich möchte ihnen am liebsten liebevoll den Kopf tätscheln und mein Beileid aussprechen.
Das Kopftätscheln ist nämlich zur Zeit etwas wie unser neues Hobby geworden und auf unserem abendlichen Streifzug über den Campus sind nicht viele Köpfe kleiner Kommilitoninnen davor sicher. Die anfängliche Scheu wandelt sich schnell in ein Lächeln und einer stolzen Dame, die vor Glück fast zu platzen droht, sodass es einem ans Herz geht.
Ja, wir befinden uns weiter auf unserem Weg zur wunderbaren Völkerverständigung.
Tag 103: Abschied zum Zweiten.
Heute darf Lukas endlich wieder schuften. Mit dem Rad zur Arbeit fahren allerdings nicht, da es kaputt ist (trotz Warnung des Verkäufers ist er damit gehüpft, jetzt ist das Material im Pedal im Eimer und wackelt). Also fahr ich alleine, mal wieder, und habe prompt meinen ersten Unfall. Auf einer eigentlich voll von schlechten Autofahrern blockierten Straße, an der ich gerade mit dem Rad durch die Lücken komme, kommt kurz bevor ich sie übergehrt habe und aus der letzten Lücke presche ein Wagen herangebraust, von links, auf der Spur, auf der eigentlich nur Autos von rechts kommen könnten. Nun gut, er geht in die Eisen, ich springe ab und dennoch küsst mein Knie seine Stoßstange. Also gut, küssen ist relativ, denn prüde, wie die Chinesen sind, ist es nur eine leichte, zärtliche Berührung, mehr kommt, zumindest in der Öffentlichkeit, nicht vor.
Bei der Arbeit fragt Chefe, also der Ersatzvater, warum nur ich mit Rad komme. Nach Aufklärung der Geschichte wird darauf bestanden, dass Lukas zum Reparieren fährt. Aber nicht erst abends, sondern ruhig schon am Nachmittag. Er darf wieder früher gehen. Zum Glück bilde ich mir dann aber pünktlich um vier ein, dass auch mein Fahrrad nicht ganz in Ordnung ist und für meine Abteilungsleiterin ist es letztendlich auch kein Problem, da wegen großen Kundenaufkommens kein Computerplatz für mich frei ist und somit auch keine Arbeit.
Natürlich fahre ich nicht zum Fahrradladen. Bin ich denn bescheuert? Der ist viel zu weit weg. Und überhaupt; ich bin ja nie mit dem Rad gehüpft.
Dann wird es nochmal emotional: (wie unten beschrieben) verlassen uns heute Denis und Philipp gen Shanghai, um dort ihr Praktikumsglück zu versuchen. Bei Denis sehe ich die ein oder andere Träne im Augenwinkel aufblitzen, sodass ich mich dazu entschließe, ihm den Abschied etwas leichter zu machen und zerstöre beim nötigen Abwasch 'aus Versehen' die Kaffeekanne. Wenigstens den morgendlichen Kaffee muss er nicht missen. Im Gegensatz zu Lukas.
Dem erzähl ich das dann lieber auch nicht, denn seine Laune ist schon schlecht genug, als er ohne ausgetauschtem Pedal zurückkommt. Bis Freitag wird irgendeine Welle gewechselt, anschließend, so ist der Plan, wird das Rad an einen gutgläubigen Menschen teuer vertickt und es gibt ein neues.
Ein Fuchs, das ist der Lukas.
Tag 101: Stille.
Heute steht endlich mal nichts auf dem Programm, was heißt, dass man zu all dem kommen kann, was sonst zu kurz kommt: Lesen, Film schauen und vor allem Schlafen.
Und da hätten Cathrin und Lukas keine bessere Idee haben können, als auswärts im SIT-Café frühstücken zu gehen. So sind die Banausen schonmal weg und der Größtteil der anderen schließt sich an, was bedeutet, dass ich tatsächlich über einen großen Zeitraum hinweg alleine in der Bude bin.
Dazu regnet es draußen noch, was bedeutet, dass aus dem Hof kein Kinderschrei ertönt.
Und so kehrt etwas sehr seltenes in einer chinesischen Großstadt ein: Stille.
Sonntag, 7. Juni 2009
Tag 100: 100 Tage China!
Wir haben es tatsächlich geschafft, ungefähr das erste Drittel unseres Aufenthalts in Fernost liegt hinter uns. Ich persönlich blicke auf eine sehr lustige, nicht zu harte, ereignisreiche, den Studenten formende, beeindruckende, zumeist mit Höhen versehene Zeit zurück. Aber gut, warum in die Vergangenheit blicken, wenn die Zukunft vor uns liegt und wir uns im Jetzt befinden?!
Heute ist Samstag und der ist öfter mal etwas verkatert. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir ein Fußballspiel haben, endlich mal wieder auf dem Campus. Einem experimentellem Frühstück folgt also der Gang in die Hölle, zumindest könnte es von der Hitze her einer solchen gleichen. Zum Glück ist der Kopf noch nicht wieder ganz so da, sodass wir gar nicht erst auf die Idee kommen, das Spiel abzusagen. Und es ist wie immer: Wir dürfen in der ersten Halbzeit ran, führen, dann heißt es in der Pause dass nur noch einer spielen kann, egal wo und dann werden noch ein paar ausgetauscht und keiner weiß, wo er spielen darf, und wir gehen wieder unter. Also halbwegs. Unser Captain hat zum Glück auch endlich eingesehen, dass das nicht so viel bringt, aber wir wollen uns heute mal nicht unnötig ärgern.
Dann kommen wir zum eigentlichen Plan von heute: Den ganzen Tag grillen. Dafür haben wir zwei Rinderlenden à 1,5 kg für 190 Yuan ergattert (also die anderen, die der Arbeit fernblieben). Leider besitzen wir noch die sehr hartnäckigen Grillbricketts, die nur äußerst ungern brennen wollen. Um schneller für eine gute Glut zu sorgen, muss ein 5-Liter Paulaner-Fass als Ofen dienen, dass ich schnell präparieren möchte. Dass dieses Unterfangen doch seine Zeit mit sich bringt, hätte ich nicht erwartet; mehr als eine Stunde, einem kaputten Hammer, einem verbogenen Schraubenzieher und einer aufgeschnittenen Hand später halte ich dann endlich das gewünschte Rohr in der Hand und tatsächlich, es klappt. Aber die Zeit für die Vorbereitung hole ich nicht mehr raus.
Letztendlich sitzen wir zur Feier des heutigen Jubiläumstages von bis nach Mitternacht draußen und verzehren Fleisch. Nur Fleisch. Und etwas Brot. Ohne Salat. Der Grilltraum eines jeden Mannes!
Tag 99: Der Arbeitsweg. Ein Eindruck.
Ich erwache, trotz nächtlicher Störung, fit und ausgelassen und freue mich, die Musik (momentan sehr preferiert: 'Guten Morgen' von Alexander Marcus) richtig aufzudrehen, da Lukas mir gestern noch angedeutet hat, dass er wohl lieber liegen bleiben würde, da die Dame ja bald geht.
Somit ermögliche ich ihm also, diese Zeit länger mit ihr bewusst zu erleben. Dann geht mein Streichzug durch das Haus und mit einem Klopfen, dass mir danach die Hände schmerzen, trommel ich alle raus, um ihnen einen schönen Tag zu wünschen.
Dann wird gefrühstückt und nicht zu leise das Haus verlassen, was ich auch nicht muss, weil man mich sowieso nicht hört, da die Musik natürlich laut weiterläuft und man mein Entschwinden somit nicht mitbekommt. Zwei Stunden später fällt anscheinend auf, dass ich nicht mehr da bin.
Der Weg zur Arbeit ist abermals einer der schönsten. Es ist erst nach acht, dennoch lässt es sich die Sonne nicht nehmen, besonders stark zu knallen. Die Hitze des Vortags ist noch immer gespeichert, sodass schon beim Aufsteigen auf das Rad sich der erste Schweißtropfen abzeichnet. Dann geht es auf die Hauptstraße und man bahnt sich den Weg vorbei an langsamen Radfahrern, zumeist nicht viel schnelleren Bussen und ständig die Bahn wechselnden Taxis. Es ist laut, staubig und stickig. Da kommt der Anblick der auf den Bus wartenden Mäuschen sehr entgegen, gerade recht, ebenso das kleine süße Babykätzchen, nicht viel größer als meine Hände mit so einem süßen platten Stupsnäschen. Leider überfahren.
Im Betrieb angekommen, ist das erste Ziel, den Flüssigkeitshaushalt intakt zu halten, denn das erste T-Shirt ist schon durchnässt und der Tag verspricht mit seinen 38 °C nicht gerade kühler zu werden.
So ist es dann auch zum Feierabend, als ich wieder auf das Rad steige. Die Idylle ist abermals himmlisch, genauso wie der Verkehr steht auch die Luft in den Straßen. Aus vierspurigen Straßen werden sechsspurige, aus sechs- werden achtspurige, um sämtlichen Autos genügend Platz zu gewehren. Leider stehen die dann so dicht, dass ich mit dem Rad kaum durchkomme und somit viele Auspuffgase inhalieren darf. Zum Glück sind die Ampelphasen mit zweimal 100 Sekunden rot so lange, dass ich am Ende doch ganz vorne steh und mit dem besten Antritt vorpreschen kann und eine recht freie Straße vor mir sehe. Ich trete schnell in die Pedale, um möglichst viel kühlen Fahrtwind zu erhaschen, werde aber sogleich enttäuscht, da dieser ungefähr so kalt ist, als wenn man einen gut vorgeheizten Umluft-Backofen öffnet.
Trockene Kehle und ein nasser Rücken treiben mich zu einer letzten Verzweiflungstat, da ich mir denke, dass es doch noch irgendwie eine Abkürzung geben muss. Also biege ich ab und folge der Straße, die leider nur bergauf geht. Zum Glück habe ich dann einen guten Ausblick und kann die Uni sehen, leider viel weiter weg, als erhofft und auch ohne dahinführende Straße. Es gilt also, die halbe Abkürzung zurückzufahren, in eine andere Straße einzubiegen und dann steh ich vor ihm: Dem Dorf! In jenes habe ich mich bisher nur einmal mit Lukas getraut, heute muss ich es alleine wagen. Mit teuer aussehendem Fahrrad, Mobilfunktelefon, iPod und Geld. Krampfhaft wird der Lenker umklammert, durch verwinkelte Gassen finde ich letztendlich in Panik verfallen doch noch den Weg nach draußen und dann bin ich endlich fast da. Ich falle Lukas aus Erleichterung um die Arme und bitte ihn, mich nie wieder alleine fahren zu lassen.
Mein T-Shirt ist ungefähr genauso durchnässt, wie nach einer Stunde wandern auf dem 华山 (Huashan) und so darf ich duschen und schlafen, während Spätzle für uns kocht. Es schmeckt sehr gut und ich danke ihm herzlich dafür.
Wir sind mit dem Essen sogar so pünktlich fertig, dass Thomas, Andy und ich unseren Plan, mal früher ins 1+1 zu gehen (Zitat Thomas: "Ich will endlich mal nüchterne Chinesen sehen!"), in die Tat umsetzen können und um kurz nach neun im Taxi sitzen. In der Disco spacken wir dann so richtig ab und dürfen erleben, dass die dortigen Sicherheitsbeamten einen wahnsinnigen Respekt vor uns Ausländern haben. So kommt es vor, dass einer unsere Frage, ob wir in den kleinen flachen Pool springen dürfen, zwar verneint, bei der Gegenfrage, warum nicht, dann aber die Flucht ergreift. Und dann wird uns das Trinken auf der Tanzfläche erst indirekt untersagt, als Spätzle die Flasche zum Trinken ansetzt. Diese wird ihm dann aus der Hand genommen und ihm wird angedeutet, dass er den Laden verlassen soll. Das muss er dann letztendlich nicht, als ich zum Sicherheitsmann gehe, ihm die Flasche wiederum entwende, sage, dass sei meine und daraus trinke. Spätzle ist also wieder frei.
Auf dem Heimweg erfreuen wir uns an einem Sprung zunächst über den Zaun und dann in den Campus-Pool. Zwei Bahnen werden geschwommen, dann geht es halb nackt ins Wohnheim. Wir wissen nicht, wer mehr erschrocken ist: Die Männer in Uniform, die gleich neben dem Schwimmbad unter den Stadiontribünen ihr Lager aufgeschlagen haben, oder wir. Da sie uns aber nichts sagen, sehen wir es als Erlaubnis an, auch in nächster Zeit dem nächtlichen Schwimmen nachzukommen.
Tag 98: Immer Halligalli.
Nach zwei Tagen mit wenig Beschäftigung hat man sich in der Firma dann doch mal entschieden, mir etwas mehr Arbeit zu beschaffen und als ich den Laden betrete, treffe ich auf keinen Maschinenführer oder Druckergehilfen. Mein Abteilungsleiter deutet mir an, dass das dann mein Job ist und so geht die Arbeitszeit erstaunlich schnell rum. Ich fühle auf dem Heimweg endlich mal sowas wie Müdigkeit vom Schaffen, nicht Müdigkeit von ermüdender Langeweile.
Und so hoffe ich auf etwas Ruhe abends, aber da Cathrin in der Wohnung wartet und die anderen schon früher Feierabend und sich fit gemacht haben, ist die Bude wie so oft voll mit Menschen. Menschen, die ihre Ruhephase hatten und somit jetzt bereit sind, Halligalli zu machen.
Ich füge mich also meinem Schicksal. Und da Cathrins Tage in Xi'an vorerst gezählt sind, ist es ein unbeschriebenes Gesetz, dass wir schon am Donnerstag losziehen müssen. Es geht in die Moonkey-Bar in der Nähe der Barstraße, da uns die Live-Musik anlockt. Diese ist leider nur am Anfang schnell, danach langsam und ermüdend, sodass ich artigerweise um elf, ungeachtet der Ausdrücke 'Weichei', 'Schlappschwanz' und dergleichen, das Taxi besteige.
Und wie es so kommen muss, darf ich dann um halb zwei schon wieder aufwachen, weil es ein Pöbel angetrunkener Studenten es sich nicht nehmen lässt, möglichst viel Krach zu machen. Ich nehme es gelassen, prophezeihe ihnen, dass sich morgen einige bestimmt nicht in der Lage dazu fühlen, zur Arbeit zu gehen, ich aber gerne meine Rache wahrnehmen möchte.
Wenn man mir schon nach Feierabend keine Ruhe gönnen will, warum sollte ich morgens gütig sein?
Tag 97: Klogeschichten
Lieber Leserinnen und Leser, dieser Tagesbeitrag tanzt mal wieder etwas aus der Reihe, da es sich nicht direkt auf den heutigen unspektakulären Tag bezieht, sondern auf die Erfahrungen bisher bezüglich eines leidigen Themas: die chinesische Toilette.
Zartbesaiteten Menschen und solchen, die vorhaben, vielleicht mal das Land zu besuchen, insbesondere Frauen, möchte ich nahelegen, diesen Beitrag zu überspringen, da ich es mir natürlich nicht nehmen lasse, scheinbar alltägliche Situationen schriftlich auszuschmücken, des Entertainments wegen.
Anders als in Europa ist der Toilettengang kein Tabu-Thema, man spricht es gerne offen an, da auch Verdauungsprobleme Krankheitsfall Nummer 1 sein müsste, was ab und zu bei der Lagerung von Nahrungsprodukten verbunden mit der Hitze und dem Insektenaufkommen nicht verwunderlich ist. So wird, sofern man krank ist oder es einem nicht gut geht, von Dritten stets darauf geschlossen, dass man 拉肚子, Durchfall, hat.
Diesen Fakt will Lukas sich heute zunutze machen, um der Arbeit fern zu bleiben. Ich spüre eigentlich schon beim Aufwachen, als er bereits emsig in der Küche am Frühstück zubereiten ist (normalerweise bin ich früher wach), dass es sich bei Lukas heute um einen Simulanten wird (außerdem hat es sich in den letzten Tagen etwas angedeutet), aber ich spiel einfach mal mit, als er mit leiser aber ernster Stimme berichtet, dass etwas nicht in Ordnung sei mit Darm- und Speisetrakt.
Um bei mir auch gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, geht er sogar zum campusansässigen Arzt, um Medikamente zu bekommen. Armer Lukas. Er hat außer Acht gelassen, dass nicht nur schlechtes Essen, sondern auch Viren eine Ursache sein könnten, und so wird auf eine Stuhlprobe bestanden. Furchtbar. Sowas könnte ich nicht. Das ist also der Preis für einen freien Tag.
Aber wenigstens darf er das dafür nötige Geschäft alleine und in aller Ruhe verrichten, was sonst nicht der Fall ist. In der Firma beispielsweise gibt es nur eine Sorte Toilette, und zwar das östliche Plumpsklo, der sind es gleich zwei. Was nicht schlimm wär, wären sie nicht zum einen nebeneinander und zum zweiten nicht nicht von Trennwänden geschweige denn abschließbaren Türen getrennt. Es kann also sein, dass man nur schnell seinen getrunkenen Tee wegbringen möchte, und dann hocken da schon zwei, sich unterhaltend, dich aber freundlich grüßend. Es fehlt nur noch die Zeitung in der Hand zum vollkommenen Glück.
Ein weiterer Makel ist, dass eventuell nötige Hygieneartikel selber mitzubringen sind. Allerdings sehe ich nie jemanden damit rumlaufen und Handtaschen, in der sie versteckt sein könnten, sehe ich auch nirgendwo. Sofern benutzt sind diese Produkte dann nicht im Entledigungsbecken zu platzieren, sondern im Mülleimer, da die Abflussrohre nicht europäischem Standard entsprechen und es leichter mal zu Verstopfungen kommen kann, was schnell zur Flutung des ganzen Raums kommen kann. Das ist nicht gerade feierlich.
Wahrscheinlich auch aus Angst, Schuld an einer solchen Sintflut zu tragen, halten es viele nicht nötig, zu spülen, sondern hinterlassen dem Nachfolger ein nettes Präsent, scheinbar um zu sagen: "Seht her, ich habe einen Haufen gemacht!"
Diese Tatsache plus die vollen Mülleimer lassen die Toilette schon aus einiger Entfernung riechen, weshalb es in Restaurants von Vorteil ist, sich etwas weiter davon wegzusetzen. Oder man lebt einfach schon seit drei Monaten hier, dann gewöhnt man sich an vieles.
Wie schon erwähnt, macht es hier niemanden etwas aus, die Privatsphäre des anderen zu verletzen, denn auch in moderner eingerichteten Gebäuden ist es in Einzelkabinen auch zu zweit oft am schönsten, sodass man in der Disco gerne mal auch von Wildfremden begleitet wird, egal, welchen Geschlecht sie angehörig sind. Aber als Gast in diesem Land, wird einem gerne der Vortritt gewehrt.
Da dieser unkomplizierte Umgang aber von Kleinauf gelernt wird, kann ich niemandem einen Vorwurf machen. Denn, an Windeln und Stoff sparend, tragen Kinder bis zum stubenreinen Alter ausschließlich Hosen mit Schlitz, der den Bobelles beim Hocken freilegt, was eine schnelle Entledigung an welchem Ort auch immer, und sei es der Eingang des Supermarktes auf dem Campus, ermöglicht. Allerdings sorgen aufmerksame Mütter und Großmütter schnell für die Entfernung jeglicher Spuren.
Wie man also liest, haben wir hier nicht nur Spaß (wie ich oftmals zu hören bekomme). Jeder Tag will zwecks Toilettengänge wohl geplant sein und bei jedem Bissen Nahrung isst die Angst mit, etwas schlechtes zu sich zu nehmen, was einen dringlichen Stuhlgang bedingen könnte. Denn alleine schon das Hocken halte ich als Kreuzbandgeschädigter nicht gerade lange aus. Was aber wohl das kleinste Übel ist.
Tag 96: Selbstlosigkeit in Person
Heute ist wieder so ein schöner Tag, an dem die Zeit überhaupt nicht vergeht. Das liegt vor allem daran, dass zwei der drei Maschinen nicht laufen und somit die anderen Praktikanten (von der Schule) an unsere Maschine geschickt werden. Wir sind also sieben Leute, zuständig für vier Farben.
Da ich recht selbstlos bin, überlasse ich auch allein einfach mal die einzige Beschäftigungsmaßnahme, die man ergreifen kann, nämlich arbeiten. Die letzte Aussicht sind die Minispiele auf dem iPod, aber da Denis' Rekord beim Bomben-Antipp-Spiel unschlagbar ist, verlieren auch die schnell den Reiz. Es herrscht also viel Langeweile, weil's beim Druck auch keine Probleme gibt und irgendwann gibt es Smalltalk auf nicht wirklich hohem Niveau.
Ich höre mir also einen Monolog darüber an, dass es doch unfair sei, dass Chinesen für die gleiche, bzw. viel mehr Arbeit weniger Geld als Deutsche erhalten. Ich stimme zu. Dann erfahre ich, dass ich nicht wirklich deutsch aussehe, weil das Bild des Arias doch deutlich anders aussieht. Und wo wir gerade schon bei der Epoche sind, erfahre ich, dass Mao natürlich viel besser als Hitler ist. Ich hülle mich lieber in Schweigen, bevor die Firma abgehört wird. Und bei dem Gedanken mit dem Abhören kommt mir das Thema Kontrollstaat in den Sinn. Ich verbreite also mal schnell das Gerücht, dass die Kreuzbandnarbe am Knie daher ziert, dass mir der Staat einen Microchip eingesetzt hat, um stets zu wissen, wo ich mich aufhalte. Da Lukas eine ebensolche Narbe besitzt, kann mir auch niemand widerlegen, dass nicht jeder Deutsche kontrolliert wird. Abschließend soll ich noch alle meine Kleidungsprodukte auf ihr Herstellungsland kontrollieren und mich fragen, warum ich sie nicht gleich hier gekauft habe.
Das klingt alles ein wenig nach merkwürdigen Themen, insgesamt ist aber doch vieles Spaß und es hilft mir über den Tag hinweg.Mittwoch, 3. Juni 2009
zwischendurch: Zensur
Seit einiger Zeit kann ich auf meinen eigenen Blog (blogspot von google) nicht mehr zugreifen, vielleicht habe ich jetzt den Grund dafür gefunden:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,628159,00.html
Noch zweimal schlafen, dann geht es vielleicht wieder.
Tag 95: Trendsport Zeitrumschlagen
Nach vier Tagen erholungslosem Urlaub geht's also wieder mit dem Malochen los. Und wie! Eigentlich so gut wie gar nicht. Denn am ersten jeden Monats werden die Maschinen, zumindest die japanischen (die deutsche hält ja viel aus), generalüberholt und so werden auch für heute keine Aufträge angenommen.
Diese Überholung dauert aber nur bis zur Mittagpause, anschließend wird festgestellt, dass etwas nicht stimmt und dann stehen die beiden Komori für den Rest des Tages. Nur an meiner kleinen wird ab und zu ein Auftrag gefahren, viel ist das aber nicht und so liegt es an der Gemeinschaft, die Zeit anders rumzukriegen. Dies gelingt bedingt mit etwas Putzen, Smalltalk und Handyspielen. Doch dann passiert etwas, was ich eigentlich nicht für möglich gehalten hätte: Der Hauptteil der Beschäftigungslosen bekommt einfach verfrüht Feierabend. Ob das vom Gehalt abgezogen wird, weiß ich natürlich nicht, aber ich meine, in den Augen des ein oder anderen ein Tränlein aufblitzen zu sehen.
Lukas und ich werden glücklicherweise auch nach Hause geschickt, wissen mit der neugewonnen Zeit aber auch nicht so viel anzufangen außer den nicht der Rede werten typischen Abendgestaltungen.
Tag 94: Gehma baden
Es zeichnet sich schon beim Verlassen des Zugs ab, dass Xi'an noch heißer ist, als Shanghai in den letzten Tagen und so fällt der Entschluss schnell, dass wir baden gehen. Und nicht irgendwie, sondern in unserern Deutschlandtrikots. Symbolgemäß gehen wir wie die Fußballmannschaft baden.
Das ganze soll im Campus-Schwimmbad stattfinden, aber um dort reinzukommen, ist eine schwere Geburt von Nöten. Da hier nämlich viele nicht schwimmen können, sind die Sicherheitsvorschriften viel höher als sonstwo und ohne Lehrer darf man eigentlich nicht ins Becken. Mit viel Überredungskunst und einem Thomas'schen Kniefall wird uns letztendlich doch Einlass gewehrt, für fünf Minuten, damit es keiner mitbekommt. Reicht auch zum Abkühlen.
Danach wird das Schlafdefizit ausgeglichen, während Lukas und Co zur Metro fahren. Eigentlich will er kochen, aber sie kommen dann doch auf die Idee, Grillsachen zu besorgen. Leider sind die Grillbriketts viel hartnäckiger, als gedacht und so brennen sie erst um zehn Uhr abends richtig gut, und dann so, dass das Fleisch nicht viel Zeit benötigt, um fertig zu werden. Es mundet sehr, dennoch schlage ich für das nächste Mal vor, etwas mehr Zeit einzuplanen. Beispielsweise den ganzen nächsten Samstag. Da wir nämlich Praktikum haben und insofern keine richtigen Studenten sind, müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir am Wochenende nicht arbeiten. Ha!
Dienstag, 2. Juni 2009
Tag 93: Shanghai Tag 3
Auch heute wackelt mein Bett wieder bedenklich stark und so kommen wir auch relativ früh aus den Federn. Das erste Ziel für heute ist die Transrapid-Station, bei der Denis und ich den Großteil der anderen treffen. Und dieses Projekt ist wahrlich gigantisch. Wenn Sie vom U-Bahnhof in Shanghai ... mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen ... am ... am U-Bahnhof in Shanghai starten Sie Ihren Flug. Zehn Minuten. Schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an, wenn Sie in Heathrow in London oder sonst wo, meine sehr ... äh, Charles de Gaulle in Frankreich oder in ... in ... in Rom. Wenn Sie sich mal die Entfernungen anschauen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen, dann werden Sie feststellen, dass zehn Minuten Sie jederzeit locker in Frankfurt brauchen, um ihr Gate zu finden. Wenn Sie vom Flug ... vom ... vom U-Bahnhof starten - Sie steigen in den U-Bahnhof ein, Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in ... an den Internationalen Flughafen Franz Pudong. Dann starten Sie praktisch hier am U-Bahnhof in Shanghai. Das bedeutet natürlich, dass der U-Bahnhof im Grunde genommen näher an China ... an die chinesischen Städte heranwächst, weil das ja klar ist, weil auf dem U-Bahnhof viele Linien aus Shanghai zusammenlaufen.
Und das ganze kostete damals nur schlappe 1,2 Milliarden. Man hätte das Geld nicht besser anlegen können, wie zum Beispiel die Bekämpfung der Armut. Denn wo sonst hat man den Luxus, ganze sieben Minuten, von denen ganze 50 Sekunden mit Höchstgeschwindigkeiten von 430 km/h in der ersten Klasse zu sitzen? Und das für nur den doppelten Fahrpreis des zweite Klasse-Tickets (Hin- und Rückfahrt 70 Yuan)?
Die Erfahrung ist es also allemal wert, aber die Strecke hätte man besser woanders hinlegen können.
Anschließend geht's mit der verhältnismäßig langsamen U-Bahn an eine Station, von der wir meinen, dass sie in der Nähe der empfohlenen Französischen Konzession liegt (genau können wir es nicht sagen, weil der Reiseführer im Hotel ist). Ob wir zu dieser gelangen, können auch später nicht wirklich sagen, aber wir kommen an einem netten Viertel mit kleinen Gassen und kleinen Häusern an, deren Abschluss die prunkvolle Villa eines Herrn Moller bildet. Bevor in dieser eine Hochzeit stattfindet, dürfen wir im gartenansässigen Café noch einen verdammt teuren Latte Macchiato (im Espresso-Glas) bei halbwegs aufgetautem Käsekuchen verzehren. Zumindest ist das Ambiente traumhaft und alles andere als Chinesisch.
Wir liegen gut in der Zeit und dürften locker pünktlich zum Treffpunkt am Hotel erscheinen und dann kommt Philipps fataler Ausruf: 'Ohh, guck mal, da gibt es Eis.' Und das ist leider auch noch so gut, dass wir uns zum Verzehr hinsetzen.
Fazit: Wir kommen zu spät. Wie gestern schon. Ich schäme mich.
Dann geht's, der Erfahrung wegen, viel zu früh zum Bahnhof und nach einer guten Pizza locker und geschmeidig in die richtige, nicht zu überfüllte, Bahn. Zum Glück haben wir auf den iPods Filme und einen vollen Akkumulator, sodass wir uns an die vom Staat geregelten Schlafenszeiten von 22 Uhr bis 07 Uhr nicht halten müssen, zumindest was die Einschlafzeit betrifft. Denn, da die Lautsprecher sich nicht in unserer Nähe befinden, scheinen die Essensverkäuferinnen dazu angehalten zu sein, mit einer möglichst lauten und schrillen Stimme ihre Angebote pausenlos hinauszuposaunen.
Für die nächste Fahrt sind Ohrenstöpsel von Vorteil!
Tag 92: Shanghai Tag 2
Ich scheine das Glück gepachtet zu haben, in jeder fremden Stadt krank zu werden. Nach schlechtem Magen in Peking geht es mir dieses Mal an und in den Kopf, aber da muss man irgendwie durch. Ich verdränge auch schnell den Gedanken, eine Apotheke zu suchen und wir besteigen gleich den Fernsehturm. In diesem kann man sich je nach Besucheransturm fast einen ganzen Tag aufhalten, die meiste Zeit steht man allerdings an verschiedenen Fahrstühlen an. Um hoch zu gelangen, muss man zwei verscheidene nehmen, für den Weg runter gar drei. Dafür lohnt sich die Aussicht von den einzelnen Etagen und das Highlight ist die Außenstelle mit dem Boden aus Glas. Trotz eigentlicher Höhenangst wage ich mich rauf, der Schmerz im Kopf ist noch immer größer als der notwendige Schutzimpuls namens Angst.
Da wir heute in kleinen Gruppen losgehen (weil zu große einfach ätzend sind; dauernd muss man auf jemanden warten), ziehe ich heute mit der Fraktion 'die Chiller' um Lukas, Cathrin und Denis umher und wir wollen uns um halb sechs mit den anderen am Stadion treffen. Wir liegen gut in der Zeit, machen uns auf den Weg zur S-Bahn und dann kommt der fatale Ausruf Cathrins: 'Ohh, guck mal, da gibt es Sushi!'. Und na klar, da wir so gut in der Zeit liegen, gehen wir noch kurz in das japanische Restaurant. Und da jetzt bestimmt keine Apotheke mehr kommt, vertraue ich auf das familiär geheime Allheilmittel namens Bier (zumindest wird es in der Generation nach mir als Allheilmittel gelten). Es hilft. Mit jedem Schluck ein Bisschen. Und auch das Sushi ist gut. Jetzt haben wir noch zehn Minuten und ein paar Stationen U-Bahn. Und Lukas hat ja einen ach so tollen Plan, mit welchen Bahnen wir am schnellsten ankommen. Nämlich anscheinend der Route, die zweimal Umsteigen umfasst, von denen das eine Mal alleine elf Minuten Wartezeit benötigt.
Fazit ist, dass wir 75 Minuten zu spät kommen. Ein neuer Rekord!
Am Stadion geht es munter weiter mit Büchsenbier und Stimmung. Ich trage die große Schrubberstab-Fahne schon den ganzen Tag mit mir rum und habe Blasen am Daumen, aber was tut man nicht alles für sein Vaterland und für Poldi. Die anderen haben die Zeit auch schon gut genutzt und wurden vom chinesischen Fernsehen interviewt und der Hauptteil der heute an mich gehenden SMS' hat die Gratulation zur Ausstrahlung der beiden Damen, die sich auch gerne Mütter der Gruppe schimpfen, in der Vorberichterstattung. Somit haben sie es binnen drei Monaten schon in die Printmeiden und ins TV geschafft.
Ich dagegen nur in viele private Fotoalben, was auch heute nicht anders ist: Man scheint uns mit der Mannschaft zu verwechseln, denn zu Stoßzeiten sind mindestens 20 Kameras auf einmal auf uns gerichtet und wir müssen mit diesen und jenen Personen noch einmal Modell stehen. Und ich würde lügen, wenn ich behauptete, es nicht immer noch zu genießen.
Leider ist das mit der Stimmung im Stadion dann eher Mau. Denn bei Preisen von 180 bis 1200 Yuan (und die im Verhältnis dazu stehenden Monatsgehälter, die ich in den letzten Tagen erwähnt habe) ist es verständlich, dass das Stadion nur mit 25.000 anstatt möglicher 80.000 Zuschauern gefüllt ist. Dazu kommt ein schlechtes Spiel und die blöden Ordner, die uns das ein um das andere Mal ermahnen, als wir die als Dach dienenden, verdammt verstaubten Plexiglasscheiben als Trommeln benutzen. Individuelle Stimmung hat man nicht so gern und so sind die Schlachtrufe der Chinesen, wie ich beim Sportfest schon befürchtet habe, auf das zweisilbige '加油' (JiaYou - füge Öl hinzu) beschränkt. Lediglich die Welle können sie ganz gut machen. Und um den letzten Funken Stimmung zu rauben, wird im ganzen Stadion kein Bier ausgeschenkt. Dass zu einer gelungenen Fußballatmosphäre Bier gehört, scheint sich hier noch nicht rumgesprochen zu haben. Aber gut, von Fußball im Allgemeinen hat man ja nicht so viel Ahnung, so wird zum Beispiel auch auf der Anzeigetafel hinter die Teams geschrieben, in welcher Farbe sie spielen. Was wiederum aber wieder verständlich ist, da im deutschen Fanblock beim Führungstor mindestens ein Drittel der weißgekleideten aufspringt und jubelt. Zwiegespaltene Erfolgsfans!
Nach dem Spiel wird meine Befürchtung, dass, wenn wir jetzt erst zum Hotel zurückkehren, es garantiert nichts mehr mit einem Amüsierabend wird, nicht ernstgenommen, aber hoffentlich doch in Zukunft, da ich Recht habe.
Aber gut, dem Kopfe zuliebe lass ich das heute durchgehen.Tag 91: Shanghai Tag 1
Unser erster Weg in der Großstadt führt uns zum McDonald's in unmittelbarer Nähe des Hotels, da es im Zug zum Ende hin an allem mangelte: fließendem Wasser, Getränken, Lebensmitteln. Und (die Maslows'sche Bedürfnispyramide bestätigend) muss das Bedürfnis Hunger vor dem Bedürfnis Hygiene zuerst befriedigt werden. Das Hotel der Kette 'Home Inn' ist günstiger als die letzten in Peking, erfüllt aber einen guten Standard. Es wird mir in den folgenden Nächten jedoch stets etwas Angst bereiten, dass das Bett im sechsten Geschoss spürbar wackelt, was nicht an meinem Schlafstil liegt, sondern vielmehr an der Instabilität des Gebäudes, das entweder durch leichte Erdbeben, große LKW oder die U-Bahn ins Schwanken gerät.
Nach der Bedürfnisbefriedigung (mit Ausnahme des Schlafbedürfnisses) geht's zum Stadion, weil wir noch Tickets für das Länderspiel kaufen wollen und gerade öffentliches Training stattfindet. Die Shanghaier sind leider ein paar Spitzbuben und versuchen, aus allem Profit zu schlagen: Ein Schwarzmarkthändler belügt uns (unmittelbar vor dem Kartenstand) indem er behauptet, die Gästeblock-Tickets wären zehnmal so teuer, wie wir behaupteten und nur er hätte günstige Karten. Jie und Frank, die ein wenig vorgelaufen sind, wären fast drauf reingefallen. Gutgläubige Xi'anesen sind das. Und das öffentliche Training soll auch nur 100 Yuan kosten.
Das schenken wir uns also, gucken lieber ein wenig die Stadt an, derer bekannter Sehenswürdigkeiten sehr wenige sind, was aber durch das Gesamtbild der City wettgemacht wird. Shanghai ist tatsächlich trotz zahlreicher Hochbauten sehr schön, deutlich schöner als Beijing.
Zum Essen geht es abends in eine der Haupteinkaufsstraße parallel verlaufenden Gasse. Es ist erstaunlich, wie die Modernität nur Fassade ist, denn diese Gasse hat von der Entwicklung nicht sonderlich viel mitbekommen. Besonders tut es mir das Klo an, zudem ich nur gelange, wenn ich erst die Küche (deren Fußboden stark verfettet ist), eine weitere Gasse und schließlich ein großes Metalltor durchquere. Hinter diesem befindet sich eine kleine Baracke und darin gibt es tatsächlich eine Toilette. Wahnsinn.
Anschließend suchen wir die von sämtlichen Reiseführern angepriesene Captain's Bar auf, die mit der Dachterrasse eine guten Blick über die Skyline Shanghais bietet. Diesen Geheimtipp haben sich auch andere deutsche Touristen sowie Abgeordnete des DFB und der deutsche Botschafter zunutze gemacht, sodass die Terrasse fast in deutscher Hand ist und wir noch zwei Deutschland-Schals abstauben können.
Trotz sich seit dem Nachmittag entwickelnde Kopfschmerzen sage ich zu und gehe mit Denis und Philipp noch auf die Pirsch. Das Babyface bietet lieder nicht, was es verspricht und es geht schnell zurück. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich schlafe sowohl im Taxi, im Mc Donald's, in der Hotellobby und in voller Montur auf dem Bett ein.Sonntag, 31. Mai 2009
Tag 90: Feierabendverkehr.
Der Arbeitstag wird heute ganztägig mit Arbeit verbracht, wie es sich gehört. Ich darf mittlerweile alles selbstständig machen und bin sehr stolz auf meine Leistung.
Stolz bin ich auch auf meine Weitsicht, denn ich reise mit meinem großen Rucksack zu Firma, da ich abends nur zwei Stunden habe, um zum Bahnhof zu kommen, der während des Feierabendverkehrs nicht so leicht zu erreichen ist. Lukas ist ähnlich clever, denn er hat eine Freundin, die für ihn den Tag über noch wäscht und die Tasche packt, zudem noch Lebensmittel für die Fahrt besorgt und auch noch einen Koffer Feierabendbierchen.
Nach Schichtende gesellen Luke und ich also zu anderen Feierabend-Menschen bei Regen an die verstaute Straße und bestaunen die befüllten Taxis, die an uns vorbeischleichen. Freie Taxis sind also knapp und die zwei, in die wir steigen wollen, weisen uns ab, da es zum Bahnhof zu weit ist und man lieber in der Zeit öfter die Anfahrtgebühr berechnen will.
Bis wir zu dieser Erkenntnis gelangen, sind aber schon 45 unserer freien 100 Minuten vergangen. Mit etwas Glück sehen wir aber einen Bus, der uns zu gewünschtem Ort fahren würde, nur mit welchem Tempo, ist die Frage. Alles Bangen und Beten hilft letztendlich irgendwie, wir kommen glatt 15 Minuten vor Abfahrt an.
Leider sind wir nicht die wichtigsten, denn unsere Tickets hat Nadine und die arbeitet unter anderem mit Denis zusammen, der lieber nach Feierabend noch 'kurz' nach Hause muss, um seine Tasche zu packen. Sie bemerken dann gar erst so spät, dass sie kein Taxi bekommen, dass sie letztendlich erst eine Minute vor Abfahrt erscheinen und sie sich selber keine Hoffnung mehr machen, nach Shanghai zu kommen.
Allerdings haben wir einen Glücksfaktor außer Acht gelassen: Wir haben immer noch Denis dabei. Und egal, wie knapp er oft dran ist, irgendwie schafft er es immer. Und mit einem langen Sprint durch Gepäck- und Fahrkartenkontrollstationen erreichen wir tatsächlich unser Abteil. Verschwitzt, aber das ist Nebensache.
Die Bahnfahrt beträgt dieses Mal nur 17 Stunden, genug Zeit, um sich auszuruhen. Allerdings kehrt in einer großen Gruppe schlecht Ruhe ein, zumal wenn man Cathrin, die die hiesigen Gepflogenheiten noch nicht kennt, beruhen muss. Morgens um halb sechs. Es ist schon erstaunlich; Hätte sie es nicht erwähnt, wäre uns anderen gar nicht mehr aufgefallen, dass ab morgens jeder beim Toilettengang am Rotzen wie nichts gutes ist. Ebenso für ein schnelles Ende der Nacht sorgt die Zugführung, die ab sieben Uhr die Lautsprecher (die sich direkt über unseren Betten befinden) voll aufdreht und schlechte Musik laufen lässt. Bis zur Ankunft, um eins. Erst jetzt gilt der heutige Tag für mich beendet.
Dienstag, 26. Mai 2009
Tag 89: Das liebe Geld.
Zwar steht heute die Schneidemaschine und funktioniert auch, dafür gibt es für die kleine Maschine keine Aufträge. Ich dürfte mir aber gerne abermals die großen etwas anschauen, um etwas zu tun zu haben. Ich widme mich lieber wieder Gesprächen, Telefonaten und Vokabellernerei.
Ich darf heute erfahren, dass meine Mitarbeiter je nach Position für 240 Stunden Arbeit im Monat ganze 700 bis 1500 Yuan erhalten, bei den Druckern geht es auf das Dreifache (bei 300 Stunden), aber auch in den höchsten Rängen wird gerademal der deutsche Bafög-Höchstsatz erzielt.
Ich bin ein wenig erschüttert und habe noch mehr Bauchschmerzen, als wir abermals zum Essen eingeladen werden und erfahren, dass das wohl auch so bleibt, weil wir nur Gäste sind.
Um diese Bauchschmerzen wegzubekommen, widme ich mich schöneren Dingen, zum Beispiel der Planung unseres Shanghai-Ausflugs, der morgen Abend nach der Arbeit beginnt. Ich koordiniere, dass Arne das Hotel sucht, HuJie sich um die Fußballkarten kümmert und unser Mannschaftskapitän DanDan schaut, wo wir günstige Trikots herbekommen. An den Job des Aufgabenverteilers könnte ich mich gewöhnen.
Aufgrund dieses Ausflugs entschuldige ich mich bereits jetzt für die Verspätung der nächsten Beiträge.
Tag 88: 8 Stunden nichts tun.
Heute, am fünften Praktikumstag bereits, tritt das ein, wovor uns immer gewarnt wurde: Es gibt für uns bei der Arbeit nichts zu tun. Also zumindest nicht für mich, Lukas hat in seinem Kabuff eine ganze Menge um die Ohren, weshalb ich ihn oft tröstend in den Arm nehmen muss.
Die heutige Arbeitslosigkeit hat aber nichts damit zu tun, dass man mir mir keine Arbeit anvertraut, ganz im Gegenteil: Ich bekomme heute endlich meine Arbeitskleidung, einen hellblauen Kittel! Aber die Schneidemaschine wird gegen eine neue ausgetauscht und da man hier nur zwei Papierformate bedrucken kann, die aus dem Einheitsbogen aus dem Lager rausgeschnitten werden, steht und fällt alles mit dieser Schneidemaschine. Und dass der Austausch aufgrund des engen Raums und dem Mangel an Transportwagen einen ganzen Tag in Anspruch nimmt, davon kann ja keiner ausgehen, sonst hätte man vielleicht Papier vorgeschnitten.
Und somit bin ich nicht der einzige, der die Zeit totschlagen muss, sondern meinen Kollegen geht es ähnlich. Die Maschine wird ein paar mal geputzt, aber die meiste Zeit gibt es Smalltalk. Dieser ist zum größten Teil amüsant, allerdings werden auch mal die typischen Themen angeschnitten: Gehören bestimmte Regionen jetzt zur Volksrepublik, oder nicht, ist Sozialismus oder Kapitalismus gut, wie steht es um die bösen Japaner...
Mein Wortschatz vergrößert sich somit rasant, und da sie mir drucktechnisch sowieso nicht so viel vormachen können, sehe ich in diesen Gesprächen das Hauptziel des Praktikums.
Am Abend gibt es Spätzle für Spätzle und für uns, die Cathrin in ihren geschätzten 40 kg Gepäck mit ins Land geschmuggelt hat. Spätzle mit Käse. Ein Genuss.Tag 87: Heimzahlung.
Heute darf ich endlich meine Rache für schlaflose Wochenend-Morgende ausüben. Da Denis und ich von einer Horde Fußball-Legasteniker, die sich bereit für ein Match sehen, vom Sportplatz vertrieben werden, müssen wir unsere überschüssige Energie an anderer Stelle abbauen. Diese Stelle befindet sich direkt vor unserem Haus wieder, wo wir wahllos gegen Wände und Gegenstände schießen, was einen atemberaubenden Hall verursacht. Gerade habe ich meine Hoffnung, dass jetzt gerade jemand schlafen möchte, ausgesprochen, da öffnet sich schon ein Fenster und eine Nachbarin übersetzt mit launischer Miene meinen gerade ausgesprochenen Wunschgedanken. Ich glaube, Denis' Frage, warum man denn jetzt schläft, hat uns nicht gerade beliebter gemacht.
Kurz darauf steht Grillen auf dem Tagesplan. Zusammen mit den Chinesen, wird uns mitgeteilt. Auf dem Mensa-Dach. Natürlich trage ich den Grill zunächst zur falschen Mensa und als wir dann auf der richitgen angekommen sind, kommt ein Prof, der Schirmherr für die Aktion zu spielen scheint, und sagt, es sei zu gefährlich. Na klar, wir ziehen lieber vom durch und durch steinigen Dach auf die nicht gerade nasse Wiese gegenüber, das ist sicherer. Von den anwesenden Chinesen kennen wir komischerweise nur einen Bruchteil. Da es anscheinend sonst zu viele sind, wurden nur Chinesen geladen, die auch im Deutsch-Club tätig sind. Und dann wird noch der Englisch-Club eingeladen. Und alle Master-Studenten. Der angedachte Effekt, dass wir dann etwas mehr mit unseren eigentlichen (sehr scheuen, bzw. sehr strebsamen) Austauschstudenten zu tun haben, bleibt also vollkommen aus.
Das ganze ist aber dennoch sehr gut, zumal man hier immer kleine Streifen Fleisch grillt, sodass der Sättigungsfaktor sehr gering bleibt und man über fünf Stunden etwas essen kann. Auch unsere gemachten Nudelsalate kommen an.
Nur nicht bei dem Hund, der neben uns an einem kleinen Häuschen angebunden ist. Dieser darf sich über Magenprobleme beklagen, weil die ganzen Gewürze vielleicht nicht unbedingt für Vierbeiner gedacht sind.
Fünf Stunden frische Luft zollen leider ihren Tribut, sodass unser Plan, um neun in die Disco zu gehen (weil wir ja jetzt schon sehr lange nicht mehr dort waren) aufgrund von Müdigkeit verfällt.
Tag 86: Wer bist du?
Folgende Szenen spielen sich heute ab: Da gestern die LiYuan gekommen ist, nachdem alle gegangen waren, hat sie keiner auf der Liste, als sich alle wieder zufällig bei uns versammeln.
Ich wache also um halb zwölf auf und denke, die Dame ist schon weg. Stattdessen scheint sie noch immer an gleicher Stelle wie gestern zu sitzen und sich einen Film nach der anderen reinzuziehen. Der kurze Weg zur Dusche sorgt dafür, dass ich nur ein 'Moin' hervorbringe. Kurz darauf erwacht auch Lukas, reibt etwas verwundert die Augen und verschwindet wortlos in der Küche (vermute ich, ich bin ja in der Dusche). Dort will er etwas sauber machen, um bei Cathrin, die abends kommt, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Er fängt also an, abzuspülen. Er kommt nicht weit, da er aggressiverweise davon abgehalten wird. Er verschwindet wieder im Zimmer, allerdings denke ich, als ich mit dem Duschen fertig bin, dass er sich noch immer in der Küche aufhält und LiYuan gegangen ist.
Dieser Irrtum klärt sich dann schnell auf und ich nehm das ganze erstmal wortlos hin und frühstücke. Mit Blick auf die Küche. Als sie anfängt, die dortigen Arbeitsflächen gründlich zu putzen, fällt mir der sehr kurz geratene Rock und die hohen Schuhe auf. Das scheint ein klassisches Fernseh-Outfit zu sein.
Dann betritt Thomas die Wohnung und auch er findet erstmal keine Worte, die sie betreffen. Es wird gefrühstückt und der Tag besprochen, während LiYuan wieder zwischen uns Platz nimmt und den nächsten Film reinlegt.
Sie bleibt auch erstmal sitzen, ich gehe in mein Zimmer, bis Hanna die Wohnung betritt und das Schweigen mit der Frage, wer die Dame überhaupt sei, bricht. Die Ahnungslosigkeit ist groß und ich geize auch mit Auskünften. Erst Denis traut sich endlich, sie direkt anzusprechen, aber da müssen wir auch schon gehen.
Die einen in die Stadt um Bahntickets zu besorgen (es geht Mittwoch nach Shanghai, Freitag findet dort das Länderspiel statt), die anderen zur Metro und Lukas und ich zur Firma, von der uns Chefe zum Flughafen bringt, um Cathrin abzuholen. Die ganze Belegschaft macht zu dieser Zeit Feierabend und gucken uns komisch an. Ich glaube kaum, dass sie uns abkaufen, dass wir jetzt zur Nachtschicht antreten.
Beim Flughafen wird gerade die Rückkehr eines lokalen berühmten Bergsteigers frenetisch gefeiert. Hier fällt mal wieder auf, wie durchgeplant sämtliche offizielle Prozedere sind. Alle halten ein 08/15-Banner (rot mit weißer Schrift, die hängen überall), es gibt die gleichen Blumensträuße, wie jeder Star sie bekommt und alle rufen einen einstudierten Slogan.
Cathrins Empfang fällt dagegen sehr mikrig aus.
Chefe lädt uns noch zum Essen ein, was nicht nur für Cathrin 'inspirativ' ist. Da ich sie für Kürbis halte, esse ich versehentlich Schweineohren. Einer kleinen Stadttour folgt die Rückkehr ins Wohnheim, wo eigentlich nur kurz geduscht werden soll, bevor wir wieder losziehen. Es gibt aber noch Fußball und das Duschen verzögert sich und dann kommt die Hälfte, die eigentlich schon losgezogen ist, wieder zurück und dann war's das mit Disco.
Ich habe hier selten so ein braves Wochenende verbracht!Tag 85: Spießroutenlauf durch's schlechte Gewissen.
Ich habe in letzter Zeit schon ein kleines schlechtes Gewissen ob der Bevorzugung des Chefs uns gegenüber angedeutet. Und es geht immer weiter.
Wir dürfen jetzt wegen des langen Weges eine halbe Stunde als der Rest der Belegschaft erscheinen. Wir werden stets zum Essen geladen, sofern wir einladen wollen, werden wir grob weggeschickt. Im Gegensatz zu den anderen Druckern habe ich nur eine 8-Stunden-Schicht, der Rest muss zehn Stunden schuften. Uns werden feinste Bücher geschenkt, von denen die Firma selber sehr wenige besitzt und die nur für ganz besondere Freunde gedacht sind. Und heute darf ich erfahren, dass ich mein Wochenende bekomme, alle anderen aber durcharbeiten. Sie haben im Monat einen Tag frei. Das müsste genügen.
Ich bringe es nicht fertig, Schadenfreude zu entwickeln. Aber gut, es ist alles für das Wirtschaftswunder.
Was passiert sonst so? Ich darf Druckplatten wechseln, zumindest vormittags. Mein heutiges T-Shirt wird also endlich als schon dreckig befunden. Nach dem Mittag ist irgendwie ein Saugnapf des Anlegers kaputt und es wird den ganzen Nachmittag darum gekämpft, ihn mit irgendwelchen Mitteln zu reparieren. In dieser Zeit gibt es für mich nicht viel zu tun. Ich helfe beim Putzen der Maschine. Zweimal. Da sie, obwohl nicht in Bewegung, einfach wieder zustaubt. Uns wird angedeutet, beschäftigt zu wirken, weil der richtige Chef (unser Chefe ist 'nur' Geschäftsführer) sich die Ehre gibt vorbeizuschauen. Ich bekomme ihn nicht zu Besuch, ebensowenig wie Philipp, dessen Firma bei uns Filme bezieht.
Da es morgens regnet, fahren wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (offiziell, also eigentlich mit Taxi) hin- und zurück, was aber viel zu lange dauert, sodass ich in Zukunft auf stets gutes Wetter hoffe. Der Regen wär nicht unbedingt das Problem, aber unser Rad hat kein Schutzblech und eine zuvor zugestaubte, jetzt benässte Straße, wirbelt nicht gerade die angenehmsten Partikel durch die Luft.
Einen Freitagabend haben wir selten lockerer gestaltet. Es geht in keine Disco. Es gibt kein Bier. Nur uns und Tischtennis und das Bett. Also fast. Gegen zwölf kommt die verzweifelte Frage von LiYuan, ob sie bei uns nicht TV schauen könnte. In ihrem Wohnheimszimmer ist niemand. Wir haben also Schlafbesuch. Ich bin sehr, sehr aufgeregt.
Tag 84: Arbeit?
Eigentlich hatte ich die Nacht perfekt geplant, um fit und munter zur Arbeit erscheinen zu können; um halb zwölf einschlafen, um halb drei erwachen, ein schönes Spiel mit einem verdienten Sieger aus Bremen anschauen und dann nochmal drei Stunden schlafend verbringen, bevor der Wecker das zweite Mal klingelt.
Leider schlaf ich erst nach zwölf ein. Zum Spiel bin ich trotzdem munter, auch wenn es eher langweilig und enttäuschend ist. Und dann gibt es auch noch eine Verlängerung, nach der erst feststeht, dass ich mich in den Schlaf weinen muss, da Werder verliert. Und so sind es danach nur noch zwei Stunden Schlaf. Und zwei Stunden ist tödlich, weil man dann aus einer Tiefschlafphase erwacht und garantiert nicht munter ist.
Das Radfahren sorgt dann allerdings dafür, dass der Kreislauf angekurbelt wird und ich nicht den Drang verspüre, einzuschlafen. Ich darf heute dann auch mal die Maschine bedienen. Je nach Befehl darf ich sie starten und stoppen und ich stell mich gar nicht mal dumm an, schein da irgendwie Talent für zu haben. Da es aber noch immer an Arbeitskleidung mangelt und mein schlechtes T-Shirt nicht für schlecht genug befunden wird, darf ich nur am Pult stehen, Putzen oder Farbe mischen ist mir weiterhin untersagt.
Mittags werden wir zum Essen mit dem Auto in einen muslimischen Imbiss gefahren, schmeckt prima. Anschließend ist die nächsten 1,5 Stunden Arbeitszeit Tea-Time und Smalltalk angesagt, bevor ich weiter Knöpfe drücke und mich mit Kollegen unterhalte. Für letzteres ist übrigens der gestern zugelegte iPod touch sehr hilfreich, da dieser über das beste Übersetzungsprogramm verfügt. Man kann nachgeguckte Wörter sogar speichern und das tu ich dann auch, sodass ich sie in langweiligen Phasen rausschreiben und lernen kann. Mit diesem Satz habe ich hoffentlich die häufig gestellte Frage, ob wir hier überhaupt was lernen, beantwortet.
Am Abend mache ich dann noch die Bekanntschaft mit Dame 20 und 21 (laut Bierchen ist es die Mindestanzahl der Freundinnen, die ich hier habe). Und meine Handy-Karte ist schon wieder leer, Telefonieren scheint in Peking also teurer zu sein, als in Xi'an.
Tag 83: Väterliche Liebe.
Das Wetter ist schön und so geht es mit dem Rad zur Firma, wir brauchen ganze 25 Minuten (uns wurden mehr als eine Stunde angekündigt).
Eigentlich wollen wir gleich in unsere Bereiche, aber Chefe meint, wir bräuchten noch ein zweites Frühstück. Er hat Brot und Milch und, natürlich, Tee. Ein wenig unangenehm ist uns die Verhätschelung schon, aber was soll man machen?
In meinem Bereich ist immer noch keine Arbeitskleidung aufgetaucht, also ist für heute auch weiter zuschauen und Fragen stellen angesagt, wobei ich keine stellen muss, da mir sowieso alles erklärt wird. Ich habe wohl noch nicht anmerken lassen, dass ich auch etwas Ahnung besitze.
Ich bin von der Qualtiät der Produkte und vor allem von der Art und Weise, wie sie erzeugt werden, recht begeistert; Sonderfarben werden per Hand gemischt, mit einer alten Vorlage verglichen und nach sehr vielen verschwendeten Bogen Papier für gut befunden. Der Passer ist schnell gut und bleibt auch gut ("Arbeitsteilung: 50 % gute deutsche Druckmaschine, 50 % sehr gute chinesische Druckerausbildung") und somit befinden sich maximal zwei Passerkreuze, aber keine anderen Messfelder auf dem Bogen. Zitat: "Wer Messfelder braucht, hat das Drucken nicht verstanden." Und das ganze wird mit dem bloßen Auge bemessen, da der einzige Fadenzähler nicht gut ist. Somit hab ich auch etwas Probleme damit, was neues interessantes an den Druckprodukten zu finden.
Und so erfreue ich mich lieber an neuen Teesorten, Besuche bei Luke, Smalltalk mit Kollegen (bei denen es übrigens den Vorteil gibt, dass sie alle Wang heißen, zumindest die, die ich bisher kennengelernt habe) und schönem Wetter.
Etwas verfrüht Feierabend dürfen wir auch machen und wir müssen nicht einmal in die Mensa gehen, denn Jojo kocht für uns. Und er räumt etwas auf. Selber mitessen tut er aber nicht. Sofern er mir gleich die Möglichkeit, heute Nacht via Internetz Fußball zu gucken, eingerichtet hat, darf er dann auch endlich gehen.
Tag 82: Praktikumsbeginn!
Kurz vor unserer Abreise ins Ungewisse (zur Firma, die Lukas und mich aufnimmt), klingelt das Telefon und ich soll doch bitte alle aufwecken, denn in einer halben Stunde treffen wir uns in der Staatsdruckerei, die vor ein paar Wochen schon unser erstes Projekt übernommen hat. Mich wundert, dass insbesondere Denis es tatsächlich schafft, nicht noch die ein oder andere Idee zu haben, womit man die viel zu knappe Zeit noch stopfen könnte. Wir kommen also pünktlich. Und alle fünf, die bisher noch nicht untergebracht sind, erhalten einen Arbeitsplatz. Naja, nennen wir es lieber Zuschauerplatz in der ersten Reihe, denn machen dürfen sie wohl nicht viel.
Lukas und ich werden vorgewarnt, dass wir jetzt zwar nicht ganz so weit wie gestern reisen müssen, aber schon recht weit. Wir werden herzlich vom Chef empfangen und nach ein bisschen Smalltalk werden wir direkt eingewiesen. Allerdings nur in die Kunst des Teetrinkens, mit dem wir die nächsten vier Stunden verbringen, da im nobel eingerichteten Büro viele Teesorten vorhanden sind und es verdammt viele Methoden gibt, diese zuzubereiten.
Chefe bemerkt, dass wir im gleichen Alter sind wie sein Sohn. Dieser befindet sich allerdings in Shanghai. Und unsere Eltern sind in Deutschland. Nun zähle man 1 und 1 zusammen und schwupps kann man sich vorstellen, was passiert: Wir bekommen eine Ersatzvaterschaft angeboten. Oder eine Ersatzsohnschaft, sofern es sowas gibt.
Anschließend geht's in unsere jeweiligen Bereiche, Lukas in die Vorstufe, ich in den Druck. Da noch keine Arbeitskleidung vorhanden ist, darf ich ein wenig im Handbuch der Druckmaschinen und in einem Drucktechnik-Skript stöbern und mir wird versprochen, dass ich nach den drei Wochen in dieser Abteilung alle Maschinen perfekt bedienen werden kann. Ich hoffe, das ganze nicht nur theoretisch, sondern dass man mich auch meine Hände schmutzig machen lässt.
Ab und zu kommen Leute in mein Kabuff und reden mit mir. Ich versteh nicht alles, aber ich bemühe mich. Wenn das weiter so geht, dürfte das mit der Sprache mit der Zeit sehr gut laufen.
Uns wird dann noch eine Busverbindung rausgesucht. Und die hat es in sich. Wir dürfen erst siebzehn Stationen fahren, dann umsteigen und dann noch einmal eine undefinierte Anzahl an Stationen fahren. Wir bereuhen schon fast, das Angebot, hier in einem Wohnheim nicht untergekommen zu sein. Und weil es so schön ist, ist auch noch Feierabendverkehr, nach einer halbe Stunde in gebeugter Haltung haben wir in einem vollgestopften Bus gerade mal fünf Stationen hinter uns gebracht und Lukas und ich entschließen uns, auszusteigen. Dort denken wir zunächst an ein Déjà-vu, bis wir bemerken, dass es sich tatsächlich um die 大雁塔 , die große Wildganspagode handelt, die sich in der Nähe unserer Uni befindet.
Luke kauft sich noch ein Handy und mit dem Taxi geht's dann schneller als erwartet heim.
Tag 81: Praktikumsbeginn?
Nach der glorreichen Pekingwoche steht heute unser Praktikumsbeginn an. Zwar waren wir alle mehr oder weniger erfolgreich bei der Suche nach einem geeigneten Platz (nur Philipp und Arne sind bislang versorgt, beim Rest hagelte es Absagen), aber glücklicherweise hat die Uni genug Kontakte in der Stadt und das ist alles gar kein Problem.
So sieht es dann auch aus, als wir das Büro von JiangLei betreten (um 10 Uhr - schöner erster Arbeitstag!), die emsig am Telefonieren ist und von drei oder vier Firmen sowas wie Zusagen für ab den nächsten Tagen einheimst. Damit der Tag aber nicht ganz frei ist, fahren wir noch eine Firma in einem Industriegebiet im Osten der Stadt.
Dieses ist nur mit speziellen Bussen vom Busbahnhof zu erreichen und die Fahrer dafür sind speziell ausgebildet, hauptsächlich im Hupen. Unser Fahrer ist nämlich so schnell, schneller als Lichtgeschwindigkeit, dass er sich immer mit Hupen, also Schallgeschwindigkeit ankündigen muss. Alle halbe Minute wird also jedes Auto in der Nähe gewarnt, befinde es sich nun vor uns, neben uns oder auch mal hinter uns.
Die Firma lassen wir an dieser Stelle einfach mal eine Firma sein, interessant am Besuch ist nur, dass via Kurzmitteilungen und Anrufen Absagen von oben genannten Firmen eintreffen. Aber da ergibt sich bestimmt noch was, heute Abend, denn sowas wie Feierabend kennt man nicht wirklich.
Und zumindest Lukas und ich werden gewarnt, dass wir morgen früh eine Firma, ebenfalls etwas außerhalb, besuchen werden, denn die ist überraschenderweise recht angetan von der Idee, jemanden aufzunehmen.Tag 80: nichts neues.
Wir kommen um halb sechs morgens in Xi'an an und ich wunder mich mal wieder, wie viel auf den Straßen in dieser Herrgottsfrühe los ist. Da uns der erste Taxifahrer nicht nach Hause bringen will, weil es anscheinend zu weit ist, zahlen wir es einfach gleich seiner ganzen Genre heim und frühstücken solange im amerikanischen Fastfood-Restaurant, bis die Busse fahren.
Um zwanzig nach sechs frage ich unseren Captain per SMS, ob wir ein Spiel haben. Er antwortet drei Minuten später (am Sonntag) und verneint die Frage. Allerdings nur, um mich um zehn aus dem Bett zu klingeln, dass doch eins stattfindet. Um zwei. Daheim.
Kaum wieder eingeschlafen steigt der Geräuschpegel abermals ins Unermessliche. Der kurze Blick aus dem Fenster verrät mir, dass acht kleine Enkel zusammen mit jeweils einem Großelternpaar im Hof Radau machen. Es ist also alles beim Alten geblieben.
Auch nichts neues ist, dass das Spiel doch auswärts stattfindet. Um halb zwei ist Treffen. Die Erfahrung zeigt uns, dass es sich eher lohnt, just in time anzukommen. Der Coach quittiert dieses Verhalten mit einer jeweilig maximalen Einsatzzeit von zehn Minuten für Denis und mich. Da wir auf Lukas als Torhüter nicht verzichten können, darf er durchspielen.
Ein Vergeudeter Nachmittag.
Und auch der Abend bringt nichts neues ein; Frauenaufstand in und um die Wohnung, das ist dann auch schon alles.
Morgen beginnt das Praktikum. Nur wo?Montag, 18. Mai 2009
Kampf Rind gegen Kleintier. Ein Verlierer. Ich.
Heute ist so ein Tag, bei dem ich schon während des Schlafes in den frühen Morgenstunden bemerke, dass ich mich höheren Gewalten auszusetzen habe. Und ich muss sie über mich verwalten lassen, denn so will es das ungeschriebene Gesetz.
Ja, bereits um sechs Uhr merke ich, dass etwas nicht stimmt. In mir brodelt es. Etwas, was jetzt schon länger tief in mir ist und nunmehr ans Licht drängen möchte. Ein innerer Kampf.
Der heutige Sonntag steht im Namen des Kampfes zwischen dem Rind in Form eines Steaks und einer kleinen Armee aus dem Bündniss von Skorpionen und kleinen Raupen, die ihres Lebensraumes, dem Cocon, der ihnen die Chance geben sollte, zu einem wunderschönen Schmetterling heranzureifen, beraubt wurden. Das Schlachtfeld ist mein Magen.
Das dicke, behäbige Rind mag zwar gegen eine kleine Streitmacht der exotischen Kleintiere ankommen, nicht aber gegen die ganze Armee. Eine Stunde gelingt es ihm, sich zu wehren, aber um sieben Uhr Ortszeit ergreift der große, mutlose Teil, die Flucht und sucht schleunigst das Weite. So gut wie unverdaut. Welch eine Schande für das Rind. Auch die kleine Nachhut, die eine Stunde später das Schlachtfeld Magen durch den geheimen Weg Speiseröhre verlassen kann, ändert nichts am Ausgang.
Wer nun glaubt, der Krieg wäre vorüber, der hat falsch gedacht. Denn die Territoriumssäuberung beginnt erst jetzt.
Kurz und knapp: das in diesem Hotel nicht gerade schöne Badezimmer ist für den Morgen mein bester Freund, bis es durch das im Kaufhaus abgelöst wird. Statt den schönen Sommerpalast zu besuchen, erfrage ich mir den Weg zur Apotheke. Das Essen der leckeren japanischen Nudelsuppe entpuppt sich zum Geduldsspiel, da das Visum für den Magen sich als genauso schwierig gestaltet, wie damals unseres für China. Und anstatt mich auf die Heimkehr zu freuen, habe ich panische Angst vor der dreizehnstündigen Zugfahrt in einem schaukelnden Zug bei östlichem WC, benutzt von 200 weiteren Passagieren.
Glücklicherweise helfen die Tabletten und ich schlafe tatsächlich sehr gut in meiner Koje. Ich sterbe vor Hunger, gleichzeitig schaff ich aber nur etwas Reis und Bananen und viel Cola.
Dennoch steht eins Fest: Nicht das Rind, dass jetzt vor Freude juksend in einem Pekinger Kanal badet, ist der wahre Verlierer, sondern ich, Mirko.
Sie haben ihn
Es ist soweit. Mirko fiel der chinesischen Justiz zum Opfer. Er kann seinen Blog seit heute morgen nicht mehr aufrufen.
In einem selbstlosen, mutigen und liebevollem Akt der Hilfsbereitschaft sprang ich, Torben, fuer ihn ein, und versorge euch mit seinem Neuesten.
Tag 78: Peking. Und Cocon. Und Socken.
Wir dürfen heute letztendlich doch in ein neues Hotel ziehen, eines in der Stadtmitte, in der Nähe des Platz' des Himmlischen Friedens. Dieser wird dann auch gleich als erstes besichtigt. Und spontan für hässlich und langweilig befunden. Das mag zum einen daran liegen, dass er sich farblich dem Himmel anpasst. Denn in Peking ist alles noch viel mehr Grau in Grau, als in Xi'an und man kann schätzungsweise nur halb so weit gucken. Das, in Verbindung mit ein paar Tagen Messe, stickiger Luft und menschenüberrannten (zumeist Westler) Plätzen und einem leeren Magen, da es nach dem Aufstehen mit dem Frühstück nicht mehr klappt, drückt auf's Gemüt, sodass wir uns das Innenleben der verbotenen Stadt schenken. Ist ja sowieso verboten. Auch sämtliche Statuen und Säulen machen keinen großen Eindruck, die Luft ist raus.
Stattdessen laufen wir in irgendeine Richtung, da wir meinen, dass bald das Zentrum wieder erreicht sein müsste, geben aber an einer U-Bahn-Station auf und fahren den Rest. In der Stadt täuschen wir Shopping vor, kaufen aber letztendlich nichts. Außer schönen Socken im Fünferpack, da bei uns das Sockenmonster sehr oft im Einsatz ist und einem Partner sein Pendant klaut. Gegessen wird auch gut, was allerdings nicht davon abhält, in die feine Fressgasse zu gehen. Hier kann man so ziemlich alles verzehren, was irgendwie (auch in Mengen) auf einen kleinen Shashlik-Spieß passt; Hühnerfleisch, Rinderfleisch, Schweinefleisch, Grashüpfer, Skorpione, Seesterne, Seepferdchen, Maden, Cocons, Wachteln, Hühnerherze...
Aus Mitleid, da die Viecher lebendig aufgespießt sind, gönne ich mir vier Skorpione. Für die Erfahrung sind sie toll, für den Gaumenschmaus eher eine Niete, denn sie schmecken nach nichts. Lediglich nach dem Fritösenfett, in dem schon sämtlich anderes Getier baden durfte.
Anschließend soll es für Andy und mich noch ein Spieß mit etwas sein, das wir später als Cocon definieren. Und dieser ist wirklich ekelig. Zunächst ist das knapp hühnereigroße Schalenetwas gut anzuschauen, aber sobald es heiß wird, dehnt sich das Innere, das keinen Blick wert ist, aus und platzt etwas heraus. Mit dem semigen Gemisch kommt einem auch gleich ein ganz hässlicher Geruch entgegen, der gleichzeitig der Geschmack ist. Ich muss schon vorher Würgen und mein Bauch verkrampft beim ersten Cocon. Ich will eigentlich aufgeben, aber der zweite rutscht dann ohne Probleme. Im nächsten Podcast wird mit Sicherheit das dazu gedrehte Filmchen gezeigt.
Nach dem kulinarischen Abenteuer geht es mit einer dürftigen Wegbeschreibung von Arnes Freundin in einen anderen Teil, einem ziemlich modernen, der Stadt, da hier ein großes Kaufhaus vorhanden ist, das gute Marken-Elektronik-Artikel führt und gleichzeitig das gefälschte Pendant. Man kann also gleichzeitig einen iPod für 150 und für 1500 Yuan erwerben. Leider ist neben der Wegbeschreibung auch die Öffnungszeit nicht korrekt, sodass uns nur eine Viertel Stunde im Kaufhaus bleibt. Es reicht für neue iPod-Kopfhörer, da sich meine auflösen. Und mit 100 Yuan beim Original-Zubehör-Verkäufer mache ich einen ganz guten Deal.
Auf dem Rückweg durch das wie gesagt moderne Viertel treffen wir auf das einzige, was wirklich in Peking imponiert: Es nennt sich 'The Place' und ist ein Platz mit Cafés und Bars und einer Lego-Welt, überdacht mit einem ca. 70 Meter langen Bildschirm. Da wir aber nicht auf dem Boden liegen dürfen und uns auch keine Nackenstarre einfangen wollen, bleiben wir leider nicht sehr lange, sondern setzen uns zum Mexikaner.
Es gibt ein fantastisches Steak. Und da wir draußen sitzen, bieten uns Straßenverkäufer auch noch eine Menge Spaß, da sie uns Socken andrehen wollen. Lukas hat heute Mittag nicht zugeschlagen, also bekommt er zehn Paar für 30 Yuan, wie hoch der Anfangspreis ist, weiß ich nicht mehr. Kaum ist diese aber weg, haben andere den Braten (nicht das Steak) längst gerochen und kommen zu viert bis an die imaginäre Grenze des Restaurant-Grundstücks. "Same price, same price!" lautet der allgemeine Slogan. Und nur, um es Lukas zu zeigen, schreie ich einfach mal "20!" in die Runde. Es wird sofort angenommen. Leider ist die Dame nicht wirklich dazu bereit, meine 50 Yuan in Volkswährung kleinzumachen und drückt mir stattdessen den ganzen Bestand Socken in die Hände.
Lukas und ich sind jetzt also stolze Besitzer von 35 Paar Socken. Zum größten Teil identische. Da hat das Sockenmonster eine ganze Weile dran zu knabbern.
Freitag, 15. Mai 2009
Tag 77: Messe und Bier.
Ob der günstigen, kleinen und doch funktionierenden Maschinen lokaler Hersteller sind wir ernsthaft am Überlegen, ob wir uns nicht eine kleine Druckmaschine kaufen sollten. Entweder eine Einfarben-Offset mit einem Plattenbelichter in Form eines Tintenstrahldruckers, deren maximales Papierformat das einer Visitenkarte ist, oder eine Vier- bis Sechsfarben Flexodruckmaschine, bei der die Platten hintereinander angebracht sind und die Farbauftragswalzen drum herum laufen (Foto folgt), um richtig tolle Aufkleber herzustellen. In unser Wohnheim würden diese Maschinen locker passen und zusammen finanziert sind sie sehr erschwinglich.
Heute werden wir nicht zum Essen geladen, da sämtliche Profs ankündigen, abzureisen, es dann irgendwie doch nicht tun und nur in ein anderes Hotel ziehen. Letzteres ist übrigens schwerer, als gedacht; auch wir sollten morgen eigentlich umziehen, es war auch alles gebucht, aber da sie jetzt erfahren haben, dass wir Ausländer sind, ist unsere Reservierung ruck zuck gecancelt worden. Schweinegrippe und so. Auch am Flughafen und auf der Messe stehen jetzt überall Wärmebild-Kameras, um die Körpertemperatur zu erfassen und notfalls die eine oder andere Person in Quarantäne zu stecken. Zudem wird man aufgefordert, bei einer Körpertemperatur jenseits der 37,5 °C selbstständig zum eigenen Schutze und dem der Allgemeinheit den Arzt aufzusuchen.
Wir sind noch alle gesund.
Mein Mittag besteht erst aus Subway und dann aus McDonald's. Endlich ist mein Hunger nicht mehr so schnell gestillt und mit etwas Glück bekomm ich das hier verloren Gewicht wieder drauf, damit die Hosen nicht so schlabbern.
Am Nachmittag bricht die eine Gruppe Richtung Innenstadt auf, ich bleibe mit Philipp, Thomas, Luke und Denis noch. Warum genau, weiß ich auch nicht, da ich mittlerweile schon in allen Hallen mindestens einmal war, aber es soll sich noch lohnen. Nachdem uns manroland nicht auf ein Weizen einlädt, kommen wir bei einer japanischen Firma auf leichten Wegen schnell dazu: Wir machen sie erst darauf aufmerksam, dass bei der deutschen Übersetzung auf einem kleinen gelben Warnungsschildchen auf ihrer Maschine zwei Fehler zu finden sind und sagen anschließend, dass ihre Produkte dennoch sehr toll sind. Man fühlt sich geehrt und wir bekommen ein sehr gut gekühltes (oft gibt es hier nur warmes), frisch gezapftes Asahi in die Hand gedrückt.
Und kurz vorm Ende beschweren wir uns noch lautstark vorm Stand des Deutschlandpavillons, dass es hier auch nichts zu trinken gibt. Der dortig sitzende Standbetreuer ist ob mangelnder Beschäftigung sofort Ohr und lädt uns auch noch ein. Weiter so.
Der Rückweg im Shuttlebus ist dann zunächst recht angenehm. Wir kommen mit ein paar Chinesen in ein Disco-Geschwätz (Reden einfach nur des Redens wegen, ohne Inhalt), sodass die Fahrt recht schnell vorübergeht. Leider bemerken wir erst viel zu spät, dass Philipps Koffer noch im Bus verweilt. Trottel.
Aber ein weiteres Hoch auf die chinesische Zuverlässigkeit: nach ein paar Telefonaten wird uns versprochen, sich darum zu kümmern und abends sitzt Philipps Hab und Gut in einem Taxi vorm Hotel.
Tag 76: Messe
Nach kümmerlichen Wiedereinschlafversuchen geht es gegen halb neun in das Zimmer der Damen. Denn die Hanna ist wieder da und hat viel Platz ihres Koffers mit anständigem Brot, Käse und Wurst gefüllt, welches sie gerne mit uns teilt. Herzlichen Dank, es war köstlich.
Anschließend steht der Tag im Rahmen der Messe. Jie, der mit uns schon in Deutschland war, will den Morgen nutzen, seine Bewerbungsunterlagen unter die Firmen zu bringen. Aber anstatt zur Job-Suche wird er zur Restaurant-Suche zitiert, da das Auslandsamt ein Mittagessen springen lässt.
Bis dahin nutzen wir die Zeit, wegen Praktikumsplätzen anzufragen. In Xi'an gibt es einige interessante Firmen deren Chefs Absolventen der Technischen Uni und somit gerne bereit sind, auch mal uns alle zu beschäftigen. Es lebe die chinesische Spontanität und Improvisation!
Beim Essen gesellt sich der Institutsleiter, der schon beim Jubiläum des Studiengangs ordentlich am Zechen war, zu uns. Und trotz der frühen Tageszeig, 12 Uhr, gibt es für ihn nur Bier. Und das wird geext. Selbstverfreilich. Und weil es so schön ist, gibt es noch ein paar Trinkspiele.
Diese und die extrem knallende Sonne senken den Munterheitsfaktor drastisch, aber wir halten es durch. Wir brechen unsere Zelte auf der Messe etwas früher auf, machen uns frisch und nach einem schnellen Abendessen geht's in den Olympia-Park.
Dieser ist dann kleiner als erwartet; Vogelnest und Schwimmhalle liegen sich direkt gegenüber, nur getrennt durch einen beleuchteten Boulevard. Ersteres ist wenig spektakulär, da nur schwach beleuchtet, aber wir waren da.
Um zehn Uhr wird auch hier pünktlich das Licht ausgemacht und es geht, vor Souvenirverkäufern laut kreischend flüchtend, mit der U-Bahn zurück.
